Rheinradweg Andermatt bis nach Uttwil am Bodensee

Reisezeit: September 2025  |  von Julian H.

Die Rheinschlucht, Chur, Vaduz und Grabs

Frischer Kaffeeduft dringt an meine Nase. Ich öffne die Haustüre und werde umarmt von einem neuen Sonnentag inmitten eines Paradieses namens Schweiz. Nach einem ausgedehnten kräftigenden Frühstück und einem langen Gespräch mit der Hüttenmeisterin über die Vorzüge, die Besonderheiten und die sprachlichen Eigenarten der Region werden die von renommierten Künstlerinnen und Künstlern aus den unterschiedlichsten Ländern gestalteten Außenwände des Anwesens mit dem Smartphone festgehalten. Frohen Mutes geht es zunächst im kühlen Schatten der Felshänge gen Osten. Im beschaulichen Ilanz erkunden wir über die Rathausgasse und die Städtlistrasse den aufs Schönste herausgeputzten Ortskern mit den denkmalgeschützten Gebäuden. Am Obertor, der „Porta Sura“ mit Ursprüngen aus dem Jahr 1513 befindet sich ein hochwertiger Stein mit den Gewinnerinnen und Gewinnern der sogenannten Hall of Fame des Städtlilaufs aus den Vorjahren in goldenen Lettern eingraviert. Bald geht es auf einer ruhigen Landstraße durch Castrisch, Valendas und Callendas. Es werden noch einmal einige Höhenmeter gesammelt, mein Vater mit der elektronischen Unterstützung befindet sich da leicht im Vorteil, doch ich sehe es als Ansporn, meine Kondition zum Ende der Saison noch einmal unter Beweis zu stellen. Schließlich in Versam offenbart sich uns ein Highlight des Tages: Das Naturmonument Rheinschlucht. Diese bis zu 300 Meter hohe Schlucht wird auch als kleiner Grand Canyon der Schweiz und „Ruinaulta“ bezeichnet und ist das Ergebnis eines Bergsturzes von vor 10.000 Jahren. Für einen langen Augenblick genießen wir die Atmosphäre alleine. In etwa so hat es sich damals im Jahr 2017 am Donaudurchbruch „Eisernes Tor“ in Serbien auf dem EuroVelo 6: Atlantik – Schwarzes Meer auf dem Weg zum Donaudelta auch angefühlt.

Das Naturmonument Rheinschlucht

Das Naturmonument Rheinschlucht

Eine Kirche in Versam

Eine Kirche in Versam

Auf Serpentinen geht es zur neuen und alten Tobelbrücke auf einer schmalen Ende des 19. Jahrhunderts konstruierten Bergstraße, die sich durch teils natürliche Felstunnel schlängelt und mit einer jeden Kurve erneut einzigartige Panoramen auf das „Ruinaulta“ ermöglicht. Die Landschaft ist größtenteils bewaldet und zeugt davon, dass es abseits unserer zivilisatorisch bevölkerten Gegenden noch grüne Lungen inmitten der Natur gibt, die für das Gleichgewicht und das Wohlergehen unseres blauen Planeten Erde erforderlich sind.

Aus diesem Traum heraus geht es zügig durch Bonaduz entlang der Bahngleise bis zum Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein. Irgendwo im historischen Ortskern von Tamis verfranzen wir uns dann. Dies ist jedoch weniger auf eine schlechte Beschilderung sondern vielmehr auf eine Baustelle zurückzuführen. Alsbald geht es mit dem Rhein zu unserer Rechten auf einer Höhe von nunmehr nur noch 550 Metern über dem Meeresspiegel hinab durch das Dorf Felsberg bis nach Chur. Nachdem die nur bedingt schönen Industrie- und Gewerbegebiete passiert und die großflächigen Wandgemälde im Kasernenquartier bewundert sind, stehen wir im autofreien Zentrum in der Fußgängerzone der Altstadt, die auch einem Bilderbuch entstammen könnte. Chur ist der Hauptort des Kantons Graubünden und hat daher neben der touristischen Funktion auch wichtige Aufgaben für die Wirtschaft und Verwaltung zu erfüllen.

Ein großformatiges Wandgemälde in Chur

Ein großformatiges Wandgemälde in Chur

Die Martinskirche in der Churer Altstadt an welcher auch der Jakobsweg Graubünden vorbeiführt

Die Martinskirche in der Churer Altstadt an welcher auch der Jakobsweg Graubünden vorbeiführt

Über den Kornplatz durch die Gassen und Straßenzüge geht es bis zur Martinskirche. Dort, vor ihr auf dem Boden, finde ich eine eingelassene Plakette mit der Jakobsmuschel. Dieser dort verlaufende Jakobsweg Graubünden verbindet auf einer Distanz von 306 Kilometern Italien auf der Höhe von Taufers im Münstertal / Müstair mit dem Oberalppass und dem Vierwaldstättersee. Dieser Abschnitt wiederum bildet den Mittelteil des Transalpinen Jakobsweges „Südtirol – Graubünden – Wallis“. Nahe dem Rätischen Museum, dem Fluss Plessur und dem Bündner Kunstmuseum sitzen wir mittags zufrieden in der Reichelsgasse an der Seite des Rathauses in einem italienischen Restaurant. Wir lassen uns das Bier, die Pasta und den Kaffee schmecken während die Temperatur die 30 Grad Celsiusmarke erreicht. Das Café/Restaurant hat sich im Geburtshaus der im Jahr 1741 geborenen renommierten Malerin Angelika Kauffmann niedergelassen.

In der Reichelsgasse

In der Reichelsgasse

Frisch gestärkt geht es wieder hinauf auf die Ledersättel und bald – nachdem wir uns in einem Supermarkt mit Proviant und unserem Abendessen eingedeckt haben – geht es dann Richtung Norden. Auf schönsten Radwegen queren wir den Norden des Kantons Graubünden nach St. Gallen. Ein besonders idyllischer Teil verläuft unmittelbar östlich des Rheins zwischen Landquart und Marienfeld. Die Nadelbäume stehen perfekt um Radfahrende und Wandernde vor der starken Sonneneinstrahlung zu schützen und ermöglichen es dennoch, die faszinierenden Ausblicke auf das azurblaue Wasser des Rheins und die Bergkette im Norden wertzuschätzen. Mit leichtem Rückenwind geht es schließlich zügig auf dem Alpenrhein-Radweg mit bis zu 30 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit nach Liechtenstein. Je näher wir dem Bodensee kommen, umso mehr Radfahrende nutzen das Wochenende um sich zu erholen, um aktiv zu sein und um die Landschaft zu genießen. Am Wegesrand stehen immer wieder ausführliche Informationstafeln mit einer Übersichtskarte von SchweizMobil mit den unterschiedlichen Outdoorangeboten und Wegen für Wanderer, Radfahrer, Mountainbiker, Skater und Kanufahrer. Nach 92 Kilometern wartet auch schon das langersehnte Schloss Vaduz auf der gegenüberliegenden Uferseite. An dieses Aushängeschild des sechstkleinsten Staats der Erde erinnere ich mich noch gut, da ich drei Jahre zuvor an einem kalten Apriltag das Land und seine Hauptstadt Vaduz mit der markanten Fußgängerzone Städtle, dem Landtag, dem Kunstmuseum Liechtenstein und dem Landesmuseum kennenlernen durfte. Wieder zurück in der Gegenwart muss ich beim Betrachten der Skulptur „Consilium“ von Heinz P. Nietzsche auf dem Peter-Kaiser-Platz daran denken, wie verbunden wir Menschen miteinander sind und wie wichtig es dabei ist, uns gegenseitig zu unterstützen.

Zwischen Landquart und Marienfeld am Rhein

Zwischen Landquart und Marienfeld am Rhein

Im Zentrum von Vaduz vor dem Landtag Liechtensteins

Im Zentrum von Vaduz vor dem Landtag Liechtensteins

Die Skulptur „Consilium“ von Heinz P. Nietzsche auf dem Peter-Kaiser-Platz

Die Skulptur „Consilium“ von Heinz P. Nietzsche auf dem Peter-Kaiser-Platz

Die Kathedrale von Vaduz

Die Kathedrale von Vaduz

Die Müdigkeit unserer Glieder ruft jedoch zügig nach etwas Ruhe in der Unterkunft und ich lasse mir von meiner Navigationsapp den direktesten Weg auf dem vorhandenen Geh- und Radwegenetz bis nach Grabs/Werdenberg erstellen. Von der Kathedrale werden wir durch ein ruhiges Wohngebiet auf einem Grünzug entlang eines kleinen Baches mit dem Namen Giessen problemlos und sicher aus der Stadt gelotst. Bald befinden wir uns auf der Liechtensteiner Rheintalroute 35. Vor der Rheinbrücke für Fußgänger und Radfahrer Buchs – Schaan preist eine weitere bilinguale Informationstafel „Willkommen im Fahrradland“ Liechtenstein an. Nur wenige Monate zuvor wurden der europäische Fernradweg EuroVelo 15: Rheinradweg in Liechtenstein und in Vorarlberg um 62 Kilometer erweitert. Dies kann als Signal angesehen werden, dass der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit insbesondere im touristischen Bereich kontinuierlich an Bedeutung gewinnt.

Erleichtert kommen wir in der privat vermieteten Unterkunft in einem Wohngebiet auf Schweizer Seite an. Das ältere Ehepaar wurde in einem Urlaub in den Niederlanden von Radfahrenden und Reisenden dazu inspiriert, die leerstehenden Räume im Obergeschoss ihres eigenen Heims selbigen zur Verfügung zu stellen. Während ich aus meiner Lenkertasche eine Postkarte ziehe, die ich im Souvenirladen auf dem Oberallpass mit dem Ursprungsgebiet des Rheins gekauft habe, mustere ich die von anderen Radreisenden mit wasserfestem Stift beschriebenen und teils bemalten kleinen Steine in einem Körbchen. Diese dienen als Erinnerungen und als Inspirationsquelle für andere Reisende. Niederländer, Italiener, Franzosen aber auch US-Amerikaner, Australier und Japaner haben bereits in dieser Herberge genächtigt.

In unserem Doppelzimmer hängen die Startnummern eines gewissen Bernhard Nuss aus den Jahren 2016 bis 2019. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass er ein Ultra-Triathlet ist und beispielsweise 2019 mit der Nummer 09 20 x 3,8 km Schwimmen, 20 x 180 km Radfahren und 20 x 42,2 km Laufen in einem Maximalzeitraum von 20 Tagen in Angriff genommen hat. Scheinbar hat er einen Großteil seines Lebens mit Sport nicht viel am Hut gehabt.
Doch inwieweit ist diese Form des Extrems gesund?
Während meines Studiums an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen gab es einen Vortrag des Ultraläufers Norman Bücher. Anschaulich präsentierte er, welcher Methoden und Handwerkszeuge es bedarf, um Distanzen von mehreren 100 Kilometern am Stück einzig mit dem eigenen Körper zurückzulegen. Tief beeindruckt war ich damals von seiner Persönlichkeit und seinem Werk „Extrem – Die Macht des Willens“. Ist es nicht tatsächlich in den meisten Fällen so, dass wir alles schaffen werden, was wir schaffen wollen? Sicherlich gibt es unzählige Glaubenssätze und vermeintliche Hemmschwellen, die uns zunächst davon abhalten möchten einen Traum, eine vage Idee oder ein konkretes Ziel umzusetzen und zu erreichen. Doch wenn dieser eine Traum für uns bestimmt ist, dann werden wir ihn unweigerlich früher oder später erreichen. Das ist meine feste Überzeugung.

© Julian H., 2026
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein Vater-Sohn-Abenteuer vom Beginn des Rheins durch die Schweiz, Liechtenstein und Österreich bis zum Bodensee
Details:
Aufbruch: 19.09.2025
Dauer: 4 Tage
Heimkehr: 22.09.2025
Reiseziele: Schweiz
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
Julian H. berichtet seit 8 Jahren auf umdiewelt.
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