Rheinradweg Andermatt bis nach Uttwil am Bodensee

Reisezeit: September 2025  |  von Julian H.

Fahrt nach Österreich, Rheindelta, Bodensee

Am nächsten Morgen blättere ich noch etwas im Buch „Abenteuer Schweiz – Geschichte in Jahrhundertschritten“ mit den wichtigsten Meilensteinen in der Entwicklung des Landes sowie dem Bikeline-Reiseführer „Rhein-Radweg 1“ aus dem Verlag Esterbauer. Beim Frühstück erfahren wir bei einem frischen Kaffee Crema vom Gastgeber mehr über das Fürstentum Liechtenstein und die Geschichte der Unterkunft. Zudem legt er uns noch ans Herz, einen kurzen Abstecher nach Werdenberg zu unternehmen. An diesem Sonntagmorgen sind wir die ersten Touristen, die zwischen den ausgezeichnet erhaltenen mittelalterlichen Fachwerkhäusern mit unseren Rädern lärm- und abgasfrei die Informationstafeln begutachten. Das Rathaus wurde so bereits im 15. Jahrhundert errichtet, Werdenberg soll mit unter 100 Einwohnenden die kleinste Stadt des Landes sein. Am Garten des Museums eine Momentaufnahme wie aus Tausendundeiner Nacht. Eingerahmt von einem Quittenbaum und den akkurat angelegten Beeten glitzert die Oberfläche des Sees im Sonnenschein. Darüber die Spitze eines Kirchturms und die Silhouette der Berge. Würde man die Augen schließen und danach wieder öffnen, so könnte man ebenso gut im 16. oder 17. Jahrhundert zwischen Pferden und altertümlich gekleideten Menschen erwachen. Und auch vom Fußweg am See bieten die in einer Reihe angeordneten Fachwerkhäuser ein schmuckes Bild. Fensterläden aus Holz in unterschiedlichen Farbtönen, von der Hitze angedunkelte Schindeln an den Fassaden und Sonnenblumen, Rosen, Geranien oder Margeriten in den Gärten.

In der Altstadt von Werdenberg

In der Altstadt von Werdenberg

Es ist erst der dritte Tag der Tour, doch mir kommt es so vor, als seien wir bereits schon eine gute Woche auf Achse. Als Erinnerungsstückt an Werdenberg nehme ich mir einen in einem Blumentopf liegenden von der Tochter unserer Herbergseltern bemalten Stein mit einer lachenden Sonne und blauem Himmel mit. Die oder der Findende kann ihn dann mit sich nehmen und an einem Ort der Wahl wieder ablegen. Meiner hat es tatsächlich bis an die Mosel geschafft, wo ich ihn am 04. Oktober 2025 auf einer Radtour unter einer Brücke in Zell gemeinsam mit einem aus eigener Feder stammenden Buch für die Nächste oder den Nächsten niederlegte.

Von Werdenberg aus führt der Weg dann flach im Tal auf landwirtschaftlichen Wegen oder wenig befahrenen Straßen nach Frümsen und Sennwald. Nun sind wir im flachen Terrain, doch die Bergkulisse umgibt uns noch und erzählt uns Märchen von der Ferne, dem Abenteuer und dem Geist des Entdeckertums. In Sennwald stoßen wir dann wieder auf den Rhein, wo wir ein weiteres Mal mit Rückenwind den Bodensee ansteuern. Auf dem Radweg werden wir von einem Ehepaar überholt, die mit über 70 Jahren gemütlich in die Pedale treten und eine Geschwindigkeit von über 30 km/h haben. Die Nummernschilder an ihren Rädern offenbaren, dass es sich bei ihren Fahrzeugen um S-Pedelecs handelt. Im Vergleich zu Deutschland und den meisten anderen europäischen Ländern ist es in der Schweiz zulässig, mit einem bis zu 45 km/h fahrenden S-Pedelec auf Radwegen zu fahren. In der Fachwelt umstritten, doch in der Realität ein guter und wichtiger Ansatz mit Vorbildfunktion. Einziges Manko der Schweiz: Radfahrende wie auch zu Fuß Gehende zählen in der Schweiz zum sogenannten „Langsamverkehr“. Alleine per sprachlicher Verwendung werden diesen Fortbewegungsarten also bereits Benachteiligungen im Vergleich zum Kfz- oder dem ÖV-Verkehr zugeordnet. Bei der nächstmöglichen Brücke treffen wir die Entscheidung, die Uferseite zu wechseln und damit mit Österreich das vierte Land unserer Tour zu erradeln. Wir befinden uns im Bundesland Vorarlberg und meine Gedanken schweifen Richtung Wien, der Geburts- und teils Wohnstadt meiner Großmutter ab. Gerne würde ich in der Zukunft einmal ab Passau den Tauernradweg bis nach Salzburg kennenlernen. Ich füge diesen Wunsch auf meine „Die Radreisen – Träume“-Liste ein.

Auch auf österreichischer Seite befindet sich wieder eine großformatige Informationstafel für Radfahrende. Der Hinweis „Mehr als 450 Kilometer beschilderte, direkte und sichere Radverbindungen und über 2.900 Rad-Abstellplätze zum schnellen Umstieg auf die Bahn“ kann definitiv als Einladung wahrgenommen werden, im Alltag oder in der Freizeit auf das Fahrrad als bevorzugtes Verkehrsmittel der Wahl zurückzugreifen. Immer wieder passieren wir hochwertig gestaltete Rastplätze, an welchen sich Familien, Gruppen oder Individualreisende niedergelassen haben. Zwischen dem Naturpark Alter Rhein und dem Streuenwiesenbiotopverbund Rheintal-Walgau stärken wir uns schließlich auf einer im Schatten liegenden Parkbank. Vor uns auf der Wiese Sonnenbadende. Ich bin glücklich diese Tour mit meinem Vater machen zu dürfen, war er doch der Mensch, der mich im Jahr 2005 auf die erste Radreise vom Remstal aus entlang des Neckars und des Rheins bis nach Düsseldorf mitgenommen hat. Blicke ich zurück, sind es nun 19 Reisen durch insgesamt 21 Länder auf zwei Kontinenten, die ich mit eigener Körperkraft auf dem Fahrradsattel zurückgelegt habe. Ich mag diese Art des Reisens, da sie einem Menschen ermöglicht, Land und Leute auf eine eindrückliche, ruhige und beinahe schon unspektakuläre Weise kennenzulernen. Und genau darin liegt das große Potenzial verborgen. Radreisen können Menschen dabei helfen wieder Vertrauen in sich selbst und in die Mitmenschen zu bekommen. Gleichzeitig werden lokale und regionale Wirtschaftszweige unterstützt.

Immer wieder stehen auch Fahrradreparaturstationen oder Trinkbrunnen am Wegesrand um so unkompliziert Werkzeug und Wasser dem Radfahrenden zur Verfügung zu stellen. Bei Fußach zweigt der Weg dann vom liebgewonnenen Rhein nach Westen hin ab. Auf einem Polderdammweg haben wir gemeinsam mit anderen Fahrenden die Möglichkeit, das Rheindelta zu bewundern. Südlich gelegen zeichnen sich die Konturen der Schweizer Alpen ab. Am Strand Rohrspitz wird uns dann schließlich bewusst, dass wir den größten Teil dieser Tour gemeinsam erfolgreich zurückgelegt haben. Die aufziehenden Wolken und der stärker werdende Wind künden vom anstehenden Wetterumschwung. Also heißt es noch ein letztes Mal zurück aufs Rad und in die Pedale treten.

In Gaißau geht es über einen kleinen Schlenker über den Alten Rhein, um dann wieder nach Norden ans Seeufer zu gelangen. Von der nur wenige Meter vom EuroVelo 15: Rheinradweg entfernten Markthalle Altenrhein erfahre ich leider erst im Nachhinein. Bei dieser handelt es sich um ein Architekturprojekt nach einem Konzept von Friedensreich Hundertwasser. Vergoldete Zwiebeltürme, mit bunten Steinen verzierte Fensterrahmen und Säulen zeugen vom besonderen Geist des in Wien geborenen österreichischen Künstlers, dessen Bauwerke auch in Wien, Plochingen am Neckar oder in Magdeburg zu sehen sind. In Rorschach passieren wir neben dem Bahnhof das Würth-Museum und eine der zahlreichen Seepromenaden mit den angrenzenden Hafenanlagen. Leider fehlt uns die Zeit, um die Altstadt und das Schloss von Arbon zu erkunden. In Romanshorn habe ich ein Zimmer in der Jugendherberge gebucht. Bereits in Basel, Lausanne und Genf durfte ich in der Vergangenheit das Angebot des Vereins Schweizer Jugendherbergen in Anspruch nehmen. Immer war ich mit der Lage und der Ausstattung sowie der Möglichkeit, andere Menschen kennenzulernen, zufrieden. Für diese Nacht werden wir allerdings die einzigen Gäste in dem großen Gebäude sein.

Während des Abendessens in einem Restaurant haben wir die Möglichkeit, den Bodensee in all seiner Pracht sowie die immer dunkler werdenden Gewitterwolken zu bezeugen. Es ist eine mystisch-magische Atmosphäre. Bald schon entfliehen wir der Schwärze und den schweren Regentropfen in die Unterkunft.

© Julian H., 2026
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Ein Vater-Sohn-Abenteuer vom Beginn des Rheins durch die Schweiz, Liechtenstein und Österreich bis zum Bodensee
Details:
Aufbruch: 19.09.2025
Dauer: 4 Tage
Heimkehr: 22.09.2025
Reiseziele: Schweiz
Österreich
Deutschland
Der Autor
 
Julian H. berichtet seit 8 Jahren auf umdiewelt.
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