Mal kurz nach Indien

Reisezeit: Januar - April 2013  |  von Manfred L.

Nach Rajasthan

Bahnfahren in Indien

Inzwischen ist es Mitte Februar und die Temperaturen steigen täglich etwas mehr.

Frank aus Köln kann seine bereits gebuchte Fahrt nach Rajasthan am 15. Februar nicht antreten. Statt dessen fliegt er zurück nach Deutschland, um seine Mutter zu beerdigen.
Er bietet mir seine Fahrkarte an und bringt mich mit der gemieteten Royal Enfield auch noch zum Bahnhof nach Margao.

Die nächsten Stationen meiner Reise beginnen Gestalt anzunehmen. Der Zug fährt um 10:40 Uhr Richtung Norden ab. Nach Umsteigen und Aufenthalt in Ahmedabad soll ich dann am späten Nachmittag des 17. in Jodhpur ankommen, wo ich mir dann eine Unterkunft suchen muss.
Ab 23. ist dann ein Wüsten-Festival in Jaisalmer nahe der Pakistanischen Grenze, wo ich vorbeischauen werde. Dann stehen noch Udaipur, Jaipur, Agra und Varanasi auf meinem Wunschzettel der zu besuchenden Orte. Um Delhi werde ich einen Bogen machen und auch Kalkutta werde ich meiden (Bombay zum Abschluss wird schon anstrengend genug).

Je nachdem, was mir unterwegs passiert, welche Launen mich gerade überkommen und welche Leute ich so treffe, wird sich meine Planung stets aktualisieren.

Interessante Leute, wirklich nette Menschen und die skurielsten Typen lerne ich jedenfalls laufend kennen, sei es nun die Sharon aus England, die beiden netten Maedchen aus Argentinien, das Ehepaar aus Lüneburg oder die schrägen Typen aus Belgien. Hätte ich mir jemals träumen lassen, dass mich ein Rocker der Hells Angels durch Goa kutschiert!? ... oder mich Russen aus Moskau zum Essen einladen, das deren Frauen hier in Agomda auch noch selbst gekocht haben?

Jeden Tag Ueberraschungen und ein körperliches Wohlbefinden wie schon lange nicht mehr - der Abschied von Goa fällt schwer.

15.02.2013

Der Zug in Margao war schon eine Stunde vor Abfahrt bereitgestellt.

Der Zug in Margao war schon eine Stunde vor Abfahrt bereitgestellt.

Bahnfahren in Indien

Die Dauer für den Weg zum Bahnsteig und dort zum gebuchten Wagen und Platz sollte nicht unterschätzt werden.

Der Vergleich des überlangen Zuges mit einem blauen Tausendfüssler mit runden Schuhen hinkt, weil bei diesem Zug weder Vorder- noch Hinterteil zu sehen ist. Ich denke, zur Not könnte dieses Gebilde auch für Gefangenentransporte Verwendung finden. Alle Fenster sind winzig und vergittert; Die Aussenhaut macht den Eindruck, als könnte sie dem Beschuss mit Handfeuerwaffen durchaus standhalten.

Wir verabschieden uns herzlich, nicht ohne uns gegenseitig zu versichern, in Kontakt zu bleiben und uns über künftige Reisepläne auszutauschen ob der Möglichkeit, gemeinsame Unternehmungen abzuwägen.

Schon kurz nach der Abfahrt nach Norden - mit meinem Rucksack als schräge Rueckenstütze in Fahrtrichtung ausgestreckt und mit freiem Blick durch die waagerechten Gitterstäbe hindurch auf die Landschaft - kommt ein spilleriger, gerade der Mutterbrust entwöhnter Knabe und zeigt mir die Handhabung seines neuen Spielzeug-Truks. Ich revangiere mich, indem ich ihm beibringe, wie man mit verschiedenen Stiften Seiten eines Schulheftes bekritzelt und gebe mit meiner Dynamo-getriebenen Taschenlampe an.

Dass alles, was als Verpackung, Umhüllung oder sonstwie nutzlos Gewordenes aus dem Fenster fliegt, weiss er allerdings schon und so fliegt auch die Kappe meines Fineliners erstmal nach draussen.

Auf diese Weise komme ich in die Gesellschaft eines überaus quirligen Bettgenossen für die meiste Zeit der langen Fahrt nach Ahmedabad.

Nur bei der Einfahrt in einen der zahlreichen Tunnel sucht er schnell die Nähe seiner beschützenden Mutter.

Blökende junge Maenner eilen schnellen Schrittes durch den schmalen Gang des Wagons, tragen schwere Pappkartons auf der Schulter, zu zweit Plastikkisten voller Getränke in Plastikflaschen, halten Einlegesohlen und ominöse Plastikkärtchen in den Händen, weisen Girlanden von Ohrsteckern und Schlüsselanhängern vor oder wollen Spielsachen verhökern. Für Spielzeug hat der Papa meines kleinen Freundes ja schon gesorgt, so beobachte ich, was meine Nachbarn tun und was die an Entgelt reichen und ahme nach.

Nu r ein einziges Mal entsorge ich das aus dem Pappkarton bereitete Essen, nachdem ich ein paar Löffelchen davon gekostet habe. Es war gepuffter Reis mit Kichererbsen, gehackten Zwiebeln, anderem Gemüse und reichlich Gewürzen, fein abgerundet mit reichlich Tabasko und einem kräftigen Schuss Salzsäure. Geschmacklich nicht schlecht - nur graut's mir stets vor den Spätfolgen solcher Genüsse.

Ich gebe eine leere Plastikflasche an die Verkäufer zurück, um dann mit anzusehen, wie die sie durch das Fenster entsorgen ...

Eine Frau verteilt Handzettel , bedruckt mit einer mir nicht zugänglichen Schriftsprache - der Form nach könnte es sich um ein Gedicht handeln.

Als sie später die Blätter wieder einsammelt und dazu Geld haben möchte, gebe ich ihr nur die Lyrik zurück ... ich stehe halt mehr auf verständliche Prosa.

Neben der Bettelei, die wie vieles Andere per Aushang verboten ist, nerven mich die Errungenschaften der neuesten Zeit. Aus allen Ecken und Richtungen des Wagens schrillen Klingeltöne und kommt quäkiger Sound von Techno- und aktueller indischer Volksmusik.

Wenn Kleinchen also mal damit beschäftigt ist, seine noch um vieles kleinere Schwester zu ärgern und zum Heulen zu bringen, setze ich mich in eine der stets offenen Aussentüren, lasse die Beine baumeln und beobachte die vorbeiziehende Landschaft und den vorbeifliegenden Müll, den die Leute aus den vorderen Wagen gerade entsorgt haben, auch wenn dabei die Gefahr, mir eine Ladung Spucke einzufangen, nicht unerheblich ist.

Auszuspucken ist wohl neben Kricket in Indien die meistverbreitete Sportart und erstaunt mich immer wieder, was Menge, Weite und Treffsicherheit anbelangt. Ekeliger für mich ist eigentlich nur, stets und ständig Leute zu sehen, die gerade am Pinkeln oder hingehockt am Kacken sind. Auch der Anblick der Leute, die auf allen Vieren auf dem Wagonboden rumwuseln und so tun, als würden sie den reinigen, ist nicht schön zu nennen. Deren Konzentration gilt nicht der Reinigung des Bodens, sondern ist ausschliesslich auf die Reisenden gerichtet, von denen sie Geld erwarten. Sonst wäre ihnen sicherlich nicht das Geldstück entgangen, das über mehrere Stunden unter der Liege mir schräg gegenüber lag.

Ich bekomme heftiges Herzklopfen, als ich den Schaffner in Uniform mit gelbem Turban sehe, der sich von Mitreisenden den Ausweis zeigen lässt und Nachzahlungen quittiert.
Immerhin bin ich unter falschem Namen unterwegs und auf dem Fahrschein ist ausdrücklich vermerkt, dass der nur gültig in Verbindung mit einem Personaldokument und nicht übertragbar ist.

Als ich dran bin, reiche ich ihm freundlichst lächelnd mein Fahrscheinblatt. Er muss als ganz kleiner Junge mal eine Erfahrung gemacht haben, die er bis heute als Entwertung der Fahrscheine pflegt ...

Zum Schlafen bette ich mich, als die Mitreisenden anfangen, die mittlere Liege herunter zu klappen. Der Nummer auf meinem Fahrschein folgend erklimme ich die obersten Liege und habe ein Déjà vu in einen Moment, als ich mal die Küche renovieren wollte und auf die Oberfläche meiner Küchenschränke sah. Ich war wirklich heilfroh, dass ich einen sauberen Bettbezug im Rucksack hatte, den ich nun wie einen Schlafsack verwendete, dazu ein grosses Handtuch unter dem Kopf.

Inder sind absolut rücksichtslos und ausserdem den Lärm gewohnt - ich bin es nicht.

Einen festen Schlaf erreiche ich nicht, oft klingeln Telefone, anschliessende Gespräche sind laut wegen der Fahrgeräusche und mit viel Gelächter: Der Zug hält und Reisende steigend lärmend aus und ein und fliegende Haendler preisen auch des nachts ihre Ware an.

Irgendwie hatte ich 6:00 Uhr als geplante Ankunftszeit im Kopf. Gegen 5:20 Uhr fange ich also an, meine Rucksäcke zu packen und muss auf die Toilette. Es ist das erste Mal, dass ich vor so einem Loch im Boden stehe, das auch meinen Füssen den richtigen Standort zuweist. Ich denke, für einen Anfänger habe ich mich ganz gut geschlagen. Es war aber auch keine Jury anwesend, das objektiv zu beurteilen. Die Zapfstelle für Waschwasser war gebückt in Nasenhöhe und ich weiss, dass man die linke Hand dafür verwendet ... ich hatte Klopapier dabei, sonst hätte ich mir sicher Abzüge in der B-Note ankreiden müssen.

Als ich aus "Latrine Nr.1" herauskomme, steht die Tür gegenüber offen und ich sehe, dass "Latrine Nr.2" mit einer Kloschüssel der gewohnten Art bestückt ist und ebenso "Latrine Nr.4".

Ich wasche mir Hände und Gesicht so gut es eben geht am Waschbecken und gehe an meinen Platz, wo ich mir meinen Fahrschein noch mal bezüglich der geplanten Ankunftszeit richtig anschaue ... geplante Ankunftszeit war um 4:10 Uhr!!!

Leichte Panik steigt in mir hoch. Wir sind doch steil Richtung Norden gefahren, also kaum wahrscheinlich, dass dazwischen zwei Zeitzonen liegen. War denn Ahmedabad wirklich der Endhaltepunkt wie ich bisher vermutete?

Ich entschliesse mich, jemanden zu fragen, ob Ahmedabad vor oder bereits hinter uns liegt und bekomme zur Antwort, dass wir bald da sein werden. Woher der junge Mann das wusste bleibt sein Geheimnis, denn wir standen schon mindestens eine halbe Stunde am selben Fleck - aber es war tatsächlich so.

Am Zwischenziel angekommen hatte ich dann meine beiden Rucksäcke um und den Jungen auf dem Arm, seine Mutti hatte das noch schlafende Baby und der Papa war mit den 28 Gepäckstücken beschäftigt. Zwei Gepäcktraeger halfen ihm schliesslich bei der Umladung auf einen Leiterwagen und ich konnte mich verabschieden.

Wie im Zug ist auch das Rauchen und Ausspucken in den Bahnhöfen strengstens untersagt und es sind Geldstrafe oder Haft angedroht. Hätte ein unnachsichtiger Schaffner mich mit brennender Zigarette erwischt, wäre meine Buße 200 Rupien gewesen (knapp 3 EURO). Fuer sexuelle Belästigung von Frauen "nach Gesetzeslage" nicht unter 2 Jahre Gefängnis usw. usf. ...

Ich habe also den Bahnhof verlassen, um meiner Sucht zu fröhnen und hatte ca. 30 Rikshafahrern zu erklären, dass ich nur einen Zwischenaufenthalt habe. Fluchtartig solcher Aufdringlichkeit wegen in den Bahnhof entkommen, musste ich über die kreuz und quer liegenden Leute dort steigen auf der Suche nach einem freien Platz am Rande. Ein offenes Schnellimbiss-Restaurant war völlig leer und zu meinem Erstaunen waren auch etliche Sitzplätze in einer Sitzreihe mitten in der Vorhalle nicht besetzt. Auch später auf dem Bahnsteig lagen oder saßen die Leute lieber im Dreck auf dem Boden, als sich auf die vorhandenen Alusitze zu setzen.

Auf dem Bahnsteig gab es dann mehrere Zapfstellen, die mit "Trinkwasser" gekennzeichnet sind und man seine Wasserflaschen füllen kann. An Waschtrögen standen Trauben von zähneputzender Menschen.

Ich saß dann dort, won nach Reihungsplan Coach Nr. 05 bereitgestellt werden sollte, als ich plötzlich angesprungen wurde. Drei Jahre alt, 70 cm hoch und knapp 10 kg schwer, Grossteil davon jetzt leuchtende, dunkelbraune Augen ...

Ich erkannte auch den voll beladenen Leiterwagen am Stellpunkt von Coach Nr. 4.

Fast pünktlich verliess dann auch der Zug den Bahnhof - nun in mehr westliche Richtung mit Ziel auf Jodhpur. Inzwischen war es längst hell und ich konnte mir die Landschaft und deren Bewohner wieder im Sonnenlicht betrachten. Schon lange waren die Palmen verschwunden und auch die Laubbäume in grün, gelb und rot lagen hinter uns. Oelbäume in kargen, trockenen Feldern erinnerten mich an Tunesien, es reift aber auch die Baumwolle an ausgedörrtem Buschwerk, es wächst Mais auf eingegrenzten Flächen und erntereifer Reis wartet auf die Sichel der Bauern. Viele der Bauern sind aber noch nicht soweit ... sie hocken nahe der Bahnstrecke und Kacke wächst aus ihrem Hintern ...

Am Himmel sehe ich Wolken und wir durchfuhren einen Landstrich, wo es sogar etwas nieselt.

Auf halbem Wege muss ich mich von meinem knirpsigem Reisegefährten verabschieden, überlege kurz, ob ich die Einladung seines Vaters, ein paar Tage in deren Zuhause als Gast zu verbringen annehmen oder ablehnen soll ... und lehne freundlich und dankbar ab.

Meine Spontaneität liegt also eher im Stundenbereich als bei Minuten oder gar Sekunden.

Die nächsten Stunden im Zug habe ich Zeit, über Wenn und Abers nachzudenken, über entgangene Chancen und Möglichkeiten zu spekulieren und mich zu fragen, warum ich eine ernstgemeinte Einladung ausschlage und mir damit den Weg verbaue, die Sitten und Gebräuche eines Volkes "von innen heraus", vom Leben mit und innerhalb einer einheimischen Familie, kennenzulernen.

Es ist recht einfach, als Alleinreisender ohne Handy und ohne ein Buch vor der Nase mit Mitreisenden in ein Gespräch zu kommen. Freundlich schauen, Blicke erwiedern, grüssend/aufmunternd kurz nicken und schon fast sich der Gegenüber ein Herz und beginnt Fragen zu stellen.

Die Frage eines älteren Inders, ob ich wohl ein "Doktor" wäre, ist schnell beantwortet. Mit einem jungen Paar - er hatte gerade in der "Business Today" gelesen - kam ich in ein längeres Gespräch, das damit endete, dass ich eine Liste von preiswerten Gasthäusern in English und Hindi in Händen hatte und auch den Fahrpreis der Rikscha dahin kannte. Was die Sehenswürdigkeiten betrifft, waren sich die Beiden und mein Reiseführer einig.

Zu dieser Zeit sollte der Zug längst am Ziel angekommen sein und meine Befürchtung, im Dunkeln mit Gepäck kein Zimmer zu finden oder die Wahl einem provisionsgeilem Taxifahrer zu überlassen, konnte ich nun Ziele entgegensetzen.

Nun ja, nach ueber 30 Jahren Arbeit bei und fuer die Eisenbahn kommt mir viele bekannt vor - sei es nun die Pflicht jedes Eisenbahners, vorbeifahrende Zuege zu beobachten (hier wird es mit grünen Fähnchen signalisiert) oder die Abfolge einer "Begegnung" auf eingleisigen Streckenabschnitten - etliches ist neu und skuriel ...

Bahnhöfe Indischer Städte werden mit Ansagen beschallt, die mit einem Gong eingeleitet werden und wo man in der Regel nur versteht, dass um Aufmerksamkeit gebeten wird. Von der eigentlich wichtigen Information habe ich oftmals nur die Zugnummer erkannt, die aber auch mit dem aktuellen Geschehen wenig zu tun hatte. Wurde die Tonbandansage mal von einer Männerstimme mit aktueller Meldung unterbrochen, war das in Hindi.

- Fortsetzung folgt -

Wenn der Zug nicht zu voll ist, reist man recht gemütlich - solange Staub und Dreck einen nicht stören.

Wenn der Zug nicht zu voll ist, reist man recht gemütlich - solange Staub und Dreck einen nicht stören.

... quirliges, munteres Kerlchen als Reisegefährten

... quirliges, munteres Kerlchen als Reisegefährten

Zugnummer stimmt; Wagen ist der Richtige; Die Nummer meiner gebuchten Liege kenne ich ... ... aber wie komme ich in diesen Zug hinein!!!???

Zugnummer stimmt; Wagen ist der Richtige; Die Nummer meiner gebuchten Liege kenne ich ... ... aber wie komme ich in diesen Zug hinein!!!???

© Manfred L., 2013
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Worum geht's?:
Was war schuldig daran? War es das Djungelbuch, das Märchen vom kleinen Muck oder ein Bild des Taj Mahal? Irgedwas muss es doch gewesen sein, das in mir den Traum von einer Reise durch Indien in sehr frühen Jahren erweckte! Ein wenig "gegoogelt", ein Visum beantragt und dann bin ich einfach mal so los ...
Details:
Aufbruch: 18.01.2013
Dauer: 13 Wochen
Heimkehr: 17.04.2013
Reiseziele: Indien
Der Autor
 
Manfred L. berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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