Kirgistan - Kasachstan

Reisezeit: Juli / August 2014  |  von Peter Kiefer

Mal Cowboy sein - Im Karkara-Tal

Freund Altinbek beim Melken einer Kuh.

Freund Altinbek beim Melken einer Kuh.

Mal Cowboy sein - Im Karkara-Tal

Irritationen. Der Auskunft eines Touristenbüros zufolge gehen Busse nach San Tasch, also in nordöstliche Richtung zur kasachischen Grenze, vom "großen" Busbahnhof der Stadt. Wir nehmen ein Taxi dorthin, finden aber nur einen einzigen Minibus und der fährt nach Bischkek. Den richtigen - darauf hätte ich ohnedies getippt - besteigen wir dann im Basarviertel. Wir wollen diese Nacht noch einmal in Kirgistan verbringen. Heute, denken wir, geht der Ramadan zu Ende, vielleicht geraten wir in irgendeine Feierlichkeit. Aber da irren wir uns. Das große Fastenbrechen hat bereits in der vergangenen Nacht stattgefunden und davon haben wir selbst hier in der Stadt, und wohl auch weil wir wieder früh zu Bett gegangen sind, nichts gemerkt. Die Hoffnung eine Unterkunft in San Tasch zu finden, wo es offenbar nicht einmal einen Lebensmittelladen gibt, bestätigt sich dann nicht. Ein Mann, der mit uns aus dem Bus gestiegen ist, hat offenbar seiner Frau Bescheid gesagt, die in dem Moment angelaufen kommt, als ein Lkw für uns anhält. Sie reicht uns einen Zettel mit einem Namen, dort, meint sie, sollten wir hinfahren. Wo genau das liegt, bleibt erst einmal offen. Die Verständigung mit dem Lastwagenfahrer und seinen zwei Kollegen plus einem kleinen Jungen, die hinten bei uns sitzt, ist mühsam. Der Fahrer ruft seine Schwester an, sie spricht etwas Englisch und redet mit Karin, die ich immer dieselben zwei, drei Sätze sagen höre, eben dass wir eine Unterkunft in der Nähe suchen, möglichst noch auf kirgisischer Seite. Es erfolgen weitere Anrufe und bei jedem Gespräch wird das Telefon dann zwischen Fahrer und Karin noch ein paarmal hin und her gereicht. Es dauert eine Weile, bis der Zettel endlich wieder stärker in den Blickpunkt rückt. Dabei sind die Männer ausgesprochen bemüht. An einem kleinen Aussichtspunkt halten sie eigens an, damit wir (die das gar nicht vorhatten) ein Foto machen können. Sie fahren die meiste Zeit lieber ein Stück neben der Straße, weil diese noch schlechter ist als keine Straße. Ein gerade gekauftes Pferd, das auf der Ladefläche bei dieser Über-Stock-und-Stein-Fahrt die Balance halten muss, macht gelegentlich mit Hufschlägen auf sich aufmerksam. Als wir dann plötzlich noch ein ganzes Stück weiter querfeldein fahren und unsere Richtung verlassen, hat das den Grund, dass sie uns etwas zeigen möchten. Auf den ersten Blick ist es nichts weiter als ein Haufen Steine. Wir steigen hinauf und stehen auf dem Rand einer kraterartigen Mulde. Das Ganze ist ein historisches Monument, das dem legendären Militärführer Tamerlan aus dem 14. Jahrhundert zugeordnet wird: Jeder Soldat, der in die Schlacht zog, brachte hierher einen Stein mit und brachte ihn, sofern er überlebt hatte, wieder nach Hause zurück. Auf diese Weise ließen sich die Verluste im Heer bestimmen. Diesem Haufen nach zu urteilen waren sie gigantisch. Wenig später erreichen wir die auf dem Zettel notierte Adresse, eine Hirtenfamilie, die sich mit ihren Tieren auf der Sommerweide befindet. Ein herzlicher Empfang erfolgt mit Tee, Brot und Süßigkeiten. Der Tee wird mit Milch getrunken, davon gibt es hier überreichlich. Die Butter ist weich und sahnig, wie ich außerhalb des Landes nie eine gegessen habe. Der Vater klopft sich, als er sich vorstellt, gegen die breite Brust. Man erkennt an seiner gedrungen-muskulösen Gestalt, dass er einmal Meisterschaften im griechisch-römischen Stil - buchstäblich - errungen hat. Seine Frau hatte mit über vierzig noch Zwillinge geboren. Sie sind die Jüngsten im neunköpfigen Familienkreis. Eine bildhübsche, weit über achtzigjährige Großmutter ist die Älteste. Um sich ihre Namen halbwegs zu merken, zeichnet Karin auf ein Blatt Papier von allen ein kleines Portrait und schreibt die Namen darunter. Der älteste Sohn spricht fließend Englisch und hilft uns über die ersten Verständigungsklippen hinweg. Er ist Ingenieur in Bischkek und wird noch am selben Tag dorthin zurückfahren. Schnell ist klar, dass wir keine zahlenden, sondern im einfachen Sinne traditioneller Gastfreundschaft Gäste sind. Damit sind wir weitab von jedem touristischen Rummel, sind umgeben von Kühen, Schafen, Ziegen und natürlich von Pferden. Als ich mich nach der Dame erkundige, die uns diese Adresse (die auch der Lkw-Fahrer zuvor nicht kannte, der aber selbstverständlich auch zum Tee eingeladen wird) gegeben hat, sagt man nur, dass es wohl eine Tante, das heißt eine mehr oder weniger weitläufige Verwandte gewesen sein muss. Wir befinden uns im breiten Karkara-Tal. Karin und ich kraxeln einen Hügel hinauf, blicken über die flacher gewordene Landschaft, die Gletscher sind verschwunden. Gleich hinter der Grenze, wo Kasachstan beginnt, liegt dann nur noch Steppe. Als wir zurückkehren, werden wir ein wenig ins Alltagsleben eingebunden. Karin melkt eine Kuh (oder gibt wenigstens ihr Bestes), während im Hintergrund ein paar Bullen ihr Liebesglück suchen, jedoch erfolglos bleiben und regelmäßig aufs Maul fallen, lauter Slapsticknummern. Ein Tankwagen kommt und holt, was an diesem Tag gemolken wurde, ab. Ich bin mit einem der Söhne auf dem Pferd unterwegs. Die Herden kehren jetzt zurück und ich spiele, als ich zwei versprengte Ziegen wieder "ins Glied" zurückhole ein bisschen Cowboy. Es kommen viele Tiere von den Hügeln herab, die in die aus Mauerwerk errichteten Ställe bugsiert werden müssen. Gräben durchziehen die Wiesen und mein Pferd kommt beim Überqueren einmal ins Straucheln. Es stürzt (mir passiert dabei gar nichts), kommt aber sofort wieder auf die Beine. Als es angefangen hat zu regnen und bereits dunkel geworden ist, hilft Karin (zu Fuß) noch weiter beim Einsammeln der Tiere. Ein Nachbar hatte mich angesprochen, er dürfte in seinen Zwanzigern sein und spricht gutes Englisch. Arnal, der Bischkek-Ingenieur, war zum Beispiel längere Zeit in Zypern. Beides mag ein Indiz dafür sein, dass die Eltern in die Bildung ihrer Kinder, wohl in erster Linie der ältesten Söhne, investieren, dass sie zwar nicht reich, aber nach hiesigen Maßstäben auch nicht arm sind, die stattliche Anzahl von 250 Tieren sagt einiges darüber aus. Zum Abendessen gibt es ein Stampfkartoffelgericht, außerdem eins mit Schaffleisch und Nudeln. Karin, zwei der Söhne und ich schlafen in der wie anders als mit bunten Decken und Teppichen ausgekleideten Jurte, die anderen in einem Bauwagen. Der nächtliche Gang zum Plumpsklo geht, weil Neumond ist, nicht ohne Taschenlampe, man muss Acht geben nicht über eine Kuh zu stolpern.

Freund Farhad vorm Kymysfass in der Jurte.

Freund Farhad vorm Kymysfass in der Jurte.

© Peter Kiefer, 2014
Du bist hier : Startseite Asien Kirgisistan Mal Cowboy sein - Im Karkara-Tal
Die Reise
 
Worum geht's?:
Zentralasien stand schon viele Jahre auf unserer Agenda, nun endlich hatte sich eine Gelegenheit ergeben. Es war eine recht bewegte Reise, auch im körperlichen Sinn, denn Kirgistan, das Hauptziel, ist ein fast durchweg gebirgiges Land. Spaziergänge wurden rasch zu Wanderungen, das Reiten auf Pferden spielte eine Rolle.
Details:
Aufbruch: 12.07.2014
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 08.08.2014
Reiseziele: Kirgisistan
Kasachstan
Der Autor
 
Peter Kiefer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors