Kirgistan - Kasachstan

Reisezeit: Juli / August 2014  |  von Peter Kiefer

Kleine Fische - Toktogul

Alter Mann mit Kalpak.

Alter Mann mit Kalpak.

Kleine Fische - Toktogul

Das Brot zum Frühstück ist mittlerweile von vorgestern, wir kneifen es nur kurz. Beim Ankleiden habe ich eine missliche Entdeckung gemacht: Mein Handy ist mir abhanden gekommen. Am wahrscheinlichsten habe ich es in einem Teehaus in der Stadt verloren. Der Wirt ist, als wir mit unseren Rucksäcken dort anlangen, mit Brotbacken beschäftigt. Ich frage ihn, ob er da drüben auf einem der Taptschans nicht mein Telefon entdeckt hätte. Er versteht sofort, wovon ich rede und sieht mich grimmig an. Warte, bedeutet er mir. Wir kommen mit einigen freundlichen älteren Männern ins Gespräch. Sie tragen wie viele hier einen Kalpak, diesen mohrrübenförmigen Filzhut mit der nach oben geschlagenen Krempe. Wieder beim Wirt vorstellig, hört der nicht auf mich grimmig anzusehen und sagt, dass das Taxigeld 150 Som betrage. Das "Taxi" steht für seinen, nenn wir's, Finderlohn. Ein Junge holt es aus seinem Haus und drei Minuten später halte ich es wieder in der Hand; es war mir hier aus der Hosentasche gerutscht. Das Geld nimmt der Mann fast noch grimmiger entgegen. Er ist Moslem und bestimmten moralischen Regeln unterworfen, zumal im Ramadan. Aber mein Handy hat ihm bestimmt gut gefallen. Zurück nach Bazar-Korgon und dann weiter nach Karaköl, zu jenem Ort also, den wir ursprünglich als ersten nach Bischkek erreichen wollten. Wieder begegnen wir im Bus zwei Österreichern, Sandra und Jürgen; offenbar gibt es eine besondere Wesensverwandtschaft unter Bergvölkern. Später steigen noch weitere Leute zu, die kennen wir bereits, wir hatten sie zuvor im Walnusswald getroffen. Das Land bleibt gebirgig, winzig kleine Seen in dem Tal, durch das wir unterwegs sind, sind tief blau oder türkis. Überall stehen die angerosteten Wohn-, wir würden eher sagen, Bauwagen der Hirten neben der Straße, gleichfalls Jurten. Kymys wird verkauft und sehr viel Honig. Und immer wieder sieht man Pferde. Erzählt man einem Kirgisen, dass das Reiten bei uns, weil teuer, kein Volkssport ist und die Zahl der Pferde sehr gering, versteht er weder Sport noch teuer. Pferde sind, übrigens auch für Mädchen, ein natürlicher Bestandteil ländlichen Lebens. Frauen habe ich freilich nie im Sattel gesehen. In Kara Köl finden wir zu acht ein Taxi nach Toktogul. Die Stadt liegt an einem Stausee. Der Wirt unserer Unterkunft (die Adresse hatten wir schon in Arslanbob erfahren) nimmt uns auf einen Anruf hin bei unserem Taxi, das in irgendeiner Straße angehalten hat, in Empfang. Bei sich im Haus kann er nur vier von uns unterbringen, Karin und ich gehören dazu, die anderen schickt er zu Verwandten. Wir werden mit Tee, Gebäck und Marmeladen empfangen, hierzulande Standard. Ein Franzose mit seiner asiatischen Freundin hält sich ebenfalls hier auf. Sie fragt uns, ob wir Lust auf ein kleines Konzert im Haus nebenan hätten. Dort sitzt ein vierzehnjähriges Mädchen mit einer Komuz. Das ist eine dreisaitige, in diesem Fall etwas roh gezimmerte Laute mit einem schmalen langen Hals ohne Bünde und einem Schallloch, das im Umfang kaum größer ist als eine dicke Stricknadel. Die Komuz ist das kirgisische Nationalinstrument. Jemand hatte uns erzählt, dass die Kinder es in der Schule zu spielen lernen. Dieses Mädchen spielt jedenfalls sehr virtuos und die Zuschauer verlangen nach zwei Stücken eine Zugabe. Ein anderes Mädchen führt einen traditionellen Tanz vor, auch wenn die Musik aus einem iPod kommt und eher poppig klingt, das war zuvor in Karzaman ganz ähnlich. Zur Komuz tanzt sie nicht. Nun bleibt nicht mehr allzu viel von diesem Tag, den wir in einer Art Gartendisco, wo eine Tanzfläche rotierend beleuchtet wird, aber kein Mensch tanzt, mit Delphine, der Französin, und Emma, der Belgierin, aus dem Walnusswald verbringen. Wir sind die einzigen Gäste. Auch Toktogul ist eine dieser grünen Städte, deren Baumschatten jedoch abrupt am Ortsausgang enden. Das kriegen wir in der zunehmenden Hitze des folgenden Tages zu spüren, als wir uns dem Stausee nähern, der ein ganzes Stück außerhalb liegt, jedenfalls weiter, als es auf den ersten Blick erscheint. Zwischen Stadt und See gibt es keinerlei Straßenverbindung, nur einen Fußweg und auch entlang des Ufers ist, soweit ich es überblicke, nichts, nicht einmal Leute. Vom Basar hierher dauert es zweieinhalb Stunden zu gehen. Wir waren zuvor noch Emma, Delphine und dem schweizerischen Paar begegnet, bis hinunter zum Ufer hat es wohl niemand mehr von ihnen geschafft, aber wer weiß, der See ist groß. Er wird von einer sanften Hügellandschaft eingeschlossen. Nachdem wir ihn nun endlich erreicht haben, wird das nicht einmal ein Meter hohe Ufer zu einem echten Problem. Denn als Karin ihre Schuhe auszieht und an einem der dicken Kieselsteine ausklopft, kommt die ganze Gesteinslage ins Rollen. Es bedarf eines gewissen Zehenspitzengefühls, um heil ans und ins Wasser zu gelangen. Ich hänge nur meine Füße hinein, ein begeisterter Schwimmer bin ich nicht. Anders Karin, die sich im lauen Wasser treiben lässt. Fische, nicht viel breiter als zwei Zahnstocher und kaum so lang, kitzeln mich an den Zehen. Einer davon laicht auf meinem Fuß, ich nehme es als spontanen Vertrauensbeweis. Es ist etwas diesig und die Sonne brennt. Der Rückweg scheint immerhin einfach, wird aber unübersichtlich, weil wir zunächst zu weit nach links abdriften. An einer Weggabelung, die wir auf dem Hinweg schon passiert hatten, treffen wir Sandra und Jürgen. Aber auch ihnen fehlt nun die genaue Orientierung. Mit etwas Herumfragen gelangen wir dann doch - nach diesmal drei Stunden Fußweg - ins Stadtzentrum, allerdings aus einer anderen als der erwarteten Richtung. Beim ersten Lebensmittelladen, den wir sehen, schütten wir kalte Getränke in uns hinein. Das Abendessen in unserem Homestay ist leider kein Highlight, dafür tragen unsere Gastgeber stets ein Lächeln im Gesicht. Sie sind herzlich und bemüht und wäre da nicht das stinkige Plumpsklo (nicht alle Plumpsklos sind so!), würde es perfekt sein, zumal wir nicht in zu weichen Betten, sondern auf am Boden ausgebreiteten Filzdecken schlafen. Was ursprünglich als Erholungstag gedacht war, ist - sicher auch der Hitze wegen - für mich der bisher anstrengendste Tag auf dieser Reise geworden.

Komuzkonzert mit Keksen.

Komuzkonzert mit Keksen.

© Peter Kiefer, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Zentralasien stand schon viele Jahre auf unserer Agenda, nun endlich hatte sich eine Gelegenheit ergeben. Es war eine recht bewegte Reise, auch im körperlichen Sinn, denn Kirgistan, das Hauptziel, ist ein fast durchweg gebirgiges Land. Spaziergänge wurden rasch zu Wanderungen, das Reiten auf Pferden spielte eine Rolle.
Details:
Aufbruch: 12.07.2014
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 08.08.2014
Reiseziele: Kirgisistan
Kasachstan
Der Autor
 
Peter Kiefer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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