Kirgistan - Kasachstan

Reisezeit: Juli / August 2014  |  von Peter Kiefer

Beim Sitzen alles im Fluss - Kyzyl-Oi

Beim Formen von Lehmziegeln.

Beim Formen von Lehmziegeln.

Beim Sitzen alles im Fluss - Kyzyl-Oi

Der neue Tag beginnt mit dem Versuch Geld zu wechseln beziehungsweise von einem Bankautomaten abzuheben. Aber beides will nicht klappen. Zwar stellen die Banken Tafeln mit den aktuellen Kursen der wichtigsten Währungen auf, wenn man aber Euro tauschen möchte, schütteln sie den Kopf. Nur Dollar sind gefragt. Die Automaten wiederum akzeptieren unsere Visa Card nicht. Schließlich helfen uns Sandra und Jürgen aus. Dass wir selbst mit dem noch vorhandenen Bargeld ausgekommen wären, stellt sich heraus, als Karin längst vergessene Som in ihrer Tasche wiederentdeckt. Mit den Österreichern fahren wir anschließend noch ein Stück im Überlandtaxi nach Bischkek mit. Sie werden morgen schon ins Flugzeug steigen, wir zweigen ab in Richtung Kyzyl Oy. Die Straße, wieder von zahlreichen Jurten gesäumt, wo buchstäblich Milch und Honig fließen, ist in vergleichsweise ausgezeichnetem Zustand gewesen, nun ändert sich das schon an dieser Abzweigung nach ein paar Metern. Wir sind aufs Trampen angewiesen, beiläufig das erste Mal seit unserer Afrika-Reise vor vier Jahren. Lange warten müssen wir nicht, bis uns jemand zum nächsten Dorf mitnimmt. Dort haben wir trotz des spärlichen Verkehrs sogleich wieder Anschluss. Ein kirgisisches Paar nimmt uns mit. Die beiden arbeiten an einer Buchdokumentation über ihr Land, sind auf Recherchetour und halten des Öfteren an, um bestimmte Objekte am Rand der Straße zu fotografieren. Darunter zwei historische Mausoleen, deretwegen wir einen steilen Hügel hinaufsteigen. Aus der Nähe sind sie weniger imposant als von unten betrachtet. Wesentlich neugieriger bin ich auf eine Stupa aus vorislamischer Zeit. Sie sieht lustig aus, so, als hätte man einem Kürbis eine zu große Kopfbedeckung verpasst. An einem Zaun davor sind kleine Schleifen angebracht, die an tibetische Gebetsfähnchen erinnern. Das Tal verengt sich nun, ein schäumender Fluss durchzieht es, dem sich zuweilen riesige Kieselsteine entgegenstemmen. Vor dem Ort Kyzyl Oy weitet das Tal sich wieder aus. Artyk heißt der Mann im CBT-Büro. Er betreibt ein kleines Lebensmittelmagazin mit den üblichen Getränken, Dosen, Keksen, Taschenlampen usw. Er war uns in Arslanbob genannt worden, nun vermittelt er uns zu einer Familie in einem Haus knapp hundert Meter weiter. Auch hier die umgehende Bewirtung mit Tee, Brot und Marmeladen. Heute sind wir ein wenig müde und halten einen Mittagsschlaf, aber da ist es schon fünf. Danach spazieren wir hinunter zum Fluss, der sich um kleine Inselbänke verzweigt. Ohne nasse Füße geht es nicht ab, als wir über Kieselsteinbrücken hopsen. Ein paar Jungs tollen im Wasser herum, eine schwarze Schlange verschwindet unter einem wärmenden Stein, einem ebenso schwarzen Ziegenbock sind wir nicht ganz geheuer, er meckert und macht einen großen Bogen um uns herum. Das Abendessen, das uns Tina, die Hausfrau, serviert, nämlich eine Rinderbrühe mit Weißkohl und ein Gurken-Tomaten-Salat, schmeckt nach guter Hausmannskost. Das Brot ist frisch und selbstgebacken. Bei Einbruch der Dunkelheit sitzen wir noch eine Weile an der Dorfstraße, wo man einem Kälbchen das Maul verbindet, damit es die kostbare Milch nicht von Mama Muh abzapfen kann. Das machen stattdessen zwei Bauern. Ehe die Mücken über uns herfallen, kehren wir ins Haus zurück. Unser Zimmer ist einmal mehr mit bunten Teppichen und Decken tapeziert und wir schlafen wieder in Betten. Wird der folgende Tag mal ein "Urlaubstag" werden? Mal sehen. Zu einem Wasserfall könnte man wandern, wieder einem, aber der liegt heute zu weit (und wir würden ihn vielleicht gar nicht finden). Wir gelangen nicht einmal zu einer Brücke, die so eine Art Wanderziel ist und auf einer wiederum leicht irreführenden Karte der CBT verzeichnet wird. Stattdessen suchen wir uns einen eigenen Weg. Unsere liebste Übung besteht darin uns an den sprudelnden Gebirgsbächen, die in den Fluss im Tal münden, niederzulassen und die Füße hineinzustrecken. Beim ersten Halt gesellt sich ein kleines Mädchen zu uns, sie bringt ihren kleinen Hund mit und holt anschließend noch ihre große Katze. Sie geht in die Dorfschule, erzählt sie, dieselbe, der wir am gestrigen Tag einen richtigen, von zu Hause mitgebrachten Fußball geschenkt hatten, wir, die Fußballweltmeister. An dieser Stelle sei erwähnt, dass uns fast jeder, der erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, zum WM-Sieg gratuliert. Manche mit Handschlag. Dann steigen wir auf eine höher gelegene Stelle hinauf, wo sich eine kleine Ebene ausbreitet. Steile, glatte und strauchlose Hänge ringsum. Die Stille dieser Berge erzeugt ein nicht näher zu beschreibendes Hochgefühl. Dann der Abstieg zu einem dieses Mal sehr kalten Flüsschen. Auf dem Weg zurück ins Dorf ein Angler unten am großen Fluss, dem wir zuerst entlang des Ufers, wo er rasch seine Standorte wechselt, folgen wollen, es ist aber ohne das nötige bisschen Übung leider zu steil für uns. In einem Lebensmittelladen begegnen wir zwei Radfahrern aus Frankreich. Sie quälen sich - und es sind nicht die einzigen, denen wir begegnet sind - die Schotter- und Geröllpisten hinauf und hinunter. Die Frage ist erlaubt, ob sie die Landschaft dabei genießen können. Aber da steht wohl der sportliche Erlebnishunger im Vordergrund. Auch ein Motorradfahrer erscheint, ebenfalls ein Franzose. Er ist den ganzen Weg von zu Hause gekommen, ist schwer beladen. Einem Deutschen waren wir zuvor in Kochkor begegnet, hier treffen wir ihn wieder. Auch er kam mit dem Auto von Deutschland, nun steht er kurz davor es (für einen Spottpreis) zu verkaufen und dann zurückzufliegen. Heute Nachmittag funktioniert in unserem Homestay die Dusche, ich mache ausgiebigen Gebrauch, nachdem am Morgen nichts aus der Leitung gelaufen war. Karin zieht derweil mit einem halbwüchsigen Mädchen noch um die Häuser, sprich, hinunter zum Fluss, wo die beiden Radfahrer ihr Zelt aufgeschlagen haben. Am Abend gibt's Fleischbrühe mit Nudeln und Kartoffeln, dazu den üblichen und immer wohlschmeckenden Salat. Wir gehen, was sonst, früh zu Bett.

Ziegenauge, sei wachsam.

Ziegenauge, sei wachsam.

© Peter Kiefer, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Zentralasien stand schon viele Jahre auf unserer Agenda, nun endlich hatte sich eine Gelegenheit ergeben. Es war eine recht bewegte Reise, auch im körperlichen Sinn, denn Kirgistan, das Hauptziel, ist ein fast durchweg gebirgiges Land. Spaziergänge wurden rasch zu Wanderungen, das Reiten auf Pferden spielte eine Rolle.
Details:
Aufbruch: 12.07.2014
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 08.08.2014
Reiseziele: Kirgisistan
Kasachstan
Der Autor
 
Peter Kiefer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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