Slowakei von ihrer schönsten Seite

Reisezeit: August / September 2015  |  von Manfred Sürig

Auf Kulturspur: die gotische Route

Keczmarok, Leutschau, die Zipser Burg - Sehenswürdigkeiten der Zips, die wir erkunden wollen, natürlich per Rad.
Schon beim Brötchen holen zeigt das Thermometer in der Morgensonne 51 Grad, im Schatten nur 31, aber da kann man nicht in der Schlange stehen. Gut, dass wir unser Frühstück selbst machen, soviel Teekonsum würde jeden Wirt in Rage bringen!
Der kürzeste Weg nach Keczmarok führt wieder über eine Wasserscheide, dieses Mal zwischen Schwarzem Meer und Ostsee, nämlich Hornad und Poprad. Wir sind in Hrabusice zwar schon 550 ü.M, aber beim Radeln in der prallen Sonne scheint jede Steigung doppelt so lang und doppelt so hoch.

Nach Keczmarok sind es gerade einmal knapp 25 km, die Höhenangaben der Orte dazwischen -Spissky Vrtok 570 m, Abrahamovce 713, Vrbov 662 und Keczmarok 630 m ü.M, das müßte ja zu schaffen sein, zumal wir einen kleinen Stausee auf der Karte vor Vrbov sehen.
Doch der See ist flach, trüb und unzugänglich, aber daneben ist ein großes Warmbad mit Kuranwendungen - und stolzen Eintrittspreisen. Für 7 € dürfen wir aber auf Liegewiese und Freibadbereich, vor allem aber: wir brauchen nicht zu warten!

Scheint sonntags der Anziehungspunkt in dieser Gegend zu sein, die Parkplätze platzen aus allen Nähten, aber auf dem Wasser sehen wir noch ein paar freie Stellen.

Scheint sonntags der Anziehungspunkt in dieser Gegend zu sein, die Parkplätze platzen aus allen Nähten, aber auf dem Wasser sehen wir noch ein paar freie Stellen.

Am Hang finden wir in Sichtweite unserer bepackten Räder ein schönes Plätzchen für den Mittagsschlaf, zumindest, um nach einem Bad flach zu liegen. Das Wasser hat wieder Temperaturen um die 30 Grad, nur kaum kälter als die Luft. Schwimmen wegen Überfüllung und wegen der hohen Tempertur nicht möglich. Als ich es dennoch versuche, stoße ich mit jemand zusammen und schlucke unfreiwillig eine Portion des braunen Heilwassers aus der Quelle.
Ein kleines Nickerchen auf der Wiese können wir doch noch halten, dann gehts die letzten 12 km ab nach Keczmarok.

Die gesamte Altstadt steht unter Denkmalschutz und zahlreiche Bauten sind UNESCO-Weltkulturerbe -ein krasser Gegensatz zu den Plattenbauten rund herum.

Die gesamte Altstadt steht unter Denkmalschutz und zahlreiche Bauten sind UNESCO-Weltkulturerbe -ein krasser Gegensatz zu den Plattenbauten rund herum.

Besonders die evangelische Holzkirche ist sehenswert. Wir haben Glück, dass am Sonntagabend eine Jugendgruppe dort probt. Wir fragen den Pastor, ob wir dabei sein dürfen. Gern, wenn wir nicht stören .

Besonders die evangelische Holzkirche ist sehenswert. Wir haben Glück, dass am Sonntagabend eine Jugendgruppe dort probt. Wir fragen den Pastor, ob wir dabei sein dürfen. Gern, wenn wir nicht stören .

Eine riesige Kirche,die heute nicht mehr als Kirche genutzt wird, aber als Weltkulturerbe viele Touristen anlockt

Eine riesige Kirche,die heute nicht mehr als Kirche genutzt wird, aber als Weltkulturerbe viele Touristen anlockt

Im Zuge der Gegenreformation wurde die evangelische Gemeinde bedrängt und unterdrückt. Aber dank der Beharrlichkeit der Gemeinde konnte man dem Landesherrn einen Kompromiß abringen, um dennoch eine Kirche bauen zu dürfen. Genehmigt wurde nur ein Bau, der nicht aus Stein sein durfte und bei dem beim Holzbau keine Nägel verwendet werden durften und der innerhalb von 12 Monaten fertig sein mußte. Dieses Meistertwerk gelang und ist bis heute erhalten.

Im ersten Hotel am Platz finden wir auch sonntags eine geöffnete Küche, dort speisen wir vom Feinsten. Dabei erkennen wir an den Wänden alle die Sehenswürdigkeiten wieder, die wir - teilweise etwas abgeblätterter- in Natur gesehen haben.

Im ersten Hotel am Platz finden wir auch sonntags eine geöffnete Küche, dort speisen wir vom Feinsten. Dabei erkennen wir an den Wänden alle die Sehenswürdigkeiten wieder, die wir - teilweise etwas abgeblätterter- in Natur gesehen haben.

Straßenbild in der Altstadt, viele Fassaden und auch manche Häuser sind schön restauriert, aber es ist noch viel zu tun und mancher Hinterhof verfällt zusehends

Straßenbild in der Altstadt, viele Fassaden und auch manche Häuser sind schön restauriert, aber es ist noch viel zu tun und mancher Hinterhof verfällt zusehends

Es gibt auch neue Häuser in alten Baustil, die sich sehr gut einpassen

Es gibt auch neue Häuser in alten Baustil, die sich sehr gut einpassen

Direkt links neben der Johanniskirche finde ich die Pension wieder, in der wir mit Enkel Dominik im Jahr 2010 eingekehrt waren

Direkt links neben der Johanniskirche finde ich die Pension wieder, in der wir mit Enkel Dominik im Jahr 2010 eingekehrt waren

Der Hausherr erkennt mich sogar wieder, sofort sind wir seine Stammgäste und dürfen ihn Milan nennen.

Der Hausherr erkennt mich sogar wieder, sofort sind wir seine Stammgäste und dürfen ihn Milan nennen.

Am nächsten Morgen macht mir mein Darm zu schaffen, alles deutet auf Durchfall hin, der nicht so schnell weggehen wird. Milan ist sofort hilfsbereit, besorgt aktive Kohle in der Apotheke und verordnet mir Ruhe.
Jonas hat es nicht erwischt.
Aber meine Kondition ist völlig dahin, auf dem Weg durch die Stadt muß ich nach hundert Metern mich erst einmal setzen und verschnaufen, fest im Bett liegen ist da doch besser.

So bekomme ich auch nichts mit von dem großen Event, das heute stattfindet: Schauspieler stellen die Eroberung der Stadt am Ende des zweiten Weltkriegs nach, ich nehme nur ein Ballern irgendwo in der Stadt wahr, denke aber nicht einmal darüber nach, was es wohl sein könnte.

So bekomme ich auch nichts mit von dem großen Event, das heute stattfindet: Schauspieler stellen die Eroberung der Stadt am Ende des zweiten Weltkriegs nach, ich nehme nur ein Ballern irgendwo in der Stadt wahr, denke aber nicht einmal darüber nach, was es wohl sein könnte.

Auch am nächsten Morgen kann ich mich kaum vom WC entfernen, am besten bleibe ich dort gleich sitzen, bis ich einnicke. Wie planen wir da unseren Trip weiter ?
Ich besorge erst einmal Imodium und versuche es damit, Jonas studiert die Landkarte nach Leutschau. Müßte ja zu schaffen sein, 30 km von hier, allerdings über Berge, das schaffe er auch an einem Tag hin und zurück, und morgen sehen wir dann weiter.
Gesagt, getan, Jonas startet mit wenig Gepäck nach dem Frühstück, ich dämmere vor mich hin.

Jonas ' Fotoausbeute: Levoca (Leutschau) ist aufs Feinste restauriert und die Vorzeigestadt der Zips

Jonas ' Fotoausbeute: Levoca (Leutschau) ist aufs Feinste restauriert und die Vorzeigestadt der Zips

Das Rathaus von Leutschau

Das Rathaus von Leutschau

Straßenfront in Leutschau

Straßenfront in Leutschau

Jede Hausfront ein Meisterwerk! Die gesamte Innenstadt ist Weltkulturerbe !

Jede Hausfront ein Meisterwerk! Die gesamte Innenstadt ist Weltkulturerbe !

Bei Einbruch der Dunkelheit kommt er ziemlich geschafft zurück. Nicht umsonst war der Weg dorthin auf der Karte als Expertenroute für Mountainbiker gekennzeichnet, aber er hatte die Route nicht einmal in allen Teilen finden können. So war er in der prallen Sonne bei 34 Grad im Schatten bergauf und steil bergab nach Leutschau gefahren, hatte dort alle Sehenswürdigkeiten betrachten können, aber mußte dann unter Zeitdruck denselben Weg wieder zurück. Das hätte ich wahrscheinlich auch mit gesundem Magen nicht durchgehalten!
Er ist so geschafft, dass wir das Thema, was wir morgen machen werden, gar nicht aufgreifen und ich bin heilfroh, die erste Nacht wieder durchschlafen zu können.
Am nächsten Morgen sieht alles schon besser aus, das Wetter ist immer noch super, nur müssen wir unsere letzten Tage dieser Tour einteilen.
Die Zipser Burg haben wir noch nicht besucht, von Leutschau aus wäre das ein Katzensprung gewesen, aber jetzt rät auch Jonas zur Bahnfahrt. Wenigstens von Keczmarok bis Spisske Vlachy, von dort sind es zur Burg vielleicht 12 bis 20 km, vielleicht schaffe ich das schon, andernfalls nehmen wir in Spisske Vlachy Quartier und Jonas fährt allein zur Burg.
So malerisch der Ort Spisske Vlachy auch ist, eine Unterkunft gibt es dort nicht. Also strampele ich weiter mit Richtung Zipser Burg, leicht bergauf, wieder in der Sonne, und zu meinem Erstaunen geht es sogar, wenn auch langsamer.
Zu Füßen der Burg finden wir in Spisske Podhardie eine Unterkunft sogar mit Schwimmbad und die Zeit reicht noch für viele Unternehmungen.
Und das wird ein Trip von einem Weltkulturerbe zum nächsten.

Blick von unserem Zimmerfenster zur Burg

Blick von unserem Zimmerfenster zur Burg

In dieser Kathedrale residierte einst der Bischof von Leutschau

In dieser Kathedrale residierte einst der Bischof von Leutschau

Eine der größten Burganlagen in Europa, an einer Stelle, an der man über die gesamte Zips blicken kann. Sie wurde von den Burgherren mehr zu repräsentativen Zwecken genutzt als als Wehrburg, obwohl sich auch ihre Befestigungsanlagen sehen lassen können.

Eine der größten Burganlagen in Europa, an einer Stelle, an der man über die gesamte Zips blicken kann. Sie wurde von den Burgherren mehr zu repräsentativen Zwecken genutzt als als Wehrburg, obwohl sich auch ihre Befestigungsanlagen sehen lassen können.

Was ist schöner, der Blick übers Land oder der leise Durchzug bei dieser Hitze ?

Was ist schöner, der Blick übers Land oder der leise Durchzug bei dieser Hitze ?

Der obere Teil ist Museum und Veranstaltungsort. Wir besichtigen die Folterkammer und historische Fundstücke bis zurück in die Römerzeit.

Der obere Teil ist Museum und Veranstaltungsort. Wir besichtigen die Folterkammer und historische Fundstücke bis zurück in die Römerzeit.

Blick vom Turm in den Brunnenschacht. Die Burg hatte einen entscheidenden Nachteil: Die Brunnen im Burggelände hatten zu wenig Wasser. Das veranlaßte die letzten Burgherren auszuziehen und sich wenige Kilometer weiter südöstlich ein Schloß mit grünem Garten zu bauen, das offenbar genau auf einer Wasserader liegt.

Blick vom Turm in den Brunnenschacht. Die Burg hatte einen entscheidenden Nachteil: Die Brunnen im Burggelände hatten zu wenig Wasser. Das veranlaßte die letzten Burgherren auszuziehen und sich wenige Kilometer weiter südöstlich ein Schloß mit grünem Garten zu bauen, das offenbar genau auf einer Wasserader liegt.

Abends wird die Burg angestrahlt, heute ist slowakischer Nationalfeiertag, da geht der Mond genau hinter der Burg auf - und wird anschließend von ihr verdeckt.

Abends wird die Burg angestrahlt, heute ist slowakischer Nationalfeiertag, da geht der Mond genau hinter der Burg auf - und wird anschließend von ihr verdeckt.

Dieses Schlößchen besichtigen wir wenigstens von außen am nächsten Morgen.

Dieses Schlößchen besichtigen wir wenigstens von außen am nächsten Morgen.

ein schmucker Innenhof, alles fein restauriert. Genutzt wird das Schloß als Siechenheim, besichtigen können wir es nicht, dennoch nehmen uns clevere Parkwächter 5 € Eintritt ab.

ein schmucker Innenhof, alles fein restauriert. Genutzt wird das Schloß als Siechenheim, besichtigen können wir es nicht, dennoch nehmen uns clevere Parkwächter 5 € Eintritt ab.

Noch ein Weltkulturerbe:

Noch ein Weltkulturerbe:

Die Kirche von Zehra mit uralten Wandmalereien im Innern.

Die Kirche von Zehra mit uralten Wandmalereien im Innern.

Ich fühle mich wieder fit genug weiterzuradeln. So nehmen wir uns Margecany vor, netto führt der Weg dorthin im Tal des Hornad abwärts, aber die Strecke ist eine Berg- und Talbahn, von Spisske Vlachy aus zwar nur noch 25 Kilometer. Gegen 13.30 sind wir dort, finden eine Bierkneipe, in der es alkoholfries Bier vom Faß gibt. Das ist genau das Richtige für uns, zwei Liter lassen wir flugs reinlaufen, dann startet unser Zug nach Telgart Penzion, wo wir wieder bei U'Hanky einkehren werden.

© Manfred Sürig, 2015
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Die Reise
 
Worum geht's?:
2012 war ich zuletzt dort. Darum fehlt mir etwas. Hinfahren und Genießen, die Fahrtroute spontan an Hand des Wetters festlegen und dann erst beschließen, ob das Rad, die Wanderstiefel oder die Bahn benutzt wird. Kann man da Neues erleben ?
Details:
Aufbruch: 23.08.2015
Dauer: 15 Tage
Heimkehr: 06.09.2015
Reiseziele: Slowakei
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.