12 (?) Monate in Benin - ein Leben in einer anderen Welt

Benin-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2007 - Oktober 2008  |  von Johanna Hoffmann

Grandpa: Tod bis Beerdigung

Am 05.März 2008 ist Grandpa gestorben.

Es war eigentlich allen klar, dass es bald passieren würde. Er selber wollte auch nicht mehr essen und hat immer gesagt er wolle sterben. Als ich nach Benin kam saß er noch immer im Rollstuhl draußen vor der Tür. Hat mit den Leuten gesprochen und nachgefragt. War mobil in seinem Rolstuhl. Mit der Zeit ging es immer schlechter, er konnte kein Französisch mehr sprechen, nur noch Fon. Er hat nur Flüstern können, aus eigener Kraft den Rollstuhl bewegen ging nur schwerlich. Bettlägrigkeit, unkontrollierter Stuhlgang, etc. In der Nacht um halb 11 hab ich plötzlich in die Küche gehen müssen (sein ZImmer ist direkt nebendran). Ich habe von meinem Geländer runtergeschaut und nur René gesehen der den Abwasch machte. KOmisch, aber naja. Bin wieder in mein Zimmer gegangen. - Am nächsten Morgen habe ich erfahren dass um halb 11 jeder einzelne von uns im Haus irgendwie etwas gehört, gespürt oder gedacht hat. Und um 23Uhr wurde der Tod festgestellt. Von jedem einzelnen von uns hat sein Geist sich noch verabschiedet...

November 2007

November 2007

Naja, und dann gings los. Bei alten Menschen trauert man hier sowieso nicht, man feiert. Grandpa war in seinem 85. Jahr, wie man hier sagt. Also hatte er ein langes Leben, denn 84 ist tatsächlich sehr alt für hiesige Verhältnisse. Naja, die Leiche wurde noch in der selben Nacht in die LEichenhalle gebracht. insg. war grandpa dort 3 Wochen und 2 Tage eingekühlt. Jeder Tag kostet im Schnitt (es steigt je länger er dort liegt) 2000 F CFA, also ca. 3€ Das summiert sich schon. Insg. hat Papa Serge danach zu mir gemeint er habe mehr als 3 Millionen (also ca 4580€) locker gemacht für die Beerdigung und allem drum und dran. Und er war nicht alleiniger Finanzierer. Warum sie so ein rießiges Fest feiern würden wenn sie danach jeden Tag pâte essen müssten weil sie kein Geld mehr übrig haben, frag ich. "Naja, da hast du schon Recht, das ist ein bisschen dumm. Aber es ist eben die Tradition. Und was würden denn die Leute sagen?!" Na klar, hätte ich mir ja denken können, dass wieder so eine Antwort kommt. Es gibt quasi nach einem Tod eine Familienzusammenkunft und je nachdem in welchem Verwandtschaftsverhältnis man mit dem Verstorbenen stand muss man einen bestimmten ANteil zahlen. Aber das Geld das dabei zusammen kommt reicht nicht mal aus um die Kosten für die Leichenhalle zu decken.

Ich weiß, es ist schlimm, dass ich nach dem Tod des Opas solche DInge schreibe. Aber das ist einfach authentisch. Was anderes haben die Leute nach einem Tod nicht im Kopf. Man hat STress, nur STress!! Grade bei Grandpa, der kam ursprünglich aus Abomey. Wie in früheren Reiseberichten erwähnt ist Abomey das Herz von Benin, da wurde das Land gegründet welches aus dem ehem. Königreich Dahomey hervorging. Die Wiege des Voodoo ist Benin, und in Benin liegt der Kern in Abomey.

Naja, der Großteil der Verwandtschaft ist inzwischen aber nicht mehr in Abomey sondern in Abomey-Calavi und Cotonou. Also haben sie sich überlegt, dass sie den Leichnam (wider den Traditionen) nicht "nach Hause" bringen sondern in Cotonou beerdigen. Da gab es mit der Familie in Abomey Stunk und es wurde gedroht, dass der KÖrper ihnen UNheil zufügen würde wenn sie ihm die Ehre verweigern würden. Alles Hexenmeister und so. Naja, was blieb da übrig?! ALso ist Papa fast jeden Tag nach Abomey (vielleicht 1 1/2 std mit dem Auto) gefahren und hat dort organisieren müssen. Gleichezitig muss man auch daheim organisieren. Es gibt soo viel zu tun bei einer Beerdigung!!
Grandma muss ihr ZImmer bekommmen. Wenn der Gatte stirbt darf die Frau bis zur Beerdigung nichts tun. Sie muss in einem ZImmer auf dem oden sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen und empfängt Gäste. NIcht einmal zu trinken darf sie sich selber holen. Nach der Beerdigung muss sie dann noch 3 MOnate im Haus bleiben. Sie darf zwar im Haus wieder arbeiten und sich frei bewegen. Aber sie darf das Haus (mit Hof natürlich) nicht verlassen. Da hat Grandma noch Glück gehabt, früher waren es mal 6 MOnate, davor ein ganzes Jahr. Ich würde da wahnsinnig werden. Ist Grandma auch...

Dann müssen Stoffe ausgesucht werden. Bei einer Beerdigung gibt es Einheitskleidung. DIe Kinder alle den selben Stoff. Enkelkinder alle den selben. Gäste alle den selben. naja, da muss der ausgesucht werden und dann weiterverkauft und dann zum Schneider und MOdell aussuchen etc.

Alles muss organisiert werden: Kirche, Andacht, Band...

Der Wahnsinn!! UNd immer an die Regeln und Traditionen denken. Z.B. bringt man eigentlich seine Gäste immer zur Tür, eigentlich noch um die nächste Straßenecke. Aber nach einem Tod im Haus darf man das bis nach der Beerdigung auf keinen Fall machen, weil sonst in der Familie des Gastes auch jemand stirbt.

Dann müssen die Ehepartner der sozusagen Halbwaisen ihnen wieder eine Mitgift geben. Man nennt das auch wieder "dote", wie das Brautpreiszahlen. Da geben sie quasi Lebensmittel und Geschirr, alles was man zu einer Beerdigung brauchen kann. Ich fand es mal wieder crass zu sehen, wie Papa Serge seine Dote richtig groß feiert mit vielen Gästen. Und die Dote von seinen kleinen Zwillingsschwestern war richtig peinlich. Peinlich. Alle szu spät, die Gäste sind vor Empörung wieder gegangen, Maman Serge hat sich nicht mal umgezogen... Dass man nicht mal nach dem Tod eines Menschen ein bisschen Anstand zeigen kann!!

Naja. Drei Wochen später war es dann also soweit. Die NAchtwache. Normalerweise wird das die Nacht vor der Beerdigung gemacht. Aber da viele Leute aus Cotonou nicht mit nach Abomey kommen konnten, gab es quasi zwei. Es wurde eine rießige Zeltplane direkt vor unser Tor gespannt - also mitten auf die Straße. Da wurde dann ein kleiner Altar aufgebaut und eine Band kam und unzählige Stühle. Es wurde bis nachts gesungen und gebetet und der Pfarrer hat echt tolle Dinge gesagt. War sehr schön. Ich musste die ganze Zeit an die Beerdigung meiner Omi denken... Aber alles war natürlich anders als in Deutschland. Man feiert mehr, es wird viel gegessen, gelacht. Ständig muss man sich um die Kinder kümmern (eine Aufgabe die ich auch zu Hause immer sehr gern übernommen habe). Im Grunde ist es ein einziges rießiges Familientreffen.

tanzt im Sitzen: eine Freundin Grandpas

tanzt im Sitzen: eine Freundin Grandpas

Irgendwann sind die Gäste dann gegangen und wir haben noch aufgeräumt um bis um 4 in der Früh noch vorzubereiten. Um 7 UHr wurde dann auch schon wieder aufgestanden weil der Leichnam kommen sollte. Da wird ein Zimmer hergerichtet (la chambre mortuelle ~ Gedenkzimmer), total schick mit Vorhängen ausgehängt und Blumenschmuck und Kränze und allem Pipapo. Und da wird dann der offene Sarg noch aufgebahrt, ca 3Std. lang. Da können noch Leute kommen um sich zu verabschieden, nochmal für Grandpa zu beten, etc.
ZU Mittag ging es dann los nach Abomey. Papa hatte extra einen Bus aus der Arbeit ausgeliehen. Damit wurden wir dann (mehr oder weniger bequem) nach Abomey kutschiert. Dort wurde der LEichnam ins maison familiale (ein Familienhaus, quasi ein großer Hof und alle dazugehörigen Parteien gehören zur gleichen Familie, Brüder, Schwestern, was auch immer) gebracht und dort wieder in einem chambre mortuelle (auch: Chapelle ardente) aufgebahrt. Wieder werden die Gäste auf PLastikstühlen in Empfang genommen. Essen, Trinken. Und ich war plötzlich allein unter all diesen Familienmitgliedern.Aber die die ich kannte waren plötzlich alle weg. Außerdem kam ich mir eh doof vor weil ich quasi als einzige keine traditionelle kleidung trug. In Abomey tut man das nämlich eigentlich. Naja, hab ich mal wiede nicht mitgedacht... Jedenfalls kam ich mir dumm und verloren vor. Bis mir irgendwann Fo Marc was zu Essen geben wollte und ich durch die Küche und hintenrum an den Ziegen vorbei in die WOhnung kam. Mir wurde aber erklärt ich bleibe nicht hier, denn Papa habe für "seine Leute" ein Haus gemietet. Der PLatz hier würde nämlich nicht reichen. Naja. also irgendwann bin ich dann irgendwie da auch hingekommen. Erstmal bischen ausruhen bitte. Pustekuchen. Gleich gings weiter mit kochen, auf den Markt gehen, herrichten. vorbereiten. Am Abend sollte die Veillée sein, also die eigentliche NAchtwache. Es war inzwischen Freitag Abend, der 28.04.08 Aber dann hat plötzlich der Regen eingesetzt. Als gab es Stromausfall. Und dann ging irgendwann nach ca 2Std das Licht wieder und dann wurde das Wasser abgestellt. Wir waren allein in de Haus, nur die Jungs, Mireille, ihre Freundin, und Fortune. Es war irgendwie total toll auf den Sofas zu liegen, der flackernde Kerzenschein, mit den Kindern im Arm (ja die waren auch da), den Regen zu hören und zu singen, zu beten, zu quatschen, zu hören wie René leise vor sich hin schnarcht. Es war so schön, so heimelig. Nur leider war ich die einzige, die das so empfunden hat. Die meistens Beniner haben für solche Momente keine Ader. UNd wenn man es ihnen erklären will (sowas kann man doch eh nicht erklären!!) dann lächeln sie nur und meinen, sie hätten keine Zeit, sich über derartige DInge Gedanken zu machen.

Naja, irgendwann kam papa ziemlich nass und genervt ins Haus. Die Nachtwache war zwar ins Wasser gefallen. Aber da er der älteste Sohn des Verstorbenen war musste er ewige Prozeduren und Riten über sich ergehen lassen. Er war müde, seit 3 Wochen nur am organisieren. Und dabei gings jetzt erst richtig los.
Naja. Wir sind dann schlafen gegangen: Sofa, Strohmatten, Stühle, zu dritt in einem Bett. Was man halt so gefunden hat...

Am nächsten Morgen waren wir natürlich zu spät dran für die Messe. Es waren insg. 4 Beerdigungen bei der Messe. Alles war chaotisch, ich habe soweiso nichts verstanden weil alles auf Fon war. Mehrmals sollte man spenden, aber niemand konnte mir erklärn wofür also hab ichs gelassen. Dann war die Messe vorbei und in einer Hetze ging es auf den Friedhof. Immer in die Autos quetschen und dann dahin und dorthin fahren und alles im Stress und hektisch... Manche Leute wurden auch vergessen unterwegs... Total un- ... un- ... unbedächtig. untraurig. nur stress. Alles möglichst schnell über die Bühne bringen. Auf dem Friedhof waren dann so viele MEnschen am Grad dass ich weder was gesehen noch etwas gehört habe. Auch gibt es zwischen den Gräbern keine Wege, also latscht man einfach quer drüber. Das finde ich ganz schrecklich!!
Naja. Sobald der Sarg versenkt ist werden schwere steinplatte drüber gelegt und noch vor den Augen der Anehörigen alles zugeschaufelt. Dadurch wird verhindert, dass der Körper geklaut wird. Das kommt sehr häufig vor, entweder um dadurch besser Hexen zu können oder einfach um den Leichnam zu schänden. Verbrennen. Oder den Anzug nehmen. Das finde ich noch viel schrecklicher!

Danach ging es dann zur réception. Das ist auch getrennt abgelaufen. Für papa in einem Hotel. Bei ihm alleine waren shon über 400 Gäste. Für die Zwillinge in der Maison familiale. Und da wurde gegessen. und gegessen. und noch mehr gegessen. Und geredet und getanzt. Ein großes Fest eben. Für die Kinder war der Garten dahinter ein Paradis, ich hab so viel fotografiert und mich mit ihnen amüsiert. Ich war wieder in der doofen Situation gerade die Leute zu kennen, die eingespannt waren und keine Zeit hatten. Helfen durfte ich nicht, ich bin doch Gast. Das war das, was ich während meines Aufenthaltes nie ganz verstanden habe: "Du bist Familienmitglied!" - "Du bist doch Gast, du musst nichts tun!" Naja, also habe ich mich mit einem Kellner angefreundet, den ich später in Cotonou noch ein paar Mal gesehen habe.

der gelbe Stoff ist einer der Berdigungsstoffe (ihn zu kaufen ist keine Pflicht sondern eine Art Respekt)

der gelbe Stoff ist einer der Berdigungsstoffe (ihn zu kaufen ist keine Pflicht sondern eine Art Respekt)

Mireille und Tata Vivi beim Spülen mit den Kellnern (auch sie tragen den Stoff)

Mireille und Tata Vivi beim Spülen mit den Kellnern (auch sie tragen den Stoff)

Die Rezeption hat bis nachts gedauert. Abends wurde dann noch getanzt. ich bin mit Fortune kurz weg gegangen und habe ihre Oma besucht. Die ist schon 101 Jahre alt. Sie kann nicht mehr sprechen und ist sehr schwach. Bettlägrig. Aber sie hat es ganz deutlich als Ehre empfunden, dass ein Jovo in ihr Haus kommt. Immer wieder wollte sie, dass ich mich auf ihren Schoß setze. Das hätte ihr nur leider sämtliche Knochen gebrochen...

maman Fortune, grandma Fortune, Fortune

maman Fortune, grandma Fortune, Fortune

Nach dem Heimkommen sind alle auch bald ins Bett gegangen. Nur papa musste wieder die ganze Nacht irgendweche Dinge über sich ergehen lassen. Ich durfte leider nicht mit gehen. Also, ich hääte zumindest den Zeremonien nicht beiwohnen können, also bin ich lieber gleich ins Bett gegangen.
Das crasse ist, dass Papa Serge das selber alles für Humbug hält, sich aber beugen muss aus o.g. Gründen. Später hat er mir erzählt dass sie am Sonntag, als alle Gäste schon abgereist waren, grandpa nochmal symbolisch im Hasu beerdigt haben - DREI MAL!!! Naja, Papa ist bis MIttwoch noch dort geblieben und musste dann zurück zur Arbeit. Aber die beiden Zwillinge sind noch bis nächsten Samstag, also insg. eine Woche, dort geblieben. Das tollste war, dass Mimi und ich dann krank geworden sind (Salmonellenvergiftung) und ihre Mutter quasi von der Beerdigung gleich ins Krankenhaus musste. Aber dazu im nächsten Kapitel mehr.

© Johanna Hoffmann, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Endlich wird ein Traum wahr: Mama Africa, ich komme!! Für voraussichtlich 12 Monate werde ich in Abomey leben, davon 6 Monate in einem SOS Kinderdorf, die anderen 6 in einem Krankenhaus ein freiwilliges Praktikum machen.
Details:
Aufbruch: 07.10.2007
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: Oktober 2008
Reiseziele: Benin
Ghana
Der Autor
 
Johanna Hoffmann berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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