12 (?) Monate in Benin - ein Leben in einer anderen Welt

Benin-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2007 - Oktober 2008  |  von Johanna Hoffmann

Die erste Woche ist vorbei

Jetzt bin ich also beinahe schon eine Woche hier... Irgendwie kommt es mir tatsaechlich so vor als waere ich schon viel laenger hier. Alles ist schon so gewohnt, die Menschen in meiner Umgebung, ein Zém zu fahren, angestarrt zu werden. Das ist mir sogar inzwischen schon echt egal eigentlich. Andererseits muss ich mich noch an so vieles gewoehnen, muss mich mit der Familie hier richtig arrangieren, mit der Maîtress im Kindergarten... Beides einfach.

Ja also, der Kindergarten, le jardin d'enfants SOS, kurz JESOS. Dort arbeite ich. Ich bin am Dienstag mit Mensah beim Directeur national aller SOS Kinderdoerfer in Benin gewesen und er hat mich willkommen geheissen und mir den Kindergarten gezeigt. Es gibt 4 Gruppen, zwei mit 3jaehrigen und zwei mit 4jaehrigen. Ich bin bei den ganz Kleinen, sprich den 3jaehrigen. Les "écureuils", das heisst Eichhörnchen. Dann gibt es noch les hirondelles (Schwalben) und les lapereaux (Kaninchen) und die vierte hab ich grade nicht im Kopf. Ich freu mich bei den écureuils zu sein, weil auch die Nationalmannschaft des Fussball so heisst und gestern das Qualifikationsspiel war fuer die afrikanischen Meisterschaften und Benin hat sich qualifiziert. Super! Im Januar geht's los, man darf gespannt sein.
Jedenfalls macht es wirklich Spass. Ich arbeite Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag ( mittwochs sind nur die Lehrer da und bereiten vor, da muss ich nicht kommen als Praktikantin) von 8-16Uhr mit ca anderthalb Stunden Pause zwischen 12:30 und 14uhr. Da schlafen die Kinder dann auf Strohmatten im Klassenzimmer und das ist sooo suess. Ich kann entweder auch schlafen oder heim fahren oder machen was auch immer. Bisher bin ich immer in eine buvette gegangen, ein Strassencafé in dem man eben was trinken gehen kann, kleine Snacks essen und v.a. Leute treffen.

Die Arbeit macht Spass, wenn ich das nach zwei Tagen beurteilen kann. Allerdings ist die Erziehung hier sehr anders als in Deutschland. Die Kinder werden sehr streng, teilweise schon fast brutal angemault, was sie zu tun haben. Wenn was nicht passt wird 5 bis 8 mal in herrischem Ton hintereinander wiederholt. "Arrête! Arrête! Arrête!" Wirklich ganz egal was gesagt wird, es wird zwischen den Zaehnen hervor gemotzt und immer mindestens dreimal gesagt, das hat wohl mehr Nachdruck. Das ist ein bisschen gewoehnungsbeduerftig fuer mich, aber ansosnten ist es eigentlich nicht so schwer. In meiner Gruppe sind 24 Kinder, und es war fuer sie wie fuer mich die erste Woche. Ein Junge hat am Donnerstag nur geweint, von 8Uhr morgens durchgehend bis zum Ende. Das war hart. Ich war nur erstaunt woher er die ganze Energie genommen hat, denn gegessen hat er nichts, das wurde verweigert. Aber am Freitag hat er nicht mehr geweint (allerdings nur unter der Drohung in die Toilette eingeschlossen zu werden wenn er nicht aufhoert). Dann gibt es noch die Drillinge, Elise, Elisa und Elisabeth. Die sind so verzogen und nervig dass ich mich insgeheim manchmal freue wenn ausnahmsweise sie es sind, die von den anderen Kindern eins auf die Nase kriegen und nicht umgekehrt.
Also, ich kann noch nicht viel sagen, weil das auch nur die Eingewoehungswoche war, in der noch kein Unterricht stattgefunden hat. Aber ich denke, ich werde mich in den Job noch richtig verlieben. Naechste Woche bin ich bei der section des grands, damit ich einfach einen Eindruck vom Ganzen gewinne, und danach bleibe ich bei meinen Eichhoernchen. C'est ça.

Ansonsten habe ich endlich alles was ich fuer meine Wohnung brauche. Immer wieder fallen einem neue Sachen auf die fehlen. Aber jetzt bin ich komplett, seit heute Abend, und das ist ein schoenes Gefuehl. Obwohl ich z.B. in meiner Kueche noch kein einziges Mal gekocht habe, weil ich ja ein Teil der Familie bin und da koche ich doch nicht in meiner Isolation. Das mit der Familie ist hier eh so eine Sache. Ich bin es gewohnt, alles fuer mich alleine zu machen, Verantwortung zu uebernehmen und unabhaengig zu sein. Hier habe ich quasi einen Vater bekommen, plus Mutter und neuen Geschwistern. Denn so ist das eben in Afrika. Das Problem dabei ist nur, dass ich froh bin, wenn ich mal nicht immer die "tata", die Tante bin und das neue Familienmitglied, sondern auch mal in Ruhe in meinem Zimmer sitzen kann. Sie haben aber ein schlechtes Gewissen weil sie keine Zeit haben und noch in der Arbeit sind. Und da wollen sie die Wochenenden nutzen und die unter der Woche nicht miteinander verbrachte Zeit wieder gut machen. Das ist super lieb gemeint, aber ich denke, ich muss da klare Linien ziehen. Ich will ja nicht unhoeflich sein und geniese es auch, immer die Moeglichkeit der Gesellschaft zu haben. Aber ich moechte es auch gerne bei der Moeglichkeit belassen und es keine Pflicht werden lassen. Aber ich habe das Gefuehl, dass wir der perfekten Mischung langsam naeher kommen.
Mit wem ich mich aber sehr sehr gut verstehe ist Mireille, die Nichte von Francis. Also, es ist so: Hier lebt Francis mit Frau Irène und Kindern Serge und Bénédicte. Francis hat Drillingsschwestern, von deren Kindern jeweils eines bei Francis lebt. Das sind Mireille, Karé und René. Letzterer wird kommenden Freitag 20, die anderen beiden sind es schon. Genau. Und mit denen bin ich schon voll auf einer Wellenlaenge. Sie sind auch immer interessiert und fragen nach meinem Land und ueberhaupt allem. So wie ich immer mit Mireille in der Kueche sitze und ihr beim Kochen zu schaue, um zu lernen und kennen zu lernen. Als ich heute mit der anderen in die Stadt gefahren bin war sie schon fast enttaeuscht und als ich nach meiner Rueckkehr fragte, wie ihr Abend war, kam so: "Gut. Ich haette ihn aber lieber mit die verbracht." Irgendwie haben sich da mal wieder zwei gefunden glaub ich... hehe

Rahel und ich waren heute richtige Jovos. Wir waren im weissen Mercedes von Francis unterwegs, mit Chauffeur natuerlich, und sind zur Etoile Rouge gegangen, einem aus kommunistischen Zeiten erhaltenes Denkmal in Form eines rot angemalten Sterns, in der Mitte einer riessigen Kreuzung. Dort haben wir schoen alles fotografiert und so. Witzig!!
Wobei ich sagen muss dass mir das inzwischen schon kaum mehr was aus macht. Klar, ich werde immer wieder von Kerlen angequatscht oder nach Hause eingeladen, oder um Geld angebettelt und so weiter; Aber was soll's?! Irgendwann steht man da auch drueber.

Alles in Allem kann man sagen, das die erste Woche sehr ereignisreich war. Ich habe schon viele Leute kennen gelernt und habe echt viel Spass gehabt. Mit Rahel verstehe ich mich super, und das ist mir sehr wichtig, denn irgendwie ist sie doch so eine Verbindung zu einer Welt die die wenigsten Menschen hier verstehen, so sehr sie es auch versuchen. Das ist nicht beleidigend gemeint, sondern einfach Fakt. Und das ist auch voellig in Ordnung, denn sie fuehren ein gutes und froehliches Leben, das ich fuer die kommenden Monate zu leben mich sehr freue. (Dieser Satz ist jetzt sehr daemlich formuliert, aber egal  ) Neben ereignisreich auch erfahrungsreich, sowie angenehm, spannend, ueberraschend sowie vertraut, und auf jeden Fall so, dass ich mehr sehen will. Am besten Alles!!

Irène und Ich beim Kochen von bananes frites

Irène und Ich beim Kochen von bananes frites

Serge et moi

Serge et moi

Mireille

Mireille

Francis

Francis

Bénédicte et Serge

Bénédicte et Serge

Rahel und Casimir, der Chauffeur von Mensah

Rahel und Casimir, der Chauffeur von Mensah

des motos, des motos, des motos...

des motos, des motos, des motos...

© Johanna Hoffmann, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Endlich wird ein Traum wahr: Mama Africa, ich komme!! Für voraussichtlich 12 Monate werde ich in Abomey leben, davon 6 Monate in einem SOS Kinderdorf, die anderen 6 in einem Krankenhaus ein freiwilliges Praktikum machen.
Details:
Aufbruch: 07.10.2007
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: Oktober 2008
Reiseziele: Benin
Ghana
Der Autor
 
Johanna Hoffmann berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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