12 (?) Monate in Benin - ein Leben in einer anderen Welt

Benin-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2007 - Oktober 2008  |  von Johanna Hoffmann

Von Typhus und Malaria 25.10.-14.11.

Ich werde jetzt 3 Wochen mehr oder weniger kurz zusammenfassen. Es wäre einfach zu lang, alles zu erwähnen. Außerdem hat das Leben einen gewohnten Gang angenommen. Ich habe mich eingelebt, ich kenne meinen Platz in der Familie, in der Arbeit, in der Umgebung. Auch wenn jeder Tag irgendwie anders ist, ist doch alles immer gleich. Das ist jetzt in keinster Weise negativ zu verstehen. Das soll lediglich ausdrücken, dass ich wirklich angekommen bin, mich eingelebt habe und der Alltag Alltag ist. Eine Tatsache, die mir wirklich das Gefühl gibt, schon ewig hier zu leben und nicht erst seit... einem Monat und einer Woche. Hehe, was für eine kurze Zeit!!!

Wir sind inzwischen zu Zweit bei JESOS. Iris, eine Schweizerin. Sie ist bei den Hirondelles, meiner Lieblingsklasse. Das fand ich am Anfang etwas ungerecht, aber inzwischen hab ich mich mit meiner Maitresse echt gut angefreundet. Mit wurde zwar offenbart, dass im Laufe der Jahre jeder Praktikant verweigert hat länger als ein paar Tage mit ihr zu arbeiten. Und ich habe schon über einen Monat durchgehalten. Aber es ist inzwischen kein Durchhalten mehr. Es macht Spaß, denn sie hat angefangen mich mit einzubinden, mir Dinge zu erklären und mich zu unterstützen. Auch kümmert sie sich rührend um mich momentan wo ich krank bin, gibt mir Ratschläge und erzählt Geschichten. Sie freut sich immer, wenn ich ihr was erzähle von daheim und ja, ... es hat sich echt ein gutes Verhältnis entwickelt und das freut mich außerordentlich. Es macht mich auch ein bisschen stolz, dass ich was geschafft habe, wozu andere jahrelang nicht fähig waren. Juhuu!

Ich war auch nochmal alleine mit den Kindern. Zeitweise ist die Maitresse Andrea gekommen, aber den Grossteil der Zeit war ich alleine. Sport, Lernen, ... Aber es wird. Vielleicht werde ich ja doch Kindergaertnerin?!

Ja, den Großteil meiner Zeit verbringe ich bei SOS. Das liegt daran, dass die Leute dort toll sind. Weil alle an dieser Idee arbeiten, den Gedanken des Kinderdorfes unterstützen. Ich habe ein paar von den Müttern kennen gelernt und das sind ganz tolle Frauen. Ich würde gerne öfter ins Dorf gehen, nachmittags, und mich dort in die Gemeinschaft einbinden. Mal sehen... Dann habe ich im letzten Bericht ja von den Sportaktivitäten erzählt. Wir waren inzwischen richtig schwimmen. Wie sich dann herausgestellt hat bin ich, abgesehen vom Lehrer, die einzige, die Schwimmen kann. Alle anderen lernen es erst. Und das ist was, was ich so toll finde an den Beninern. Die Maitresses können es nicht und haben keine Probleme, es sich von mir zeigen zu lassen. Generell ist man hier einfach man selbst und handelt dem Kopf nach. Das find ich total genial. Jedenfalls war das echt ein Erlebnis, Kindergärtnerinnen und Gymnasiallehrer im 1,20m tiefen Wasser zu sehen, vor Angst zitternd sie könnten ertrinken. Die Angst vor dem Wasser ist wirklich enorm, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wir kamen uns alle vor wie auf geheimer Mission, hehe. Morgen ist wieder. Mal sehen ob ich gehe, wegen der Krankheit. Aber ich hätte schon Lust. Übungen machen, hehe.
Auch die gym d'entretien, Gymastik, so Aerobikmäßig, macht Spaß. Mir ist zwar der Schweiß in Sturzbächen runter gelaufen und ich konnte 3 Tage danach noch nicht richtig sitzen und Treppen steigen. Aber Spaß hat es trotzdem gemacht.

Ach, und mein kleiner Schatz Bienvenu, ein SOS Dorfkind, 4 Jahre alt, und mein absoluter Liebling. Er ist sooo goldig, und immer ein Lächeln auf den Lippen. Den würde ich auf der Stelle adoptieren. Jedenfalls hat er sich neulich Mittag mit einer Kusshand von mir verabschiedet und mir zugezwinkert. Schon in dem Alter... Und als er dann aus der Mittagpause von daheim kam (die Dorfkinder essen und schlafen mittags zuhause, alle anderen auf Strohmatten im Klassenzimmer), war auf meiner Matte noch Platz und er hat sich an mich rangekuschelt. Ein richtig wohliges Gefühl.
Ich bin hier echt ein Kindermagnet. Auch auf dem Familienfest neulich, anlässlich des Geburtstages des Großvaters des Großvaters des Vaters von Francis, sprich seinem 3fach Ur-Großvater, waren alle Kinder um mich rum. Und Kinder gibt es hier nicht zu wenig!!

Ich war auch einmal mit Mireille im collège. Weil wir ja mittwochs nicht arbeiten (außer z.B. letzte Woche als wir Weihnachtslieder gelernt haben. Aber da sind dann nur die Maitresses anwesend) hab ich da Zeit für alles mögliche. Und da bin ich mit ihr mitgegangen. Und wie stolz die sind, dass sich eine Europäerin für ihre Schule interessiert. Wurde gleich eingeladen für die nächsten Mittwoche, und dann in ne andere Klasse um Abwechslung zu haben und so. Echt witzig. Auch alle Lehrer und Schüler haben mich angelabert, ich solle doch wieder kommen. "Wie? Morgen musst du zur Arbeit? Ach nee, du kommst morgen einfach wieder her!" So nach dem Motto. Bin bisher noch nicht wieder hingegangen weil mich die Krankheit überfahren hat. Aber ich hab ja noch genug Zeit.

Also, die Krankeit.... Am Freitag, den 02.11., hat Mireille Malaria gekriegt. Das ist hier nix besonderes, alles was sie nehmen sind Paracetamol und das wars. Man geht auch trotz des Fiebers und der echt crassen Kopfschmerzen weiter zur Arbeit. Ich meine, im Endeffekt hat man auch keine andere Wahl as weiter Geld zu verdienen. Man hat schließlich nicht viel. Mama Serge ( = Irène; man nennt immer den Namen des ältesten Kindes) hat auch Malaria momentan aber trotzdem ist sie von 4 Uhr Früh bis abends um 12 auf den Beinen. Das Leben einer Afrikanerin.
Jedenfalls haben die Kopfschmerzen bei mir am Samstag einbesetzt. Am Sonntag waren sie schon echt unerträglich, ich war unendlich müde und hatte Schmerzen in den Gliedern als ob man mich geprügelt hätte. Und immer heiß und kalt, Schweiß in Sturzbächen und aber trotzdem frieren. Alles Anzeichen für Malaria. Also haben sie mir Paracetamol gegeben- was sonst? Am Montag in der Arbeit war ich schon kaum mehr fähig mich auf die Kleinen zu konzentrieren, habe fast mit offenen Augen geschlafen. Die Müdigkeit ist echt das Schlimmste!! Naja, nachdem es Am Dienstag nur noch schlimmer war bin ich dann zu unserer Krankenschwester auf dem SOS Komplex gegangen. Sie war sich genauso sicher wie alle anderen, dass ich Malaria habe. Aber trotzdem ist es besser, eine Blutprobe zu nehmen. Also hat mich Maitresse Andrea zu so nem Krankenzimmer gefahren und das Ergebnis war: Typhus. Naja, auch nicht gerade toll. Aber immerhin wusste ich jetzt, welche Medikamente ich nehmen muss. Also, Medikamente besorgt und dann eigentlich 4 Tage lang nur geschlafen. Diese Müdigkeit.... Inzwischen sind die Kopfschmerzen fast weg, ich geh wieder in die Arbeit und bin fast wieder komplett hergestellt. Aber diese Müdigkeit.... Das wird noch ein paar Tage bleiben, meinte die Krankenschwester. Dann geht das auch vorbei und ich bin wieder ganz ich. Juhuu. Und in ca 6 Wochen eine erneute Probe um sicher zugehen, dass der Typhus auch echt besiegt ist. Hoffentlich! Aber ich denke da ganz afrikanisch: Ist auch nur eine Krankheit! Wird schon schief gehen.

Ja, jetzt sitzen alle meine Leser wahrscheinlich zutiefst geschockt vor ihrem PC weil ihre Johanna Typhus hat und so locker flockig darüber schreibt. Tja, so ist das hier eben. Einerseits gut dass man sich nicht die Köpfe zerbricht. Andererseits schrecklich weil gefährlich. V.a. die Geschichte, nur Paracetamol zu nehmen wenn man Malaria hat. Das ist einfach... Dumm!! Und bis zu einem gewissen grad auch Unwissenheit. Leider. Als ich meinte, wir hätten weder Typhus noch Malaria noch Malariamücken in D, waren auch alle überrascht. Denn für sie ist das halt normal, sie kennen nichts anderes. Manchmal echt zum Kopf schütteln.

Und zum Abschluss noch ein paar typische Sachen. Joghurt wird getrunken. Normalerweise kauft man ihn in Plastiktüten bei denen man eine Ecke abbeißt und dann trinkt. Lecker!
Orangen werden ebenfalls getrunken. Man nimmt den harten Teil der Schale mit deiner Rasierklinge weg so dass nur noch das Weiße drum rum ist und dann beißt man oben rein und drückt und drückt den Saft heraus. Ach, und als ich meinte, Bananen bei uns seien gelb und nicht grün und Orangen seien orange und nicht grün, da waren sie ganz überrascht. Das ist hier alles grün, und trotzdem reif und leckerer als in D. Halt ohne Farbzusätze. Bio sozusagen. Hehe
Und Rahel und ich haben festgestellt dass man schon nach bei ihr 5 Monaten und bei mir 5 Wochen Afrika eindeutig sehen kann, dass wir hier gelebt haben. Was wir an Narben und Kratzern und Flecken und... bei den meisten Sachen weiß ich gar nicht woher sie eigentlich kommen. Aber ich schau aus, meine Herrn!! Ich werde also nicht nur innerlich gezeichnet.

Und zum Abschluss noch eine nette Anekdote:
Die Johanna hat sich in mühseliger 10 Tage dauernder Handarbeit ihre Dreads aufgefieselt (Wendus, hör auf zu lachen!). Bis auf 2, die bleiben zur Erinnerung. Und da waren die Haare viel zu lang und außerdem ungerade und auf jeden Fall wollte ich ne Frisur haben, Stufenhaarschnitt. Also zum Frisör gegangen. Jetzt hatte ich da 4 Frauen um mich rum stehen, die Frisörin, ihre Gehilfin und ne Schwester und ne Tante oder so. Und alle haben meine Haare angefasst, denn etwas nicht gekräuseltes und glattes und nicht schwarzes was nicht Kunsthaar ist sondern einfach so auf dem Kopf wächst haben die noch nie gesehen. Aber was es bedeutet Stufen zu schneiden und so, kein Peil. Schließlich trägt die Beninern Zöpfe und aufgestecktes Kunsthaar und die eigenen Haare sind höchstens 10cm lang. Naja, letztendlich wars dann Ma Serge die geblickt hat was ich will und die ganze Sache dann gerettet hat. Ich habe jetzt zwar einen Pony und es ist mind. 5cm kürzer als gewollt, aber naja, das wächst ja auch wieder. War auf jeden Fall die Erfahrung wert!

Und heute werde ich zur Schneiderin gehen mit Yvette, der Frau von Mensah. Ihre Tante ist Schneiderin. Ich habe Stoffe gekauft und werde jetzt auch äußerlich Beninerin. Denn es gibt ein Sprichwort das sagt: "Um Afrikaner zu sein muss man zwei Dinge können: Auf dem Boden sitzen und mit der Hand essen." Naja, also, wenn es danach geht bin ich Afrikanerin. Und alle sagen das. Es ist auch so ein schönes Gefühl, wie sich alle über meine Anwesenheit freuen. Bei Familienfesten freut sich jeder, dass ich da bin. Und warum? Weil ich nicht unterscheide zwischen ihnen und mir. Ich bin ein Glied in der Gemeinschaft und esse ihr Essen, tanze ihre Tänze und trage ihre Kleider. DAS ist es, was sie so schätzen. In unserem Haus haben schon öfter Weiße gewohnt, aber ich bin die erste, die eigentlich wirklich ein Familienmitglied geworden ist. Meine Offenheit und mein Interesse werden mir hier 10fach mit Herzlichkeit und ebenfalls Interesse zurück gegeben. Und das ist ja genau das was ich wollte.

PS: Danke fuer die Gaestebucheintraege. Ihr ruehrt mich teilweise echt fast zu Traenen... Merci beaucoup!!

ach, ich hab sie einfach alle so lieb - selbst wenn sie grade wieder zuschlagen (hinten rechts)

ach, ich hab sie einfach alle so lieb - selbst wenn sie grade wieder zuschlagen (hinten rechts)

in der Mitte, die kleene barfuessige ist Elisa, eine der Drillinge

in der Mitte, die kleene barfuessige ist Elisa, eine der Drillinge

bitt ordentlich in einem Kreis hinsetzen!

bitt ordentlich in einem Kreis hinsetzen!

erste Tauchversuche

erste Tauchversuche

ein kleiner Teil der Familie

ein kleiner Teil der Familie

ma chère Grandma... echt, eine Omi wie aus dem Bilderbuch. Ein Engel auf Erden

ma chère Grandma... echt, eine Omi wie aus dem Bilderbuch. Ein Engel auf Erden

barfuss hochgekraxelt und Kokosnuesse auf die Strasse gepfeffert nachdem er sie mit dem Saebel abgehackt hatte. Irre...

barfuss hochgekraxelt und Kokosnuesse auf die Strasse gepfeffert nachdem er sie mit dem Saebel abgehackt hatte. Irre...

© Johanna Hoffmann, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Endlich wird ein Traum wahr: Mama Africa, ich komme!! Für voraussichtlich 12 Monate werde ich in Abomey leben, davon 6 Monate in einem SOS Kinderdorf, die anderen 6 in einem Krankenhaus ein freiwilliges Praktikum machen.
Details:
Aufbruch: 07.10.2007
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: Oktober 2008
Reiseziele: Benin
Ghana
Der Autor
 
Johanna Hoffmann berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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