Abenteuer Amazonas

Peru-Reisebericht  |  Reisezeit: Januar 2020  |  von Beatrice Feldbauer

Chocolatada

Bisher hatte ich meistens irgendwo eine Chocolatada durchgeführt, wenn ich Ende Dezember nach Iquitos gekommen bin. Meistens im kleinen Dschungeldorf Castilla in der Nähe der Lodge. Einmal auch schon in der Maloca der Yahuas, des anderen Einheimischen-Stammes der nebst den Boras in der Nähe von Iquitos lebt. Das möchte ich auch dieses Jahr wieder machen, auch wenn es für die Weihnachts-Chocolatada natürlich längst zu spät ist. Doch ein Fest für die Kinder kann nie zur falschen Zeit stattfinden. Ausserdem will ich bei der Gelegenheit Schulmaterial verteilen. Das Dorf hat seit ein paar Jahren eine Schule, schon bei der Gründung durften wit mit einer kleinen Gruppe dabei sein.

Dazu brauche ich die Hilfe von Leo. Gestern Abend kam er von einem Einsatz als Touristenguia aus dem Dschungel zurück und besuchte uns danach mit seiner Familie im Hotel. Wir hatten dabei die Details besprochen und ihm das Geld mitgegeben, damit er heute Morgen seine Einkäufe machen konnte. Leo war mit seiner Frau Mirna Luz schon am frühen Morgen auf dem Markt um alles für den Event einzukaufen und um zehn Uhr holen sie uns ab. Zusammen mit ihrer 16-jährigen Tochter Jasmine und der kleinen Koraya Beatriz.

Mit dem Boot fahren wir also auch heute wieder vom Hafen Nanay hinaus zum Rio Momon, wo die Yahuas ihr Dorf und ihre Maloka haben, in der sie die Touristen mit Gesang und Tanz unterhalten und ihre Handarbeiten anbieten. Unser Bootsführer, den Leo schon gestern engagiert hatte, hat am Morgen die Yahuas informiert, damit sie von unserem Besuch nicht komplett überrumpelt werden.

Wir fahren direkt zum Dorf, wir sind heute keine Touristen. Begrüsst werden wir vom jungen Oberhaupt Ricardo. Er kommt von der Maloka wo er soeben ein paar Touristen verabschiedet hat, und ist bekleidet mit Bastrock und imposanter Häuptlingskrone. Ein paar Frauen und Kinder sind im Dorf und nähern sich schüchtern. Sie sind wohl heute nicht in der Maloka im Einsatz und sind daher ganz normal gekleidet, in Shirts und kurze Hosen.

Vor Ricardos Haus wird ein Feuer gemacht. Dazu braucht man keine Streichhölzer sondern bringt etwas Glut vom Herdfeuer und legt trockene Äste dazu. Bald wird das mitgebrachte Wasser in die beiden grossen Töpfe geleert und zusammen mit ein paar Zimtstangen und Gewürznelken aufgekocht. Inzwischen löst eine Frau Mehl mit Wasser auf. Diese Mischung wird in das Wasser gegeben, sobald es richtig kocht. Es wird gerührt und alles muss richtig gut aufkochen.

Eine andere Frau löst Kakaopulver in Wasser auf so dass eine dicke Schokoladenmasse entsteht. Diese Mischung kommt auch in den Topf und alles wird noch einmal gut aufgekocht, gerührt. Dann wird noch Zucker hineingeschüttet und ein paar Dosen Kondens-Milch.

Während die Frauen mit der Zubereitung des Kakaos beschäftigt sind, breitet Leo die Geschenke für die Kinder auf einem Tisch unter dem Baum aus. Es sind kleine und grosse Schulhefte, Bleistifte, Farbstifte, Radiergummis, Lineale, Bleistiftspitzer, Filzstifte und bunte Kugelschreiber, Leim und Scheren. Natürlich ist er sofort von den Leuten umringt, alle wollen sehen, was wir mitgebracht haben.

Inzwischen zeigt uns Ricardo sein Dorf. Seit sechs Jahren ist er Oberhaupt des Stammes, alle zwei Jahre wird neu gewählt. „Es scheint, dass sie zufrieden sind mit mir“, meint er schmunzelnd, „sie haben mich immer wieder gewählt“. Auch er ist mit seinen 40 Jahren ein recht junger Stammeshäuptling. Gleichzeitig ist er auch Pfarrer der Christevangelischen Kirche. Ein Kreuz suche ich in seinem Kirchenraum vergeblich. „Nein, das brauchen wir nicht“, meint er. Zeremonien hält er dreimal pro Woche ab, aber es kommen nicht viele Menschen zur Kirche. "Es ist wie in anderen Kirchen auch, das Interesse an der Religion schwindet,“ sagt er etwas resigniert.

Nueva Vida ist der Name der Comunidad. Neues Leben. Im Moment wohnen 22 Familien im Dorf, das sind zwischen 80 und 100 Menschen. Man lebt vor allem vom Verkauf von Handarbeiten, die in der Maloka den Touristen verkauft werden. Ein paar Männer gehen in Iquitos zur Arbeit. Jede Familie ist für sich selbst verantwortlich, die Sachen in der Maloka sehen für uns zwar als Einheit aus, es sind aber immer die einzelnen Personen, die ihre Arbeiten auf eigene Rechnung anbieten.

Ricardo neben seinem Predigerpult in der Kirche

Ricardo neben seinem Predigerpult in der Kirche

Die Schule ist zur Zeit geschlossen.

Die Schule ist zur Zeit geschlossen.

Das Schulhaus scheint neu renoviert. Es ist verschlossen, im Moment sind Schulferien bis Ende Februar. Im Dorf gibt es gut 20 Kinder, die in 6 Klassen aufgeteilt sind. Kindergarten gibt es noch keinen, aber neun Jugendliche gehen in die Sekundarschule nach Padre Coche. Das sind 20 Minuten zu Fuss. Unterrichtet wird Spanisch und Yahua, die eigene Sprache. Es gibt sogar Schulbücher in dieser Sprache.

Eine Frau bringt den Schlüssel zum Schulhaus und so können wir die beiden Räume auch von innen betrachten. Noch herrscht ein ziemliches Durcheinander von Stühlen und Tischen, aber an den Wänden hängen Lernbilder mit Nummern und Zahlen und von der Decke hängen einzelne Kartons mit Bildern und Beschriftungen in Yahua. Zwei Lehrer teilen sich das Pensum mit den 6 Klassen und gelegentlich kommt eine Missionarin und unterrichtet die Jugendlichen, die auswärts zur Schule gehen in Englisch. Auch Erwachsene dürfen da mitmachen.

Der zweite Raum ist der Comedor. Hier bekommen die Kinder ein tägliches Mittagessen.

Nach der Schule zeigt uns Ricardo die Gärten. Man baut viele Lebensmittel selber an. Vor allem Yucca, der in wenigen Monaten bis zu 2 Meter hoch wächst. Geerntet werden die dicken braunen Wurzelknollen. Ausserdem gibt es viele Bananen und Platanos. Zuckerrohr, Papayas, Ananas. Es ist immer spannend, durch einen Garten zu gehen. Weiter hinten leuchten die roten Früchte des Achiote-Baumes. Ricardo holt ein paar Früchte und bemalt uns mit der roten Farbe. Die Farbe wird seit Urzeiten von den Einheimischen als Körperfarbe benutzt. Sie ist ein Schmuck, kann aber auch als Schutz gegen Sonne und Mücken benutzt werden.

In einem anderen Garten zeigt uns Ricardo auch noch eine Ayahuasca-Pflanze. Unscheinbar wächst hier die Liane, die als stärkste Medizin des Dschungels gilt und für die Schamanen die Grundlage ihres Rituals ist. Auch für Handarbeiten ist es ein beliebtes Material.

Maniok/Yucca

Maniok/Yucca

Achiote, die rote Farbe der Einheimischen

Achiote, die rote Farbe der Einheimischen

Die berühmte Ayahuasca-Liane

Die berühmte Ayahuasca-Liane

Zurück bei der Kochstelle ist man bei den letzten Vorbereitungen, noch muss der Kakao etwas köcheln. „Möchtet ihr mein Haus sehen?“ fragt Ricardo und führt uns in des grosse Haus neben der Kochstelle. Hier wohnt er mit seiner Frau und den vier Kindern. In der grossen Küche wird gearbeitet. Eine Tochter arbeitet mit kleinen Pelzstücken und macht Armbänder. „Woher kommt der Pelz?“ Ricardo bringt ein Fell. Es stammt von einem Ozelot, das er erlegt hat. Das Fleisch wurde gegessen, das Fell für Handarbeiten verwendet.

Auch den grossen Vogel, aus dessen Federn er seinen imposanten Kopfschmuck gemacht hat, hat er selber erlegt. Jeden Tag hatte er ihm eines oder zwei seiner Hühner geholt. Eines Tages hat er daher seine Flinte geholt und den Vogel erlegt. Man zeigt uns die Füsse mit den Krallen, die man ehrfürchig aufbewahrt. Sie scheinen aus Eisen zu sein, so stark sind die scharfen Krallen.

Nebst der Holzkochstelle gibt es einen grossen Tisch mit zwei Bänken. „Wir brauchen den nur selten“, lacht Ricardo. „Wir setzen uns zum Essen lieber auf den Boden, das ist bequemer“. Auch zum Arbeiten sitzt man auf dem Boden oder einen niederen Schemel. Sein Sohn ist Schuhmacher, er repariert mit einer Nadel und starkem Faden ein paar Turnschule. Dazu sticht er mit der Ahle Löcher in die Sohlen und näht sie Stich für Stich fest. „Dürfen wir fotografieren?“ „Selbstverständlich, fühlt Euch hier zu Hause“. Ricardo ist stolz auf sein grosses Haus und auf das, was er erreicht hat. Hinter dem Haus scharren die Hühner unter dem Carambole-Baum.

Es gibt kein Geländer von der Küche zum darunter liegenden Garten.  "nein", meint Ricardo erstaunt, "da ist noch nie ein Kind hinunter gefallen. Die passen auf."

Es gibt kein Geländer von der Küche zum darunter liegenden Garten. "nein", meint Ricardo erstaunt, "da ist noch nie ein Kind hinunter gefallen. Die passen auf."

Carambole-Blüten - Sternfrucht

Carambole-Blüten - Sternfrucht

warten bis der Kakao bereit ist

warten bis der Kakao bereit ist

Inzwischen ist der Kakao fertig, wir dürfen als erste probieren. Richtige dicke flüssige Schokolade, sie schmeckt köstlich. Einer der beiden Alten, die die ganze Zeit mit den Frauen und Kindern gewartet haben, geht mit den zwei Pfannendeckeln auf und ab und ruft die Leute in seiner Sprache aus den Häusern. Und dann kommen sie mit ihren Gefässen.

Jetzt werden aber zuerst die Schulsachen verteilt. Leo lässt die Kinder dem Alter entsprechend aufstellen und fängt mit der Verteilung an. Genau beobachtet von Mirna Luz, seiner Frau, die sofort sieht, wenn er einen Radiergummi oder einen Spitzer vergessen hat. Alle bekommen ihre Sachen und bringen sie gleich zu ihren Müttern, um sich dann beim Kakao anzustellen.

Mirna Luz und Leo lieben es, Schulmaterial zu verteilen. Und sie machen es mit grossem Ernst.

Mirna Luz und Leo lieben es, Schulmaterial zu verteilen. Und sie machen es mit grossem Ernst.

Hier ist es Mirna Luz, die ausschöpft. Ganz egal wie gross das Gefäss ist, Mirna füllt grosszügig auf. Manche kommen mit einer Tasse, einem Becher, oder mit dem Litermass, mit einem Plastikkübel, der dann zurück ins Haus getragen wird, um auch später noch etwas von dieser Köstlichkeit zu haben. Dazu bekommen alle ein süsses Brötchen, das die Frauen mit Butter bestrichen haben.

Es ist ein ruhiges Fest und wir sind sehr überrascht, wie gesittet die Leute anstehen. Alle sind sie da, die ganz kleinen Kinder, die Jugendlichen, die Frauen, ein paar Männer und vor allem die beiden Alten, die in ihre Baströcken gekleidet, eigentlich in der Maloka sein sollten. Aber heute scheinen keine Touristen zu kommen, oder man speist sie mit einer minimalen Vorführung ab, denn die beiden bleiben fast die ganze Zeit bei uns und lassen sich nichts entgehen.

Es ist fast eine Machete, das Messer, mit dem die Butter in die Brötchen gestrichen wird.

Es ist fast eine Machete, das Messer, mit dem die Butter in die Brötchen gestrichen wird.

erster Versuch, erster Treffer - Eveline kanns

erster Versuch, erster Treffer - Eveline kanns

Jetzt möchte Ricardo doch noch, dass wir in die Maloka kommen. Er will uns zeigen, wie die Yahua mit dem Blasrohr umgehen und vor allem sollen auch wir unsere Treffsicherheit ausprobieren. Gar nicht so einfach, den leichten Pfeil mit einem einzigen Luftpush aus dem langen Rohr zu pusten.

Natürlich versucht man auch noch, uns etwas zu verkaufen, doch ich winke ab. „Heute sind wir als Freunde gekommen, das nächste Mal sind wir dann wieder ganz normale Touristen, die ihr in der Maloka unterhalten dürft und die Souvenirs kaufen“. Unsere heutigen Souvenirs haben wir im Herzen, so schnell werden wir diese Begegnung wohl nicht mehr vergessen.

Jetzt noch ein Abschiedsbild, dann fahren wir zurück nach Iquitos.

Dank Leo und Mirna Luz durften wir einen unvergesslichen Tag erleben.
Den Rest des Tages verbringen wir in der Hängematte rund um den Pool und lassen das Erlebte noch einmal durch Herz und Kopf gehen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nach vier Jahren kehre ich zurück nach Iquitos, wo ich mit Hilfe von Einheimischen eine Lodge geführt habe. Ich werde Freunde besuchen und freue mich auf neue Begegnungen.
Details:
Aufbruch: 04.01.2020
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2020
Reiseziele: Peru
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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