Abenteuer Amazonas

Peru-Reisebericht  |  Reisezeit: Januar 2020  |  von Beatrice Feldbauer

Keyla

Sie hat die Gabe zu spüren, wann sie sich melden soll. Keyla. Irgendwann gestern Nachmittag kam die Frage:
„Wie geht es dir? Brauchst du etwas?“
„Es geht… frag nicht weiter.“
„Ich bin noch am Arbeiten, sollen wir morgen etwas zusammen unternehmen.“
„Ich mag nicht zu weit von meinem Baño weggehen.“
„Dann komm ich zu dir ins Hotel. Morgen Mittag, was meinst du? Soll ich Tee mitbringen? Soll Mama Teresa dir jetzt eine Flasche Tee bringen?“
„Nein, ist schon gut, ich trinke Wasser, das wird schon wieder. Und ja, komm morgen hierher und bring deine Eltern mit. Ich glaube das tut mir gut.“

Am Morgen geht es mir ein wenig besser. Alex ist auch wieder unterwegs, ich habe ihm nochmals angegeben, was er in Nasca zeigen sollte. Und ausserdem habe ich zweimal nachgefragt, wie das Hotel heute Abend heisst. Keine Antwort.

Ich versuche, meinen Blog weiter zu schreiben, bin schon ewig in Verzug. Doch ich weiss, wenn etwas schief läuft, kann ich nicht schreiben. Bin kurz davor, das ganze Schreibprojekt hinzuschmeissen. Hat eh alles keinen Wert. Ausserdem ist das letzte Kapitel, das ich gestern fertig geschrieben hatte, auch noch nicht online.

So schwierig war es tatsächlich noch nie. Nicht mit dem Internet an sich und schon gar nicht mit den Freigaben der einzelnen Kapitel durch den Seitenbetreibers.

Ausserdem gehört Geduld nicht zu meinen besten Eigenschaften. Hartnäckigkeit aber schon...

Keyla will zuerst wissen, was schief läuft. Ich zeige ihr meinen Chatverlauf mit Alex. Ist da irgendetwas, das man falsch verstehen könnte. War ich unklar? „Nein, alles klar, aber etwas stimmt da nicht.“

Sie schüttelt den Kopf. Sie kennt Alex auch, er hat uns in Lima schon von Agentur zu Agentur gefahren, als wir da unsere Lodge vorgestellt hatten. Und er hat uns im Hotel geholfen, Prospekte zu falten, hat Prospekte organisiert, sie in der Druckerei abgeholt.

„Wahrscheinlich hat er private Probleme.“ Das sehe ich auch so, aber das ist noch lange kein Grund einen so miesen Service abzuliefern. Er verhält sich wie jemand, der noch nie etwas mit Touristen zu tun gehabt hat, als ob er keine Ahnung hätte, wie man sich benimmt. Ich habe dafür überhaupt kein Verständnis. Und dabei hatte er vor drei Wochen noch versprochen, dass er alles tun würde, um seinen Gästen eine wunderbare Reise zu bereiten. Schliesslich macht er das nicht zum ersten Mal, kennt sich in der Gegend bestens aus.

Ich bin empört, aufgebracht.

„Werde nie mehr einen Solcito bei ihm investieren“. Jetzt lacht Keyla. „Solcito, du redest schon wie eine Peruanerin. Weisst du noch, wie dir diese Verkleinerungsformen auf den Geist gingen und du Cesar, angegangen bist, als er dich Beatrecita genannt hat?“ Cecar, unser Agent aus Lima, er hatte die Verkleinerungen auf die Spitze getrieben.

„Ja, daran kann ich mich gut erinnern, hab ihm gedroht, dass er mich ab sofort mit Chefa ansprechen müsse, wenn er mich noch einmal so nennt.“. Jetzt muss ich trotz allem lachen.

„Lass uns in den Pool gehen, im Moment kannst du eh nichts machen.“

Teresa geniesst den Pool mit allen Sinnen, lässt sich auf dem Wasser treiben, liegt auf dem Rücken, träumt. Pablo spielt mit Luana, versucht ihr das Schwimmen beizubringen und Keyla pflotscht mit Diego. Die Kinder jauchzen, freuen sich. Und ich versuche meinen Kopf abzukühlen und wieder zu mir zu finden.

Noch sind nicht viele Gäste hier. Es ist Abstimmungssonntag. Gestern noch meinte Claudia, die im Moment für alles zuständig ist, dass heute wohl nicht viel los sein würde. An Abstimmungstagen kämen weniger Leute, weil alle irgendwo an die Urne müssten. Doch das haben die meisten wohl schon am Vormittag erledigt, so wie Keyla und ihre Familie. Am Nachmittag haben sie Zeit sich zu vergnügen. Zum Beispiel im Casa Fitzcarraldo. Wir verziehen uns in den Schatten, am Rand des Pool. Bestellen etwas zu Essen und einen Krug Maracuya-Saft. Und beobachten den Pool, der jetzt immer voller wird.

Heute hat es viele Familien mit Kindern. Das war nicht immer so. „Vielleicht“, mutmasse ich, „sind es noch immer die gleichen jungen Paare, die früher hier zum Kuscheln kamen, aber jetzt sind es Familien. Mit kleinen Kindern. Mit Piranjas“. Wir kichern. Plötzlich sehen wir überall Bufeos und Manatis, Balenas und Prianjas. „Schau mal da drüben, das Manati ist grad wieder abgetaucht“. Wir kichern wie kleine Kinder, alles ist wieder heiter und locker.

„Wir sind im Hotel, der Flug über die Linien war fantastisch, Alex hat vieles wieder gut gemacht.“ Ich beäuge die Nachricht mit Argwohn. Etwas früh fürs Hotel. Und warum waren sie nicht bei den Mumien? Bei den Brunnen, die er ihnen zeigen wollte. Ich frage nicht nach, lass mir die gute Laune nicht schon wieder verderben. Wenigstens das Hotel ist perfekt.

Wir stossen mit dem Pisco an und schicken ein Bild nach Nasca. Prompt die Antwort: „Warum habt ihr Pisco und wir bekommen hier im Hotel keinen?“

Oh, es scheint dass diesmal ich diejenige bin, die unangenehme Nachrichten verschickt. Ich wusste nicht, dass heute ein Alkoholverbot im ganzen Land gilt, seit gestern Abend.

"Warum bekommen wir Pisco, wo es doch heute verboten ist?"

„Weil wir hier so gut wie privat sind. Wir sind sozusagen wie ein Club, hinter verschlossenen Mauern“, erklärt Claudia, die grad mit dem Essen kommt.

Darauf stossen wir gleich noch einmal an.

Es ist ein richtig schöner Nachmittag. Ganz unaufgeregt. Einfach herzlich, lustig und herzerwärmend.

Am Abend im Zimmer schaffe ich es dann doch noch, ein Kapitel zu schreiben. Es geht mir ja auch schon bedeutend besser. Werde es morgen online stellen, wenn ich beim Frühstück Internet habe. Dann werden sie in Nasca in den Bus steigen und den ganzen Tag über nach Arequipa reisen. Alex kann dann keine Fehler mehr machen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nach vier Jahren kehre ich zurück nach Iquitos, wo ich mit Hilfe von Einheimischen eine Lodge geführt habe. Ich werde Freunde besuchen und freue mich auf neue Begegnungen.
Details:
Aufbruch: 04.01.2020
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 31.01.2020
Reiseziele: Peru
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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