Batterien aufladen

Reisezeit: Mai / Juni 2010  |  von Beatrice Feldbauer

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Ich erwache früh am Morgen. Das Frühstück wird mir in der kleinen Pergola draussen serviert. Huevos revueltos, Papayasaft und eine Tasse heisses Wasser. Dazu das Glas mit Instantkaffee. Etwas anderes bekommt man hier in der Gegend nie. Was mich zurück bringt auf meine Kaffeemaschinengeschichte - aber davon später.

Ich muss noch ein paar Besorgungen machen und suche daher ein Taxi. Das heisst, eines dieser dreirädrigen Mototaxis, die kreuz und quer durch die Strassen flitzen, immer auf der Suche nach Passagieren, immer dabei, wenn es etwas zu empfehlen, zu vermitteln gibt. Dadurch ist ein solcher Taxifahrer auch ein prima Einkaufsberater. Ich brauche eine Hängematte. "Zum Mercado uno", empfiehlt er und hält auch gleich bei einem Stand, wo ich eine wunderschöne Hängematte mit dem hier traditionellen Muster der Indianer kaufen kann. Weiter zu einer Bodega, ich brauche einen Insektenspray.

Einkaufen in einem offiziellen Laden ist immer ziemlich kompliziert. Ich trete also an die Theke, hinter der mindestens fünf Leute stehen. Die Verkäuferin holt sofort meinen Mückenspray aus dem Gestell und zeigt ihn mir. "Noch etwas?" "Nein das ist alles", ich halte ihr das Geld hin. Sie gibt mir einen Zettel mit einer Nummer, damit muss ich jetzt erst zur Kasse. Bei der Kasse gebe ich den Zettel ab und zahle den verlangten Betrag. Jetzt bekomme ich nicht etwa die Ware, sondern eine Quittung mit Stempel und Unterschrift. Mit der gehe ich an einen anderen Schalter, und bekomme jetzt meinen Mückenspray, zusammen mit der Quittung, die jetzt auch noch einen Ausgabestempel enthält.

in der Bodega

in der Bodega

Wie viel einfacher ist da das Einkaufen beim Früchtehändler, den wir als nächstes ansteuern. Ich kaufe ein paar kleine süsse Bananen, ein Kilo Mandarinen und ein Kilo Äpfel. Bananen und Mandarinen kosten fast nichts, aber die schönen Äpfel kommen von Lima und sind dementsprechend teuer.
Jetzt noch ein Besuch im Süsswarenladen. Ich möchte ein paar Keske und Bonbons. Und ein paar Chips kommen auch noch mit. Ja, und einen Vorrat an Wasser brauche ich auch noch. Ich glaube, dass ich jetzt genügend ausgerüstet bin für meine 4-tägige Fahrt auf dem Ucayali. Essen wird da ausgegeben, aber ich bin mir nie so sicher, ob ich das auch wirklich essen möchte und habe lieber selber etwas dabei.

Beim Früchtehändler

Beim Früchtehändler

Zurück zum Hotel. Ich muss noch eine letzte Arbeit fürs Büro erledigen und per mail verschicken, und den ersten Reisebericht sollte ich auch noch online stellen, bevor ich abtauche. Um zwölf holt mich Fernando ab. Das Schiff soll um drei Uhr loslegen. Wir fahren zum Hafen, der mit grossen Lastwagen überstellt ist. Sogleich rennt uns ein Mann hinterher. "Zur Henry 8?" ruft er. "Beeilung, Beeilung, ich helfe dir!" Schon hat er meine Reisetasche aufgeladen, das Wasser obendrauf, eine weitere Tasche ebenfalls und er rennt los. Ich schnappe mir das restliche Gepäck und renne hinterher. Immer hinter meiner grossen Tasche her.

immer meiner Tasche und meinem Wasser hinterher

immer meiner Tasche und meinem Wasser hinterher

Auch der Taxifahrer kommt mit, er will wissen, wo ich untergebracht bin. Über das schmale Brett erklimmen wir das Boot und müssen immer wieder den Trägern ausweichen, die unentwegt Material auf das Boot tragen. Fresia und Gloria im 2. Deck sind unterdessen umringt von ihren Familien. Es hängen schon etliche Hängematten. Mein neuer Helfer befestigt meine fachgerecht an der Decke und verschwindet nachdem ich ihn für seine Mühen bezahlt habe. Auch Fernando ist zufrieden mit meiner Unterkunft und zieht ab, nachdem ich ihn entlöhnt habe. Jetzt bin ich also da. Habe meine Hängematte, meine Sachen sind an der Wand deponiert und ich harre der Dinge, die da kommen sollen.

Soeben eingezogen. Die blaue Hängematte wird in den nächsten Tagen mein Bett sein

Soeben eingezogen. Die blaue Hängematte wird in den nächsten Tagen mein Bett sein

Bald hängt neben mir ein aelteres Paar seine Hängematten auf und ich stelle mich vor. Frage sie, ob sie nebst ihrem eigenen Gepäck auch einen Blick auf meine Taschen werfen könnten. Das machen sie gerne. Sie heissen Raissa und Estefano und fahren zurück nach Iquitos wo sie wohnen. Ich kann also meinen Platz unbesorgt verlassen und mich auf dem Schiff umsehen. Es gibt vier Decks. Auf dem untersten wird Ware gelagert. Darüber kommt das Deck in dem ich untergebracht bin. Ganz hinten gibt es 6 Toiletten, die gleichzeitig auch Duschen sind. Immerhin, das scheint mir recht grosszügig. Ich habe natürlich noch keine Ahnung, wie viele Leute noch kommen, aber viele können , es in den nächsten zwei Stunden nicht mehr sein. (Wie unwissend ich da noch war!)

Aussicht von Deck 4

Aussicht von Deck 4

Jedes Deck ist etwas kürzer, aber im dritten Deck hängen ebenfalls wieder ein paar Hängematten und auch hier gibt es ein paar Toiletten ganz hinten. Auf dem vierten Deck entdecke ich zwei Dänen. Anne-Maria und Per. Sie sind seit zwei Monaten in Peru unterwegs. Iquitos wird ihre letzte Etappe sein, bevor sie in zwei Wochen zurück nach Dänemark fliegen. Sie haben eine der wenigen Kabinen bekommen und sind bereits seit gestern an Bord. "Wann fahren wir?", wollen Sie von mir wissen. Meine sehr überzeugte Antwort: um drei Uhr, nehmen sie mir nicht so recht ab, auf dem Deck gibt es noch genügend Platz für mehr Waren. Zusammen schauen wir dem Entladen eines Frachters zu, der schwere dicke Baumstämme geladen hat. Vom Ufer aus versucht man mit einem Trax die Stämme an Land zu ziehen. Das muss unweigerlich scheitern, das sehe sogar ich, die ich nicht sehr viel von Technik verstehe.

Holz entladen - ein sehr aufwändiger Job. Vor allem wenn man nicht die geeigneten Maschinen hat

Holz entladen - ein sehr aufwändiger Job. Vor allem wenn man nicht die geeigneten Maschinen hat

Die versuchen augenscheinlich Naturgesetzte auszuhebeln. "Und das schon den ganzen Vormittag", erzählt mir Per. Sie zerren und reissen schon seit Stunden an ein und demselben schweren Stamm herum. Das heisst, zwei Männer montieren das Seil um den Stamm, der Maschinist zieht und rumort am Ufer und mindestens fünf Männer sehen unbeteiligt zu. Meine Videoaufnahmen sind wahrscheinlich etwas auffällig und so kommt es, dass sich eine halbe Stunde später ein Mann zu uns gesellt. Eben noch hat er sich unten am Seil zu schaffen gemacht, jetzt glaubt er, dass er auserkoren ist, uns zu unterhalten. Das wird allerdings schwierig, denn wir verstehen ihn kaum. Nur wenn ich ihm konkrete Fragen stelle, erhalte ich Antworten, die ich irgendwie einordnen kann. Vor allem wird es jetzt schwierig, ihn wieder los zu werden. Irgendwann hole ich ihn hinunter zum Warendeck und von dort schleiche ich mich ab, zurück zu meiner Hängematte.

Da fühlt man sich wenigstens nie einsam...

Da fühlt man sich wenigstens nie einsam...

Das zweite Deck ist unterdessen bevölkert. Hängematten in allen Farben und Anfertigungen hängen da. Raissa meint, wir würden um sechs Uhr losfahren und so lege ich mich in die Hängematte. Es gibt nichts zu tun. Es ist kühl und vor allem, es weht ein starker Wind. Bereits beginne ich zu zweifeln, ob ich vielleicht doch etwas Wärmeres hätte anziehen sollen. Fliegende Händler umschwirren uns. Einer hat Hängematten, Decke und Frottiertücher. Ich erstehe eine Decke für 10 Soles. Und ein paar Brote.

Falls ich noch irgendetwas vergessen hätte, hier kann man es noch kaufen. Esswaren, Süssigkeiten, Toilettenpapier, Zahnbürsten. Die Händler wissen genau, was man für die Reise braucht und sie kommen immer wieder vorbei. Genau, ein Teller und ein Löffel fehlen mir noch. Achtzehn Uhr, es wird dunkel.

Ich bin oben beim Steuermann. Hans heisst er. Der Motor läuft. Das Schiff wird in eine etwas andere Position gebracht. Ich frage Hans, wann wir ablegen. "Heute". Aber zuerst müssen noch ein paar Kühlwagen an Bord. Es hat ja vorne noch genügend Platz. Darum ist auch der Trax da vorne, der ebnet das Gelände, damit die Lastwagen hereinfahren können. Das muss ich natürlich sehen. Also runter zum Warendeck, zwischen all den aufgeschichteten Waren nach vorn. Noch immer bringen Träger Waren an Bord. Es ist ein unendlicher Strom. Die Träger kommen mir vor wie die Blattschneideameisen gestern.

Laden und entladen

Laden und entladen

Ganz vorne am Ufer ist der Trax mit seiner breiten Schaufel dabei, das weiche Gelände, das vor allem aus weichem verdorrten Gras und Binsen besteht, etwas aus zu ebnen. Und dann werden zwei dicke schwere Bretter gelegt und der erste Lastwagen versucht die Fahrt. Langsam fährt er auf die schwankende Rampe, ist über der Klippe, die Hinterräder fahren auf das Brett. Er schwankt, kippt nach vorn -und ist auf dem Schiff. Der nächste kann kommen. Hier klappt das mit den Vorderrädern ebenfalls ganz gut, aber die Hinterräder sind nur knapp zur Hälfte auf den Brettern. "Corre, corre, schnell schnell", rufen die Männer. Ein beherzter Tritt aufs Gas und auch der Kühlwagen ist an Bord. Beim dritten knackt schon mal eines der Bretter, aber auch der schafft es irgendwie mit Schwanken und Ansporn bis an Deck.

Der Administrator und der Kapitän der Henry 8

Der Administrator und der Kapitän der Henry 8

Zwischendurch wechselte ich meine Position und ging ans Ufer. "Pass auf, das könnte einsinken", wurde ich gewarnt. Die trauen also eher einen Lastwagen über dieses Ufer zu schicken, als mich da stehen zu sehen. Was für Gewichtsverhältnisse haben die eigentlich? Ich habe versucht, die ganzen Szenen auf Video aufzunehmen und glaube, wenn sie klappen, wären sie für "Wetten dass" geeignet und ich werde sie bestimmt auf Youtube stellen.

Hier vorne auf dem Deck treffe ich übrigens auch Diablo, den Kapitän. Selbstverständlich falle ich als allein reisende Ausländerin sofort auf und es kommt zu dem bekannten Fragespiel: "Andas sola? Quantos ninos tienes? Bist du allein, wo ist dein Mann, wieviele Kinder hast du?" "Keines." Diablo sieht mich mitleidig an. Er hat fünf und es macht der Anschein als ob er mir gleich auf der Stelle eines machen möchte. Jedenfalls lädt er mich in seine Kajüte ein. Er hätte einen Video, und ausserdem sei es bequem und warm da. Ich lehne dankend ab, gehe zurück zu meiner Hängematte.

Inzwischen ist es zwanzig Uhr. Der Strom der Träger hat noch immer nicht aufgehört. Ich gehe schlafen, an ein Loslegen ist heute nicht mehr zu denken.

Es wird richtig kalt in der Nacht. Irgendwann hole ich meine Windjacke und meine Socken aus dem Rucksack. Und dabei hatte ich doch allen erzählt, dass ich diese Kleidungsstücke im Dschungel bestimmt nie brauchen werde. Trotz der Decke, in die ich mich einmummle, friere ich in dieser Nacht erbärmlich.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Diese Reise ist eine Mischung von Abenteuer und Arbeit. Seit ich im August 2008 zum ersten Mal in Peru war, lässt mich das Land nicht mehr los. Ich habe danach im Regenwald am Amazonas eine Lodge gebaut und bin jetzt dabei, sie bekannt zu machen. Das ist an sich schon ein Abenteuer. Diesmal will ich aber das Dschungelfeeling noch etwas ausbauen und reise mit dem Frachtschiff von Pucallpa nach Iquitos... wer reist mit?
Details:
Aufbruch: 29.05.2010
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 20.06.2010
Reiseziele: Peru
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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