Batterien aufladen

Reisezeit: Mai / Juni 2010  |  von Beatrice Feldbauer

Ankunft

Und wieder empfängt mich ein funkelnder Morgen. Der magische Moment, in dem das Wasser mit dem Himmel und den Wolken verschmilzt und eine schimmernde Einheit bildet ist bald vorbei. Heute habe ich keine Lust, zum Steuerhaus zu gehen. Zu sehr stecken mir die Ereignisse der Nacht noch in den Knochen. Es herrscht Aufbruchstimmung im Deck zwei. Zwar dauert es noch etwas, bis die ersten Häuser in Sicht kommen, doch gegen acht Uhr sehen wir die Kranen und die Schiffe von Nanay, dem Hafen von Iquitos.

Frühstück gibt es keines mehr, wir sind angekommen.

hier steht der Anführer der nächtlichen Revolte und ist heute ganz ruhig.

hier steht der Anführer der nächtlichen Revolte und ist heute ganz ruhig.

Ich hole meine Hängematte herunter, kontrolliere mein Gepäck. Verteile an die kleinen Mädchen ein paar Feuchttüchlein. "Was ist das, hast du noch mehr davon?" Nein, aber da sind noch ein paar Chips. "Aber bitte die Verpackung nicht ins Wasser schmeissen! Bringt sie mir zurück, ich nehme sie in meinen Abfallsack". Das ist schwierig zu verstehen. Bereits habe ich einen Jungen entdeckt, der ein paar meiner leeren Wasserflaschen über Bord warf. Und jetzt schielt er schon die ganze Zeit auf den Plastiksack, in dem ich meine Abfälle gesammelt habe. Es ist das, was mich auf der Reise am meisten gestört hat, dieser sorglose Umgang mit der Umwelt. Alles, aber wirklich alles wird mit der grössten Selbstverständlichkeit über Bord geworfen.

"Was machst du mit dem Abfall, mit dem Dreck, den du da ständig mit dem Besen zusammenkehrst", wollte ich von Juan einmal wissen. Er hat mich etwas irritiert angesehen und gemeint, dass er das wegwerfe, über Bord.

Niemand macht sich Gedanken darüber, dass all die Plastiksäcke und Flaschen mit dem Fluss mit schwimmen, vielleicht von Fischen gefressen oder irgendwo an den Ufern angeschwemmt werden. Und das in dem Wasser, das für viele Menschen die Lebensgrundlage ist. Man braucht es zum Kochen und Trinken, zum Waschen und für die tägliche Hygiene. Es gibt weder Wasser- noch Abwassersysteme in den kleinen Dörfern. Man holt sich mit grossen Behältern das Wasser aus dem Fluss. Man badet abends im Fluss, putzt sich die Zähne.

Was mir hingegen imponiert ist der Umgang mit der eigenen Sauberkeit. Die Leute duschen täglich, verschwinden mit Zahnbürste und Handtuch Richtung Toiletten und kommen mit nassen Haaren zurück. Es wird trotz Hinweis, dass im Lavabo keine Kleider gewaschen werden sollen, eifrig gewaschen und überall hängt Wäsche zum trocknen auf. Eigentlich leben die Leute hier im Schiff einfach ihr normales Leben weiter. Ich habe da bedeutend mehr Mühe und habe meine tägliche Toilette in den letzten Tagen auf ein absolutes Minimum reduziert. Heute geben sich die Mädchen noch etwas mehr Mühe. Sie ziehen sich das sexy Top an, verwenden ihren Lieblingsduft und vergessen auf keinen Fall Mascara und Lippenstift. Wir kommen in Iquitos an.

Wie leer das Deck zwei plötzlich ist

Wie leer das Deck zwei plötzlich ist

Zuerst stehen wir allerdings für zwei Stunden am Ufer. "Das ist der Zoll wir warten auf die obligate Kontrolle", erklärt mir der Zahlmeister, den ich vor dem Steuerhaus treffe. Ich bin inzwischen doch noch hinauf gegangen. Habe meinen restlichen Wasservorrat mitgebracht. Kann vielleicht nicht schaden, die Jungs mit etwas Wasser zu versorgen. "Es ist alles so unorganisiert" klagt der Zahlmeister. "Und meistens muss man etwas nachhelfen, damit auch wirklich etwas passiert" meint er bekümmert weiter und macht mit-Daumen und Zeigefinger die unmissverständliche Geste.

Ich verabschiede mich von Gilberto. "Es un gusto conocerte". "De igual manera. Cuidate mucho." Un besito, ein letzter Blick in seine unergründlichen Augen mit dem schelmischen Funkeln.

vor dem Zoll warten wir zwei Stunden

vor dem Zoll warten wir zwei Stunden

Bei Raissa und Estefano bedanke ich mich, dass sie mir die Sicherheit gaben, mich auf dem Schiff frei bewegen zu können, ohne einen Gedanken an mein Gepäck zu verschwenden. Und dann plötzlich geht alles ganz schnell. Mit einem Motorboot sind Träger an Bord bekommen. Selbstverständlich hat mich einer von ihnen schnell ausgemacht. Touristin, die ihren Plunder nicht allein von Bord schafft. "Wo ist dein Gepäck, ich helfe dir". Schon sind wir vorne an der Rampe. Diablo steht da. "Mein Mobil ist noch in deiner Kabine, ich werde es später holen", sage ich beim Abschied. Ich wollte es da aufladen, aber ich hatte vergessen, es frühzeitig zurück zu holen und selbstverständlich ist seine jetzt Kabine verschlossen. "No problemo, wir werden noch lange hier sein, das Schiff muss entladen werden".

Und dann steht Horacio da, holt mich ab. Und ich spüre, wie unglaublich schön das ist, erwartet zu werden. Er hat seinen Primo dabei. Der wird sich um mein Gepäck kümmern und es mit dem Mototaxi zum Hotel bringen. Ich aber setze mich auf den Soziussitz von Horacios Moto. So fahre ich in Iquitos ein und fühle mich wie eine Königin.

Iquitos, beim Bulevard

Iquitos, beim Bulevard

Mein Zimmer im Hotel Maranon ist reserviert, das Gepäck bereits im Zimmer. Das Mädchen an der Rezeption erkennt mich wieder. "Schön, sie wieder hier zu haben, Senora" Sie gibt mir den Schlüssel zu Zimmer 202 und ich erlebe einen Moment von unsäglicher Wohltat. Ein Zimmer für mich allein, ein ganzes Zimmer, mit zwei breiten Betten, einem sauberen Bad, eigener Toilette und einer Dusche aus der warmes Wasser fliesst. Was für ein Luxus!

Nach einer ausgiebigen Dusche fühle ich mich komplett neu gebohren. Das Stinktier hat sich wieder in einen Menschen verwandelt. Meine Kleider von der Reise gebe ich gleich in die Wäscherei. Nur schon den Gedanken an die stinkenden Kleider in meiner Reisetasche kann ich nicht aushalten. Und dann geniesse ich einem Moment das Bett, strecke meine Glieder und kann es überhaupt nicht mehr glauben, dass ich es sieben Tage in einer Hängematte ausgehalten habe. Bereits jetzt kommt mir das ganze unwirklich vor.

Doch jetzt ist nicht die Zeit, mich lange auszustrecken, ich werde im Büro erwartet. Keyla freut sich ungemein. Ich habe sie schon ins Herz geschlossen, als sie bei uns vor einem Jahr angefangen hat zu arbeiten und inzwischen ist sie eine richtig tüchtige Sekretärin. Natürlich wollen alle wissen, wie die Reise war, wie es meiner Schwester geht, die letztes Mal mitkam, was Christina macht, die vorletztes Mal dabei war. "Alles ok in der Schweiz und wie geht es hier?" Es ist nicht ganz einfach, zuzugeben, dass die Dinge nicht ganz so laufen, wie sie sollten, dass die Preise gedrückt werden und es einen Kampf um jeden Passagier gibt. Nichtsdesto trotz erkläre ich einmal mehr, dass ich auf keinen Fall im Sinn habe, die Preise zu senken, sondern vielmehr den Service zu verbessern.

Dazu habe ich zum Beispiel die Feldstecher mitgebracht. Und ausserdem gibt es ab sofort richtigen Espressokaffee in der Lodge. Ich habe zwei italienische Kaffeekocher mitgebracht. Ein paar neue Bücher für die Bibliothek sind auch da. Es gibt neue Fotobücher über die Geschichte des Amazonas und über den Schamanismus am Amazonas.

Das scheint ein aktuelles Thema zu sein. Keyla entschuldigt sich für den schmutzigen Boden. Der Schaman war gestern hier und hat seine Medizin im Büro verteilt. Die Spuren sind deutlich auf dem verschmierten Boden zu sehen. Nein, man will nicht jammern und man will auch nichts schlechtes sagen, aber der Umstand, dass man einen Schamanen zugezogen hat, zeigt mir, dass Horacio im Gegensatz zu mir ziemlich beunruhigt ist über den momentanen Geschäftsverlauf.

Und ich? Was soll ich dazu sagen? Wie soll ich mich verhalten? Für den Moment lasse ich die Sache auf sich beruhen. Werde später versuchen, mehr darüber zu erfahren.

Ich lasse eine Flasche Cola holen und dann lade ich alle zum Mittagessen ein. Man muss merken, dass die Chefin da ist. Selbstverständlich meine ich das sehr positiv. Ich will, dass die Leute Spass haben an ihrer Arbeit, dass sie eine gute Stimmung verbreiten. Heute ist Davide dabei, er arbeitet erst seit kurzem als Guia bei uns. "Wohin gehen wir?" Will ich wissen. "Zu Roberto, er erwartet dich, will dir einen Fisch zubereiten". Bei Roberto habe ich bei anderen Gelegenheiten jeweils im schwimmenden Restaurant in Nanay den besten Fisch gegessen. Einmal hatten 30 Mototaxifahrer zu einem Event bei ihm eingeladen. Zu meinen Ehren, und weil wohl mein Tarif gut war, hat er damals gleich das ganze Restaurant neu gestrichen. Leider musste er das Restaurant aufgeben, weil er ernsthaft erkrankt ist. Morgen fährt er nach Lima zu einer speziellen Behandlung. Aber heute wird er mir noch einen seiner sagenhaft guten Fische machen.

zwar nicht der Fisch von Roberto, aber so einer wars

zwar nicht der Fisch von Roberto, aber so einer wars

Wir sind zu fünft, als wir bei Roberto zuhause eintreffen. Er führt im Moment in seinem Haus ein improvisiertes Restaurant. Er freut sich riesig, mich zu sehen. Trotz seiner Krankheit strömt er diese Freundlichkeit und Herzlichkeit aus, die mit an ihm so imponiert. Es gibt keinen Tisch, aber es hat ein paar Stühle und so geniessen wir schon bald ein wunderbares Mittagessen. Für mich gibt es den gebratenen Fisch und für die anderen Ceviche, die Köstlichkeit aus rohem Fisch und viel Zitronensaft, die es nur hier in Peru gibt. Dass wir die Teller irgendwie auf den Knien balancieren stört niemanden.

Am Nachmittag fahren wir noch einmal zum Hafen. Ich will mein Natel beim Kapitän abholen. "Der ist vor 5 Minuten weg gegangen", erklärt mir Ricci, der Administrador. Er ruft ihn an. "Ich gehe mit meiner Senora essen", erklärt mir Diablo, "aber ich werde dir dein Natel ins Büro bringen". Täusche ich mich, oder hat er mir da ein besito durchs Telefon gehaucht?

Ich habe ein paar Polos mitgebracht und erhalte dafür das Versprechen, dass man auch Hans ausrichten wird, dass ich mein Fernglas wieder haben möchte. "Alles klar, Senora, ich werde es ausrichten". Ricci freut sich über sein Polo und ich habe damit schon wieder einen Werbeträger mehr.
Später am Abend wird das Fernrohr im Büro abgegeben. Keyla rüstet den Überbringer mit Polo, Prospekten und Visitenkarte aus und auch der Kapitän, der prompt am nächsten Morgen im Büro steht, bekommt die volle Werbepackung mit. Ich glaube, dass wir damit die halbe Besatzung mit unseren Polos ausgerüstet haben und wer weiss, vielleicht zeigt dieser Trick später Wirkung.

Damit schliesse ich diesen Reisebericht. Ich werde die nächsten Tage in Iquitos verbringen, ein paar Tage in den Dschungel zur Lodge fahren und ein paar Tage in Lima Reiseagenturen besuchen. Diese Tätigkeiten sprengen aber den Rahmen von www.umdiewelt.de und sind für andere Leser bestimmt nicht sehr interessant. Für die, die mich kennen, führe ich die Geschichte meiner Lodge mit einem Kurzblogg in meiner eigenen Homepage weiter.

Nachzutragen ist noch, dass Per und Anna-Maria mit uns in der Lodge ein paar tolle Tage erlebten. Wir hatten sehr viel Spass zusammen und bestimmt nehmen sie ein paar unvergessliche Erlebnisse mit nach Hause.

Den Video vom Beladen des Schiffes in Pucallpa habe ich unterdessen auf Youtube geladen.

Youtube

Ein paar Impressionen von den folgenden Tagen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Diese Reise ist eine Mischung von Abenteuer und Arbeit. Seit ich im August 2008 zum ersten Mal in Peru war, lässt mich das Land nicht mehr los. Ich habe danach im Regenwald am Amazonas eine Lodge gebaut und bin jetzt dabei, sie bekannt zu machen. Das ist an sich schon ein Abenteuer. Diesmal will ich aber das Dschungelfeeling noch etwas ausbauen und reise mit dem Frachtschiff von Pucallpa nach Iquitos... wer reist mit?
Details:
Aufbruch: 29.05.2010
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 20.06.2010
Reiseziele: Peru
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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