Batterien aufladen

Reisezeit: Mai / Juni 2010  |  von Beatrice Feldbauer

Traummann

Als ich gestern Abend zurück auf Deck zwei kam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. War das Deck bisher schon sehr stark bevölkert, so ist es jetzt definitiv überbelegt. Jede Menge neuer Hängematten hängen da. Am Boden liegen Matratzen mit aufgespannten Moskitonetzen. Sogar bei den Toiletten und am Geländer hängen Hängematten und zwischen Marissa und mir hat sich ebenfalls ein neuer Passagier gezwängt. Nur Raissa hat mit Estefano die andere Seite erfolgreich verteidigt.

Ich schlüpfe also unter meine Decke und versuche zu schlafen. Hinter mir hört einer eine flammende Rede eines lokalen Politikers im Radio, nebenan kichert ein Mädchen und weiter drüben wird in den Hängematten Karten gespielt. Es wird eine unruhige Nacht. Woran es liegt, kann ich nicht richtig ergründen. Vielleicht weil ich schon den halben Tag in der Hängematte lesend und dösend verbracht habe, vielleicht weil die einzige Lampe die in dieser Nacht brennt, ausgerechnet in mein Gesicht leuchtet. Ich mache es wie die anderen, ziehe die Decke über den Kopf und überlasse mich meinen Gedanken.

da hinten liege ich!

da hinten liege ich!

Irgendwie ist es grotesk. Ich liege hier als einzige Ausländerin inmitten der Peruaner in einem riesigen Frachter, der den Ucayali hinunter fährt. Ankunft unbekannt. Die Atmosphäre ist absolut friedlich, obwohl jeder nur gerade seine Hängematte als Aufenthaltsort hat. Es gibt keine Stühle auf dem ganzen Schiff, nur einen Tisch pro Deck und ein paar ganz wenige Bänke. Niemand reist allein, man hat Familie dabei, Kinder, Freunde, Bebes. Und man kümmert sich ausschliesslich um sich selber.

Niemand stört sich, wenn man mitten in der Nacht geschaukelt wird, weil einer raus will oder seine Stellung in der Hängematte wechselt. Mit Betten brächte man diese Belegung überhaupt nie hin und die Nähe wäre nicht auszuhalten. Die Hängematte bietet aber jedem einen gewissen privaten Schutz in den man nicht übergreift, ausser ich, wenn ich mit meiner Kamera einen schnellen Schnappschuss wage. Und nicht einmal dabei werde ich je mit einem bösen Blick gestraft. Im Gegenteil, man winkt, man freut sich. "Nimmst du meine Foto mit in dein Land?" will man manchmal wissen. Am Abend hatte ich oben im Steuerhaus den kleinen Jungs die Fotos gezeigt, die ich im Schiff geschossen hatte. Und sie haben sich jedes Mal gefreut, wenn sie jemanden aus ihrem Bekanntenkreis erkannten.

so stelle ich mir ein Flüchtlingsschiff vor

so stelle ich mir ein Flüchtlingsschiff vor

Ich bin übrigens sehr zufrieden mit meinem Schlafplatz. Ich habe genügend Licht um tagsüber zu lesen und auch die Luftzufuhr ist gewährleistet. Am anderen Ende des Schiffs liegt die Küche und darunter sind die Hühner in einem kleinen Verschlag untergebracht. Nur gelegentlich kommt ein Schwall, der mir zeigt, wie gut ich es habe, dass ich nicht die ganze Zeit diesen Duft in der Nase haben muss.

Morgenstimmung von ganz oben

Morgenstimmung von ganz oben

Um sechs Uhr morgens wird es hell und ich nehme an, dass wir bald losfahren. Also hinauf zum Steuerhaus. Hans ist da und erklärt mir, dass es wieder sehr viele Sandbänke hat und das kleine Boot bereits ausgelaufen ist, um die Tiefe auszuloten. Kurz darauf dröhnt unser Motor auf und die Fahrt kann losgehen. Heute erkunde ich, wie ich noch höher im Schiff klettern könnte und entdecke eine einfache Eisenleiter die auf den Tank und von da auf das letzte Deck führt. Und da braucht es nur noch ein ganz kleines bisschen Mut oder Frechheit und ich stehe auf dem Steuerhaus, ganz oben auf dem Schiff und habe nun wirklich uneingeschränkte Sicht auf die ganze Umgebung. Gerade geht die Sonne auf und ich fühle mich da oben vogelfrei. Wenn ich nicht ganz nach vorne gehe, bin ich von unten nicht zu sehen. Nur meinen Schatten sehe ich am Ufer mit der Schiffssilhouette vorüberziehen.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen am Ufer die Vögel und begrüssen mit ihren Gesängen den neuen Tag. Gern möchte ich es ihnen nachmachen und mitjubeln, da steht plötzlich der schönste Mann des Schiffes neben mir. Gilberto. Ich habe gestern schon kurz mit ihm gesprochen. Er teilt mit drei Kollegen die letzte Doppelkabine und ist erst kurz vor Abfahrt aufs Schiff gekommen.

"Hast du keine Angst da oben?" will er wissen. "Nein". "Wovor hast du denn Angst?" So schnell kommt mir nichts in den Sinn und das scheint ihn irgendwie zu verwirren. Er ist der erste, der mir nicht die stereotypen Fragen stellt sondern wissen will, was mich hier so fasziniert. Und dabei sieht er mich mit seinen glänzenden schwarzen Augen an. Wir beobachten ein paar Vögel, die im Aufwind des Schiffes mitsegeln.

Er macht mich auf eine grosse Maschine am Ufer aufmerksam. "Hier wird illegal Holz geschlagen. Ein grosses Problem im Dschungel. Es gibt so viele Leute in Peru, die nur das Geld sehen". Es scheint, dass er sich viele Gedanken über die Situation in seinem Land zu machen scheint. Er gehört irgendwie zu den letzten Containern, die aufgeladen wurden, aber was seine Funktion ist, will er mir nicht sagen. "Du könntest dich da vorne so hinstellen wie in Titanic, und ich halte dich von hinten", schlägt er vor. Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich glaube, dass das Ende nicht sehr glücklich ausging. "Nein" sage ich daher, "ich fürchte, davor habe ich nun wirklich etwas Angst". Er lächelt und kurz darauf verabschiedet er sich. Es ist acht Uhr, es gibt Frühstück.

Essensausgabe

Essensausgabe

Frühstück fällt bei mir wieder einmal aus, ich mag keine Suppe am Morgen. Und ich habe immer noch Bananen und Mandarinen. Ich mummle mich ein paar Stunden in meine Hängematte und vertiefe mich in meinen Krimi. Dann zieht mich die Sonne wieder hinaus. Hinauf auf Deck. Eigentlich wollte ich den Laptop bei Per holen, aber dann stehe ich doch schon wieder ganz oben. Kurz darauf erscheint Gilberto, bietet mir eine geschälte Grapefruit an. "Warst du die ganze Zeit da oben?" Will er wissen. Nein selbstverständlich nicht.

Er erzählt mir von seiner Leidenschaft. Mountainbiken, oder Motocross. Und Hängegleiten würde er gerne. Alles was eine persönliche Herausforderung bedeutet. Für Fussball hat er zwei rechte Füsse. Interessant, dass es im spanischen nicht zwei linke, sondern zwei rechte Füsse sind. "Eigentlich egal", meint er, "wichtig ist, dass zwei gleiche Dinge nicht richtig miteinander funktionieren können, es braucht zwei, die sich ergänzen".

es un guapo!

es un guapo!

Zwei Stunden später wissen wir wirklich ziemlich viel voneinander. Er ist 40, arbeitet bei der Polizei in Lima und begleitet einen wichtigen Transport von Chemikalien und Laborgeräten nach Iquitos. Er hat vor kurzem geheiratet, obwohl er damit einen ganz wichtigen Teil seines Lebens aufgeben musste, seine Unabhängigkeit. Aber eine Heirat ist für immer, betont er und ich glaube es ihm aufs Wort. Ist ja auch zu blöd, dass Traummänner immer grad schon vergeben sind. Ich habe mir dafür heute auf Deck einen mittleren Sonnenbrand geholt, aber irgendwie war es das wohl wert. Wer denkt schon an Sonnenschutz wenn grad der schönste Mann mit einem flirtet.

Nach dem Mittagessen legen wir bei einem kleinen Dorf an. "Pass auf, jetzt kommen gleich die Früchteverkäufer", sagt Raissa. Also raus und nachsehen, wie das abläuft. Und richtig, wir haben noch kaum angelegt, schwirren sie herein, die fliegenden Verkäufer. Sie verkaufen Kokosnüsse, Orangen, Grapefruits, gebratene Fische, Reisballen mit Blättern umwickelt, Wasser, Cola Süssigkeiten. Wie ein Bienenschwarm sind sie über das Schiff hergefallen und lassen keinen Winkel aus. Bis hinauf ins Steuerhaus kommen sie und so schnell wie sie gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder fort und das Schiff legt ab.

Gebratene Fische

Gebratene Fische

in Blätter eingewickelte Bananen vom Grill

in Blätter eingewickelte Bananen vom Grill

Zurück in der Hängematte erzählt Raissa von ihren drei Töchtern und ihren Grosskindern. Sie kann gar nicht mehr aufhören, mir alle Vorzüge ihrer Nachkommen einzeln aufzuzählen. Bereits überlege ich, ob ich mir auch ein paar Grosskinder zulegen sollte. Das Gespräch kommt mir sonst so einseitig vor. Leider habe ich aber die erste Frage nach eigenen Kindern ganz am Anfang negativ beantwortet.

Als mir jetzt Raissa zum dritten Mal erklärt, wie intelligent ihre beiden jüngsten sind, dass der Kleine schon die schwierigsten Rechenaufgaben seiner Klasse allein meistert und die Jüngste sich ebenfalls kein A für ein U vormachen lässt, erzähle ich ihr von den beiden wunderbaren Söhnen meines verstorbenen Mannes. Und dann erst deren drei süsse Töchter! Engel mit blonden wallenden Locken und blauen Augen. Ich überbiete mich selber, von den kleinen Goldschätzen zu schwärmen. Und sie werden bestimmt grosse Karriere machen im Sport. Bereits in ihren jungen Jahren zeigen sie eine ungewöhnliche Ausdauer auf dem Trampolin, das sie manchmal ganze Sonntagnachmittage nicht mehr verlassen möchten.

chicos

chicos

Kurz darauf ist das Thema Grosskinder abschliessend erledigt und wir können uns wieder den alltäglichen Dingen zuwenden, die da wären: wann kommen wir in Iquitos an. Durch den Tag Verspätung rechne ich mit Freitag-Abend. Aber schon geistern Meinungen wie Samstag, oder gar Sonntag durchs Schiff. Auskunft erhält man selbstverständlich überall. Nur leider überall eine komplett andere. Also gebe ich es auf, mir darüber Gedanken zu machen. Solange wir auf Fahrt sind, werden wir irgendwann ankommen.

Heute habe ich mir einen schattigen Arbeitsplatz eingerichtet

Heute habe ich mir einen schattigen Arbeitsplatz eingerichtet

Ich suche mir auf Deck vier einen kühlen schattigen Platz hinter den Schachteln mit Pommes-Chips und verbringe die nächsten Stunden mit dem Schreiben meines Reiseberichtes. Es ist unglaublich, eigentlich sitze ich nur auf einem Schiff, das den Fluss hinunterfährt. Ich tue kaum etwas, lasse mich treiben, so wie das Schiff und trotzdem passiert immer wieder so viel.

Am Abend, ich liege in der Hängematte, es ist Essensausgabe und alle holen ihre Portion ab, da stupft mich jemand von hinten. Gilberto. "Hier bist du also, ich habe dich gesucht", meint er. Für einen Mann der gerade erst geheiratet hat, flirtet er ganz schön. Der Höhepunkt kommt, als er der Frau, die sich heute Nachmittag in einem unbewachten Moment zwischen Raissa und mich gedrängt hat, anbietet in ihrer Hängematte zu schlafen. Als Gegenleistung bietet er die Kabine mit seinen drei Kollegen. Die Frau geht nicht auf das Angebot ein. Raissa meint später: "es un Guapo". Er sieht toll aus.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Diese Reise ist eine Mischung von Abenteuer und Arbeit. Seit ich im August 2008 zum ersten Mal in Peru war, lässt mich das Land nicht mehr los. Ich habe danach im Regenwald am Amazonas eine Lodge gebaut und bin jetzt dabei, sie bekannt zu machen. Das ist an sich schon ein Abenteuer. Diesmal will ich aber das Dschungelfeeling noch etwas ausbauen und reise mit dem Frachtschiff von Pucallpa nach Iquitos... wer reist mit?
Details:
Aufbruch: 29.05.2010
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 20.06.2010
Reiseziele: Peru
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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