Mauretanien - Senegal - Kapverden

Reisezeit: Mai / Juni 2001  |  von Peter Kiefer

Mauretanien: Ouadâne: Régis

8. Juni 2001, Ouadâne:

Heute die frische Kamelmilch zum Frühstück. Saïda hat sie mir gebracht, einen ganzen Liter. Dass ich zum Bezahlen nur große Scheine habe, verschafft uns den willkommenen Anlass, ihr gleich in die Stadt hinauf zu folgen, um Wechselgeld zu erhalten. In einem Friseursalon begegnen wir jemandem, der ein taxi brousse organisieren kann und uns versichert, dass am heutigen Tag "mit großer Wahrscheinlichkeit" ein Wagen nach Atâr fahren würde. (Unsere Zeit ist insgesamt knapp bemessen. Noch wissen wir nicht, ob wir nach Norden entlang der Küste zu den großen Flamingo-Kolonien oder nach Süden in den Senegal fahren werden.) Ich klebe für eine Weile regelrecht an dem Parfümgeruch, von dem der Friseurladen erfüllt ist, er ruft erregende Kindheitserinnerungen wach. Wie in Chinguetti werden auch in Ouadâne alte Schriften aufbewahrt aus jener Karawanenzeit, als die Stadt durch den Umschlag von Gummi arabicum, Salz, Gold und Sklaven reich geworden war. Wieder ist es Saïda, die uns zu einem Bibliothekar führt, der uns unendlich viel über die Aufbewahrung und Restaurierung dieser Schriften erzählt, über die Beschaffenheit der Papiere, die Zusammensetzung der Tinten und - ganz wesentlich - den Appetit der Termiten. Oft haben sie sich peinlich genau an der Strich-führung der Schrift entlanggefressen, das größte Glück im Unglück.

Der Bibliothekar von Ouadane.

Der Bibliothekar von Ouadane.

Der Bibliothekar von Ouadâne ist ein geradezu besessener Sammler. Ähnlich wie sein Kollege in Chinguetti hat auch er ein kleines Museum für Alltagsgegenstände zusammengestellt, vielleicht ist es schon der Anfang einer ethnologischen Sammlung, die einmal - so wünscht er sich's - in einem restaurierten Haus in der Altstadt untergebracht sein wird. Er wird nicht müde alles Mögliche vorzuführen, die Ackergeräte, die Mühlen, Satteltaschen, Waffen und Schösser. Karin und ich sind nicht seine einzigen ausländischen Besu-cher an diesem Tag. Ein Mathematik-Professor ist eingetreten, ein verschmitzter, kommunikativer Mensch um die sechzig. Régis heißt er, ein Frankokanadier. Wir kommen rasch ins Gespräch miteinander, erfahren, dass er lange Jahre in verschiedenen afrikanischen Ländern gelebt hat und nun im westlichen Afrika für drei Monate unterwegs und dass er gerade auf dem Weg ist nach Atâr. Er bietet uns an in seinem gemieteten Geländewagen mitzufahren, heute noch, jetzt gleich. Bei Saïda gibt es zuvor aber noch ein Spaghettiessen. Extra wegen uns benutzt sie ein Besteck und entschuldigt sich gleich, dass sie damit gar nicht richtig umgehen könne. Mohammed heißt nun unser Fahrer und er pflügt routiniert durch den Wüstensand. Ohne ihn würden wir nicht zu einer lokalen Sehenswürdigkeit gelangen, jenem Gelb er Richât, nach dem auch unsere auberge benannt war. Ursprünglich hat man ihn für einen Meteoritenkrater gehalten. Mittlerweile gilt er als eine Laune der Natur, als Zufalls- oder, besser, als gar kein richtiger Krater. Er besteht aus drei konzentrischen zum Teil weit auseinander liegenden Ringen. Im Zentrum laufen wir nur über Sand und Geröll, sind ein wenig ratlos und durstig sowieso. Dann ist da noch ein altes portugiesisches Fort in der Nähe. Die Gegend scheint völlig menschenleer, aber kaum haben wir angehalten, taucht schon ein Mädchen auf und bietet uns Ketten an, Tabaksbeutel und Steinschälchen. Was macht sie den ganzen Tag über, gerade jetzt in der heißen Jahreszeit, wenn so gut wie keine Touristen unterwegs sind? Und wohin geht sie am Abend? Das Fort selbst: Nichts, nicht einmal eine antike Flasche vinho verde. Und schon brausen wir weiter. Es ist ein gewaltiger Unterschied die Landschaft zu Fuß oder auf einem Kamelrücken zu ergründen oder eben in einem Geländewagen zu sitzen. Nicht nur, dass die Perspektiven sich darin verengen und man des Tempos wegen kein Sandkorn mehr vom anderen unterscheiden kann, sondern auch der Geschmack und der Geruch der Wüste gehen verloren. Dessen wird man immer dann gewahr, wenn man wieder aussteigt und plötzlich eine veränderte Welt betritt. An diesem Abend steigen wir ein weiteres Mal in der Oase Tenochert aus. Mohammed ist mit seinen Kamelen auch gerade eingetroffen. Wir werden wiederum in der vertrauten Herberge nächtigen, spazieren aber, ehe es dunkel wird, noch ein wenig herum, werden eingeladen uns eine andere auberge anzusehen, eine, die gerade erst im Aufbau ist. Offenbar schon in der Vorfreude auf Künftiges demonstriert uns der Besitzer sein Werk, ein Ensemble aus Garten und Hütten, das Platz hätte in einem Bilderbuch über das Oasenleben in der westlichen Sa-hara oder auch in einem Prospekt für Erlebnistouristen. Der unbestritten größte Blickfang ist ein Backofen aus Lehm; er sieht aus wie eine halb im Sand versunkene kleine Lokomotive. Nächtens wieder Trommeln, aber da habe ich nur noch ein halbes Auge offen.

© Peter Kiefer, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Rucksackreise durch Teile Mauretaniens, des Sengal und der Kapverdischen Inseln, nur um irgendwo unterwegs meinen 50. Geburtstag zu feiern.
Details:
Aufbruch: Mai 2001
Dauer: circa 5 Wochen
Heimkehr: Juni 2001
Reiseziele: Mauretanien
Senegal
Kap Verde
Der Autor
 
Peter Kiefer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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