Madeira: Wahre Schönheit liegt im Innern

Reisezeit: Juni / Juli 2011  |  von Kathrin Hentzschel

30.6.: Funchal oder: Madeira in one day

Busfahren ist ein Abenteuer. Weniger wegen der bocksteilen Straßen, die nur unmerklich in den steilen Kurven, hinter denen eigentlich nur noch das Meer kommt, abgesichert sind. Nein. Wir vertrauen den Fahrern, die es ja nicht anders kennen. Es sind vielmehr die Fahrpläne, deren Systematik nur schwer zu durchschauen ist und die zudem nur ungefähre Richtlinien darstellen. Wenn überhaupt welche aushängen. Dann kommt der Bus entweder zehn Minuten später oder eine Viertelstunde zu früh. Oder wir haben es einfach nicht kapiert. Jedenfalls lernen wir, als wir in Funchal die Haltestelle für die Rückfahrt suchen: Es ist gut, die Strecke zu kennen. Dann hält man eben den nächsten Bus mit dem gewünschten Fahrtziel (so man es einordnen kann), einfach an. Für diesen Lernprozess brauchen wir etwa anderthalb Stunden.

Doch der Reihe nach. Der Ausflug nach Funchal liegt nahe, da es mit dem Bus gut zu erreichen ist und wir unser Mietauto erst ab morgen gebucht haben. Denn eins ist klar: Madeiras Stärken liegen woanders, und die gilt es zu finden. Dazu braucht's Mobilität.

Funchal ist nett. Wir schauen uns alles an, was gesehen werden muss: die Markthallen mit ihren Ständen exotischer Früchte, die ich alle mal durchprobiere: Anonas (nie gehört), Maracujas (man schlürft nur das Innere), die länglichen grünen, tannenzapfenartigen Früchte des Philodendron. Wir schauen den Fischhändlern über die Schulter, die riesige Thunfische zerlegen. Es geht erstaunlich unblutig zu; da habe ich schon Schlimmeres gesehen. Auch die Fleischtheken sehen ganz manierlich aus. Mit der Seilbahn, dem Teleférico, fahren wir nach Monte, dem einstigen Kurort der Prominenz vergangener Jahrhunderte. Die Luft ist frisch und klar, der Blick schweift über die Täler der Hauptstadt hinunter ans Meer. Irgendwie hat Urban recht, wenn er immer "Funchtal" sagt ...

Fischverkäufer in der Markthalle von Funchal.

Fischverkäufer in der Markthalle von Funchal.

Ob sich die Bewohner über den Seilbahnmast in ihrem Garten gefreut haben?

Ob sich die Bewohner über den Seilbahnmast in ihrem Garten gefreut haben?

Blick auf eines der "Funchtäler" von der Hafenpromenade aus.

Blick auf eines der "Funchtäler" von der Hafenpromenade aus.

Dort oben soll auch der Botanische Garten sein. Er ist, zumindest für mich als Gartenfan, ein Muss. Wir finden ihn nicht, bis wir begreifen, dass er im Nachbartal liegt und dort ebenfalls eine Seilbahn hinfährt. Dazu sind wir allerdings zu geizig, da Teleférico-Fahren ein teurer Spaß ist. Wir laufen zumindest mal zur Station, um zu wissen, wo er liegt. Dort erregt ein naturbelassener Weg unsere Aufmerksamkeit. Wir folgen ihm wie magisch angezogen, es geht sehr steil nach unten, und ganz unverhofft sind wir auf unserem ersten Levadaweg! Diese plätschert munter neben uns hin, wir winden uns unter riesigen Mimosenbäumen durch, freuen uns an den weißen und blauen Agapanthusblüten, die hier einfach wild herumstehen, während sie in unseren Vorgärten gehegt und gepflegt werden müssen. Da wir heute eher stadtfein sind und unser Schuhwerk so gar nicht zum Laufen in der Natur angetan ist, wollen wir nur ein kleines Stück weitergehen. Eine Aufschrift auf einem Felsen verspricht in 600 Metern Entfernung einen Wasserfall. Wir sind glücklich, die Sonne scheint, und ein Bad ist fällig. Ich tauche in das eiskalte Wasser des Kanals und bedauere, dass Levadas nicht so breit sind, dass man darin schwimmen kann. Toll ist ja, dass man diese ursprünglich zur Bewässerung angelegten Kanäle, die die ganze Insel durchziehen, teilweise Wanderern zugänglich gemacht hat, denn nirgendwo ist die Natur schöner, unberührter, üppiger und aufregender.

Mimosenblüten.

Mimosenblüten.

Lesepause an der Levada dos Tornos bei Funchal.

Lesepause an der Levada dos Tornos bei Funchal.

Schweren Herzens gehen wir zurück, doch das sollte ja auch nur ein Einstieg gewesen sein. Schließlich sind wir zum Wandern hergekommen. Die nächste Attraktion ist das Korbschlittenfahren. Auch dafür wird einem tüchtig das Geld aus der Tasche gezogen, aber es muss sein. Heute ein Touristenspaß, wurden die Korbschlitten ursprünglich zum Transport von Waren eingesetzt. Jeweils zwei Männer in blütenweißen Uniformen und selbst gemachten Stiefeln, deren Sohlen aus Autoreifen bestehen, ziehen und schieben uns die steile Straße hinab. Viel zu schnell ist das sanfte - ja, es könnte flotter gehen, finden wir - Vergnügen zu Ende. Dort lauern schon die Taxigeier, die einem für überhöhtes Geld ins Zentrum hinunterbringen wollen. Nix da, gelaufen wird, obwohl die abschüssige Asphaltstraße mächtig in die Knie geht. An einem winzigen Laden verheißt ein Schild: "Haben Poncha regionalen Erfahrung!" Wir machen die Erfahrung, dass das Zeug aus dem Zuckerrohrschnaps Aquadente, Honig und Zitronen-, wahlweise Orangen- oder Maracujasaft, verdammt stark ist.

PS: Die Levada heißt "Levada dos Tornos" und ist in jedem Wanderführer verzeichnet.

Die Korbschlittenfahrer in Monte warten auf Kundschaft.

Die Korbschlittenfahrer in Monte warten auf Kundschaft.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir haben zögernd Freundschaft geschlossen: Urban und Kathrin (und natürlich Coelho, unser diesjähriges Reisekaninchen) mit Madeira. Doch wie schön, wenn man sich steigern kann! Es wurde immer besser: Das Wetter, mein verletzter Knöchel, die Ausblicke, die Erlebnisse. Hier unsere Eindrücke von 800 gefahrenen und 50 erlaufenen Kilometern. Manchmal erschien es uns umgekehrt …
Details:
Aufbruch: 29.06.2011
Dauer: 14 Tage
Heimkehr: 12.07.2011
Reiseziele: Portugal
Der Autor
 
Kathrin Hentzschel berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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