Madeira: Wahre Schönheit liegt im Innern

Reisezeit: Juni / Juli 2011  |  von Kathrin Hentzschel

10.7.: Sonntagsvergnügen auf dem Markt

Heute ist Markt in Santo Antonio da Serra, und wir fahren hin. In der Kirche wird das Hochamt zelebriert; wer keinen Platz mehr drinnen findet, steht, festtäglich angezogen, davor. Weiter hinten sind die Stände mit den Klamotten und allerhand Krimskrams aus Asien, Rauchschwaden von gegrillten Hähnchen durchziehen die Luft. Es wird geschrien, gehökert, angepriesen. Noch ein paar Schritte dahinter die Markthalle. Sie ist luftig überdacht, und an den Ständen werden Kräuter, Gemüse, das dem Land in mühsamer Arbeit abgerungen wurde sowie Blumen feilgeboten. Wer jemals diesen Markt besucht, sollte am hinteren Ende zu der Dame gehen, die selbstgemachtes Gebäck verkauft. Es gibt weiche Kokosbällchen, ein Hefebrot mit Zimt und Rosinen, Honigkuchen und Schnitten mit Karamell und Nüssen, und natürlich schmeckt das alles an-be-tungs-wür-dig. Ich kaufe außerdem die süßen madeirensischen Bananen für 80 Cent das Kilo. Was die Freude trübt, sind die Ziervögel, Küken und Kaninchen (!), die in engen Käfigen auf ihr weiteres Schicksal warten. Wobei die Küken sicher das bessere Los ziehen. Sie werden wohl in Erde scharren dürfen und werden eben irgendwann gegessen. Was den Kaninchen und Ziervögeln blüht, kann man sich ausrechnen: Kinderzimmer-Käfigknast. Mein ewiges Thema ...

Wir trinken in der Markthalle Kaffee und beobachten das Treiben, bevor wir uns mental an den Weg, den wir geplant haben, herantasten. Es soll die Abschlusswanderung werden, und die soll noch mal richtig zünden, denn morgen geben wir das Auto zurück.

Drei Verkaufsprofis an ihrem Schuhstand.

Drei Verkaufsprofis an ihrem Schuhstand.

In der Markthalle von Santo da Serra.

In der Markthalle von Santo da Serra.

So werden die Fleischspieße (Espetadas) gegrillt.

So werden die Fleischspieße (Espetadas) gegrillt.

Kundschaft?

Kundschaft?

Kundschaft!

Kundschaft!

Der Rundweg um den Ort beginnt mit einem langen und langsamen Abstieg auf der Straße Richtung Machico, vorbei am Golfplatz mit Blick auf die Ostspitze, die heute im Sonnenlicht liegt. An einer Kapelle steigen wir ein in einen trockenen Wald. Spannenlange Piniennadeln bedecken den Boden und machen ihn weich und federnd; unter unseren Schuhen knistern und knacken längliche Mimosensamen und die pyramidenförmigen Früchte des Eukalyptus. Der Weg ist so zugewachsen, dass wir ihn neben der Levada mehr erahnen als sehen. Den Abgrund zu unserer Rechten auch. Die Eukalyptusbäume stehen so dicht, dass sie sich quietschend aneinander reiben. Es scheint, als sprächen sie miteinander:

Was die Eukalyptusbäume erzählen
"Die zwei da unten plagen sich ganz schön, hihi", quietscht eine junge Bäumin, während sie sich kokett im Wind wiegt. "Ja, knäk", pflichtet ihr eine Freundin bei. "Ständig schütten sie sich ihre Schuhe aus und ziehen sie nach. Naja, dem Weibchen schadet es ja nicht, vom Bücken wird die Taille schlank." "Knorz", sagt ein etwa 20 Meter hoher, schlank aufgeschossener Baum. "Der Levadawärter war schlampig in letzter Zeit und hat das Gras ganz schön hoch wachsen lassen. Knaak. Passt auf, gleich treten sie in die Levada rein. Die ist zwar trocken, aber ganz schön tief." "Das Männchen sollte auch aufpassen, dass es sich nicht wieder den Kopf an anstößt, kroook, hier hängen die Äste ganz schön tief", bemerkt ein älterer Eukalyptus mit Bassstimme. "Ich werde wohl mal zur Warnung ein paar Samen runterschmeißen, plong."

Wir erreichen die Levada Nova, die gelassen in einem schneeweißen Betonbett vor sich hinfließt. Und entdecken ein weiteres Talent der madeirensischen Eidechsen: Sie können schwimmen! So schnell, wie es huscht, kann das Getier auch eine ruhig fließende Levada durchqueren. Beeindruckend.

Wieder ändert sich die Landschaft, hin zum schon Gewohnten: Es wird feuchter. Der Farn erreicht eine Höhe von zehn Metern und wächst in Baumform, Callas blühen mit Agapanthus um die Wette, von den Wänden tropft es hin und wieder. Die Levada hört hier auf und mündet in kleinere Seen, bzw. wird von einem Wasserfall gespeist. Wir müssen nun auf die andere Seite durch das Flussbett, zum nächst höher gelegenen Wasserkanal. Den Weg hinauf zu finden ist ein schwieriges Unterfangen. Der Aufstieg noch mehr. Wir glauben, Fußstapfen zu sehen und finden auch Gemäuer, das, wenn nicht aus der Römerzeit, so doch aus dem Mittelalter zu stammen scheint. Tatsachen, die bei der erst viel späteren Entdeckung Madeiras wohl übersehen worden sind! Immer gewahr, Gebeine verschollener Wanderer zu finden, ziehen wir uns an Felsbrocken und Eukalyptuswurzeln aufwärts. Ein Zurück gibt es nicht; denn diesen Weg will keiner absteigen. Als es nicht mehr höher geht, treffen wir auf sie: die Levada dos Tornos. Hier war der Levador fleißig - abgehackte Agapanthusstiele und gesenstes Gras zeugen von seinem Tun. Wir danken es ihm und kommen gut voran. Auf einem gut erkennbaren, aber tüchtig steilen Weg steht in roter Farbe das magische Wort "S. da Serra" aufgepinselt. Das spornt uns an, obwohl noch ein paar Kilometer vor uns liegen, auf und nieder auf einer Fahrstraße.

Auch mit diesem Ausblick überrascht uns der Weg.

Auch mit diesem Ausblick überrascht uns der Weg.

Wo ist der Weg? Und wo ist Urban?

Wo ist der Weg? Und wo ist Urban?

Begegnungen unterwegs.

Begegnungen unterwegs.

Auf diesen Trompetenbaum könnte man neidisch werden: Weil man ihn gerne hätte, und weil er an einem schönen Standort wächst.

Auf diesen Trompetenbaum könnte man neidisch werden: Weil man ihn gerne hätte, und weil er an einem schönen Standort wächst.

Es ist schon nach sieben, und uns gelüstet nur noch nach einem Stuhl und Verpflegung. Zu unserer Freude ist der Markt noch nicht ganz verlaufen - an einem überdachten Marktstand geht es hoch her, die Musik dröhnt, Poncha ist im Spiel. Nebenan geht es gemächlich zu: Auf einem Feuerchen brutzeln noch ein paar Hähnchen, und Bolo de Caco, das runde Fladenbrot mit der allgegenwärtigen Knoblauchbutter gibt es ebenfalls. Wir sitzen auf bunten Plastikhockern und verzehren einen ganzen Hahn (ich hoffe, es ist ein madeirensischer, der sein Leben in Freiheit verbringen durfte) mit den Fingern und sind glücklich. Danach dürfen wir uns im Quirlen von Poncha versuchen und haben großen Spaß. Unser bester Tag!

Unsere Gastgeber auf dem Markt in Santo da Serra.

Unsere Gastgeber auf dem Markt in Santo da Serra.

Der Azubi ...

Der Azubi ...

... und der Meister ...

... und der Meister ...

... beim Ponchamachen.

... beim Ponchamachen.

Bei der Abfahrt werden wir noch einmal von einem spektakulären Blick auf die Ostspitze verwöhnt

Bei der Abfahrt werden wir noch einmal von einem spektakulären Blick auf die Ostspitze verwöhnt

Der Rest ist schnell erzählt: Montag Rückgabe des Autos, Strandtag. Ohne besondere Vorkommnisse. Das Meer ist ruhig.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir haben zögernd Freundschaft geschlossen: Urban und Kathrin (und natürlich Coelho, unser diesjähriges Reisekaninchen) mit Madeira. Doch wie schön, wenn man sich steigern kann! Es wurde immer besser: Das Wetter, mein verletzter Knöchel, die Ausblicke, die Erlebnisse. Hier unsere Eindrücke von 800 gefahrenen und 50 erlaufenen Kilometern. Manchmal erschien es uns umgekehrt …
Details:
Aufbruch: 29.06.2011
Dauer: 14 Tage
Heimkehr: 12.07.2011
Reiseziele: Portugal
Der Autor
 
Kathrin Hentzschel berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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