Madeira: Wahre Schönheit liegt im Innern

Reisezeit: Juni / Juli 2011  |  von Kathrin Hentzschel

6.7.: Offensive Kriechtiere

Ich! Laufe! Alleine! Weil, Urban will heute keinen Schritt gehen. Für mich geht das gar nicht - meine Schuhe wollen gelaufen werden, und mein Knöchel mitmachen. Zuerst besuchen wir Camara dos Lobos, das einstige Fischerdorf. Es gibt sie noch, die alten Kähne, an denen Katzenhaie zum Trocknen in der Sonne baumeln. Es riecht entsprechend, und auch die Gasse zum Hafen wirkt sehr seemännisch: ein paar Ponchakneipen, eine Kirche (die zweitälteste von Madeira), wo man vor Ort die Absolution sucht, und ein Kerl, der schon stark dem Alkohol zugesprochen hat und durch die Gassen schwankt.

Katzenhaie trocknen an der Sonne in Camara dos Lobos.

Katzenhaie trocknen an der Sonne in Camara dos Lobos.

Diskussionen beim Dominospiel.

Diskussionen beim Dominospiel.

Urban schlägt mir vor, mich oberhalb des Ortes, westlich von Funchal, auszusetzen, damit ich die etwa sechs Kilometer entlang einer Levada zur Hauptstadt laufen kann. Im Stadtpark wollen wir uns in etwa drei Stunden wieder treffen. So kann er in Cafés herumlungern, während ich meinem Bewegungsdrang fröne. Der Wanderwegweiser "Levada dos Piornais" zeigt nach Osten, und ich stiefle auf einem Betonweg (was sonst) los. Unter mir gluckst das Wasser, zu meiner Rechten erhebt sich eine Betonwand, hinter der sich Häuser verbergen, und links unten, hoch oberhalb des Meeres, das immer in Sichtweite bleibt, erstrecken sich Bananenplantagen.

Im nächsten Ort endet der Wasserweg, und ich muss die Fortsetzung suchen. Ich frage einen Knaben, der etwa so wenig Englisch wie ich Portugiesisch kann, aber da ich die Richtung weiß, einigen wir uns. Doch etwas später stellt sich die Frage: Weiter hoch in den Ort oder doch besser runter Richtung Schnellstraße? Die Karte verrät, dass ich darunter durchmuss. Doch wo genau? Ich frage erneut. Und bekomme, neben einer wortreichen Erklärung, sogar eine Skizze. Den einen Weg dürfe ich nicht gehen; ich müsse nach der Brücke runter. Gut. Da kommt mir schon ein anderer entgegen und wedelt mit dem Zeigefinger: "Nao!" Also wieder hoch, die Straße entlang, und schon sehe ich das Bächlein wieder. Der Weg beginnt schmucklos zwischen Betonwänden. Und dann wird es spannend, denn unter mir sind mal Zucchinifelder, die ins Meer überzugehen scheinen, mal wächst Schilf neben mir, mal ist die Levada bedeckt, mal "zweispurig" oder überschwemmt, verschwindet in einem Tunnel oder ist von Feigen überhangen. Ich bin begeistert und marschiere wacker fürbass.

Eine Ziege mit Stirntolle grast fotogen am Rande; als ich mich niederlasse, um sie in Szene zu setzen, umzingeln mich Eidechsen. War das Exemplar in Porto Moniz unerschrocken, und ist auch schon das Gelurch auf unserem Balkon handzahm, so verhalten sich diese hier aufdringlich. Sie springen auf den Schuh, laufen am Bein hoch, kriechen über meine Hand und beißen mich in den Finger. Selbst in meinem Rucksack windet sich das Gezücht. Drei schüttle ich aus und hoffe, keine vergessen zu haben. Unterwegs mache ich Rast und ein Bild mit dem Selbstauslöser. Im Rucksack lebt es. Schnell komplimentiere ich das Tier hinaus; etwas verdattert macht es sich mit dem neuen Revier vertraut, während ich meinen Weg fortsetze.

Nun nähere ich mich dem Westen Funchals. Dort befindet sich die Hotelzone. Es ist mir ein Rätsel, wie man hier Urlaub machen kann: Eine Hochhaussiedlung, eng bebaut, ein Balkon am anderen. Urban erzählt mir später, dass es zugehe wie auf der 5th Avenue: Autoverkehr wie Hölle, eine Shopping Mall nach der anderen, Leute mit Einkaufstüten, Lärm ohne Ende. Ich wundere mich noch mehr. Auf dem Rückweg im beschaulichen Sao Goncalo trinke ich zwei große, wohlverdiente Coral.

Sehr städtisch und nicht immer leicht zu finden: die Levada dos Piornais.

Sehr städtisch und nicht immer leicht zu finden: die Levada dos Piornais.

Die Zucchini liegen nicht auf der Erde, sondern wachsen auf einem Hochnetz.

Die Zucchini liegen nicht auf der Erde, sondern wachsen auf einem Hochnetz.

Die romantischen Gesichter der Levada dos Piornais. Die unromantischen habe ich weggelassen. Die gibt's aber auch.

Die romantischen Gesichter der Levada dos Piornais. Die unromantischen habe ich weggelassen. Die gibt's aber auch.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wir haben zögernd Freundschaft geschlossen: Urban und Kathrin (und natürlich Coelho, unser diesjähriges Reisekaninchen) mit Madeira. Doch wie schön, wenn man sich steigern kann! Es wurde immer besser: Das Wetter, mein verletzter Knöchel, die Ausblicke, die Erlebnisse. Hier unsere Eindrücke von 800 gefahrenen und 50 erlaufenen Kilometern. Manchmal erschien es uns umgekehrt …
Details:
Aufbruch: 29.06.2011
Dauer: 14 Tage
Heimkehr: 12.07.2011
Reiseziele: Portugal
Der Autor
 
Kathrin Hentzschel berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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