Mit dem Fahrrad von Frankfurt am Main nach Bologna

Reisezeit: Juni 2012  |  von Juergen Orth

Tag 4: Augsburg - Bad Tölz

Start 08:15 bis 17:25 / reine Fahrtzeit 06:32 Std. / Strecke 104 km

Erste Hälfte Top, zweite Hälfte Flop!
Als ich um 7:00 Uhr aufstehe regnet es. Es hat die ganze Nacht durchgeregnet. Ich hatte das Fenster auf und bin immer mal wieder wach geworden und habe den Regen gehört. Auf der Rückseite des Hotels sind Bäume und bei starkem Regen ist das eine angenehme Geräuschkulisse. Eigentlich sollte ich liegen bleiben, dem Regen weiter zuhören und vor mich hin dösen. Aber nein ich will weiter Richtung Innsbruck. Also los geht's, aufstehen, ins Bad, anziehen und ab zum Frühstück.
Als ich mit dem Frühstück so gegen 7.30 Uhr fertig bin, hat es doch tatsächlich aufgehört zu regnen. Es sieht zwar so aus, als könnte es gleich wieder losgehen, aber ich packe meine Taschen und starte.
Richtung München will ich den kürzesten Weg nehmen. Allerdings gibt es keinen direkten Fahrradweg. Der Radweg "Romantische Straße" führt von Augsburg weiter direkt gegen Süden nach Landsberg am Lech. Von hier besteht die Möglichkeit über den Ammersee Radweg nach München zu fahren, aber das ist ein erheblicher Umweg. Ich habe mir eine Tour über Mammersdorf zurecht gelegt. In diese Richtung fahre ich auch. Als es kurz vor Mammersdorf wieder anfängt zu regnen, entscheide ich mich mit der S-Bahn bis zum Hauptbahnhof in München zu fahren. Bis hier waren es von Augsburg 42 km.
Mein Freund Rolf, der in München wohnt, will mich am Marienplatz treffen. Das passt ganz gut, denn ich brauche noch eine kurze Radlerhose und jemand der während des Einkaufs auf mein Rad und mein Gepäck aufpasst. Es ist so gegen 11.00 Uhr und eine Weiswurst mit Brezel wäre jetzt nicht schlecht. Zuerst muss ich mich aus der Tiefe des S-Bahnhofs nach oben arbeiten. Dann geht's direkt über den Hauptbahnhof Richtung Fußgängerzone. Ein kurzes Telefonat und wir verabreden uns am Marienplatz. Ich bin ja gut zu erkennen mit meinem gepackten Fahrrad. Und siehe da Rolf ruft mir schon von weitem zu. Er hat mich gleich in der Menge der Fußgänger als fahrradschiebenden Passant ausgemacht.
Ok. Rolf passt kurz auf meine Sachen auf und ich kann mir im nächsten Sportgeschäft endlich eine zweite kurze Radlerhose kaufen.

Der Radler auf dem Marienplatz

Der Radler auf dem Marienplatz

Nach dem ich meine Radlerhose gekauft habe, lädt mich Rolf zu ein paar Weißwürste ein. Wir laufen noch ein Stück über die sehr belebte Einkaufsstraße bis zum Münchner Hofbräuhaus und setzen uns gegenüber in Schubecks Restaurant.
Zur Weißwurst gehört auch ein richtiges Weißbier; für mich allerdings Alkoholfrei. Ich stelle mir im Geiste schon die Fahrt durch Italien vor ohne ein Weißbier. Egal irgendwie geht auch das.
Wir kommen richtig ins plaudern und als ich auf die Uhr schaue, wird's doch höchste Zeit. Ich muss weiter. Wir verabschieden uns und Rolf holt mir noch ein paar Trüffel von einer der feinsten Münchner Konditoreien. Ich nehme mir vor jeden Abend einen Trüffel mit allen Sinnen zu genießen. Dann geht's los über die Maximilianstrasse zur Isar und entlang dem Isartalradweg. Das Wetter hält sich.... noch. Aber es trübt schon langsam ein.
Am Isarkanal entlang ist noch alles in Ordnung, und ich hoffe, dass ich vielleicht heute mal ohne Regenanzug bis zum Ziel in Bad Tölz komme.

Fahrradweg entlang am Isarkanal kurz hinter München

Fahrradweg entlang am Isarkanal kurz hinter München

Es wird langsam dunkler. Ich schalte vorsichtshalber mal mein Licht am Rad an. Der Radweg führt durch einige Waldwege. Ich liebe Waldwege, wenn es die ganze Nacht über geregnet hat und der Untergrund schön durchgeweicht ist. Du trittst in die Pedale und hast das Gefühl, dass dich am Reifen einer festhält. In Geretsried ist es dann so weit. Ich sehe auf der Strasse mein Fahrradlicht und das so gegen 15:00 Uhr. Irgendeiner hat das Licht ausgeschaltet und schon gehts los. Ich schaffe es noch bis unter die Markise eines Radladens und kann mich wenigstens in Ruhe umziehen. Ich warte noch 15 Minuten, aber es sieht nicht so aus als würde es in nächster Zeit aufhören zu regnen.
Entfernung bis Bad Tölz rund 20 km. Ok, los es hilft ja nichts. Die nächsten 20 km sind brutal. Es regnet inzwischen so stark, dass das Wasser nicht mehr von der Straße ablaufen kann. Ein Glück, mit den Fahrradreifen gibt es zumindest kein Problem mit aqua planing.
Ich befinde mich jetzt wieder in einem Waldstück. Der Weg sieht aus wie die Mecklenburgische Seenplatte. Ich packe unter einem Baum lieber mal das Navi in die Tasche. Den Pfützen auszuweichen hat keinen Sinn mehr, also mitten durch und immer weiter. Dann bin ich auf der Landstraße von Königsdorf nach Bad Tölz. Auf dem Hinweisschild steht 13 km.
Laut meinem Rad-Reisebuch soll es nach 5 km von der Landstraße in ein gut befestigten Wirtschaftsweg gehen, der über eine schöne Hügellandschaft nach Bad Tölz führt....... Nix mehr, schöne Hügellandschaft, von der sehe ich sowieso nichts. Ich bleibe auf der fast ebenen Landstraße und schalte eine Gang höher. Den Blick geradeaus gerichtet und reintreten was das Zeug hält.
Immer wenn mich ein Lastwagen überholt, habe ich das Gefühl im Wellnessbereich unter einer Dusche mit seitlichen Düsen zu stehen. Für einen kurzen Moment fahre ich in einer völligen Wasserwand. An den Füßen merke ich wie das Wasser durch die Schuhe läuft.
Meine Regenjacke schließt am Kragen auch nicht 100%. Vereinzelt merke ich wie mir das Wasser den Rücken runter in die Fahrradhose läuft. Wie hatte mir noch ein Freund kurz vor der Abfahrt erklärt "Wunderbar dieses Gefühl der Freiheit. Mit der Natur verbunden gegen Süden". Was für eine Philosophie. Zurzeit spüre ich nicht das Gefühl der Freiheit, sondern nur wie meine Radlerhose unter der Regenhose langsam nass wird. Wollte ich nicht noch duschen? Für was eigentlich, ist bereits alles in der Fahrt inbegriffen.
Das Ende der Geschichte. Als ich in Bad Tölz ankomme scheint die Sonne!!!!! Aber nur während der Zeit, als ich im Touristikbüro ein Zimmer suche. In dem Moment wo ich rauskomme, fängt es wieder an.
Na ja, habe im Brauhauskeller eine vorzügliche Pfefferhaxe gegessen und dazu zwei Weißbier getrunken und noch das Spiel Griechenland gegen Polen angesehen. Und wieder kommt mir der Gedanke: Kein Weißbier in Italien!
Für Morgen wird es kritisch. Ich habe 105 km vor mir und muss über den Sylvensteinstausee und den Achensee ins Inntal. Wenn das wieder so weiterregnet, dann gute Nacht.

Bad Tölz am Morgen der Weiterfahrt (Wo sind die alle?)

Bad Tölz am Morgen der Weiterfahrt (Wo sind die alle?)

© Juergen Orth, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Start am 05.06.2012 in Frankfurt am Main über Wertheim am Main, Feuchtwangen, Augsburg, München, Bad Tölz, Insbruck, Brixen, Trient, Verona, Ostiglia nach Bologna.
Details:
Aufbruch: 05.06.2012
Dauer: 12 Tage
Heimkehr: 16.06.2012
Reiseziele: Deutschland
Österreich
Italien
Der Autor
 
Juergen Orth berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.