Auf dem Jakobsweg - von Pamplona nach Santiago de Compostela

Reisezeit: Mai / Juni 2014  |  von Hilde Lauckner

Vorbereitungen. Hamburg - Bilbao. Start in Pamplon: Boadilla - Fromista, Leon

Die Kathedrale von Leon

Die Kathedrale von Leon

27. Mai 2014 Boadilla - Fromista (6km). Palencia, Leon

Von Boadilla nach Fromista (6 km), mit dem Bus nach Palencia, dann mit dem Zug nach Leon
Wunderbar geschlafen, Heide hat mich nachts geweckt, weil ich geschnarcht habe. Ich kann es also auch. Die meisten sind gegen 6.30 Uhr schon unterwegs. Die kommende Landschaft soll nicht so sehr schön sein, deshalb wollen wir mal wieder ein Stück mit dem Bus fahren. Aber von hier aus fahren we­der Zug noch Bus. Daher wandern wir die 6 km bis Fromista auf einer Pappelallee entlang eines Ka­nals. In Fromis­ta kommen die Müden und Behinderten zusammen, die mit dem Bus weiterfahren wol­len. Wir kommen mit Helga aus Österreich ins Ge­spräch. Trotz ihrer grau­en Haare trägt sie eine Jacke mit Leopardenmuster und über den schwarzen Leggins ein schwarzes Spitzenröckchen. Sie hat eine Meniskusentzündung und kann nicht weiterwandern. Eine Pilgerin aus New York hat derartige Schmer­zen, dass sie ihren Rucksack nicht mehr tragen kann. Eine Kanadierin, die sie unterwegs kennengelernt hat, hilft ihr. Erstaunlich ist das Gewicht der einzelnen Rucksäcke, Helga hat nur 5 kg, andere wiederum mehr als 10 kg zu tragen.
Wir sind zehn Frauen und ein Mann und unser Ziel ist León. Heide und ich wollen auf die eintö­nige meset­a verzichten, auf der wir mehrere Tage nur riesige Weizenfelder sehen wür­den. Einige wollen ganz aufge­ben und müssen zu einem größeren Ort, um den Heimweg antreten zu können. Wir fahren mit dem Bus nach Palencia, etwas südlich des camino und an einer Bahnstrecke gelegen. Hier ist Georgs Stunde ge­kommen! Als einziger Mann in der Gruppe übernimmt er die Führung und handelt auf Spa­nisch einen Gruppenrabatt für uns aus. Er kommt aus Münster und wirkt wie ein pensionierter Studien­rat. Wir haben noch zwei Stun­den Zeit bis zur Abfahrt des Zuges und Georg passt auf seine Schäfchen auf. Mit uns reisen auch Gaye Lynn und Hildegard aus Süddeutschland, die schon mehrfach den camino gegan­gen ist, und eine junge Koreanerin, die schlapp in den Seilen hängt, weil sie einen Magen-Darm-Infekt hat.

In León landen wir in der Herberge der Benediktinerinnen. Das Haus ist frisch renoviert. Männer und Frauen schlafen hier getrennt. Die Koreanerin geht gleich ins Bett, während wir anderen Frauen die In­nenstadt erkunden. León ist eine jüngere, lebendige Stadt, moderne Häu­ser zwischen alten. Die Kathe­drale ist noch geschlossen und so warten wir in einem Straßencafé. Zum Getränk gibt es gratis kleine Bro­te mit Schinken. Ich komme mit einem indi­schen Amerikaner ins Gespräch, der auf Hawaii lebt und trotz seines langen Lebens in Amerika noch seinen indischen Dialekt hat. Weil er das Kastenwesen in Indien ab­lehnt, hat seine Schwester den Kontakt zu ihm abgebrochen. Wir besichtigen die Kathe­drale, die der von Burgos ähnlich, aber nicht ganz so prächtig ist. Mit Gaye Lynn besuche ich noch das Muse­um der Kathe­drale. Die Mitarbeiterin schließt uns im Museum ein. Wenn wir das Haus wieder verlas­sen wol­len, sagt sie, sollen wir einfach an der Tür stehen bleiben. Dann sieht sie uns auf dem Monitor und schließt wie­der auf. Im Museum sind nur sehr wenige Besucher und so spart man eine Menge Personal. Die Kunstschätze sind großartig, aber nebenbei er­zählt mir Gaye Lynn aus ihrem Leben und dass der Nichtsnutz von Ehe­mann sie um eine viertel Million Dollar erleichtert hat.
Gegen Abend ist es wieder sehr kalt, die Geschäfte haben noch lange geöffnet, aber was soll ich hier bummeln gehen, wenn ich wegen der Transportschwierigkeiten nichts kaufen kann. Zu gerne hätte ich hier ein paar Lä­den besucht, in denen eine riesige Auswahl für meine Kleidergröße zur Verfügung steht. In der Herberge liegt die Koreanerin noch im Bett, inzwischen hat sie auch Fieber. Eigentlich dürfte sie we­gen möglicher Ansteckungsgefahr nicht in so engem Kontakt mit den anderen schlafen. Unmittelbar ne­ben ihr liegt eine Pilgerin aus Osteuropa. Ich hole der Koreanerin noch eine Cola aus der Bar und gebe ihr trocken Brot zu essen. Ein Medikament hat sie schon. Wir raten ihr, den nächsten Tag im Bett zu bleiben und sich zu schonen. Vor dem PC treffe ich Geneviève aus Montreal. Sie ist die letzten Tage auf der mese­ta gelaufen, die wir wegen ihrer landschaftlichen Eintönigkeit umfahren haben. Geneviève berichtet, dass es dort furchtbar kalt war und der Wind ihr die Kapuze vom Kopf gerissen hat. Unterwegs hat sie sich so­gar noch warme Kleidung dazugekauft. Es sei so schlimm gewesen, dass sie manchmal geweint habe.

Lange Schatten am frühen Morgen

Lange Schatten am frühen Morgen

28. Mai 2014 Leon - Virgen del Camino, Villar de Mazarife (15km)

Mit dem Bus von León nach Virgen del Camino, weiter nach Villar de Mazarife (15 km)
Ich fand es wunderbar, in einem reinen Frauenbereich zu schlafen. Männer ver­breiten oft Unruhe und be­sonders morgendliche Hektik. Die kleine Koreanerin bleibt im Bett, ihr kommen die Tränen, als wir uns verabschieden. Sie fühlt sich so allein und hilflos. Hildegard, Heide, Gaye Lynn und ich fahren mit dem Bus nach Virgen del Camino. Im nächsten Ort steht ein Obsthändler an der Straße, sein Angebot sieht frisch und sauber aus. Inzwi­schen hat sich die Landschaft verändert, der Boden ist sehr trocken, nur wenige Ge­treidefelder, viel unberührte Natur mit Trockenrasen, Steineichen und Schopflavendel. Es ist bewölkt und kalt, nur etwa 12 Grad. Schwarze Wolken kommen näher. Den Überzug für den Ruck­sack habe ich schon festgezurrt, aber dann kommt blitzschnell ein gewaltiger Schauer mit dicken Trop­fen. Un­ter einer Baum­gruppe hole ich mein Regencape hervor. Es ist nicht so einfach, das Cape allein hinten über den Rucksack zu ziehen. Der Wind schlägt es immer wieder hoch. Besser wäre hier ein langer Re­genmantel, den man über dem Rucksack tragen kann.
Gegen 13 Uhr habe ich die 15 km bis zur Herberge "San Antonio de Padua" in Villar de Ma­zarife ge­schafft, kann erst mal die nassen Sachen neben dem brennenden Kaminofen im Unterge­schoss trock­nen. Ich halte drei weitere Betten für Heide, Gaye Lynn und Hilde­gard frei. In der Herberge trifft Heide einen älteren Physiotherapeuten, der ihr Bein massiert und mit Klebeband die Achillessehne ruhig­stellt. Bei der Behandlung stöhnt er immer wie­der laut auf, so als habe er die Schmerzen und nicht Hei­de. Als ich ge­mütlich am Ofen sitze, stellt eine Pilgerin ihre Wander­schuhe zum Trocknen daneben. Sie ist wütend, weil ihre neuen, teu­ren Meindl-Wanderschuhe aus Leder innen klitschnass sind. Wie froh bin ich, dass meine neuen Goretex-Wanderschuhe nicht nur bequem, sondern auch wasserdicht sind.

Nachmittags gehen wir in die Bar von "Tio Pepe", wo wir mit lustigen Iren zusammensitzen. Auch Gaye Lynn taucht auf; aufgrund eines Missverständnisses ist sie in einer anderen Herber­ge gelan­det. Vor dem Abendessen sitze ich noch eine Weile im Garten. Ein junges Paar kommt an, er trägt beide Rucksäcke. Sie sind ziemlich fertig, denn sie ha­ben sich verlaufen und mussten zehn zusätzliche Kilometer wandern.
Um 19 Uhr gibt es das Pilgermenü, dieses Mal besonders lecker, ein gemischter Salat, diesmal ohne Eis­berg, eine Kürbissuppe, Paella und außerdem noch Pfannkuchen mit Erdbeere und Sahne als Nach­tisch. Neben mir sitzt Klaus, ein Frührentner, der schon durch Belgien und Frankreich gewandert ist, auf der an­deren Seite ein Norweger mit seiner deutschen Frau. Die beiden wohnen an der hol­ländischen Grenze, deshalb hat sein Deutsch einen holländischen Ak­zent. Wir sitzen noch bis 22 Uhr bei einer wei­teren Fla­sche Rotwein. Der Norweger, Arne, ar­beitet bei einer französischen Glasfabrik, worüber er eine Menge In­teressantes zu berichten hat. Als ich zu Bett gehe, schlafen die meisten schon. Als ich noch raschelnd die Ohrstöpsel aus der Tüte ziehe, zischt mich die neben mir schlafende Holländerin an. Die neuen Ohrstöpsel aus Silikon sind viel besser und angeneh­mer als die alten aus Wachs. Zusätzlich nehme ich meine Schlaf­brille aus dem Emirates-Flieger. So habe ich auch in einem Raum, den ich mit 40 Leuten teile, meine Pri­vatsphäre.

Herberge in Hospital de Orbigo: Jeder Pilger kann an der bereitstehenden Staffelei ein Bild malen.

Herberge in Hospital de Orbigo: Jeder Pilger kann an der bereitstehenden Staffelei ein Bild malen.

29. Mai 2014 von Villar de Mazarife nach Hospital de Orbigo - 15 km

Nachts wieder ein Schnarchkonzert, weil der deutsche Rentner direkt neben mir liegt. Heide hat es auch erwischt, muss nachts wegen Magen-Darm-Problemen immer wieder aufstehen. Sie bleibt noch im Bett, als ich mich morgens fertigmache. Sie will mit dem Taxi nachkommen, weil es hier keinen Bus gibt. In der Bar treffe ich Gaye Lynn, mit der ich zum Frühstück verabredet bin. Sie hängt mit langem Gesicht auf dem Hocker. Es geht ihr sehr schlecht, sie musste sich nachts immer wieder übergeben. Weil sie, wie immer, im oberen Bett lag, hatte sie sich eine Schüssel besorgt, die sie mit ins Bett nahm. Da war ich doch ganz froh, dass sie nicht neben mir geschlafen hatte. Ich kann mir nur vorstellen, dass sich die beiden bei der Korea­nerin angesteckt hatten.
Es ist wolkig bei 12 Grad, gut zu wandern, aber die Gegend ist eintönig. Fast 90 Minuten auf einer schnur­geraden Teerstraße, daneben Bewässerungsgräben mit quakenden Fröschen, Felder mit winzig­en Mais­pflanzen. Ein junger Mann kommt mir entgegen, verwirrt frage ich, ob dies nicht der camino sei, aber er antwortet: "I take that way". Also scheint er schon auf dem Rückweg zu sein oder zieht grundsätz­lich die­se Richtung vor. Weiter geradeaus auf einem unbefestigten Weg, auf einer Brücke über die Autobahn, dann durch einen tristen Vorort und schließlich der wunderbare Anblick der 20bo­gigen Brücke, die über ein weites, flaches Flussbett führt. Die Brücke ist mit Flusskieseln belegt, über 300 m lang, aber das schö­ne Bild wird von supermodernen Lampen und einem hässlichen Haus mit ei­ner Reklametafel auf der an­deren Seite ge­stört. In Hospital de Orbigo bekommen wir in der Herberge "San Miguel" ein Vierbettzimm­er. Heide und Gaye Lynn freuen sich, sofort ins Bett zu kom­men.
Die private Herberge ist nett eingerichtet, überall hängen Gemälde. Jeder Gast kann sich an der bereitsteh­enden Staffelei mit Farben und Papier bedienen und malen. An den Wänden hängen einige ge­lungene Bilder. Die Küche ist gut ausgestattet, und ich koche Tee für die beiden Kranken. Mit Argusaugen wacht der Herbergsvater über alles. Als ich die falsche Kanne nehme, ist er sofort zur Stelle. Er sieht ein­fach alles. Hildegard und ich gehen einkaufen und kochen nachmittags frische Kartoffeln. Mit Butter ser­viert sind sie das richtige Essen für die Kranken. Etliche Pilger versorgen sich selbst und machen sich ein Fertiggericht heiß oder essen nur Brot und Käse. Gegen Abend gießt es wie aus Eimern und wir freuen uns über das Kaminfeuer.

Storchenlandschaftt

Storchenlandschaftt

© Hilde Lauckner, 2015
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wanderung auf dem berühmten Jakobsweg mit Übernachtung in den Pilgerherbergen
Details:
Aufbruch: 13.05.2014
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 14.06.2014
Reiseziele: Spanien
Der Autor
 
Hilde Lauckner berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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