Auf dem Jakobsweg - von Pamplona nach Santiago de Compostela

Reisezeit: Mai / Juni 2014  |  von Hilde Lauckner

Vorbereitungen. Hamburg - Bilbao. Start in Pamplon: O'Cebreiro - Triacastela

Morgennebel hinter O`Cebreiro

Morgennebel hinter O`Cebreiro

Ein paar Schuhe waren übrig.

Ein paar Schuhe waren übrig.

3. Juni 2014 Von O`Cebreiro nach Triacastela

Gegen 2 Uhr weckt mich ein Schnarchkonzert. Schräg gegenüber auf dem oberen Bett liegt ein älte­rer Engländer auf dem Rücken und sägt. Die dickere der beiden italienischen Schwestern hält mit. Am Abend habe ich die Füße mit Utes guter Schrundensalbe eingerieben und noch Stunden später sind sie glitschig. Ich muss erst einmal, um vom schwankenden Hochbett klettern zu können, Socken anziehen. Dann rütte­le ich den Engländer wach, aber sobald ich wieder im Bett bin, legt er wieder los. Ich gebe auf und lese mit Hilfe meiner Stirnlampe das erste Kapitel in Hesses "Siddharta". Bei 22 Schläfern war es im Schlafsaal stickig geworden, Heide steht auf und stellt die Fenster auf Kipp. Ich versuche, das Schnar­chen zu ignorie­ren und kann schließlich auch wieder einschlafen.
Die Sanitäranlagen sind groß genug, so dass es morgens kein Gedränge gibt. Vom großen Fenster des Wasch­raums aus sehe ich tief unter uns im Tal eine Nebelbank. Mir ist unbegreiflich, dass der große Auf­enthaltsraum dagegen nur ein kleines Fenster zum Hang hin hat. Meinen Rucksack gebe ich in einer an­deren Herberge ab, wo er zum Weitertransport abgeholt werden soll. Schon um 6.30 Uhr ist die Bar, in der ich frühstücken will, brechend voll. Als ich mich dann auf den Weg machen will, ist der Nebel nach oben gezogen und hüllt den Ort ein. Eine unwirkliche Stimmung, so durch den Nebel zu wandern. Die Far­ben der Blumen wirken bei diesem Licht besonders kräftig. Viele Orchideen am Weg, noch nicht ausge­rollter Wurmfarn, Fingerhut vor dem Aufblühen, Veilchen, Margeritenwiesen, Birken und Haselnusssträuc­her. Die Stein­mauern sind mit Moos­polstern überzogen, dazwischen Mauerpfeffer, Walderdbeeren, Blaubeer- und Brombeerbüsche, fünf Meter hoher Ginster mit duftenden gelben Blüten und kleiner weißblühender Ginster. Die Kühe tragen große Glo­cken um den Hals wie in den Alpen.

In Linares komme ich an einem Bauernhof vorbei, hinter dessen Tor ein Hahn kräht, die obere Hälfte ei­nes anderen Tores steht offen. Im Halbdunkel sehe ich einen schlafenden Schäferhund, der die schon fressenden Kühe bewacht. Die braunen Kühe haben schöne große Augen, jede ist in einem en­gen Pferch an einer kurzen Kette angebunden. Eine kleine Kirche inmitten eines Friedhofs ist mit Unkraut zugewu­chert. Hinter der Gittertür steht ein Stuhl, und darauf ein Stempelkissen mit einem Pilgerstem­pel zur Selbstbedie­nung. Eine Bar lädt zum Frühstück ein. Auf einer Mauer gegenüber steht ein Hahn mit zwei Hennen. Der Hahn kräht unablässig.
Auf schmalem Weg geht es weiter auf und ab. Nicht auszudenken, welche Matsche hier bei Regen sein muss. Beim nächsten Hof wieder ein freundlicher Schäferhund, nach dem Streicheln hebt er die Pfote und verlangt nach mehr. Der letzte Anstieg vor dem Pass ist sehr beschwerlich, aber oben be­lohnt mich eine Bar mit einem guten Kaffee. Auf dem Tisch liegt eine spanische Zeitung, und mit meinem bisschen Spa­nisch verstehe ich, dass der König bald abdanken will. Auf vielen Seiten wird über das Ereignis be­richtet. Seit drei Wochen bin ich jetzt unterwegs, habe keine Nachrichten ver­folgt. Im Moment kann ich auch kei­ne emails empfangen, habe Probleme mit meinem account. Hauptsache, ich bin gesund, was brauche ich da emails! Den Nebel habe ich hinter mir gelassen und sitze jetzt oben in der Sonne. Alle Pilger kommen schnaufend oben an. Ich höre zum ersten Mal jemanden Rus­sisch sprechen. Darunter ist auch ein spani­sches Paar, der Mann trägt auf dem Rücken den Rucksack und vorn ein acht Monate altes Baby. Sie haben vor, nur die letzten 200 km des camino zu wandern.

Eine ganze Weile verläuft der schmale Weg neben einer Straße. Ich wandere in der Son­ne, aber der Wind ist frisch und das Tal liegt noch im Nebel. Das nächste kleine Dorf ist Fonfria, etli­che Schäferhun­de liegen oder laufen herum, kein einziger wirkt aggressiv oder bellt. Aus einer Scheu­ne taucht eine alte Frau, Seño­ra Carmen, auf, die selbstgebackene Crepes anbietet. Sie ist schon so bekannt, dass sie im Wanderführer erwähnt wird. Sie scheint an allem sehr interessiert, bewundert meine Walkingstöcke, bei de­nen ich die Schlaufen lösen kann und betastet meine Alu-Isoliermatte. Aber fotografieren lassen will sie sich nicht. Heide ist enttäuscht, dass die Frau nicht mehr da ist, als sie später vorbeikommt.
Es geht stetig bergab mit weitem Blick über die Landschaft. Am Weg hat ein wandernder Künstler aus ei­ner Aludose ein Kunstwerk geschaffen, seinen Namen dazugeschrieben. Nach jedem Kilome­ter steht jetzt ein hoher Stein mit Angabe der Entfernung bis Santiago. Auf einem dieser Steine hat jemand sei­ne ausge­musterten Wanderschuhe, mit Blumen darin, abgestellt. Drei Kilometer vor Triacastela kehren wir in ein Gar­tenlokal ein, wo wir einen köstlichen Salat bekommen. Am Nachbartisch sitzen Franzosen und sortie­ren ihre unterwegs gefundenen vierblättrigen Kleeblätter. Als wir neugierig fragen, bekom­men wir jeder eines geschenkt. Das letzte Stück bis zum Ort wandern wir auf einem alten mit riesigen Eichen und Maro­nenbäumen gesäumten Hohlweg entlang. Die ersten Bauernhäuser tauchen auf, aus Natursteinen ge­schichtet und mit kunstvollen Rundungen anstelle rechtwinkliger Ecken. Die Dächer be­stehen aus großen Schiefer­platten. Ein Hinweisschild würdigt einen gewaltigen, 800 Jahre alten Maro­nenbaum. Der Ort be­steht nur aus einer langen Straße, scheint mehr Pilgerherbergen als bewohnte Häuser zu haben. Nach dem unglaublichen Massenbetrieb in der letzten Herberge kommt uns das geräumige 5-Bett-Zimmer wie eine Luxusun­terkunft vor. In der oberen Etage gibt es weitere Räume und eine herun­tergekommene Dach­terrasse, auf der ich mich nach dem Duschen niederlasse.

Abends bestelle ich im Restaurant eine Bohnensuppe, die Bohnen sind matschig, schwimmen in viel Fett mit Schinken und Kartoffeln. Heide hat in ihrem typisch spanischen Eintopf mehr Knochen als Fleisch. Gourmettempel kann man am Jakobsweg nicht erwarten. Im Restaurant nebenan sitzt ein großer, gutaus­sehender Spanier, der beim Essen Schuhe und Strümpfe auszieht und seine Füße mas­siert. Beim Telefo­nieren strahlen seine Augen, seine Liebste wollte wohl nicht wandern. An ei­nem an­deren Tisch sitzen eini­ge Pilger, die auch in unserem Haus wohnen, darunter Lien, die vi­etnamesische Holländerin, Preban aus Kristiansand, Stefan aus Mainz und Robert aus Slowenien. Lien ist schon ein paar Tage mit den drei Män­nern unterwegs und teilt mit ihnen ein Zimmer. Pre­ban kauft noch eine Fla­sche Rotwein, die wir auf unse­rer Dachterrasse leeren und dabei viel Spaß haben. Stefan berichtet, dass er mit dem Fernreisebus von und nach Deutschland fährt, weil er nicht lange vorher einen Flug buchen wollte. Die Busfahrt kostet ca. 120 € pro Strecke. Die Hinfahrt dauert 24 Stunden und die Rück­fahrt 31 Stunden. Ein kurzfristig gebuchter Flug von Santiago de Compostela nach Frankfurt würde ca. 700 € kos­ten. Da bin ich glücklich über unse­ren günstigen Flug! Als ich um 22 Uhr ins Zimmer komme, sind auch die restlichen Betten belegt und alle Mitbewohner schlafen schon.

Senora Carmen ist schon eine Berühmtheit. Blitzschnell taucht sie aus der Scheune auf und bietet ihre Pfannkuchen an.

Senora Carmen ist schon eine Berühmtheit. Blitzschnell taucht sie aus der Scheune auf und bietet ihre Pfannkuchen an.

Alle Tiere am Jakobsweg habe ich als freundlich und friedlich erlebt.

Alle Tiere am Jakobsweg habe ich als freundlich und friedlich erlebt.

© Hilde Lauckner, 2015
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wanderung auf dem berühmten Jakobsweg mit Übernachtung in den Pilgerherbergen
Details:
Aufbruch: 13.05.2014
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 14.06.2014
Reiseziele: Spanien
Der Autor
 
Hilde Lauckner berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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