Im Fluss oder Reaching Rotterdam
Step by Step-Winter-Radreise auf dem EuroVelo 15 vom Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz über Straßburg, Karlsruhe und Mannheim bis nach Mainz.
Lilienthals Traum
Auf dem Rückweg vom TGV-Bahnhof in Mulhouse nach der Neujahrstour 2022 / 2023 vom Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz via Montreux bis nach Marseille
Der Rhein in seinen schönsten Farben mit den zweckdienlichen doch nur bedingt schönen Gebäuden Basels
Lörrach
Vermutlich sollte ich ein wenig demütiger dem Leben gegenüber sein. Es ist Donnerstagabend um kurz vor Sieben und morgen, am Freitag den 13. werde ich mich wieder auf den Sattel schwingen. Also ich schwang mich auch am Montag, Dienstag, am Mittwoch und heute auf den Sattel und werde mich auch morgen Vormittag auf den Sattel schwingen, am Freitag den 13. werde ich mich allerdings wieder für ein paar Stunden bis Anbruch der Dunkelheit auf den Sattel schwingen. Nicht notwendigerweise weil ich so sonderlich scharf darauf bin (wobei das muss ich vermutlich überdenken), sondern weil mich der Rhein vermisst. Oder ich vermisse ihn. Ja, es hört sich ein wenig komisch an. Wie ich einst die Donau, die Loire oder die Drau entlangfuhr hätte es ja Sinn gemacht, dass sie mich vermissen. Aber nun gut. Ich fange ein weiteres Mal an mich zu verzetteln.
Gestern buchte ich für irgendwann in der Zukunft eine Zugfahrt bis auf die andere Seite Deutschlands als eine Fähre mit einer Fahrzeit von 20 Stunden plus, die mich das erste Mal nach Finnland bringen soll. Ich dachte mir - du buchst einfach einen Flug, aber dann waren die Abflugzeiten marginal günstig und in meinem Hinterkopf pochte es leise, dass es ohnehin genügend Menschen gibt, die mit einem Klick einen weiteren Flug Nr. 381210 ohne nachzudenken buchen, sich auf Sitzplatz Nr. 29 setzen und folglich nur eine geraume Zeitspanne später irgendwo in einer anderen Stadt oder Gegend sich befinden, die aufgrund ihres Anspruches und ihrer technischen Utensilien der Gegend aus der sie geflohen sind bis ins kleinste Detail gleichen. Nein, diese Reproduktion des Milliardensten Menschen möchte ich in der Tat nicht darstellen. Selbstverständlich verdamme ich die Masse - auch wenn mir auffällt, dass es sie im Prinzip niemals gibt. Sondern es gibt stets immer Individuen die aufgrund bestimmter massenpsychologischer Denkschablonen und sozialen Konventionen auf die eigentümlichsten Weisen denken und handeln.
Noch letzte Woche lag ich in Valence in der Pilgerherberge, in der laut unbelegter Quellen irgendwann im 18. Jahrhundert nach Christus Jean-Jaques Rousseau gehaust haben soll, nun liegt Jean-Jaques Rousseau in Form eines dieser bedeutungslosen Reclam-Heftchen neben mir. «Träumereien eines einsamen Spaziergängers» lautet dieses unwichtige Werk irgendeines verkappten Naivlings, er soll an Verfolgungswahn und Verbitterung gelitten haben und gleichzeitig noch den Menschen in Paris, Lyon, Grenoble und einer ganzen Reihe weiterer Städte in Frankreich auf den Geist gegangen sein. Was würde Rousseau in der heutigen Zeit zu den Menschen sagen, da die Anzahl der Kraftfahrzeuge die Anzahl der Haushalte überschritten hat?
Vermutlich wäre sein Titel «Schlüsse eines aus der Zeit Gefallenen», «Ausweg aus dem Herdentrieb» oder «Ignoranz des Zeitgeistes». Mutmaßlich keine Buchrücken hinter denen Idylle, Rosenblüten und ausschließlich Sonnenstrahlen gezurrt wären aber schon gut. Wen hätte das auch interessiert. Vermutlich war Rousseau einer dieser faulen Zeitgenossen, die sich in einer den materiellen Dingen als höchstes Gut befindenden Menschen dem Intellekt oder irgendwelchen philosophischen Fragestellungen hingeben, die in anderen Zeiten noch auf den Scheiterhaufen gebracht wurden.
Des Weiteren liegt auf meinem Bett kein Engel aus 1.001 Nacht oder eine Figur aus «Tess von den d’Urbervilles. Eine reine Frau» sondern «Mit dem neuen Testament bis nach Sibirien» von Adolf Wunderlich. Dubioser Name in der Tat, es fiel mir in Riehen aus einem vor der «Gedenkstätte für Flüchtlinge» stehenden Bücherregal in die Hände. Ein wenig erinnert es mich an «Freiwillig nach Auschwitz. Die geheimen Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki».
Aber nun gut. All das ist kein Roman sondern nur eine Kurzintroduktion eines Reiseberichtes der eigentlich gar kein Reisebericht ist sondern nur einen Wochenendfüller darstellt.
Glücklicherweise werde ich morgen nicht in den Zug mit dem Velo bis nach Andermatt steigen, sonst würde ich zu 99,999 prozentiger Wahrscheinlichkeit auch wieder mit dem Zug aus Andermatt herausfahren müssen. Andere hatten vermutlich noch Infektionskrankheiten und lagen halb ausgemergelt oder sterbend im Bett, ich hatte noch den Fahrradvirus der mir folgte und nicht verschwinden wollte. Vermutlich ist es ein Long-Term-Fahrradvirus. Ich schrieb zwei Warmshowers-Menschen aus der Gegend um die Rheinquelle an und erfuhr jedoch ziemlich schnell, dass es weitaus mehr als eine idiotische Idee darstellt Anfang Januar nahe des Gotthardpasses und des Leuchtturms Rheinquelle die Speichen zu schwingen. Straßen-, Tunnelsperrung, Schnee und Blockabfertigung stand in den E-Mails und dass ich es im besten Fall noch einmal Anfang Mai probieren sollte.
Mein Herz blutete und so musste schnellstmöglich Ersatz her. Da der Rhein also nur wenige Steinwürfe von meiner Pilgermuschel entfernt sein Unwesen treibt war es nicht abwegig als kleine Motivation ein Zugticket mit Fahrradreservierung in einem EC von Mannheim gen Süden aus zu buchen. Es ist realistisch. Ich trug ebenfalls den Gedanken in mir an einem Wochenende bis an die Nordsee zu fahren (800 Kilometer plus) aber das war mir doch zu viel Treten und zu wenig Schlaf. Ich sage in der Tat nicht, dass es unmöglich ist. Denn nichts ist unmöglich.
Glücklicherweise stieß ich im Rahmen der ausgesprochenen Kurzrecherche auf eine Ortschaft namens Betlehem - nicht von meiner kleinen Warte aus am anderen Ende der Welt sondern in der Schweiz. Das Geschriebene hat gegenwärtig keinen roten Faden, es ist nichts als ein krautköpfiges Wagnis dem Unausgegorenen zu einer Frühgeburt zu verhelfen. Ein aussichtsloses Unterfangen.
Morgen Abend befinde ich mich also in Breisgau am Rhein mit meiner einen blauen Satteltasche (ob es die linke oder die rechte ist, weiß ich gegenwärtig nicht, ich müsste nachschauen, aber dazu habe ich keine Lust) und einem guten Dutzend Gegenständen die alle auf der Farbpalette Runges zwischen azur-, kobalt-, limmat-, smaragd- oder himmelblau auffindbar sein könnten. Aber da ist es wieder das Wassermann-Fisch-Gen und es erklärt alles. Vermutlich sollte ich einfach im Neoprenanzug in das Wasser hüpfen und Worms, Mainz, Koblenz und wie sie alle heißen die Gehöfte aus dem Nass begutachten. Mindestens einen gab es schon der das tat, vermutlich sogar Myriaden.
Klar habe ich wieder Angst vor morgen, ich habe immer Angst, noch dazu weil es morgen, am Samstag und am Sonntag laut Wetter-App regnen soll. Aber wie so oft ist diese App nur ein überflüssiges Gadget, dass einen davon abschreckt Dinge zu machen auf die man Lust hätte. Nur weil irgendein Algorithmus zu einem Entschluss gekommen ist, dass die Regenwahrscheinlichkeit morgen bei 90 Prozent liegt, sollte ich mein Vorhaben nicht beerdigen. Wenn man nur kurz darüber nachdenkt ist es sogar ein schlechter Witz, da diese 90 Prozent keine Aussagekraft haben. Nachts um 02:38 Uhr kann es einen 19,7 minütigen äußerst starken Regenschauer geben, kein Hahn würde danach krähen, ich hätte mich im warmen Bett ein weiteres Mal gewendet und diese verdammte Wetter-App hätte sogar recht gehabt mit dem Regen. Aber nun gut. Noch wurde kein Genie ausschließlich in einem Goldfischglas gezüchtet oder besser: Finde den Weg in dein natürliches Habitat und breche aus dem Goldfischglas aus um in den Bergsee oder in ein sonstiges schönes Gewässer zu gelangen. Zumindest sollte es kein Salzwasser oder eine Klospülung sein.
Ich bin mir sicher, sehr sicher sogar, dass jede und jeder der das ließt keine Ahnung hat, worum es geht, und entscheiden kann, ob die Qualität des Textes gut oder abgrundtief schlecht ist. Aber a.) ist die oder der Einzelne nicht der Maßstab für irgendetwas und b.) ist es in Gänze belanglos was die oder der Einzelne denkt oder für gut oder für mäßig oder für schlecht hält.
Es ist an der Zeit Lebewohl zu sagen. Es ist jeden Abend erneut Zeit Lebewohl zu sagen, denn man könnte ja im Schlaf sterben und es bedarf unendlich viel Vertrauen die Augen bei Anbruch der Dunkelheit zu schließen und dann nach einer unbestimmt großen Anzahl an passierten Schafen in das Land der Träume hinabzutauchen. Oft schon wünschte ich mir das Bewusstsein von einer unbegrenzten Anzahl an Menschen zu beeinflussen oder zu steuern und dann wurde ich mir gewahr, dass es ja die Fähigkeit zu schreiben gibt, die de facto alles ermöglicht. Das Schreiben ist das neue Leben als auch der unmittelbare Tod. Denn ohne das Schreiben wäre alles nichts und mit dem Schreiben gibt es nichts anderes mehr. Denn wie bereits erwähnt könnte ein kurzer Spaziergang sieben Romane (größerer Sorte) füllen.
Übrigens schreibe ich gegenwärtig an dem transportablen angebissenen Apfel, dem in Bogotá für gute 60 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises mit irgendeinem neuen Chip wieder neues Leben eingehaucht wurde. Die Kopplung zwischen Smartphone und externer Bluetooth-Tastatur war wie so oft eine falsche Freude, da die QWERTZ-Tastatur nur als QWERTY-Tastatur erkannt wurde und es bei mir keine Funktion gab, QWERTY zu QWERTZ umzustellen. Für die / den naiven Ottonormalverbraucher*in mögen irgendwelche Funktionen ganz schön sein, nur aus unerfindlichen Gründen rutsche ich immer in Gefilde, die vermutlich schon den Programmierenden um die Ohren geflogen sind. Ich könnte diesen tragbaren Computer mit in der Satteltasche schleppen, aber dafür ist mir a.) das Werk zu kostbar (es ist immerhin ein Andenken an Steve Jobs, durch welches ein Teil seines Bewusstseins fließt) und b.) ist der Sinn des Radreisens ja (auch wenn es nur 2,5 Tage sind), mit der Natur und Allem um sich herum verbunden und im Fluss zu sein. Ja selbstverständlich müsste ich mein Smartphone dann auch ins Wasser werfen. Dann könnte ich meine Nase wieder in Bücher stecken um mich zu bilden und diesem digitalen Chaos ein Ende bereiten.
Auf dieser Reise wird mich die Ikone aus der koptisch-christlichen Kirche aus Luxor begleiten. Die letzten Nächte trug ich sie immerwährend an meinem Herzen, aus ihr strahlt dieser ewiglich große uns alle Menschen verbindende Geist.
21:02 Uhr
Ich liege im Bett und esse die schweizer Bitter-Orange-Schokolade. In ein paar Minuten wird die gesamte Tafel verschollen sein. Die rote Kerze brennt majestätisch auf dem Nachttisch, daneben liebt ein kleiner Stapel mit Flyern und Aufschriften wie „Cathedral of Lausanne - General Informations“, „Coventry St. Sebald - Ein Bündnis für weltweite Versöhnung“, „St. Lorenz - Nürnberg“, „Ein Rundgang durch das Basler Münster“, „Kurzführer durch die Evangelisch-Lutherische St.-Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber“, „Die 7 Schätze der Kathedrale Sankt Johannes in Besançon“ oder „Das Grossmünster in Zürich“. Ein wenig verdamme ich mich, dass ich nicht aus mehr spirituellen Plätzen Prospekte mitgebracht habe aber dann werde ich mir gewahr, dass ich mich lieben und annehmen darf und ich nehme die Dinge an wie sie sind. Zu jedem vorherig genannten Gebäude könnte ich ein Kapitel schreiben, aber ich bin müde und ich frage mich ohnehin, welchen Wert das Geschriebene, welchen Wert die Kunst als Ganzes überhaupt in unserer Gesellschaft hat in der der Mann mit der Waffe der Stolz der Nation und die Glorifikation ist und der Pazifist wenn es gut läuft mit Schuhen getreten wird und wenn es schlecht läuft gleich ins Gras beißen kann. Ich glaube mein Glaube war mein gesamtes Leben lang weitaus größer als ich angenommen habe und wenn ich ganz tief in mich hineinhorche und mit mir in Verbindung bin, dann spüre ich diese schlesischen Wurzeln meiner Großeltern und werde mir gewahr, weswegen ich mich selbst heute noch recht oft fremd in dem Land lebe da ich aufgewachsen bin.
Mir wird gewahr, dass in meinem Zentrum zeitlebens eine wunderschöne Melodie spielte, die ich nur zulassen bräuchte, damit sie die gesamte Welt verzauberte. Aber dann setzt irrwitzig schnell mein Kopf ein und sagt: „Denke überhaupt an nichts. Du bist zu nichts in dieser Welt geeignet, das Denken in Zusammenhängen wird nicht benötigt in einer Gesellschaft in der jeder Mensch Experte ist und ausschließlich für ein einzelnes klar abgestecktes Fachgebiet zuständig ist. Und ohnehin - wen interessiert irgendetwas das du schreibst, schau sie nur an die Menschheit, nichts als oberflächliche Ignoranten die einzig an sich denken. Weswegen schreibst du überhaupt nur einen einzelnen Buchstaben, mache was dir gesagt wird, schreibe dich im Idealfall beim Militär ein, mische dich in niemandes Angelegenheiten ein, halte deine Klappe und führe aus.“
Ich denke an den kleinen Prinzen und den Magnaten und daran wie all die Sterne vom Himmel geklaubt werden. Vielleicht ist das schlichtweg die Realität. Jegliches Glauben an ein Wunder ist nichts weiter als eine verblendete Illusion, jegliche Hoffnung einzig eine Flucht vor dem Eigentlichen. Entweder du hast das Glück gehabt, deinen Schatz zur Geltung gebracht zu haben, oder du bist eben verdammt dazu, ein beklagenswertes Dasein zu führen. Aber selbst damit lässt sich Erfolg haben. Schau dir zum Beispiel Grenouille aus „Das Parfüm“ an. Er war unansehnlich, definitiv kein Paradebeispiel für einen extrovertierten Superstar, musste ein paar Frauen ermorden, aber er konnte der Gesellschaft eine ziemlich gute Fährte legen. Im Prinzip war er das Genie, zäh und ausdauernd, intelligent und vermutlich marginal gefühlvoll.
Vermutlich artet es zu sehr in einem dystopischen Szenario aus und ich versuche den Blick wieder auf das Positive, das Schöne und das Licht zu richten. Selbstverständlich - und das steht außer Frage - blende ich die Frauen in Gänze dabei aus. Selbst die aus dem Café du Victor Hugo, die an der Doubs und die Tahitianerin. Wahrlich hatten sie schöne Augen, ein großes Herz und anmutige Seelen. Aber es genügte nicht. Eine jede von ihnen trug hinter dem Rücken ein Messer und verwahrte zu Hause ein ganzes Arsenal an Werkzeugen die perfekten Schmerzen zuzufügen. Vermutlich fühle ich mich deswegen zu Flüssen, zu Meeren, zu Bergen, zu Leuchttürmen oder zu Büchern hingezogen. Weil in ihnen per se die Wahrheit und Vollendung steckt, weil sie einfach nur sind, weil sie die Zeitlosigkeit inkarniert haben. Ja, ein Fluss mag die Flucht sein auf Zeiten, aber ein Fluss drangsaliert nicht, er ist einfach ohne Belanglosigkeiten von sich zu geben. Das Wasser ist das Absolute und die gesamte Schönheit. Einzig ein einziger Wassertropfen verkörpert mehr Kunst und Perfektion als all die Milliarden von Menschen.
Ein Fluss spricht nicht auf die Art der Erwachsenen. Er erzählt, er kann schweigen, er kennt das gesamte Universum und den fortwährenden Kreislauf des Werdens und Vergehens, mal murmelt er und mal kann er tosend laut sein. Ihm kann man immer verzeihen. Er kann vergeben, weil er immer in Bewegung ist. Glücklicherweise sterben Menschen, damit es ihrer nicht zu viele gibt. Vermutlich ist die Menschheit die Krankheit auf diesem Planeten. Glücklicherweise gibt es eine nicht näher beschreibbare Anzahl an Arten und Formen, das eigene Gesicht von ihr abzuwenden. Vermutlich ließen sich drei Leben alleinig schon an einem winzig Abschnitt eines Bachlaufes irgendwo in Bhutan verbringen und dem eigenen Selbst würde mehr Größe und Wahrheit innewohnen als dem Piloten, der bereits 173 Länder bereiste und unzählige Frauen berührte.
Beinahe eine Stunde liege ich hier schon und schreibe und könnte mindestens zehn Stunden diesen Vorgang fortsetzen. Alles ist möglich.
Bin ich ein Anhänger des gegenwärtigen Jetzt oder ein Fanatiker des Morgens? Es ist eine diffuse Mischung. Oft genug meine ich, dass es brachialer Gewalt bedarf um ein Ziel zu erreichen, man muss sich nur die gesichtslosen Gesichter am Straßenrand anblicken die in dieser Nacht sterben könnten und niemand würde sie vermissen. Vielleicht würde ihnen noch ein Grabstein auf den toten Leib unter der Erde gesteckt werden, dieser noch ein paar Jahre gegossen und bepflanzt werden, aber was wäre ihr Leben im Kern tatsächlich von Bedeutung gewesen? Sie mochten ganz tief im Ursprung ihres Selbst in irgendeiner Form verkrüppelt sein und diese beschränkten Glaubenssätze, tief verankerten Traumata und vereiterten Wunden würden so tief in ihrem Wesen schlummern, dass jede Handlung die sie ausführten bereits im Voraus zum Scheitern verurteilt wäre. Aber ist es gut über Andere herzuziehen? Vielleicht sollte ich mich im Spiegel ohne Maske betrachten und dort im Schatten kauernd sitzend diese Gestalt finden, auf die exakt vorherig Beschriebenes zutrifft…
Ich denke wieder an Hiva Oa, den Pazifik, die Morpho-Schmetterlinge, den Regenwald und die Schönheit der Frauen. Alleine bin ich überlebensunfähig. Freilich belächle ich die Menschen, die sagen der Mensch sei von Natur aus ein soziales Wesen. Denn was ist ihre Definition von Mensch wahrhaftig? Vermutlich wird es in all den Institutionen bis in die Unendlichkeit gepredigt, dass man teilen soll und dass das Soziale das höchste Gut für die Menschheit sei. Aber wo befände sich der Zeitgeist ohne Vorreiter und Pioniere, ohne Ignoranten von Schablonen und Normen, ohne Giganten der Vielfalt und ohne aus dem Jahr Gefallene? Der gesamte Organismus von Millionen von kräuchenden und fläuchenden Zweibeinern wäre ohne Form und Inhalt, ohne Goethe, Nietzsche oder Einstein. Doch in genormten Kindergärten wird aller Voraussicht nach kein Stern geboren werden, sondern einzig ein formbarer und austauschbarer Gegenstand, der an jeden x-beliebigen Schreibtischstuhl platziert werden kann und wie Maschine YZ Befehle entgegennimmt und ausführt. Aber sicherlich befarf es Millionen dieser winzigen Rädchen in einem System, wo würden wir den hinkommen, wenn wir als Menschheit Millionen überflüssiger Arbeitsplätze von heute auf morgen wegrationalisieren würden da es bereits seit Dekaden bessere Wege gibt gewisse Arbeiten auszuführen? Jedes Individuum hat die Wahl ob es auf einer Südseeinsel mit einem offenen Kopf am Strand liegt und Geld verdient oder ob es Arbeitsbeschaffungstätigkeiten ausführt, die dem wahren Morgen letztlich nur im Wege stehen. Klar - niemand denkt, jeder hat eine Meinung, pocht auf sein Recht und verschränkt seine Arme vor dem Wandel.
Wahrhaftig ein Trauerspiel diese Scharade, alles ist ein Theater, eine „Truman Show“ und ein im Anbruch des Sonnenscheins versengendes Wachsfigurenkabinett. Ein Mensch, der einzig einen Gedanken hegt hinter die Kulissen zu blicken oder irgendwelche Fäden in der Hand halten zu wollen, ist bereits der Teufel in Gestalt.
Aber nun gut, dass ist das Leben. Jeden Morgen werden die Karten neu gemischt. Ich hoffe darauf, am Freitag den 13. vier Asse im Ärmel zu haben, weder schwarze Katze noch Nutria zu überfahren und am Nachmittag das Glück am Ufer ergattern zu können. Vielleicht sage ich mir morgen wieder wenn ich lebende Leiber atmen sehe: „….. euch!“, vermutlich sollte ich eher beherzigen, dass wir alle als wahre Menschen im Herzen, in unserem tiefsten Innen gleich sind und ungeachtet unserer Nationalität als Brüdern und Schwestern auf dem blauen sich im Universum drehenden Planeten gen Zukunft schreiten. Denn exakt deswegen leben wir auf diesem merkwürdigen Etwas: Um das Alte und Überflüssige auszuradieren, die weiße Oberfläche des Schreibtisches mit dem Arm von Ballast und Störendem zu befreien und sodann mit wachem Geist und Achtsamkeit die Grundlagen zur Konstruktion des Dritten Jahrtausends zu schaffen. Es gibt stets einzig Gewinnende. Selbst oder vielmehr insbesondere die Verlierenden sind die Gewinnenden. Denn sie haben gelernt stets die Perspektive zu verändern und fernab von belanglosen Lauten aus Mündern das Wesentliche anzuvisieren und im Rahmen einer perpetualen Repetition das Unmögliche anzuziehen und zu manifestieren.
Es ist 22:22 Uhr, das sollte für heute als Vorbereitung für morgen genügen.
Zwischen Istein und Kleinkems
13. Februar 2023
14:02 Uhr
Vor ein paar Minuten dachte ich noch daran, wie perfekt es wäre ein kleines Zelt dabei zu haben, nun sitze ich barfuß an einem kleinen Sandstrand auf einer Holzbank, habe neben mir zwei Bananen (Mittagessen) und einen Chai-Tee in einer vergrößerten Version meines Kaffeebechers stehen. Darauf abgebildet ein Spruch, der mich heute Mittag beinahe verfluchen ließ: „Deine Ausstrahlung nährt sich aus deinem Innersten.“
Mittlerweile denke ich wie sich die Sonnenstrahlen auf mein Gesicht legen, wie schön das eigentlich auch sein kann. Hier sitze ich nun also am Rhein. Hier sitze ich endlich am Rhein und schreibe. Eine Satteltasche habe ich dabei, das hintere Schutzblech knarzt und ich spüre die Marseille-Kilometer in den Beinen. Ein wenig kommt es mir so vor, als hätte man mich für 5 Jahre in ein Fitnessstudio mit unzähligen Müsliriegeln und Bananen gesteckt. Wenigstens tritt es sich so ungeachtet des Oberflächenbelages oder dem Gegenwind ausgesprochen bequem. Oder es liegt daran, dass es bis nach Karlsruhe kontinuierlich bergab geht.
Die Pilgermuschel habe ich wieder im Gepäck. Vermutlich würde mir jeder Mensch und/oder Wegweiser signalisieren, dass ich mit diesem Gegenstand die komplett falsche Richtung eingeschlagen habe. Aber ich möchte an die Nordsee, nicht heute und nicht morgen. Dieses Jahr zumindest. Dann kann ich behaupten, dass ich vom Dreiländereck Deutschland-Schweiz-Frankreich bis an das Schwarze Meer, an das Mittelmeer, an den Atlantik und an die Nordsee getreten bin. Es ist noch keine Weltreise, aber für mich ist es ein kleines #connectingthedots.
Höhe Rheinweiler
14:46 Uhr
Auf der Höhe von Rheinweiler muss ich in einer Fußgängerunterführung mit nassen Schuhen stehen. Über mir die Autobahn, vor mir der nach rechts fließende Rhein und der Regen von vorne. Wetter-App, du hast doch gewonnen. Die Regenjacke und -hose habe ich an, bei den Schuhen war ich zu nachlässig sie zu wechseln. Das wasserdichte Paar in der Packtasche kaufte ich vorletztes Jahr auf einer Tour in Heidelberg. Im Prinzip sind es Wander-, Bergschuhe mit ziemlich stabiler Sohle. Das erspart mir jedoch Klickpedale oder Käfige. So ist es ganz gut.
Angenehmer Rad- und Fußweg auf dem internationalen Fernradweg EuroVelo 15 Richtung Norden vor Rheinweiler.
Die Gedenktafel an die "Kriegsverbrechen an vier alliierten Fliegern" auf der Gemarkungsfläche der Gemeinde Bad Bellingen. Diese wurden am 07. Oktober 1944 völkerrechtswidrig getötet.
Der Bewegungsparcours in Bad Bellingen mit Fahrradanlehnbügeln und einem intuitiv wiedererkennbaren Marketing-Informationsschild.
Im Januar bei dem Wetter werden die unterschiedlichen Geräte zur körperlichen Ertüchtigung nur bedingt genutzt.
Ein stationäres Fernrohr um die Flora und Fauna mit den prächtigen Vogelarten am Uferbereich des Rheins zu bestaunen.
Breisach am Rhein
18:46 Uhr
Hier befinde ich mich nun in Breisach am Rhein. Es ist eine ziemlich schnuckelige und schöne Stadt, selbst bei Regen und Dunkelheit. Ich weiß, dass ich heute am Freitag den 13. die vier Asse im Ärmel oder vielmehr unter der Jacke hatte. Sie sind aufgrund des Regens durchnässt und eines verlor ich unterwegs bei einer Windböe.
Jetzt liege ich im Bett mit noch kalten Füßen, die Schuhe wechselte ich selbstverständlich noch in der Unterführung - dennoch sind meine Füße wenig nass geworden. Auf der Fahrt vorhin ging mir wieder alles und nichts durch den Kopf. Mittlerweile muss ich die 15 Kilometer #writeforio Füllfederhaltertintenaneinanderreihung erreicht haben. Ich trage das blaue „BLEU DE MARSEILLE“ T-Shirt und denke an Titaua. Eigentlich möchte ich alles vergessen und nur in meiner Blase leben und dann kommt da irgendein hübsches Wesen an, verzaubert dich in einem Sekundenbruchteil und du bist sprachlos.
Also zurück zum Wesentlichen. Meine Füße sind leicht aufgewärmt, heute fuhr ich auf dem Radnetz-BW, dem Dreilandradweg, der D-Route 8 und dem Eurovelo 15. Ich sah sie sogar wieder die blau-gelbe Plakette mit der Pilgermuschel. In Breisach am Rhein kam ich an einem Schild vorbei, das in Richtung Norden Rheinmündung 1.015 Kilometer und in die andere Richtung Rheinquelle 495 Kilometer anzeigte. Im Prinzip gehört nichts dazu, so eine Tour zu machen. Einfach das Ziel in eine Fahrrad-Navigationsapp eingeben, die Route berechnen, ein wenig Utensilien einpacken und los geht es. Eine eher ernste Frauenstimme navigiert mich dann per Sprachbefehl über den rechten In-Ear-Kopfhörer. Zu 95 Prozent funktioniert das reibungslos. Manchmal gibt es Situationen, wo das "leicht rechts" der Frau nicht mit meiner Annahme von einem leicht rechts übereinstimmt. Mittlerweile ist mir das im Regelfall gleich. Lieber mit konstanter Geschwindigkeit weiter fahren und dann langsam wieder in die gewünschte Richtung kommen als anzuhalten, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, etc. pp. Von der offiziellen Internetseite der European Cyclists' Federation zog ich mir dieses Mal die zertifizierten GPS-Tracks für die Führung was sehr gut funktionierte. Bis ich dann unmittelbar parallel des Rheins im perfekten Fahrfluss ein temporär aufgestelltes "Durchfahrt verboten"-Schild mit einem winzigen schwarzen Fahrradpiktogramm darunter angebracht ignorierte. Ich dachte mir, dass es zum Einen mitnichten nach einer offiziellen Anordnung aussieht und zum Anderen meine Strecke geradeaus weiter geht und nicht nach rechts führt. Also fahre ich weiter bis ich nach circa 600 Metern vor einem Zaun stehe der es mir unmöglich macht weiterzufahren. Das Fahrrad möchte ich ungern darüber werfen und hinterherspringen, also wende ich zähneknirschend, die Ermahnungen der Frau im Ohr zur Kenntnis nehmend durch den Zaun weiterzufahren. Wieder an dem Verkehrszeichen steht in einer Schriftgröße 7 Neuenburg. Ich will nicht nach Neuenburg sondern nach Norden, aber ich habe keine andere Wahl. Schließlich befinde ich mich an einer Kreuzung, wieder stehen dort diese stümperhaft installierten Schilder, kein Hinweis auf einen international zertifizierten und mit europäischen Finanzmitteln realisierten Fernradweg weit und breit. Neuenburg wird es vermutlich besser wissen. Vielleicht ist das Stadtzentrum ausgesprochen schön und eine Augenweide für Fahrradtouristen. Oder die Schilder samt Zaun wurden erst 6 Minuten vor meiner Ankunft installiert und ich bin der erste, der einzige und möglicherweise auch der letzte Leidtragende. Also fahre ich weiter, befinde mich alsbald nahe des Rathauses und spiele tatsächlich mit dem Gedanken dort eine handschriftliche Botschaft einzuwerfen. Aber es wäre mit 130-prozentiger Garantie umsonst investierte Zeit, da ich vermutlich letzten Endes Schuld daran wäre im Januar mit dem Fahrrad zu fahren. Im Ort fahre ich auf der Fahrbahn statt auf dem kombinierten Geh- und Radweg mit einer Benutzungspflicht. Er ist zwar ausreichend breit, die Auffahrt allerdings ohne abgesenkte Bordsteinkante und im rechten Winkel. Ich müsste also entweder schieben oder auf Schrittgeschwindigkeit hinunterbremsen. Sieht so die ideale Infrastruktur aus, die von Familien und älteren Menschen genutzt wird insbesondere vor dem kontinuierlichen Anstieg an verkauften Pedelecs und Lastenfahrrädern?
Im Prinzip darf die Stadt Neuenburg am Rhein machen was sie möchte. Mein Punkt ist einzig, dass diese EV 15 Strecke aus der Schweiz und Liechtenstein bis in die Niederlande ein Aushängeschild und Best-Practice-Beispiel für eine internationale Fernradreiseroute darstellt. Und es ist kein optimales Markenzeichen, wenn der Radreisende oder eine Gruppe über irgendwelche nicht durchschaubaren Umwege gelotst wird. Vermutlich wird es unzählig viele Menschen geben, denen das ausgesprochen kleinlich und penibel vorkommt. Das ist das Leben. Aber das Fahrrad ist die Zukunft. Nicht alleine aber in Summe. Es ist das filigrane Bindeglied um auf einer ganzheitlichen Ebene eine neue Mobilitätskultur zu etablieren. Tandem-Trike, E-Scooter, S-Pedelec, elektrischer Loadster, Bürgerbus, Carsharing, intelligente Schließfächer an Umsteigepunkten, adaptive Beleuchtung, Fahrradpiktogramme und Fahrbahnmarkierungen, aussagekräftige Informationstafeln, Bett+Bike-Betriebe, Lademöglichkeiten, Sitzelemente und Unterstände, Picknick-Tische und Erlebnisbausteine, das Repertoire an Puzzlestücken ist unerschöpflich.
Ich erinnere mich noch daran, dass ich den Regenbogen sah. An einem gewissen Punkt erfordert es den Blick von dem Alten zu wenden und die Augen zu öffnen die Zukunft zu erblicken. Die Menschheit ist bereits längst an diesem Punkt angelangt. Freie Fahrt für freie Bürgerinnen und Bürger bedeutet die Alternative zu haben um den für den eigenen Wegezweck perfekten Mobilitätsmix zu nutzen. Die Mobilität treibt einen jeden von uns an, Mobilität ermöglicht soziale Teilhabe, die Entdeckung von Unbekanntem, das Erleben von Abenteuern und das Verknüpfen von Synergien. Wir alle sind fortwährend mobil, das ist die Freiheit der Menschen.
In Helsinki gibt es mit Fernwärme beheizte Gehwege, in Schweden werden im Winter die Gehwege vor der Straße geräumt, damit Eltern mit dem Kinderwagen Vorrang haben, in New York produziert an bestimmten Knotenpunkten ein jeder Schritt Energie, im Tal des Rio Urubamba funktionieren die jahrtausende alten Be- und Entwässerungsgräben immer noch. Die Innovation wohnt einem jedem schlagenden Herzen inne, die Inspiration liegt auf einem jedem Flecken dieser Welt. Doch mein Leib baumt sich bis zum Himmel auf da ich weiß, dass ein Großteil der Denkenden verlernt hat a.) an die Kubatur von Kreisen zu glauben, b.) das Gebären von Sternen für eine Utopie hält und c.) die kurzfristige Bequemlichkeit über das mittel- bis langfristige Potential einer sich wahrhaftig entfaltenden und florierenden Wirtschaft im Einklang mit der Natur stellt. Geflissentlich lassen sich Raumsonden in fremde Galaxien bugsieren, doch wahre Liebe lässt sich nicht kaufen.
Vorhin flogen parallel mit mir Seite an Seite unmittelbar über dem Wasser zwei weiße Schwäne und ich hörte die Melodie von Meys „Lilienthals Traum“. In Gedanken war ich in Brasilien, in Nepal und auf den Azoren. In Gedanken bin ich stets überall, doch zu oft kommt es vor, dass ein Wille gebrochen wird und dann muss eben das gesamte Leben auf Dauer so hingenommen werden wie es ist. Aber Kopf hoch, auch jene, die nun auf Denkmälern thronen zweifelten einst, die Giganten taumelten und die Magier suchten zunächst in der Dunkelheit des Verborgenen das Licht.
Soviel zu Allem und zu Nichts. Morgen Rhein, Sonne, Straßburg und Karlsruhe.
Aufgrund des frühen Sonnenuntergangs erkunde ich die historisch bedeutsame attraktive Stadt Breisach in der Dunkelheit.
Ein wirkungsstarkes Bild in der Privatunterkunft. Tatsächlich bin ich der festen Überzeugung, dieses selbst in einem früheren/anderen Leben angefertigt zu haben.
Aufbruch: | 13.01.2023 |
Dauer: | 9 Tage |
Heimkehr: | 21.01.2023 |