Im Fluss oder Reaching Rotterdam
Ein Winterchaos
Anreise nach Mannheim
20.01.2023 - 16:07 Uhr
Wieder geht es weiter in den Norden. Dieses Mal nicht unmittelbar auf dem Sattel sondern zunächst im Zug bis nach Mannheim. Dem Ort, wo ich vergangenen Sonntag nur wenige Minuten vor weitestgehend pünktlicher EC-Abfahrt mit Regenhose, -jacke und mit Matsch bedeckten Schuhen ankam. Ich fand die ausgesprochen schmale Rampe ins Untergeschoss, um von dort aus einen Aufzug zum Bahnsteig 8 zu nehmen, zog in der EC-Toilette meine frische Kleidung an und sah schließlich wieder wie ein weitestgehend zivilisierter Mensch aus. Dann unternahm ich einen Spaziergang vier Waggons weiter um mich im Bordbistro an einem Tisch für fünf Personen mit Kaffee und Orangensaft zu versorgen.
Selbstverständlich frage ich mich, warum ich mich so schnell wieder aufmache. Die Gründe dafür sind vielfältig. In erster Linie geht es mir jedoch darum, an der frischen Luft in Bewegung zu sein. Rund 10 Millionen Kfz vor dem Fenster an meinem Wohnort in der Wallbrunnstraße sind dann für ein gesundes Wesen doch etwas zu viel. Naja, selbst bin ich daran schuld, an diesen Platz gezogen zu sein.
Ein wenig beschäftigt mich die Frage, ob ich es an einem Wochenende von Bonn aus bis nach Rotterdam und an die Nordsee schaffen würde. Vermutlich ja. Wenngleich mir ausgesprochen wenig Zeit bleiben würde, irgendetwas von dem europäischen Manhatten noch von einem anderen Kleinod auf der Strecke anzusehen. Bin ich also doch kontinuierlich auf der Flucht? Tatsächlich weiß ich noch immer nicht, was Heimat für mich bedeutet. Ja, die Welt ist mein Zuhause und das Universum ist stets bei mir. Aber was bedeutet das konkret? Ich weiß es nicht so recht. Die winterliche Nachmittagssonne steht tief und wieder werde ich mir gewahr, dass ich zeitlebens alleine sein werde. Ja, es gibt Menschen, die ich liebe und ich weiß, dass derer noch viele folgen werden. Gleichwohl ist da immer wieder dieser abgrundtiefe Hass gegenüber all den Zweibeinern. Aber es hilft nichts. Ich muss und ich darf lernen, mich selbst immer weiter so anzunehmen und zu akzeptieren, wie ich bin. Das ist das Leben. Ich mag die Kleidung, die ich anhabe und fühle mich gerade weitestgehend wohl in meiner Haut. Meine Kehle ist ein wenig trocken. Vermutlich liegt es an der kühlen Luft von um die null Grad und an all den Abgasen auf der rund sechs Kilometer langen Strecke zwischen Zuhause und Weil am Rhein Bahnhof. Aber ich sage mir, dass es nicht lohnenswert und konstruktiv ist sich aufzuregen.
Ich hänge irgendeinem Ideal hinterher, das nicht realistisch ist. Wen interessiert schon die alte Frau mit ihrem Gehstock? Wahrhaftig trägt sie nichts zum Wirtschaftswachstum bei. Ihre Produktivität liegt sogar im Minusbereich. Sie liegt dem Staat auf der Tasche. Ich atme tief ein und aus. Morgen befinde ich mich wieder auf dem Rad und kann all die überschüssige Energie loswerden.
Ich nutze die Gunst der Stunde, es kann alles immer nur besser werden. Gott ist immer an Ort und Stelle. Jedes Jammern ist überflüssig. Ich gehe langsam Schritt für Schritt. Alles wird zu seiner Zeit kommen. All die Erwartungshaltungen und Hintergedanken der anderen Menschen nehme ich an.
16:43 Uhr - Freiburg Hbf
Ich stehe in Freiburg am Bahnhof in der Kälte und mir ist kalt. Ich glaube ich habe Socken zum Wechseln vergessen. Ebenfalls glaube ich, dass Freiburg mehr Sicherheitskräfte als Menschen hat. Ich hoffe, dass morgen ausgesprochen wenig Leute unterwegs sein werden, so dass ich möglichst viel vom Rhein habe. Je früher ich losfahre, umso weniger Menschen werden es sein. Dieses Mal habe ich mitgedacht und die linke Satteltasche mitgenommen. Zum einen kippt dann das Rad beim Abstellen nicht um, zum anderen ist diese sozusagen noch druckfrisch. Es ist also erforderlich, dass sie endlich eingeweiht wird. Nur Gott weiß, welche Länder, Flüsse und Orte sie eines Tages gesehen, in welchen Zelten sie geschlafen und wie viele Sonnenauf- und Sonnenuntergänge sie im bewussten Empfinden wahrge-nommen haben wird. Ich stehe in Freiburg und ich denke an M. Eigentlich könnte ich auch an meinen lebenden Cousin denken. Vermutlich wäre ich ohne den M.-Vorfall weder nach Ägypten noch nach Marseille gegangen. Aber ich ging dorthin und fand ihn in all den Menschen und Weggefährten wieder, so kurz die Momente der Begegnung auch nur andauern mochten. Die Luft ist angenehm und London mit den blauen Hermes-Schuhen ist Ewigkeiten her. Immerhin schrieb ich das Gedicht „Der Wassermann-Fisch“. Was wird mich in Mannheim erwarten? Hoffentlich keine Menschenmengen.
16:59 Uhr
Mein Rad hängt in einem leeren Fahrradabteil im hintersten Ende des Zuges. Wahrlich gut, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich habe meine Kopfhörer aufgesetzt. Die Landschaft zieht an meinem Fenster vorbei. Ja, ich freue mich auf die durchgehende TGV-Zugfahrt von Freiburg im Breisgau bis nach Bordeaux. Ein Samstag, wie er in das Guinessbuch der Rekorde eingehen könnte vermutlich. Schreiben, Kaffee trinken und mir wünschen, dass ich das Leben eines Anderen führen würde. Vorhin im Zug hob ein Mitfahrer kurz meinen Lenker, damit ich meine Jacke schließen konnte. Wir lächelten uns flüchtig an.
Ein merkwürdiges Aquarell aus diversen Farbtönen hängt über all den Köpfen von uns Menschen. Gelb, blassblau, türkis, marginal grau, ein Pipettentropfen zinoberrot und und und. All diese Komposition in Gänze zu beschreiben würde Jahre dauern. Wahrlich wenig schlief ich in der vergangenen Nacht. Ich wollte unbedingt diesen einen Blogartikel Nr. 2 beenden. Er ist zu lang geworden. Dessen bin ich mir gewiss. Die Überschrift zumindest ist schon einmal überdurchschnittlich gut. Das ist garantiert. Ich stellte wieder einmal Alles in Frage. Der Zug steht wieder auf offener Strecke. Wie es sich gehört für eine Fahrt im ICE in Deutschland.
Wieder sage ich mir: „Courage, Dear Heart“.
Wen interessiert schon eine Frage, die Poesie oder einen Schmetterling?
Du erkanntest irgendwann, dass der Hamster im Rad nur die Kopfhörer aufziehen muss und dann in der unendlichen Repetition im Kreis immer mehr Mut, Wille und Kraft gewinnt. Bis er dann schließlich die Stangen seines Käfigs durchbricht und a.) seinen Besitzenden im tiefen Schlaf überrascht oder b.) eine kleine Folge von ungeschickten Dominotaten in Gang setzt, die folglich verheerende Auswirkungen haben können. Das Damoklesschwert schwebte viel zu lange über ihm, als dass es noch wichtig wäre was richtig und was falsch ist. Und so befindet er sich schließlich in der Freiheit. Weder ist er das Schaf, der rote Milan, der Elefant oder die Schildkröte. Er ist nur der Hamster, der aus dem Käfig ausbrach.
Die Westfassade ist Ewigkeiten her, die Namen der Hausboote klingen nur noch leise in meinem Kopf. "Adriana", "Linquenda", "Anna", "Bandos", "Deux Merles", "claire jeanne" oder "den norderzoon". Ihr seid wie aus einem entfremdeten Traum. Anfangs noch das Landschaftsschutzgebiet Rheinvorland, irgendwann der umgefallene Baum, schließlich Spargelroute, Pilgerweg, Paneuropa-Radweg und Odenwald-Madonnen-Weg. Was wird hier in zwei Tagen geschrieben stehen? Andere liegen mit ausgemergelten Leibern vollgepumpt in weißen Betten am Tropf, du wirst dein gesamtes Leben lang wieder und wieder Reißaus nehmen und Allem und Jedem den Rücken kehren. Vielleicht ist es feige. Aber was ist noch recht auf dieser Welt?
Gerade erfuhr ich vom Schaffner, dass ich ein erste Klasse Ticket gebucht habe. Dieses in Kombination mit dem Rad ist ein ausgesprochen großer Fehler. Fahrrad im Abteil Nr. 1, 1. Klasse am anderen Ende im Abteil Nr. 14. Vermutlich habe ich mir nichts dabei gedacht. Die Dunkelheit hat sich über die Erde gelegt, meine Angst von vorhin hat sich wieder aufgelöst, ich bin ich und das ist gut so.
“Courage, Dear Heart”.
17:57 Uhr
Verdammt, ich muss schreiben, verdammt die Welt dreht sich zu schnell für mich, ich bin zu klein, alles ist gut so wie es ist, die Notwendigkeit ist immer dann gegeben, wenn das Sonnenlicht sich verabschiedet hat. Wieder spielt die Musik. Ja, sie spielt wieder. Ich schreibe bis zum bitteren Ende, dass da früher oder später kommen wird, ich schreibe gestern, heute und morgen, im ersten Jahrtausend und 5087 nach Christus. All die Gestalten werden weniger je mehr man sich in der eigenen Welt bewegt, der Dunstkreis eines verkappten Genies ist das Trauma eines Aufgeklärten. Das Leuchten ist weniger geworden. Die Musik, sie spielt immer noch. Die Schmerzen mögen mich noch umbringen. Niemand kann für dich erfolgreich sein. Niemand kann dein Leben leben. Niemand kann dir dein eigenes Glück schenken.
Du bist dazu verdammt, in diesem Körper deine Dekaden zu verbringen. Der Wind weht ausgesprochen stark. Die Ignoranz gegenüber deinem Selbst ist offensichtlich. Auf die Anderen hören? Warum? Warum nicht? Weswegen noch weiter zögern? Aber was machst du schließlich all die Tage? Schreiben, nichts als Schreiben, bis die Tinte aufgebraucht ist. Die Bühne ist wieder beleuchtet. Die Alarmsirenen schrillen. Ein anderer Mensch mag sich etwas wünschen. Aber entspricht es der Realität? Ich muss schreiben, weiter schreiben. Ausgesprochen unscheinbar bin ich im Kostüm des aus der Zeit Gefallenen, denn ich forme meine eigene Realität; die Notwendigkeit ist gegeben, klare Tatsachen und Fakten zu schaffen. Wieder reden Leute, ich denke an Nürnberg, an die Pegnitz, den Obelisken und an den Apfelkuchen. Des Weiteren wären da noch die Nebelschwaden, die Sternstunden, Dürer, das Nationalmuseum, der große Wald, der Paneuropa-Radweg, das Laufen, die Familie, die fränkische Schweiz, der Franzose, der Spaß, die Suppe, Nostradamus und die Venezolanerin. Unendlich klein ist die Welt für diejenigen, die anfingen auf ihren eigenen Beinen zu stehen, die den Diamant aus ihrem Herzen brachen, die losgingen und losließen, die sich erbarmten nichts für umsonst zu nehmen, die rannten wenn es sein musste und ihren Kopf hinter all die Bücher steckten. Wieder zehrt sie an mir die Sehnsucht, das Ziel ist nahe, der Rheinfall entfernt sich immer weiter, forme das neue Gebilde vor deinem inneren Auge so lange, bis du es in deinen Händen halten kannst und du zugeben musst, dass die Müdigkeit nicht der härteste Gegner in diesem Leben ist. Stelle dicht nicht so an, schiebe eine ruhige Kugel, lege noch einen Zahn zu und bringe das Fass schließlich zum Überlaufen.
Da sind sie all die Riegen der Anderen, die den Ruhm in ihre Taschen stecken. Aber bitte nehme es ihnen nicht übel. Was sonst sollten sie auch tun. Es ist niemandes Vergehen. Jammere nicht, gleich hast du die vierte weitere Seite in dem Notizbuch beendet. Du wirst in Mannheim sein. Es ist ein gutes Ohmen. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Du hörst das Fallen der Sandkörner. Ja, freilich ist es eine Tortur, die Aufmerksamkeit richtet sich auf dich, gleich bist du am Zug aus dem Zug auszusteigen. Alle warten. Die Schienen haben ein Ende. Nur die Wurst hat zwei. Lasse los. Halte inne. Erfreue dich an der Verheißung.
Mannheim
19:37 Uhr
Wieder ist sie da in mir die Angst vor dem Unbekannten. Ich dachte, ich bin hier in einem Hostel und treffe gegebenenfalls auf neue Gesichter oder kann in den Gemeinschaftsraum gehen. Jetzt habe ich hier ein Einzelzimmer mit einem Doppelbett. Wieder bin ich alleine. Es ist immer ein Kompromiss. Ernsthaft habe ich das Gefühl, dass das Morgen immer kleiner wird. Da ist sie wieder diese schwarze Wand. Jetzt könnte ich noch eine Kleinigkeit einkaufen gehen. Unzählige Ausreden habe ich in meinem Kopf parat. Ein weiteres Mal ist es still mein Herz. Bis in die Quadratestadt ist es von mir aus nicht allzu weit. Darf ich mir überhaupt noch Hoffnungen machen? Was möchte ich mir zu Essen einkaufen?
Orangensaft, Käse, Aufstrich, Gurke, Schokolade, Gummibärchen, zwei Bananen und noch eine Portion Erdnüsse. Das hört sich doch gut an. Nehme ich die Dinge grundsätzlich zu locker? Was ist mir wahrlich wichtig in diesem Leben? Gegenwärtig kommt mir alles wie der pure Horror vor. Der Vorteil an diesem Zimmer ist, dass ich wieder einmal die ruhige Gelegenheit habe zu schreiben. Und morgen werde ich wieder am Rhein fahren. Darauf freue ich mich wahrhaftig. Ich sollte einkaufen gehen. Jetzt. „Courage, Dear Heart“. Was sagt mein Herz? Es ist so verdammt still. Das gesamte Leben hat es eingeschüchtert. Ich habe keine Lust auf irgendetwas. Wieso bin ich nicht in eine bessere Unterkunft im Zentrum der Stadt gegangen? Ich wollte nahe an der Strecke sein und selbstverständlich auf den Preis schauen. Warum muss alles seinen Preis haben? Erst Marseille, jetzt Mannheim, wann Manhatten? Ich könnte unmittelbar einschlafen. Vielleicht sollte ich doch in meinem Zimmer bleiben.
Die Pilgermuschel steht wieder hier. Ich bekam sie auf einem Weg zwischen Breslau und Zgorzelec von einem italienisch-polnischen Pärchen überreicht. Sie ist ein wahrer Gebrauchsgegenstand. Ein wenig vermisse ich meine Mitbewohnerin. Zu zweit wäre es manchmal doch schöner. Freilich habe ich eine massive Angst davor, da ich vermutlich wahnsinnig viele Dinge falsch machen würde. Aber ist das gravierend? Kann ich geliebt werden? Bin ich fähig zu lieben? In mir ist einfach nur diese immense schwarze Leere, die alles verschluckt und kommentarlos abblockt.
Mir ist kalt. Draußen schneit es immer noch. Darf ich überhaupt Geld ausgeben oder sollte ich wieder richtig anfangen zu sparen? Fragen über Fragen über Fragen über Fragen. Ich muss einkaufen gehen. Dann habe ich es geschafft. Einen Weg warme Füße zu finden werde ich schon eruieren. Hoffentlich habe ich frische Socken dabei.
20:27 Uhr
Ja, ich war einkaufen. Unendlich viele Tage habe ich noch vor mir in meinem Leben und ich weiß, dass alles in allem die guten und glorreichen noch kommen werden. Mit Essen bin ich eingedeckt, ich habe keine Wechselsocken dabei, dafür duftet es jetzt nach frisch aufgebrühtem italienischem Limone-Tee. Draußen schneit es in Strömen, es wird mit Sicherheit spaßig, morgen früh auf das Fahrrad zu springen. Nun, es ist sicherlich von Vorteil wenn Schnee liegt, damit ich bereits gegen 06:00 oder 07:00 Uhr losfahren kann, das Weiß erhellt dann bereits die gesamte Szenerie und leuchtet mir den Weg. Oder ich falle gehörig auf die Schnauze. Nein, das wird mir mit Sicherheit nicht widerfahren, dafür fahre ich mittlerweile deutlich zu sicher und vorausschauend.
Langsam wird es auch Zeit, dass ich mir andere Fragen stelle. Diese sind zum Beispiel: ab wieviel Grad gefriert Tinte?
Weitere fallen mir im Moment nicht ein, ich wollte so tun, als sei ich ausgesprochen intelligent. Also esse ich ein Vollkornbrot mit französischem Weichkäse (den günstigeren) auf dem Bett und schreibe parallel. Es ist eine Wohltat Wochenende zu haben. Ich bin frei.
Im Kopf gehe ich die Optionen durch, an diesem Wochenende einen anderen Menschen kennenzulernen. Und ja, es schneit wirklich ausgesprochen stark. Vielleicht bin ich zu verkopft. Der Tee heilt meine Wunden. Vorhin dachte ich an meinen Großvater aus Waldenburg. Was führte er für ein Leben? Wie veränderte ihn der Krieg? Hatte er eine Wahl? Tat er was seiner Erfüllung entsprach? Konnte er überhaupt etwas mit dem Wort Erfüllung anfangen? Von was ließ er sich aus dem Konzept bringen? Wo folgte er seinem eigenen Stern? Wie eroberte er seine Frau? Schrieb er? Suchte er? Betete er? Ja, er wendete sich von seinem Glauben im Sinne der Kirche ab. Aber an was glaubte er dann? Fand er seine Heimat nach der Flucht aus Schlesien wieder? Trug er Stolz in sich? Was bedeutete Gemeinschaft für ihn? Und was Familie? Hatte er Freunde? Er war gerne in der Natur, wanderte, lauschte den Rufen der Vögel, spielte Mundharmonika oder machte Kopfstände.
Freilich bin ich nicht zufällig in dieser Unterkunft. Es ist ein gutes Ohmen, dass ich hier bin. Ich bin glücklich. Das Ende ist der neue Anfang. Jetzt könnte ich gut einschlafen. Mein Magen ist gefüllt. Dafür bin ich dankbar. Ich habe ein warmes Bett. Dafür bin ich dankbar. Ich habe sauberes Wasser zum Trinken. Dafür bin ich dankbar. Ich lebe an einem sicheren Ort. Dafür bin ich dankbar. Ich bin gesund. Dafür bin ich dankbar. Ich habe eine Familie. Dafür bin ich dankbar. Ich habe ein funktionierendes Fahrrad. Dafür bin ich dankbar. Ich gehe mit dem Flow. Dafür bin ich dankbar. Ich habe gewisse Freiheiten. Dafür bin ich dankbar. Ich begegene anderen Menschen gegenüber offen. Dafür bin ich dankbar.
22:28 Uhr
Es ist 22:28 Uhr, ich esse vegane Gummibärchen, liege seit 1,5 Stunden im Bett und stelle mir grundlegende Fragen. Draußen schneit es ziemlich stark und ich frage mich ernsthaft, ob ich ein kleines Wenig verrückt bin. Ich möchte morgen diese 140 Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegen. Warum? Warum nicht? Es gibt immer zu viele Menschen, die in der Bequemlichkeit verharren, es bedarf immer der Menschen, die aus dem Gewohnten ausbrechen und ihr eigenes Ding machen. Vielleicht sind sie damit anderen Menschen sogar ein Vorbild. Wie ich vorhin vom Mannheimer Hauptbahnhof zu der knapp sieben Kilometer nördlich gelegenen Unterkunft fuhr verzweifelte ich beinahe ein weiteres Mal. Einen Radweg suchte ich vergeblich. So musste ich mir also zwischen Autos, zu Fuß Gehenden und der Tram einen Platz suchen und mich selbstverständlich auch behaupten. Du musst für zu Fuß Gehende mitdenken, die auf getrennten Geh- und Radwegen selbstverständlich nicht wissen, dass es solche gibt oder sich nicht darum scheren, weil sie mit Freunden oder Bekannten Seite an Seite laufen. Grundsätzlich stehen Autos ein kleines Wenig auf deinem Weg, du musst aufpassen, dass niemand die Türe aufreist, dass die nur kurz auf dem Weg stehenden Fahrzeuge zum Be- und Entladen nicht zum größeren Hinderniss werden, du musst auf dir entgegenkommende Falschfahrende, auf schnellere rote Ampelphasen, auf Schlaglöcher, genervte Autofahrende oder Scherben achten. Im Prinzip ist es nur lebensmüde in Mannheim Fahrrad zu fahren und die Automobilindustrie hat über Jahrzehnte die Menschen schon sehr gut zurechterzogen. Das Schlimme ist jedoch, dass die Individuen – mündige wahlfähige Bürgerinnen und Bürger – behaupten, dass es ihr Recht sei eine freie Fahrt zu haben. Die Leute stören sich nicht daran, dass sie im Stau stehen, aber wehe es befindet sich ein etwas langsamer – oder gleichmäßig vorausschauender Radfahrer im Innenstadtbereich – auf der Fahrbahn, dann ist die Aufregung groß. Ich weiß nicht was das soll. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Draußen schneit es weiter.
Was ist mir wichtig? Was bedeutet Leben für mich? Nichts geschieht von alleine. Immer bist du die Person, die für den Lauf der Dinge verantwortlich ist. Du musst die Situationen kontrollieren. Also höre nicht auf zu schreiben, höre niemals auf zu schreiben. Gott will, dass du schreibst. Vergebe dir zu jeder Stunde und in all den Minuten. Gott ist immer bei dir. Gott möchte, dass du das Licht der Sonne aus deinem Innersten erstrahlen lässt. Die Melodie erklingt noch. Sie ist leiser geworden aber sie ist noch da. Ich denke an die Lieder aus dieser Stadt zwischen Rhein und Neckar. Wie sehr werden Künstler zerrissen? Es ist immer so verdammt einfach einen anderen Menschen zu zerreißen. Du möchtest manchmal aus deinem Körper schlüpfen, aber es geht nicht. Jedes Wesen ist für sich selbst verantwortlich. Alles Andere ist eine pure Utopie.
Was bringt die Zukunft?
Was bring die Hoffnung?
Was bring das Atmen?
„Courage, Dear Heart”.
Das Teelicht brennt, es schneit, die Packung ist leer und mein Atem ein wenig schwer. Ich könnte mir einzeln die Haare herausreisen. Immer sind wir eingebettet in soziale Konstellationen. Aber ich kann nicht andauernd mit Jedem reden, ich muss mich auf mich selbst konzentrieren.
Das Morgen ist greifbar. Das Schreiben ist Fluch und Segen zugleich. Vielleicht passe ich nicht hinein in diese Welt. Dann darf ich das akzeptieren. Ich brüste mich nicht damit anders zu sein, ich brüste mich damit, ein Stück weit ich selbst zu sein. Vermutlich behauptest du wieder, dass es Nonsense sei was ich da an Zeilen verfas-se. Schon gut. Du bist nicht die erste Person, die sich daran aufhält. Ich nahm es zur Kenntnis und wollte zu Beginn insbesondere deswegen aufgeben. Aber mit der Zeit wurde ich mir gewahr, dass dir niemand das geben kann, was du dir selbst geben musst. Ja, es kann sein, dass ich morgen schöne Begegnungen, atemberaubende Naturmomente oder einen Sturz haben werde. Ein Stück weit mag ich es beeinflussen können, in Gänze habe ich es jedoch nicht unter Kontrolle. Die Zeit läuft. Die Zeit lief schon immer. Ich bin dankbar für den heutigen Tag und all das was mir widerfuhr. Es war ein ausgesprochen langer Tag. Gleich einem Berg der größeren Sorte. Das Schreiben heilt und es ist stets die Antwort. Andere mögen andere Antworten haben, ich habe diese.
Oft magst du dich verflucht haben aber dann sei dir bitte gewiss, dass du immer die Gnade findest. Du bist gesehen. Du wirst erhöhrt. Du bist die Veränderung. Das Suchen hat ein Ende. Die Antwort ist da.
Bitte lasse die Liebe in mein Herz kommen. Befreie mein Herz von den Schatten und der Negativität. Verleihe meiner Seele die Flügel.
Aufbruch: | 13.01.2023 |
Dauer: | 9 Tage |
Heimkehr: | 21.01.2023 |