Im Fluss oder Reaching Rotterdam
"Courage, Dear Heart"
Breisach am Rhein
13. Januar 2023
20:27 Uhr
Eigentlich möchte ich wieder mit dem purpurrotfarbenen Füllfederhalter in das Lindau Gospel-Notizbuch schreiben, aber zu vieles geht mit durch den Kopf, zu viel schrieb ich bereits, gute 300 Seiten liegen noch in meinem Kämmerchen darauf wartend abgetippt zu werden, Titaua wartet vor den Frioul-Inseln und ich fahre wieder einmal davon. Ich höre „Courage, Dear Heart“, frage mich wohl, was aus dem Zettel nur geworden ist, den ich am 03. Januar 2023 zwischen Valence und Avignon in die Rhone warf, was aus der aus dem Café de Victor Hugo geworden ist und was mit dem älteren Herren aus Kairo Downtown und seinem unendlich rießigen Herzen ist. Gestern Abend schrieb ich den Support dieser Polarsteps-App mit folgendem Anliegen an: „Do you know how many signs the member with the most words, sentences used?
It would be an honor for me to break this in-official record.“
Heute erhielt ich eine sympathische Antwort. Sie wissen es selbst nicht, ich bin scheinbar der Erste, der diese Frage gestellt hat, das Team ist informiert und ich erhalte alsbald Rückmeldung. Nice! Aber weswegen darüber nachdenken oder danach fragen. In Gedanken bin ich bereits dieser Typ, der diesen inoffiziellen Rekord gebrochen hat weil nichts unmöglich ist in dieser Welt und in diesem Leben. Heute noch auf dem Sattel dachte ich mir, dass ich ohne mit der Wimper zu zucken schnurstracks durch Bonn und Rotterdam im gegenwärtigen Moment durchfahren könnte. Heute. Nicht in diesem Heute aber in dem Heute im Morgen. Ohne Schlaf in 40 Stunden wäre es aller Voraussicht nach kein Hexenwerk. Aber ich bin vernünftig, weil ich mein gesamtes Leben lang vernünftig war. Morgen habe ich endlich die langersehnte Warmshowers-Unterkunft an den Toren der Universitätsstadt. Ja, ein wenig aufgeregt bin ich. Hier in der Radunterkunft wurde ich begrüßt mit ob ich bereits einmal hier gewesen wäre. Ich antwortete möglicherweise weise ja, ich weiß es nicht mehr, vielleicht irgendwann einmal. Dann betrete ich das Zimmer und an der Wand hängt ein von einem Kind namens Julian gemaltes Bild aus dem Jahre 2004. Und ich hätte es in der Tat gemalt haben können. Die Farben und die Szenerie sind exakt mein Stil. Aber wozu an das Wunder noch glauben?
„Courage, Dear Heart“ auf den Ohren, heute Nachmittag hasste ich wieder die Menschen, nun bin ich froh nicht als vermeintlicher Aussteiger irgendwo in der Abgeschiedenheit in einem Zelt die Andersartigkeit zu zelebrieren. „Courage, Dear Heart“. Ja. Mein 33 Geburtstag steht vor der Tür und ich habe ein ungemein flaues Gefühl im Magen, weil der antike Sportwagen immer noch nicht in der nicht vorhandenen Garage steht und ich immer noch damit beschäftigt bin, mir die Flausen aus dem Kopf zu ziehen. Alles kann, nichts muss. Das Leben ist das Rätsel, das Schreiben ist das Rätsel, du bist das Rätsel, die Menschheit ist das Rätsel. Wer war schon Wim Wenders? Nicht der Rede wert. Die Rabauken toben und meine Beine glühen. Gegebenenfalls fuhr ich doch ein wenig zu schnell. Die Zweifel lösen sich in Luft auf. „Courage, Dear Heart“. Das Gute ruht auch in dir. Öffne dein Herz. Halte inne und halte durch. Vertraue deiner inneren Stimme. Lasse los und erobere die Gunst der Stunde. Ignoriere all die Gestalten mit Worten aber ohne Persönlichkeit, reihe dich nicht ein in Nr. 473.283.193.257, damit du eines Tages auf einem Friedhof in ein winziges Ding gezurrt bist so wie du zu Lebtagen in einer beschaulichen Reihenwohnhaussiedlung diesen Alltag vebrachtest. Frau schwanger, Saugroboter geladen, Langeweile, Fernseher, Langeweile, Frequenzwechsel, …
Ich bin im Reinen. Ich nehme mich an. Ich vergebe mir. Ich lasse los. Ich akzeptiere mich. Ich bin. Ich bin erfüllt. Ich bin frei. Ich bin das Leben. Ich bin die Zeitlosigkeit. Ich atme tief ein und aus. Ich erde mich. Ich halte mich. Ich nehme das Funkeln in meinen Augen im Spiegel war. Ich vertraue. Ich lerne, was es bedeutet zu leben. Ich fühle. Ich spüre das Glück, die Neugierde, die Freude, die Aufregung und die Leidenschaft. Ich löse negative Verflechtungen in Liebe auf. Ich nehme mich so an wie ich bin. Ich genüge. Ich bin dankbar für den heutigen Tag. Ich bin dankbar für alles was mir widerfahren ist. Ich bin dankbar für den Rhein. Ich bin dankbar für den Regenbogen. Ich bin dankbar für Marseille. Ich bin dankbar für Hiva Oa. Ich bin dankbar für die goldene Madonna. Ich bin dankbar für Kolumbien. Ich bin dankbar so zu sein wie ich bin. Ich nehme mich an. Ich akzeptiere mich mit allen Eigenarten. Ich lasse los. Ich halte inne. Ich vergebe mir. Ich öffne mein Herz. „Courage, Dear Heart“. Vielleicht bin ich noch Dekaden lang ein gesichtsloses Niemand, werde noch Millionen von Malen vor den Kopf gestoßen, aber das hindert mich nicht daran, meine Haarpracht in den Sand zu stecken. Jeder einzelne Tag macht dich härter. Jeder Tag bietet neue und ungeahnte Möglichkeiten. Wir sitzen alle auf dieser einen Arche Noah. Wir alle bewegen uns gen Morgen. Ich nehme die Herausforderungen des Lebens an. Ich bin dankbar für das Ufer des Rio Urubambas. Ich bin dankbar für die aus Lima. Ich bin dankbar für die Kolibris. Ich bin dankbar für die Kritiker. Ich bin dankbar für den Gegenwind. Ich bin dankbar für das Unbekannte. Ich bin dankbar für den Gastgebenden in dieser Nacht. Ich bin dankbar für die Elektrizität. Ich bin dankbar für Steve Jobs, denn einzig durch ihn gibt es dieses Gerät in meinen Händen. Ich bin dankbar für die in Ghana hergestellte Zartbitterschokolade mit Baobab und Moringa. Ich bin dankbar für das vor mir liegende Teelicht. Ich bin dankbar für den burgunderrotfarbenen Füllfederhalter. Ich bin dankbar für die Ersinnenden dieses Kleinodes. Ich bin dankbar für den Menschen, der dieses Bettgestell konstruierte. Ich bin dankbar für die Erbauenden dieses Hauses. Ich bin dankbar für Europa. Ich bin dankbar für die afrikanische Union. Ich bin dankbar für Genf. Ich bin dankbar für die europäischen Fernradwanderwege. Ich bin dankbar für jede kleine Geste und für das Signal. Ich bin dankbar für Stanislaw Lem. Ich bin dankbar für meinen Vater. Ich bin dankbar für mein Fahrrad. Ich bin dankbar für die Leute, die die Teile einst produzierten. Ich bin dankbar für die Geister, die die Maschinen ersannen. Ich bin dankbar für die Sonne. Ich bin dankbar für die Pilgermuschel. Ich bin dankbar für die SDGs. Ich bin dankbar für die Vereinten Nationen. Ich bin dankbar für die Frau, die mir in Passau im Schreibwarenladen das kleine Tintenfässchen samt dem grün-schimmernden Federkil über den Tresen reichte. Ich bin dankbar für Hermann Hesse. Ich bin dankbar für Beethoven. Ich bin dankbar für die Taxifahrer dieser Welt. Ich bin dankbar für die Peruanerin, die mir einst den Plaza San Blas in Cusco empfohlen hat. Ich bin dankbar für Picasso Junior.
„Courage, Dear Heart“.
Wieder habe ich dieses Bild des Nomaden auf einer verlassenen Landstraße in Frankreich von vergangener Woche im Gedächtnis. In aller Gemächlichkeit fuhr er auf dem Asphalt unter dem Halbschatten der Platanenalle nach vorne, auf der Myriade seiner Packtaschen ein Instrument zwischen Gitarre und Ukulele geschnallt, das er nach einem kleinen Kürbis benannt hat. Er war, nein er ist für mich die Verkörperung des Friedens.
„Courage, Dear Heart“.
Ich bin dankbar für meine Gesundheit. Ich bin dankbar für die kleine handgenähte Tasche aus einer der verworrenen Gassen von Khan-el-Khalili. Ich bin dankbar für die Frau, die die „100 Cols“ fuhr und es mir erlaubte, mit ihr zu radeln und mit ihr zu baden. Ich bin dankbar für die zwei Schwitzhütten. Ich bin dankbar für M. Ich bin dankbar für das dritte Jahrtausend. Ich bin dankbar für den Genuss der Fremde. Ich bin dankbar ihr Leuchten in der Nähe der Elbe gespürt zu haben. Ich bin dankbar für die Frioul-Inseln. Ich bin dankbar für das 8-House in Kopenhagen. Ich bin dankbar für Rotterdam. Ich bin dankbar für den Meditationslehrer irgendwo zwischen Schnelsen und Langenhorn. Ich bin dankbar für die Eichhörnchen. Und zwar für jedes Einzelne. Ich bin dankbar für die Müdigkeit. Ich bin dankbar für Lance Armstrong. Er ist die Verkörperung des Sieges. Ungeachtet all der Ignoranten am Wegesrand oder auf der Couch. Ich bin dankbar für Terry Fox. Ich bin dankbar für Rosie Swale-Pope. Ich bin dankbar für die weiße Feder der Möwe. Ich bin dankbar für meine Mitbewohnenden. Ich bin dankbar für diesen einen Nachbarn. Ich bin dankbar für Orion. Ich bin dankbar für das Treffen von alten Freunden. Ich bin dankbar für dieses eine Café in Stuttgart, in dem SIE stand. Ich bin dankbar für Besançon, die Doubs, für Victor Hugo und die Bedienung. Ich bin dankbar für meinen Intelligentsquotienten, der irgendwo zwischen einem Spatzenhirn und einem Hochleistungsrechner rangieren muss. Ich danke den zwei Krankenschwestern, die mir damals während der Knochenmarkspunktur die Hände hielten. Ich bin dankbar für die Schmetterlinge. Ich bin dankbar für Santa Fe. Ich bin dankbar für Gundis. Ich bin dankbar für Miss Pasto. Ich bin dankbar für meine Cousins. Ich bin dankbar für meine Cousine. Ich bin dankbar für die Magie der Seifenblasen. Ich bin dankbar für die Zauberei. Ich bin dankbar für Philippe Petite. Ich bin dankbar für das World Trade Center in Grenoble. Ich bin dankbar für den Tod, denn er verkörpert das Leben. Ich bin dankbar für die Oberfläche von frisch bearbeitetem Holz. Ich bin dankbar für den Geruch von Fichtenharz. Ich bin dankbar für das Sammeln von Pilzen über dem Moos. Ich bin dankbar für den selbst hergestellten Spirituskocher von einem Kollegen. Ich bin dankbar für das: „Bleib dir treu!“ Ich bin dankbar für die Liebe. Ich bin dankbar für Paul Kalkbrenner. Ich bin dankbar für Autorennspiele. Ich bin dankbar für die Emanzipation der Fermentation. Ich bin dankbar für die aus Paraguay. Ich bin dankbar für die mit der Schildkröte. Ich bin dankbar für einen jeden Herzschlag. Ich bin dankbar für meine Tränen. Ich bin dankbar für all die Gänsehautmomente auf dem Weg. Ich bin dankbar für das Licht. Ich bin dankbar für das Göttliche. Ich bin dankbar für das Wort. Ich bin dankbar für Bike-Sharing-Systeme. Ich bin dankbar für die Kritiker. Ich bin dankbar für die Repetition. Ich hin dankbar für Hundertwasser-Gaudí-Rilke-Goethe-Schoppenhauer-Imitationen. Ich bin dankbar für die Vergangenheit. Ich bin dankbar für Prag. Ich bin dankbar für die Alt-Neu-Synagoge. Ich bin dankbar für all die dort ruhenden Seelen. Ich bin dankbar für das Klementinum. Ich bin dankbar für das Tal der Könige. Ich bin dankbar für John. Ich bin dankbar für die Suchenden. Ich bin dankbar für die Begegnung. Ich bin dankbar für die Dachterrasse über den Dächern Luxors. Ich bin dankbar für die Ägypten-Zugfahrt. Ich bin dankbar für die TGVs. Ich bin dankbar für Kleopatra. Ich bin dankbar für die Königin in diesem einen Restaurant zwischen Medellín und Bogotá. Sie wird den Piaster-Schein noch besitzen. Ich weiß es. Ich bin dankbar für "Gabriel auferstanden". Ich bin dankbar für Ben, Stella, Franklin, Crimson, Anna und für Finn. Insbesondere für Finn. Ich bin dankbar für den Film. Ich bin dankbar für Weimar. Ich bin dankbar für die Fürstengruft. Ich bin dankbar für die 23 Stufen. Ich bin dankbar für den Brasilianer. Ich bin dankbar für Daisy von Pless. Ich bin dankbar für Waldenburg. Ich bin dankbar für das böhmische Paradies. Ich bin dankbar für all die Flugzeuge. Denn sie verbinden Menschen. Sie beseitigen Grenzen. Ich bin dankbar für den Kreuzweg kurz vor dem Mze-Fluss in Tschechien und den Stein, den ich ihr zu Ehren niederlegte. Ich bin dankbar für das Spektakel. Ich bin dankbar für den Jungen mit dem Kometenschweif. Ich bin dankbar für Dinge des Unmöglichen. Ich bin dankbar für das Manifest. Ich bin dankbar für den orientalischen Teppich.
21:50 Uhr
Das Zimmer ist frisch gelüftet. Die Zartbitterschokolade mit Baobab und Moringa aus Ghana befindet sich in meinem Magen. Am liebsten würde ich jetzt gerne weiterfahren. Ich bin dankbar für ein beizeiten ausuferndes Repertoire an „Ich bin dankbar für...“-Dankbarkeitslisten.
21:59 Uhr
„Courage, Dear Heart“.
Ich bin dankbar für den vor mir liegenden PISA-Schlüsselanhänger. Ich bin dankbar für das Wassermann-Fisch-Gen. Ich bin dankbar für den Fährmann. Ich bin dankbar für die Brückenbauerin. Ich bin dankbar für das neonfarbene Yuri Gagarin T-Shirt aus dem kolumbianischen Planetarium neben Kopernikus. Ich bin dankbar für das El Dorado. Ich bin dankbar für die Mexikanerin. Ich bin dankbar für „Die Maske“. Ich bin dankbar für „Papillon“. Ich bin dankbar für den 599. Ich bin dankbar für die im Winde wehenden Gebetsfahnen. Ich bin dankbar für Franz Kafka. Ich bin dankbar für "Die Reisen des Mr. P". Ich bin dankbar für Jan Hus. Ich bin dankbar für Zeitreisen. Ich bin dankbar für das letzte Abendmahl. Ich bin dankbar für die Schamanen unter uns. Ich bin dankbar für den Chiribiquete-Regenwald. Ich bin dankbar für das zitronengelbe Doppeldeckerflugzeug. Ich bin dankbar für die Schafherde. Ich bin dankbar für den Diamanten mit Einschliff.
In der Tat ist es noch ein Reisebericht. Ich suche, doch ich finde nicht. Ich möchte ihn festhalten diesen Geistesblitz. Es ist nicht realistisch. Nehme Anlauf und fliege nur ein einziges Mal in dieser einen Nacht. Denn blick dich um in dieser Welt. Ja, es gibt viele brennende Herzen, doch zugleich vom Konservativen zerfressene Köpfe und Duckmäuser en masse. Gleich einem Fraktal vergessen. Nichts als eine Woge der höheren Sorte auf dem azurblauen Kalt unter der Abendröte. Haruki Murakami, die „Worship-Playlist“, einen Liter Tinte, sieben Notizbücher und die einsame Insel. Möglicherweise kommt eine Taube geflogen mit dem Ölzweig im Schnabel und sie wird nicht berichten von dem Reiter vom Bodensee, von Gustav Schwab oder Dagobert Duck, sie hat auch nicht „Das Dschungelbuch“ oder „Vanilla Sky“ im Angebot, einzig eine Botschaft ohne Absendenden. Sie fliegt und ein jeder einzelne Flügelschlag macht sie stärker und erhabener. Lange träumte sie davon ein Adler zu sein, bis sie erkannte, dass ihre ureigenen Fähigkeiten und Eigenarten unverwechselbarer Natur sind.
„Courage, Dear Heart“.
Ein Regentropfen fiel auf mein Haupt, es war ein frischer Tag und ein Zaunkönig pfiff aus dem Koran. Die Muezzine riefen auf zum Gebet, die Moschee steht neben der Kathedrale, der Synagoge und der Krypta. Dazwischen sich gleich russischen Balletttänzerinnen gleich drehende Derwische und Sultane mit mamelukisch getöntem Schopf. Glanz und Gloria, Glut und Gutmütigkeit, das Gebet und die Gnade, Genesung und Gott. Von der Schauinslandbahn würdest du vermutlich einen guten Blick auf das Musée de la Communication haben, das blaue Band fließen sehen oder von der kontinuierlichen Reproduktion eines Wunders träumen. Wenngleich ich nicht vor dem Traualtar stehe stoben sie weiter die Funken gen oben und inmitten des Tumults fliegen sie die Steine. Millionär könnte ich sein, unter der Brücke schlafen, eine Fantasie wahr werden lassen oder einer falschen Heuchelei ein Ende bereiten. Aber der erwachte Geist entsteht nicht ohne Grund. Menschen werden geboren. Einzelne werden frühzeitig ermordet oder verunglücken. Das ist das Leben. Jammere nicht, sondern konzentriere dich auf dich selbst. Vergebe dem Täter. Jedem Täter muss vergeben werden, denn er ist ein er und er ist der reinste Mensch von allen. Streiche die letzten drei Sätze. Nektar fließt zwischen den Gehöften, ein Raunen geht durch die Menge, die Wahrheit ist ein Konstrukt, die einem jedem Menschen innewohnt, der Höhepunkt ist auf dem Gipfel erreicht und der Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen. Naturtrüber Apfelsaft steht irgendwo in den Holzregalen und mein Magen knurrt bereits wieder. Nichts als Versager und Heuchler, Gestrandete und Entwidmete. Das Orakel von Delphi wird von Mr. Coctreau gelesen (nein, nicht von Mr. Cocteau!) und das Boot erreicht das Ödland. Schweden ja, Norwegen irgendwann, Island nein, Irland empfehlenswert, GB genial, Brüssel eventuell, Sturm wird in Angriff genommen.
23:26 Uhr
Bitte schenke mir den Glauben an mein höchstes Selbst. Gebe mir das Vertrauen, meine Intuition nicht als störend oder überflüssig anzusehen, sondern als kostbares Gut zu entfalten. Lasse mich im Leben fallen, die Gemeinschaft als etwas Wertvolles finden und meine Wunden heilen. Bitte lasse mich wieder fliegen. Schenke mir meine Portion des Glücks. Nur diesen kleinen inneren Funken. Ermögliche es mir, all die Stufen zu nehmen und den Preis dafür zu akzeptieren.
23:35 Uhr
Mir wachsen Federn. Einem jedem Menschen könnten Federn wachsen, aber es schmerzt und es ist unbequem. Das Land der Tugend wird erreicht werden sobald das Monopol auf Ziegenmilch abgelaufen ist. Ich bete. Ich bete immer. Ich glaube. Ich glaube immer. Aber ich kann nicht alles glauben, weil es ab und an von Relevanz ist, ein Ziel vor Augen zu haben. Warum kann ich nicht einfach stehen bleiben oder rückwärts gehen? Wieso ist es nicht möglich sich zu verstecken? Man kann sich nicht andauernd an allem stoßen und aus dem Lot sein. Wieso bin ich nicht einfach zuhause geblieben? Dieses Mal hier und ein anderes Mal da kann recht anstrengend sein. Was ist Liebe? Wo ist die Quelle des Rheins? Wo ist meine Quelle? Werde ich noch eine Libelle erblicken? Wird dieses Geschöpf sich mir zeigen? Wie viele Sterne existieren? Wird es morgen regnen? Wie lange kann ich noch ignorieren?
Die starken Regenfälle vom Vortag sind einer sauberen Angelegenheit auf diesem Abschnitt nicht zweckdienlich.
Ein schönes Wandgemälde oder Mural am Zollhäusle, das mich an Bogotá und Medellín erinnert. Es wurde von einem einheimischen Künstler namens Alberto erschaffen und stellt die grenzüberschreitende freundschaftliche Beziehung Deutschlands und Frankreichs dar.
In den Ufergegenden und auf dem Wasser liegen immer wieder Naturschutzgebiete, die eine Vielzahl von Vögeln beherbergen.
Nicht zum Nachahmen empfohlen - es hat allerdings dennoch große Freude bereitet. Auf ungefähr dieser Höhe muss mir vor einigen Jahren eine Nutria über den Weg gelaufen sein, mich zum Fall und mein Knie zum Bluten und beinahe "defekt"-sein gebracht haben.
Ein schwarz-weiß Mural in der französischen Stadt mit dem offiziellen Sitz des Europäischen Parlamentes.
Straßburg
14. Januar 2023
11:26 Uhr
Ich sitze vor der Westfassade. Ich flog in der Tat nach Straßburg. Orangensaft und Kaffee sind getrunken. Das Café etwas weiter auf der rechten Seite hat geschlossen.
Hier gibt es nicht nur die Wegweiser für einen der 32 Ortenauer Sagenrundwege mit dem Namen "Dreimarker" sondern auch einen Hinweis auf die Radwegekirche "Dreifaltigkeitskirche Diersheim". Tatsächlich fahre ich auf diesem Abschnitt neben dem EuroVelo 15 - Rheinradweg auf dem Paneuropa-Radweg, den ich bereits von Nürnberg bis zum östlichen Ende in Prag und von Nürnberg bis nach Straßburg erkunden durfte.
Fort-Louis
13:57 Uhr
Hier sitze ich nun mit einem knurrenden Bauch auf einer Bank bei der Kilometermarke 325,1. Das Wasser fließt an mir vorbei. Erst vor 7 Minuten schlug mein Magen einen Purzelbaum, ich betrat das perfekte Restaurant am Fluss auf einem Ponton, erwartungsvoll öffnete ich die Türe. Doch statt Essensgeruch stand da ein großer Werkzeugkoffer in der Mitte des Raumes und viele fleißige Menschen darum herum. Wenigstens ist meine Wasserflasche wieder gefüllt, die Kaffeehaus-Playlist läuft bereits eine ganze Weile und insgesamt erinnert mich all das Fahren auf den Dämmen an Hamburg, die Slowakei und an Serbien. Der Wind pfeift und wirft mein Fahrrad beinahe um. Notfalls fahre ich die zwei Stunden bis nach Karlsruhe und esse dort in einem Imbiss.
Was mache ich hier eigentlich? Hat es einen Sinn, dass ich hier sitze?
„Courage, Dear Heart“.
Ich habe mich dazu entschieden, an diesem Wochenende alles digital abzuschreiben. Eine Notizbuchseite darf ich von gestern noch abtippen. Aber fahre ich weiter oder schreibe ich? Was sagt mir mein Herz? Wonach ist es mir?
Das Pain aux Chocolat vor der Westfassade ist bereits längst Geschichte, all die Menschen der Straßburger Altstadt ebenso und ich bin froh, dass an diesem Tag ausgesprochen wenig Leute am Rhein flanieren, spazieren oder pedallieren. Der Wind wird stärker, aber er kommt aus dem Süden und mich zieht es in den Norden. Rotterdam ist zum Greifen nah. So ein kleines Micro-Adventure hat schon einen Reiz.
Raststatt
14:55 Uhr
Noch bin ich vor Hunger nicht vom Sattel gefallen. Ich träume von einer Satteltasche voller Müsliriegel, Avocados, Papayas, saftigen Ochsenherztomaten, von Zwiebelkuchen und frischer Pizza aus Neapel. Ich träume von einem zart-duftenden Espresso mit geschäumter Hafermilch mit Zimt obendrauf, von schweizer Schokolade oder der aus Ghana mit Fleur de Sel und Karamell. Ich träume von Kartoffelchips und einem vegetarischen Yufka mit Falaffelbällchen und Schafskäse und einem schwarzen Tee. In 4,5 Kilometern soll eine Ortschaft mit einer Bäckerei und einem Nahkauf kommen.
Verdammt.
Es ist Januar. Ich war der erste Radfahrer in der Privatunterkunft heute Nacht. Im Regelfall kommen sie erst Richtung März, April. Nun stehe ich hier an diesem Weiher inmitten der Natur. Leichte Regentropfen fallen, vor mir „HEINI“ mit Anker. Vorhin bekam ich einen kurzen Heulkrampf, weil ich an den älteren Herren vor dem Supermarkt in Valence dachte. Damals fragte ich ihn, wie er mit seinen sieben Sachen auf der Stufe sich befand, ob er etwas von drinnen benötige. Er zeigte auf seine Bierdose. Ich kaufte ihm das Bier und noch einen Happen zu essen. Wer wäre ich, ihm diesen Wunsch auszuschlagen? Manchmal ist das Leben rätselhaft. Manchmal ist alles rätselhaft. Irgendwo knarzt ein Baum. Die Oberfläche schwingt leicht. Da ruht er vor mir der Anker. Mittlerweile höre ich die „Worship 2023“-Playlist. Ein wenig müde bin ich und ein wenig glücklich. Weil ich nicht zuhause sitze, sondern auf dem Fahrrad und in der Natur bin und ein wenig schreiben kann. Vorhin überholten mich zwei Autolaster. Gleich war ich wieder in Polen.
Wohin mit all den Autos?
Wohin mit all dem Überflüss?
Wohin mit all dem Wohlstand?
Karlsruhe
16:50 Uhr
Ich sitze am Wasser nur ein paar Kilometer vor dem Ziel und schreibe. Regentropfen fallen von oben herab. Die Dämmerung beginnt. Der Wind zieht auf.
18:30 Uhr
Ich sitze in einem türkischen Café/Bäckerei mit einer heißen dampfenden Tasse Kaffee und zwei Mohnstrudeln zum Mitnehmen für morgen. In meiner Satteltasche befindet sich eine neue Jeans samt drei Boxershorts. Aus irgendeinem Grund habe ich die schwarze Hose, die ich gegenwärtig trage dazu auserkoren, mich bis an die Norsee auf dem Sattel zu begleiten. Mit dem Neukauf werde ich bei der Warmshowers-Übernachtungsgelegenheit frisch geduscht und mit sauberen Klamotten zivilisiert und vorzeigbar sein. Gerade im Shoppingcenter war schon eine Sache für sich. Wie nach einem 100-tägigen Survivaltraining ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt kam ich mir vor. Ich als Mensch der es mit allerletzten Reserven zurück in die Zivilisation geschafft hat. Dann befanden sich hunderte vorwiegend jüngere Individualisten in der Einkaufsmeile, die alle wie perfekt gestylt aussahen. Ich kam mit Mütze (zerzausten Haaren), Regenjacke und den mit staubigem Dreck bedeckten Schuhen da hinein. In dem Kleiderladen meiner Wahl seit Lörrach fand ich nach der ersten Probe nach rund 50 Sekunden die passende Jeans und ließ mich dann beim Kauf neuer Unterwäsche beraten. Unzählige Modelle gab es, ich mochte einfach nur etwas in Gänze Normales. Ein schier unmögliches Unterfangen.
Aufbruch: | 13.01.2023 |
Dauer: | 9 Tage |
Heimkehr: | 21.01.2023 |