Im Fluss oder Reaching Rotterdam
Radfahrender Nr. 1634
Karlsruhe
15. Januar 2023
00:11 Uhr
Ich liege gesättigt im Bett. Der Wind kracht martialisch gegen die Hausfassade, die Dachbalken knarzen und ich kann nicht schlafen. Ich denke an die Frau aus dem Bekleidungsgeschäft. Ich bin traurig. Lützerath verstehe ich nicht. Engagierte Menschen gehen für die Zukunft und das einzig Richtige auf die Straße. Sie werden von der Staatsgewalt in Schach gehalten, vermutlich gedemütigt und geschlagen. Ist es nun Mode Waffen aufzurüsten? Ist es neuerdings schicklich für die Sicherheit mit Schlagstock, Schusswaffe und Panzer zu sorgen? Die Wirtschaft freut es.
Aber wo bleibt die Menschlichkeit.
„Courage, Dear Heart“.
Woran kann ich glauben? Wem kann ich wahrhaftig vertrauen in einer Welt wo es überall Lenkungen gibt, die eigene Naivität ausgenutzt wird, misstrauische Blicke einen mustern?
Aber das stimmt nicht. Ich fühle mich wohl. Heute Nacht kam ich ein Stück weit zuhause an, hier in der Unterkunft kam ich weiter an, fühlte mich wohl und spürte, dass sich all die unsichtbaren universellen Hebel und Rädchen kontinuierlich drehen. Wie viele Menschen gibt es, die nun zuhause oder in der Gemeinschaft für das Gute und das einzig Richtige beten? Wie viel tiefe innige Freude und Aufrichtigkeit durchströmen einen jeden von uns?
Mein Atem erdet mich. Ich frage mich, was all das wert ist, dass ich schreibe. Weswegen fühle ich mich überhaupt fremd unter Menschen? Der Gastgeber meinte er lernt immer einfach und gerne Menschen kennen. Es gibt die Phasen, da geht es mir auch so. Und dann gibt es die Zeiten, da brauche ich die Ruhe, da könnte ich tagelang inmitten der Natur verbringen. Das kontinuierliche Geräusch der mit vier Bar gefüllten Fahrradmäntel heute auf den Dämmen parallel des Rheins entspannte mich unglaublich. Graureiher standen auf dem schmalen Streifen auf dürren Beinen zwischen Nass und Weg, Enten, Schwäne und sonstige Wasservögel wippten auf den Wellenhügelchen oder flogen aufgescheucht von mir über dem Wasser. Ich fühlte mich schlecht dafür, dass ich sie aus der Ruhe brachte. Ich denke an die Frau aus dem Bekleidungsgeschäft.
„Courage, Dear Heart“.
Es ist Mitte Januar und ich sitze auf dem Fahrrad. Das Pfeifen des Windes wird immer stärker. Ich liege hier auf einer breiten Matratze auf dem Boden des Dachgeschosses, hatte den Mut ein Buch von mir neben zwei Tafeln guter Schokolade und zwei Mohnbackwaren dem Pärchen zu übergeben, die mich für diese Nacht beherbergen.
Was bringt das Jahr 2023?
Definitiv viel Umbrüche und Veränderungen. Wo es für Andere noch selbstverständlich zu sein scheint Ski oder Snowboard zu fahren akzeptiere ich die Vorstellung, künftig öfters zu dieser Zeit unterwegs zu sein. Zum Einen ist es wie so oft „nur“ ein Gedanke aus der Komfortzone zu klettern, zum Anderen ist es eine Erfahrung. Die ehemalige Arbeitskollegin ist nun mit ihrem umgebauten Bus und dem Hund irgendwo in Spanien. Ich bewundere sie dafür und frage mich immer noch, was sie gefunden hat, das ich noch nicht gefunden zu haben scheine. Muss ich erst noch nach Taizé, in Ashrams und Klöster gehen? Aber ich trage die Pilgermuschel bei mir. Ich trage das grüne Halstuch mit den zahlreichen Pilgermuscheln. Ich bin mein gesamtes Leben lang ein Pilger.
Muss ich sagen, dass ich ein Diener Gottes bin? Ich entzünde das zweite und letzte Teelicht aus dem Gepäck. Es ist merkwürdig für mich, ein Diener Gottes zu sein. Ich muss es nicht sagen oder denken. Wieder habe ich den Eindruck, ganz am Anfang zu stehen. Zu klein und zu jung und ja, beinahe zu unfähig für diese Welt zu sein. Aber ich habe angefangen zu fühlen, ich habe angefangen berührt zu werden und ich habe angefangen mich immer weiter aus meinem Schneckenhaus zu trauen.
„Courage, Dear Heart“.
Ich denke wieder an die erste WS-Übernachtung in Besançon. „Plant your dreams!“ Tatsächlich weiß ich gar nicht so recht was ich dachte, was das Ziel des Lebens ist. Für mich ist es definitiv keine Million auf dem Konto. Weder Liebe noch Freundschaften können damit gekauft werden. Mein Großvater aus Breslau hatte sein gesamtes Leben lang Schwierigkeiten mit Freundschaften. Er fand sich in einer Aufgabe, im Glauben, im Schreiben und in der Menschlichkeit. Manchmal glaube ich ein Stück weit er zu sein. Oder es ist sein Ahnenteil in mir, der noch Heilung finden darf. Und wird. Ja, bereits findet und gefunden hat. Vielmehr noch empfindet und spürt.
Ich bin dankbar für den heutigen Tag. Er erschien mir wie ein Universum. Vorhin in Karlsruhe radelte ich an dem Obelisken - meinem Stück Ägypten - vorbei auf die Erbprinzenstraße als Radfahrender Nr. 1634 an diesem Tag an der gut präsentierten Zählstelle. Warum schreibe ich das, ich weiß es nicht. Ich bin dankbar für den heutigen Tag. Immer noch habe ich unzählige Flausen im Kopf. Ich denke an den neuen Kollegen aus Afrika und daran wie viel Mut es ihn wohl kostet, an einem neuen Ort Fuß zu fassen. Das Teelicht brennt. Seit einer knappen Stunde muss ich auf die Toilette. Aber unter der warmen Decke ist es zu bequem und ich möchte die Anderen nicht aufwecken. Also schiebe ich es vor mir her.
Wieder bete ich. Zumindest probiere ich es und glaube ganz fest daran. Im Prinzip weiß ich, dass ich mein gesamtes Leben lang geschützt und gehalten war. Weswegen habe ich eine Negativität und einen Zynismus gegenüber dem Leben entwickelt?
Welche Momente und noch nicht manifestierten Träume wären weg, sofern ich durch einen unglücklichen Unfall ums Leben kommen sollte? Die Kraft des eigenen Geistes kann einem unglaublich viel Angst bereiten, weil sie so unglaublich groß ist. Gleichzeitig hat sie eine immense Kraft, die Alles überwinden kann. Ich denke an den Inder (ich lernte ihn in Bern kennen und er zeigte mir die Hauptstadt), der nun bei seiner Familie in der Nähe von Neu-Delhi ist. Er sagte, dass er sich fremd in seinem Land fühlte und die Welt sein Zuhause sei. Aber er kehrt immer wieder zurück. Jeder Einzelne darf immer wieder seine Wurzeln, die Heimat und Identität neu kennenlernen und spüren.
Der Wind macht mich verrückt.
„Courage, Dear Heart“.
Den Abschnitt Karlsruhe - Mannheim kürze ich an diesem Sonntag über nur bedingt schöne Strecken ab. Mein ICE zurück gen Dreiländereck am Nachmittag ruft.
Der Mannheimer Hauptbahnhof mit dem neu gestalteten Vorplatz genau zur richtigen Zeit - die Rampe für den barrierefreien Zugang zum Gleis finde ich auch alsbald.
Rückreise ins Dreiländereck
13:57 Uhr – Von Mannheim Hbf bis Basel Bad Zug
Gegenwärtig Karlsruhe Hbf verlassend…
Ich habe in das Bordbistro gewechselt, es ist 14:04 Uhr. Die Strecke für die ich rund 3,5 Stunden mit dem Fahrrad brauchte genügte im Zug „gerade“ dazu mich in der Umkleide wieder in Schale zu werfen, das belegte Laugenbrötchen, die verbleibende Hand voll verganer Gummibärchen, samt der Mohnschnecke zu essen und ein paar Schlucke von dem Waldfrüchtetee zu trinken. Nun befinde ich mich wie bereits erwähnt auf dem Platz Nr. 65, Freitagnachmittag 13:45 Uhr als auch Breisach am Rhein, Straßburg, Kehl und Karlsruhe kommen mir unendlich weit weg vor. Wahnsinn, wie schnell sich alles verändern kann. Meine Beine erfreut es und der Blick ohne Oberteil im Spiegel zeigt, dass sich der kontinuierliche Sport positiv auf die eigene Statur auswirkt. Aber das ist nicht der Grund, warum ich das mache. Der Grund warum ich das mache ist vielmehr die Erforderlichkeit allem Bedeutung einzuhauchen. Der Grund ist die ständige Eroberung des Momentes. Ich dachte vorhin tatsächlich, dass die Münze der Entscheidung gefallen wäre.
Verdammt!
„Courage, Dear Heart“.
Ich bin schon gespannt, welches Oberteil ich in Rotterdam kaufen werde – vielmehr noch wann ich in dieser Stadt ankommen werde. Heute fuhr ich von der Fächer- in die Quadratestadt, von Fahrradstraßen auf zu Fahrradstraßen und weiter auf den in weiten Teilen fertiggestellten Bahnhofsvorplatz. Mir gelingt es immer weiter aus all den menschlichen Programmen zu wählen und meine Freiheit Stück für Stück zu erlangen. Es ist eine gewisse Form der Erhabenheit. Ich freue mich auf die Dusche zuhause. Der Zettel mit den 50 Ländern und der großen Weltkarte mit der Route gen Westen liegt in meinem Zimmer. Ich bin froh, dass ich ich bin.
Aufbruch: | 13.01.2023 |
Dauer: | 9 Tage |
Heimkehr: | 21.01.2023 |