Im Fluss oder Reaching Rotterdam
Von der Fächerstadt bis nach Mainz
Der frühe Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes. Zumindest nicht, wenn man darum bestrebt ist eine Fahrradtour vor sich liegen zu haben.
Mannheim
21.01.2023 - 07:17 Uhr
Ich bin angezogen und warte darauf, bis der Tee gezogen ist. Draußen liegt schon recht viel Schnee/Matsch. So semi-motiviert bin ich, wobei ich weiß, dass besondere Momente heute wieder auf der Straße und am Wegesrand liegen.
Die ersten Meter sind auf den teils sehr glatten Straßen mit festgefrorenen Schneeresten eine Herausforderung. Ich habe sie dennoch angenommen.
Vor der Überquerung der Theodor-Heuss-Brücke in der Mitte der beiden Fahrtrichtungen der Bundesautobahn 6 und der Europastraße 50, die vom Atlantik bis zum Kaspischen Meer verläuft.
Selbst die landwirtschaftlichen Flächen zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Man könnte sie als die Lavendelfelder des Winters bezeichnen.
Endlich erreiche ich den Nibelungenturm in Worms. Ich kann allerdings aufgrund der geringen Durchschnittsgeschwindigkeit und der Kälte nicht lange verweilen.
Eine Kombination aus Weiß und Grau in den Weinreben zwischen Nierstein und Nackenheim vor dem Landschaftsschutzgebiet "Kisselwörth und Sändchen".
Nach zwei harmlosen Stürzen macht mir letztlich mein Fahrrad klar, dass es Zeit für eine frühzeitige Terminierung der Tour ist: Übernachtung also in Mainz statt in Boppard.
Vor der großformatigen internationalen Rheinkilometrierung Kilometer 489. Im Vergleich zum Rhein ist die Donau dahingegen der einzige Fluss Europas, der die noch verbleibenden Kilometer bis zur Mündung anzeigt.
Mainz
16:57 Uhr
Ich hatte bereits meine Schuhe angezogen, mich frisch geduscht und rasiert, den grünen figurbetonten Rollkragenpullover übergestülpt und die Türe geöffnet.
Das Teelicht brennt, daneben befinden sich ein Feuerzeug mit Nummernschildern aus Amerika, die Pilgermuschel, das kleine Tintenfass, eine kleine Tasche mit der Aufschrift „EGYPT“ und der Hand, das Buch „Vom Träumen und Wachsen“, die Ikone aus der koptisch-orthodoxen Kirche aus Kairo als auch ein Pilgeranhänger mit einem Fahrrad. Vorhin beim Radeln kam mir der Einfall das Buch "Vom Träumen und Wachsen" auf englisch zu übersetzen: „Of Dreams and Growth“. Es kommt mir Ewigkeiten her vor, dass ich dieses verfasst habe. Es gefällt mir immer noch und seitdem gelang es mir nicht wieder Kurzgeschichten in dieser Einfachheit und Präzision zu fertigen. Aber was soll es. Zeit heilt alle Wunden.
22:50 Uhr
Ich liege im Bett und ich kann nicht mehr. Ernsthaft frage ich mich, was denn eigentlich der Sinn hinter Allem ist. Gestern und heute wurde mir bewusst, dass ich noch nie wahrhaftig lebte so wie es im Prinzip möglich ist. Ja, ich gebe es zu. Es ist meine Schuld. Ich bin der Einzige, der die Verantwortung dafür trägt. Es ist mein kleines großes Problem. Unzählige Tage mögen verstreichen, aber ich kämpfe andauernd gegen die Widerstände an. Es ist nur schwerlich auszuhalten. Was ist das Geheimnis? Sage es mir oder ich werde es klauen. Vermutlich bin ich also doch kein guter Mensch. Alles plagt und quält mich. Hoffentlich wird morgen etwas geschehen. All die Heuchelei der Leute regt mich auf und macht mich verrückt. Oft wünschte ich mir weniger intelligent zu sein, einfach überall Small-Talk zu halten und dieses Notizbuch als Grundlage zum Heizen zu verwenden. Aber das wäre nicht ich. Das bin nicht ich. Ich bin ausgesprochen weit weg, beinahe in einer anderen Welt. Im Flur machen sie Lärm. Vermutlich haben sie getrunken. Definitiv bin ich weniger sozial. Warum existiere ich? Was machen überhaupt die Leute? Wer denkt nach? Es ist zum aus der Haut fahren. Immerzu muss man sich beherrschen. Ich kann schlichtweg nicht mehr. Ein erbärmliches Armutszeugnis.
Die dreisprachige Informationstafel mit Hinweis auf die Fußgängerzone Höfchen Markt und Liebfrauenplatz, die aus Anlass des 1.000-jährigen Domjubiläums geschaffen und der Öffentlichkeit übergeben wurde.
Der Hohe Dom St. Martin mit dem maßstabsgetreuen Bronzemodell des deutschen Bildhauers Egbert Broerken.
Das sanierte Gutenberg-Denkmal von Bertel Thorvaldsen (ursprünglich aus dem Jahr 1837) auf dem Gutenbergplatz gegenüber des Staatstheaters unmittelbar am 50. Breitengrad.
Das Schillerdenkmal auf dem Schillerplatz. So wie dieser Mensch verbringe ich eine Nacht in der Landeshauptstadt.
Die gelbe Pilgermuschel auf blauem Grund bei der Zitadelle als Wegzeichen des Rheinhessischen Jakobsweges sowie der Via Regia.
Das Informationsfenster bezüglich der Pilgerwege an der Nordseite des Domes zwischen der Gotthardkapelle und der Heunensäule.
Tafeln des "Jikji"-Buches, das 1377 nach Christus als das älteste mit Metalllettern gedruckte Buch der Welt hergestellt wurde. Es stammt aus der Stadt Cheongju aus Südkorea (gute 100 Kilometer südöstlich der Hauptstadt).
Spaziergänge in der Landeshauptstadt von RLP
22.01.2023 - 11:52 Uhr
Knappe zwei Stunden lief ich in der Kälte umher und wurde mir gewahr, dass ich heute ausgesprochen wählerisch bin was alles anbelangt. Dann jedoch wusste ich ein weiteres Mal, dass ich all meinen Mut zusammennehmen und eine Veränderung einleiten muss. Ich wusste, dass ich nach Mexiko, Kolumbien, Ecuador, Peru, Boli-vien, Chile und Argentinien gehen möchte. Für sechs Monate. Ich war in Mainz und wartete darauf, ein Zeichen zu erhalten. Zwischen dem Gutenberg-Denkmal und der alten Universität hing am Haupteingang des Staatstheaters ein weißes Banner mit dem Schriftzug aus der Oper mit dem Titel „Die Eroberung von Mexico“:
"Der Schrei der Revolte, / die man mit Füßen tritt."
Mir war es verdammt kalt, ich landete in der Bahnhofsgegend in einem syrischen Restaurant, bekam eine leckere vegetarische Platte mit Fladenbrot und einem heißen Tee und fand eine E-Mail in meinem Posteingang mit dem Betreff „Letzter Aufruf für unsere besten Angebote“ einer Fluggesellschaft. Darunter eine Ver-bindung Hamburg – Los Angeles für einen sehr günstigen Preis.
Vermutlich sitze ich gerade in dem weltbesten Café von Mainz. Der Hin- und Rückflug nach Los Angeles von Hamburg aus ist gebucht, der Flug von LA nach Mexiko-Stadt ebenso. Sechs Monate Zeit auf einem fremden Kontinent, sechs Monate um dem Unbekannten und dem Abenteuer weiter zu folgen. In Chiribiquete werde ich sein, das dritte Mal Kolumbien besuchen und all die Momente des Goldes auf meinen zwei Füßen begehen, mit den Augen sehen und das Glück mit meinen Händen ergreifen. Es wird wahrhaftig eine große Reise. Aber dafür ist das Leben schließlich da. Ich brauche dieses größere Neue, diesen Faktor inmitten der wogenden Wellen. Mein Herz verlangt danach, mein Anker möchte irgendwo in den Weiten Südamerikas in das Universum geworfen werden. Wieder spüre ich an meinem Rücken die Flügel wachsen. Das ist das Leben. Das Gold bricht durch die Fassaden Gaudís und Hundertwasser labt sich an den Namen der Matrosen. Auf anmutigen Wegen erübrigt sich das lethargische Klappern. Der Drang aus dem Morast zu steigen wird immer größer. Ich denke kurz an London und an Medellín und an Santiago de Compostela. Aber sie können in der Tat auf neues Terrain ge-hen. Ich komme ins Reine mit mir. Die sakralen Gebäude stehen dort wo der Marmor die Weisheit verteilt. Sie alle gehen einzig ohne zu atmen aber es kommen kontinuierlich andere Dinge an die Oberfläche. Kasiopeia kleidet sich in dem Gewand eines Kopten und auf den Buchständen stehen sie die Exponate einer Myri-ade von Jahren. Das Ende ist nah. Die Liebe kann schlichtweg nicht die Antwort sein. Die Liebe kann niemals die Antwort sein. Das Orakel von Delphi prophezeit, dass sich Sachverhalte am Küchentisch in Luft auflösen. Wieder ertönt der Gesang und die Chöre der Engel erschallen. Das Lied eines Sommers wartet darauf, von Seelen getragen zu werden. Der Glaube treibt dich immer an in Kombination mit veganem Bananenbrot und einem Facettenreichtum gleich einem Diorama. Die Normalität heilt keine Wunden, einzig das Winden der Nordsee. So jung bist du noch, der Morast kann sofort abgerufen werden. Die Lieder, die sie sangen, erklingen des Abends.
Rückreise ins Dreiländereck Teil II
23.01.2023 - 00:00 Uhr
Auf Sitzplatz No. 111 saß ich an erster Stelle links am Fenster in Wagen 1, mein dreckiges Rad schräg hinter mir. Wieder aufgehangen. Ich weiß nicht, wann ich die Zeit finden werde es zu putzen. Ich bin zuhause. Erschöpft. Ein wenig müde, ein Reigen an Ereignissen prasselte auf mich wieder einmal ein. Der Syrer, die Unterkunft, der Rhein, der Dom, das Gutenberg-Museum, die Zitadelle, der Mensch auf der Straße, die Mitarbeitende, das asiatische Café, die Parklets, der Mitteltrennstreifen, das Ausschlafen, die Rückfahrt und das Übersetzen.
Aufbruch: | 13.01.2023 |
Dauer: | 9 Tage |
Heimkehr: | 21.01.2023 |