Ajurveda- Ausbildung in Südindien Kerala 2006

Reisezeit: April 2006  |  von Arunima Neumann

Wie man lernt sich zu entspannen

Tag 2

Ich wache auf und weiß, daß ich noch nicht bereit bin eine Ajurvedaausbildung zu machen. Ich arbeite hauptberuflich im spirituellen Bereich (Kartenlegen) und hoffte auf einen "Knall", der meinen an seine Grenzen stoßenden Geist aus seinem "Winterschlaf" holen würde. Ich bin es gewohnt bewußt meine Wahrnehmungen zu prüfen. Sie sind also nicht irreführend oder beängstigend für mich. Ich träumte in dieser Nacht luzide (hellsichtig) und erkannte meinen gewählten Weg als den Falschen. Das heißt nicht, daß sich bei mir Begeisterung breit gemacht hat. Ich war eher sauer auf diesen blöden Traum, jedoch kann ich die Wahrheit darin nicht leugnen und schon gar nicht ignorieren. Das Leben würde schon Wege finden, mich davon abzuhalten. Jedenfalls bin ich da und das sollte wohl so sein. Nun, Indien ist wohl anders als geplant. Ich weiß es einfach, diese Ausbildung ist nichts für mich. Aber die Kur, die Ajurvedakur, die ist es!
Dr. Gopan unterbreitet mir ein Angebot, zusätzlich am Nachmittag (zur Ausbildung) Massagen + Anwendungen zu erhalten um überhaupt zu verstehen um was es da geht. Einen guten Preis macht er mir auch, ich verspreche, darüber nachzudenken, muß sowieso erstmal denken. Er schaut mich vielsagend an und meint, relaxen sei eine gute Idee, ich solle ihm morgen Bescheid sagen, wie meine Entscheidung ausfällt. Ich unterhalte mich mit den Mädels und die erzählen mir, wie es ihnen mit der sogenannten "Panchekarma" = 5 Wege-Kur geht. Zuerst wird entgiftet. Ausleiten ist das Stichwort. Alles was der Körper in den Zellen an Infos gespeichert hat- alte abgestorbenen Emotionen, Gifte, Drogen, Alkohol, Fast food - soll ausgeleitet werden. Klingt ja fabelhaft, denke ich mir. Aber meine Sicherheit steigt in Richtung Kur. Mit einer Menge an ungereimten Gedanken steige ich zusammen mit den Mädels aufs Flachdach des Institutes zur Yogastunde.

Dort erwartet unser Yogimaster Chandranat uns. Wir breiten Kokomatten aus und beginnen mit einem Gebet. Räucherstäbchen verbreiten ihren Duft, Krähen fliegen knapp über unseren Köpfen hinweg, Streifenhörnchen balgen sich - ich muß aufpassen, sonst krieg ich ja gar nichts mit von den Lektionen.

Unser molto simpatico Master bringt es fertig Einzel-und Gruppenunterricht gleichzeitig zu managen. Yoga tut echt gut. Eine wichtige Lektion für Anfänger: Wenn es anfängt wehzutun, dann ist es kein Yoga. Aha. Das heißt mit Geduld werden die Übungen täglich besser. Na gut, ich bin bereit!AM Nachmittag fahren wir in einen Tailorshop mit einer Motorrikscha (wrummmm- hechel den Berg hoch)und hofen ein Kleid für Susanne ab. Außerdem nehmen wir Gewürze mit und schauen die tollen eleganten Damen in ihren Saris an. Wir ernten neugierige und freundliche, scheue und warmherzige Blicke. Es ist spannend so ein weibl. Kulturaustausch! Mit Gesprächen über Telefonkarten und Erfahrungsaustausch Indien/Reisen/Spiritualiät nimmt der Tag sein Ende.

TAG 3 oder jetzt passiert hier endlich mal was

Ok, die Entscheidung ist gefallen. Ich mach die Kur, die Ausbildung ist definitv ins Wasser gefallen. Eine weitere Nacht mit klaren Träumen brauche ich nicht, mir ist alles sonnenklar- außer der Antwort auf die Frage, wohin der Weg jetzt führt.
Die Ausbildung macht nur Sinn, wenn ich das Gelernte auch anwenden darf. Da ich aber keinen Heilpraktiker habe, darf ich keinen anderen Menschen medizinsch versorgen, außer der 1. Hilfe. Gut, das ist ein vernünftiger Grund, der meinen spirituellen Grund noch untermauert. Außerdem helfe ich Menschen jeden Tag aber ich brauch auch mal Hilfe. Irgendwie muß ich doch meinen eigenen Streß abbauen könnnen. Oder?

Somit vertraue ich meiner inneren Stimme, suche Dr. Gopan auf,und verkünde ihm meine Entscheidung. Er ist etwas erstaunt aber eerkennt sofort, wie wichtig diese Entscheidung ist und wie richtig. Wir regeln die Finanzen, sprechen über meine Wünsche, meine Kindheit, meinen Werdegang. Tränen fließen ohne ersichtlichen Grund. Die Emotionen seien verletzt und diese lägen jezt unter der Haut. Natürlich müssen die rausgelassen werden, sonst würde ich ja irgendwann bersten. Wir haben eine kleine Ajurvedalektion im Garten. Dr. Gopan erklärt uns aus indischer Sicht, was es mit den Doshas (Konstitutionstypen im Ajurveda) auf sich hat. Vata,Pitta, Kapha. Wir erfahren etwas über die grundsätzlichen Zusammenhänge der einzelnen Typen, der Ernährung, des persönlichen Weltbildes, Verhaltens, Krankheiten, Gesundheit und Liebesglück.
Wir haben unseren Spaß, das Lernen in der Natur ist ein tolles Erlebnis. Auf einfache Weise werden uns die Basics einer 6000 Jahre alten Lebensweisheit erklärt. Danach habe ich mein erstes Treatment.
Also, Leute- für mich ist das Helfen eine grundsätzliche Eigenschaft. Aber jetzt muß ich jemanden vertrauen, den ich gar nicht kenne und der will mir helfen. Wegrennen, Flucht, Kampfbereitschaft- sind nur ganz dezente Instinkte, die da plötzlich auflodern. COOL DOWN, sag ich mir. Ok, sagt mein Kopf, kein Problem. Hilfe, sagt mein Bauch, es wird was passieren. Mit diesen widerstreitenden Gefühlen und Gedanken schimpf ich mich selber aus und geh einfach hin zur Massagehütte.
Sadish ist ca. 50 Jahre alt, ganz sehnig, bärtig und bebrillt und hat ganz freundliche Augen, die vieles sehen. Ich atme tief durch. Setze mich auf einen Stuhl vor der Hütte. Er holt eine große Messingschale und setzt meine beiden Füße dort hinein. Dann gießt er aus einer schönen Messingkanne Wasser über meine Füße in die Schale. Sie werden gewaschen und ganz sanft abgetrocknet. Ich werde hochgezogen, damit ich nicht wieder im Sand stehe und folge ihm in den Raum. Linoleumboden, hohe Trennwände aus Kokopalmblättern, eine Massageliege, Räucherstäbchen, ein Hocker mit weißem Tuch. Ich setze mich. Sadish lacht! "Take your clothes off please- or how do you want to get a massage?" Errötend ob meiner plötzlichen Scham, stehe ich auf, lege meiner Kleider ab und setze mich wieder hin. Meine Schamhaftigkeit ist nicht übermäßig ausgeprägt, jedoch in dieser Situation fühlte ich mich so hilflos. Wie ein Baby. Sadish zeigt großen Respekt und bat mich um Vertrauen. Er betet, entzündet die Stäbchen und tropft Öl (Sesamöl mit ajurvedisch Kräutern versetzt) in seine Handflächen. Meine Handflächen, mein Solarplexus, meine Fußsohlen erhalten einen Klecks Öl. Mein Scheitel wird mit reichlich Öl begossen. Eine überraschend heftige Strubbelmassage auf dem Kopf beginnt. Viele Massagegriffe für den Kopf, den Brustkorb, den Hals und Nacken, die Arme. Das Öl dringt durch die Haut in den Blutkreislauf ein. Es hat eine stark ausleitende Wirkung. Ich lege mich nun auf die Liege. Die nun folgende Massage ist weit entfernt von einer sinnlichen Ölmassage. Der ganze Körper insbesondere die Chakren wird in Fluß gebracht. Alle Zellen scheinen zu leben, alles fließt und man spürt eine Art Befreiung.

Danach darf ich liegenbleiben. Ich schwimme in Öl. Ich bin so müde. Aber mir geht es gut. Ich wanke davon in Richtung Zimmer und schmeiß mich im Bademantel, der für mich bereit lag, auf die Liege vor dem Zimmer. Das Licht ist so schön, das Meer glitzert, es ist so friedlich (bis die Tempeldiener wieder loslegen ist es tatsächlich friedlich).

Unser Balkon mit Frühstückstisch. Der schönste Platz ist hier.

Unser Balkon mit Frühstückstisch. Der schönste Platz ist hier.

Die beste Löwen-Relax-Liege der Welt....

Die beste Löwen-Relax-Liege der Welt....

Unser Bett. Ist schön aber sehr hart und ab Nachmittag eine Sauna

Unser Bett. Ist schön aber sehr hart und ab Nachmittag eine Sauna

Unser Zimmer ist groß und luftig. Trotz der Hitze drinne find ich ´s wunderschön!

Unser Zimmer ist groß und luftig. Trotz der Hitze drinne find ich ´s wunderschön!

Unser Frühstückskoch und "Maedchen-fuer-alles", Ashu, gießt begeistert die Palmen...

Unser Frühstückskoch und "Maedchen-fuer-alles", Ashu, gießt begeistert die Palmen...

© Arunima Neumann, 2006
Du bist hier : Startseite Asien Indien Wie man lernt sich zu entspannen
Die Reise
 
Worum geht's?:
Ich habe das Glück ein Stück indischer Tradition zu erlernen. Ajurveda ist viele tausende Jahre alt und eine ganzheitliche (Körper/Geist/Seele) Lebensweise. Wenn wir im Einklang mit allem sind, dann sollten wir auch gesund sein. Ich bin gespannt, welche Erkenntnisse auf mich zukommen werden :-)...
Details:
Aufbruch: 02.04.2006
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 30.04.2006
Reiseziele: Indien
Der Autor
 
Arunima Neumann berichtet seit 18 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors