Auf dem Weg nach Albanien (2023)

Reisezeit: September - November 2023  |  von Andreas Kirchner

Brief an Albanien

Liebe Menschen in Albanien,

die letzten drei Tage haben wir in Korçë verbracht. Wieder einmal hat das Wetter dafür gesorgt, dass wir uns einen Ort suchten, an dem man etwas unternehmen kann selbst wenn es regnet. Und vorgestern hat es beinah den ganzen Tag durchgeregnet. Also sind wir ins Museum gegangen. Nummer 1: das Bratko Museum of Oriental Art. Haus und die darin ausgestellte Sammlung sind eine Schenkung an eure Stadt Korçë und zeigen verschiedenste Kunst- und Gebrauchsgegenstände aus Fernost, zusammengetragen von George Dimitri Boria, der die meiste Zeit seines Lebens in Amerika und Japan verbrachte, während seine Mutter Bratko zuhause in Korçë auf ihn wartete. Ihr zu Ehren der Name des Museums. Die Sammlung ist überschaubar und kaum spektakulär zu nennen, aber wir können Borias Liebe zu den Sammlungsstücken nachvollziehen und seinen Wunsch, sie für alle Menschen in Albanien zugänglich machen zu wollen. Konsequenterweise ist der Eintritt frei. Nummer 2: das Fotomuseum des albanisch-amerikanischen Fotografen Gjon Mili. Nach dem Besuch dieses Museums fragt man sich, warum man noch nie etwas von Mili gehört hat (oder?). Er hat in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts mithilfe des gerade erfundenen Stroboskops die ersten Fotos gemacht, die Bewegung in Einzelbildern eingefroren haben. Zudem hat er viele Berühmtheiten aus Politik, Sport, Kunst, Film usw. getroffen und fotografiert. Besonders seine Fotos von und mit Picasso, bei denen sie die neue Fototechnik dazu genutzt haben, Lichtbilder zu malen, sind beeindruckende Kunstwerke. Nummer 3: das National Museum of Education. Es ist ein sehr kleines Museum im ehemaligen Haus der ersten Schule Albaniens direkt gegenüber dem Gjon Mili-Museum. Es werden Fotos und Dokumente aus der Zeit der Gründung und den schwierigen Jahren danach gezeigt, als die Schule wiederholt geschlossen und zu einem Gefängnis oder Verwaltungsgebäude umfunktioniert wurde, bis sie wieder geöffnet werden konnte. Bemerkenswert, dass schon von Beginn an ohne Unterschied Mädchen und Jungen, arme und reiche Kinder nebeneinander saßen, um miteinander die Schulbank zu drücken.

"Kämpfer für die Nation" vor der Zuckerbäcker-Kathedrale von Korçë

"Kämpfer für die Nation" vor der Zuckerbäcker-Kathedrale von Korçë

Skulpturenpark am Rinia-Park mit der Ausstrahlung eines Abstellplatzes für aussortierte Plastiken.

Skulpturenpark am Rinia-Park mit der Ausstrahlung eines Abstellplatzes für aussortierte Plastiken.

Exponat im Bratko Museum

Exponat im Bratko Museum

Gestern hat der Regen aufgehört und wir haben uns für eine Wanderung in den Bergen südlich von Korçë entschlossen, in eurem kleinen Nationalpark Bredhi i Drenoves. Es war herrlich! Nach dem letzten Regentag hingen die Wolken noch tief und wir rechneten damit, oben auf dem Kamm im Nebel herumstapfen zu müssen. Doch mehr und mehr hob sich die Wolkendecke, bis wir, oben am Berg angekommen, eine weite und klare Sicht auf Korçë und die gesamte Tiefebene zu unseren Füßen hatten. Grandios!

Tiefe Wolken...

Tiefe Wolken...

...lösen sich auf

...lösen sich auf

Vorbei am alten Tageabbau

Vorbei am alten Tageabbau

Wegelagerer

Wegelagerer

Im Innern der Kisha e Shën Kostandinit Drenovë

Im Innern der Kisha e Shën Kostandinit Drenovë

Freier Blick auf Korçë

Freier Blick auf Korçë

Nun, hier sind wir beim Grund meines Briefes an euch. Liebe Menschen in Albanien: euer Land ist schön, interessant und abwechslungsreich. Nur: bitte, bitte, lasst nicht überall euren Müll liegen! Die Wanderung war wirklich herrlich. Erst ging es langsam bergaufwärts an einem Bergfluss entlang, vorbei an einem ehemaligen Kohlebergwerk, dann hoch in den Kiefernwald, über eine kleine Hochalm hinweg, um dann unterhalb des Gipfels herum auf einem schmalen Grat über Geröllhänge hinweg zur kleinen Kapelle des St. Konstantin zu führen. Aber ehrlich und ohne Übertreibung: es vergingen auf der gesamten Wanderung kaum einmal hundert Meter, auf denen nicht Müll zu finden war, egal wie abgelegen der Weg war. Hier eine Getränkedose, dort eine Plastikflasche oder eine leere Chipstüte. Eine Hängerladung voll zerbrochener Fensterscheiben, die einfach die Flussböschung hinuntergekippt wurde. Zwei riesige grüne Kunstfasersäcke mit Bauschutt im Flussbett. Um ein verlassenes Lagerfeuer im Wald zwanzig oder mehr zertretene Bierdosen. Kleiderfetzen, Plastiktüten und immer wieder Getränkebüchsen. Selbst um die kleine Kapelle des Heiligen Konstantin war rundherum alles voller Scherben! Mittlerweile können wir die Müllhaufen neben der Straße, am Stadtrand, auf Parkplätzen, in Bauruinen mehr oder weniger gut ignorieren. Aber in euren Nationalparks? Bierbüchsen ins Gebüsch stopfen? Chips wegknabbern und Tüte einfach fallen lassen? Geleerte Glasflasche am Fels zerschellen lassen? Mit dem Auto voller Müll zum Wald fahren und ausladen? Ja, auch bei uns in Deutschland gibt es das – und auch dort ärgert es uns maßlos. Aber alle hundert Meter? Unglaublich! Woher diese Gedankenlosigkeit, diese Ignoranz, diese Missachtung eurer Natur und eures Lebensraums? Ist in eurer Gedankenwelt denn wirklich der Müll weg, wenn ihr ihn nicht mehr seht? Wenn man ihn aus dem Auto rauswirft, ihn einfach liegenlässt, ihn hinten im Garten verbrennt – ist er in euren Augen dann entsorgt? Ich möchte wirklich nicht arrogant oder besserwisserisch erscheinen, es ist nur so: ich verstehe es einfach nicht.

Afrim verbrennt seinen Müll und die ganze Tiefebene kriegt's mit

Afrim verbrennt seinen Müll und die ganze Tiefebene kriegt's mit

© Andreas Kirchner, 2023
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Tour mit dem Wohnmobil nach Albanien
Details:
Aufbruch: 16.09.2023
Dauer: 9 Wochen
Heimkehr: 14.11.2023
Reiseziele: Kroatien
Montenegro
Albanien
Slowenien
Der Autor
 
Andreas Kirchner berichtet seit 8 Monaten auf umdiewelt.
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