Ostwärts - immer ostwärts

China-Reisebericht  |  Reisezeit: September 2019 - März 2020  |  von Janis Dinter

China - language barrier goes logic barrier

Peking & die Große Mauer

Zuerst: Ich werde mich ab jetzt in meinen Ausführungen über Unternehmungen und allgemein etwas kürzer halten. Wir sind bereits halb durch China und ich fange grade mit dem Bericht über Peking an. Die Tage fliegen nur so dahin und ich möchte nicht, dass das Schreiben zu einer lästigen Pflicht wird. Also ab jetzt kürzer, aber dafür aktueller.

So, aufgewacht aus der verträumt melancholischen Einsamkeit der Mongolei und rein ins Gewusel. It's China time! Wir brachen zwei Tage nach Beendigung unserer Tour auf, auf unsere letzte "Transsib"-Etappe nach Peking. Wie würde das wohl werden? Chinesische Schriftzeichen und keine Chance sich zu orientieren, überall Hundefleisch und mal wieder Kommunismus, diesmal aber echt?! Naja, wenn man in Peking ankommt, wird einem ziemlich schnell klar, dass das überholte Stereotypen sind. Dafür würden wir ziemlich schnell andere mehr oder weniger interessante Erfahrungen mit den Chinesen machen, auf die man erstmal klar kommen muss. Aber dazu später mehr.
Peking ist genau das, was der Reiseführer über ganz China sagt: voller Gegensätze. Mit dem gigantischen Platz des Himmlischen Friedens, der der größte öffentliche Platz der Welt sein soll, und den winzigen Hutongs, kleinen eingeschößigen Wohnhäuser, die keine 20qm groß sein können. Mit einem irrsinnigen Gedränge der Menschenmassen in U-Bahn oder an Sehenswürdigkeiten und meditativer Ruhe in den zahlreichen Tempeln der Stadt (so sich besagte Massen gerade woanders aufhalten). Mit blitzsauberen Straßen, die Tag und Nacht von Herrscharen von Reinigungskräften bearbeitet werden, und rotzenden Männern, denen das einfach total egal ist und für die der Boden grade gut genug ist für ihren schleimigen Auswurf. Womit wir auch schon bei einem der vielen Punkte des Alltagskulturunterschiedes zwischen uns und den Chinesen wären. Denn egal ob im Hotelflur oder im Bus, Chinesische Männer in Peking geben die ekelhaftesten Geräusche aus ihrer Kehle zum besten. Taschentücher: Fehlanzeige. Die werden hier großteils als unreinlich betrachtet. Also wird lieber geräuschvoll hochgezogen und rausgerotzt. Darüber musste ich mich grade mal etwas ausführlicher auslassen, weil es uns einfach extrem anwidert. Es scheint allerdings, als nähme diese Unart nach Süden hin etwas ab. Wir bleiben gespannt.

Auf dem Weg nach Peking. Die Landschaft ist deutlich grüner und vor allem spektakulärer als gedacht.

Auf dem Weg nach Peking. Die Landschaft ist deutlich grüner und vor allem spektakulärer als gedacht.

Wir hatten vier Tage und fünf Nächte für Peking und Umgebung vorgesehen. Viel. Zu. Wenig! Mindestens eine Woche, besser zehn Tage sollte man hier verbringen. Besonders wenn man wie wir das erste Mal in Asien ist, gibt es hier einfach wahnsinnig viel zu sehen und zu tun. Nachdem wir die Main sights wie die Verbotene Stadt, den Tian'anmen Platz und den Beihai Park abgeklappert hatten, fuhren wir an zwei aufeinanderfolgenden Tagen aus der Stadt heraus. Zuerst zu den Grabanlagen der Ming Kaiser. Die waren zwar interessant zu begucken, aber eigentlich nicht die ewige umständliche Anreise wert. Ganz anders die Große Mauer. Das war ganz klar unser Peking Highlight! Bei bestem Wetter unternahmen wir eine ca. 5km lange Wanderung auf dem größten Bauwerk der Menschheitsgeschichte. Was für ein Oschi! Wir hatten sogar Glück mit den Menschenmassen. Chinesen sind nicht gut zu Fuß. Das könnte ein Grund dafür sein. Wir trafen am Ende der Wanderung noch eine super liebe Gruppe deutscher Touristen aus Düsseldorf/Wuppertal und einen weiteren Ausflügler aus Hamburg, mit denen wir uns das Taxi zurück nach Peking und Abendessen teilten.

Der Platz des Himmlischen Friedens steht noch ganz im Schmuck zur großen 70 Jahre Volksrepublik Feier.

Der Platz des Himmlischen Friedens steht noch ganz im Schmuck zur großen 70 Jahre Volksrepublik Feier.

Eines der zahlreichen Ming-Gräber

Eines der zahlreichen Ming-Gräber

Auf der Mauer, auf der Lauer...

Auf der Mauer, auf der Lauer...

Abendessen in netter Gesellschaft.

Abendessen in netter Gesellschaft.

Language barrier goes logic barrier. Wo man andernorts bei Missverständnis ein verlegenes Handzeichen oder Achselzucken mit entschuldigendem Gesichtsausdruck bekommt, lassen die Chinesen einen im Glauben, sie hätten verstanden, machen dann aber alles falsch. Bloß nicht nein sagen oder zugeben, dass man etwas nicht weiß. Die Menschen sind wirklich freundlich und auch total hilfsbereit, das muss man wirklich anerkennen. Nur leider ist die "Hilfe" in den seltensten Fällen zielführend.
Und noch eine Sache aus der Kategorie "Damit muss ich erstmal klarkommen" und dann ist Schluss: Sie starren. Wie leuchtende Bojen bewegen wir uns mit unseren blonden Haaren und unseren mehr als überdurchschnittlichen Körpergrößen durch die Massen und von überall wird man angeguckt. Aber nicht nur kurz, sondern manchmal zwei drei Minuten lang. Gelegendlich wird man auch ganz ungeniert fotografiert. Wir hatten schon vorher gehört, dass das passieren würde, daher sind wir nicht ganz so geschockt, aber gewöhnen muss man sich daran schon.

Auch wenn die viereinhalb Tage in Peking viel zu kurz waren, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzufahren. Und zwar mit dem super schnellen und super günstigen High Speed Train nach Pingyao.

Exkurs: Zugfahren in China

Wie unser Reiseführer uns bereits verraten hatte, ist das Zugreisen in China eine wahre Wohltat. Und im Gegensatz zu so manchen anderen Dingen hatte das schlaue Buch damit auch recht. Hochgeschwindigkeitszüge, die mit ICE-Geschwindigkeit und darüber durchs Land brettern kosten hier einen Bruchteil von deutschen Verbindungen. Für 500km zahlt man ca. 20€. Die Tickets sind auch recht easy zu bekommen. Entweder über eine englischsprachige Buchungswebsite, wie www.trip.com, oder am Schalter am Bahnhof. Wenn man die Tickets dann hat, kann man im Grunde nicht viel falsch machen. Da die Gleise alle nur wenige Minuten vor Abfahrt und nur nach Vorzeigen des Tickets zu betreten sind, kann man sich auch nicht im Zug irren. Auf diese Weise schleusen die Chinesen Tausende Passagiere pro Stunde durch ihre Bahnhöfe, die Flughafenhallen gleichen und über bis zu 40 Gleise verfügen. Ein absolut perfektes System. Bei 1,4 Milliarden Menschen kann man sich keinen Rückstau oder Gegenverkehr auf den Bahnsteigen leisten. Hier geht alles wie am Fließband. Und wir machen mit.

High-speed train von innen.

High-speed train von innen.

Der Bahnhof in Xi'an. Nur ein Beispiel für die riesenhaften Dimensionen in China.

Der Bahnhof in Xi'an. Nur ein Beispiel für die riesenhaften Dimensionen in China.

Pingyao

Die Stadt liegt etwa 500 Kilometer südwestlich von Peking in der Provinz Shanxi. Wer China aus dem Bilderbuch erleben will, der muss hier hin. Ming-Zeit-Stadt mit Türmchen, Klöstern, Mauer und typischen Innenhöfen. Ein Träumchen! Die ganze Stadt ist wie ein großes lebendes Museum aus einer lang vergangenen Zeit. Wunderschön, allerdings auch gnadenlos touristisch. Hier lebt wirklich jeder von den Touristen. Im Vergleich zu Peking hielt sich deren Zahl allerdings in Grenzen.
Toll war, dass sich unsere Unterkunft ebenfalls im Altstadtkern Pingyaos befand und genauso toll wie alles in dieser Stadt aussah. Adds to the feel!
In Pingyao ist wirklich alles alt. Klöster aus dem 12. und Kampfkunst-Schulen aus dem 16. Jahrhundert. Besonders ist die Stadt für ihre Wechselbanken bekannt, die Reisenden in der alten Zeit Geldwechselgeschäfte zwischen den verschiedenen regionalen Währungen anboten (und dabei sackreich wurden). Und wo Geld ist, da sind auch Begehrlichkeiten, und so wurde eine quadratische Stadtmauer gebaut, die bis heute besteht.
Das alles haben wir im Grunde an einem Tag besichtigt, da wir nur zwei Nächte hier übernachteten. Im Nachhinein hätte auch hier ein weiterer Tag gut getan. Aber keine Zeit, wir müssen weiter. Wir haben noch einiges vor in China und wenn wir das irgendwie in den vier Wochen bis zu unserem festen Ausreisedatum am 16.11. schaffen wollen, dann butter with the fish, wie der Engländer sagt.

In den Gassen von Pingyao.

In den Gassen von Pingyao.

Unsere Unterkunft in Pingyao. Ganz im Stil der Ming-Zeit-Stadt.

Unsere Unterkunft in Pingyao. Ganz im Stil der Ming-Zeit-Stadt.

Xi'an

Und weiter in die Provinz Shaanxi, nicht mit der Nachbarprovinz Shanxi zu verwechseln, aus der wir grade kamen. Allein bei dem Gedanken daran, wie häufig da Missverständnisse vorkommen müssen, muss ich lachen. "Ich komme aus Hessen." "Ach aus Heßen?" "Nene, aus Hessen!" "Ja, sag ich doch. Heßen."... Funny.
Xi'an ist die alte Kaiserstadt Chinas. Hier lag über viele Jahrhunderte das Zentrum des Gelben Reichs. Heute ist es zwar nur noch eine Provinzmetropole mit rund 8,5 Millionen Einwohnern, aber trotzdem angeblich eine der sehenswertesten Städte des Landes. Also nichts wie hin.
Von Pingyao ging es wieder mit dem Schnellzug in südwestliche Richtung. Nach drei Stunden waren wir da. Aussteigen, U-Bahn finden, zur Station fahren, die am nähesten an der Unterkunft liegt, zum Hostel laufen, fertig. So in etwa laufen hier unsere meisten Reisetage. Das ist alles echt easy machbar. An Bahnhöfen und in den U-Bahnen ist genügend auf Englisch oder in transskribiertem Chinesisch ausgeschildert, dass man sich schon zurechtfindet. Mit Regionalzügen ist das etwas schwieriger, aber auch machbar.
Wir kamen am Nachmittag des 28.10.2019 in Xi'an an und verbrachten den restlichen Tag mit Wäsche waschen und Nudelsuppe essen.
Am Tag drauf stand als erstes DIE mainstream Touri-Action auf dem Plan: Fahrradfahren auf der Stadtmauer. Standard. Xi'an rühmt sich mit seiner 16km langen, rechteckigen Mauer mit der größten intakten Stadtmauer in China. Eine Radtour auf selbiger verspricht, einen guten Überblick zubekommen, da man aus einer Höhe von rund 15 Metern auf die Straßen herunter blickt. Gesagt, getan. Tatsächlich war die Tour wirklich eine schöne Sache. Den restlichen Tag schlenderten wir noch ein bisschen durch den Stadtkern und besuchten den historischen Trommelturm. Von hier aus wurde anno dazumal da Trommelsymbol zum allabendlichen Schließen der Stadttore gegeben. Hier wohnten wir einer Trommelzeremonie bei, die allerdings wie so ziemlich alles in China zu 100% für Touristen gemacht wurde.
Am Abend ging es wieder mit unserem lieb gewonnenen Reisegefährten Rinze in ein Hot Pot Restaurant. Überhaupt hatte sich das so eingebürgert, dass wir uns alle zwei Tage oder so mit Rinze trafen. Er war von Ulaanbaatar bis Chengdu (unserer nächsten Station nach Xi'an) exakt die gleiche Route gereist wie wir, meistens mit einem Tag Vorsprung. Wir drei verstanden uns auf Anhieb gut und so war es einfach toll, sich immer wieder zu treffen, etwas zu unternehmen oder etwas zusammen zu essen.

Auf der Stadtmauer von Xi'an

Auf der Stadtmauer von Xi'an

"Trommelzeremonie"

"Trommelzeremonie"

Man beachte das zweite Symbol von rechts: Bitte nicht in die U-Bahn koten. Die werden wissen, warum sie es dort anbringen. In China ist alles möglich.

Man beachte das zweite Symbol von rechts: Bitte nicht in die U-Bahn koten. Die werden wissen, warum sie es dort anbringen. In China ist alles möglich.

Am zweiten Tag in Xi'an ging es früh aus den Federn. Wir wollten nämlich raus aus der Stadt und rein in die Erde. Also, zumindest im übertragenen Sinne. Denn es ging zur weltberühmten Terrakotta-Armee. Jener archäologischen Entdeckung, der meine Eltern drei Miniaturfiguren zu verdanken haben, die ich schon mein Leben lang kenne, über die ich aber nie groß nachgedacht habe. Die Originale, denen diese Figuren nachempfunden sind, sind mannshoch und bewachten jahrtausende lang das Grab des ersten Chinesischen Kaisers. Da sie dies allerdings rund sieben Meter unter der Erde taten, wurden sie erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt. Heute, wie sollte es anders sein, strömen Heerscharen an Touristen jeden Tag hier her und die einzige Möglichkeit diesen zu entgehen, ist möglichst früh zu kommen. Kurz: es war nett. Bestimmt irre beeindruckend für jeden Archäologie-Geek. Für uns war es nett.
Auf dem Rückweg vom Parkausgang zum Bus machten wir leider noch eine China-Erfahrung, auf die wir lieber verzichtet hätten: Nachdem wir uns durch eine ca. 500 Meter lange Souvenier- und Snackmeile gequetscht hatten kamen wir in einer Seitenstraße an einem Stand vorbei, der Felle verkaufte. Wir setzten bereits unsere "Vergiss es wir kaufen eh nichts"-Gesichter auf, als uns auffiel, dass die Felle nicht von irgendeinem Tier, sondern von Hunden stammten. Eindeutig. Huskies, Schäferhunde etc. Schnell weg hier. Klar, jetzt könnte man sagen, warum ist das was anderes als ein Schaffell. Keine Ahnung. Ich finde es befremdlich. Die Chinesen halten sich selber Hunde als Haustiere und sitzen gleichzeitig auf den Fellen?!
Der Schock war zum Glück schnell verwunden und wir verbrachten den restlichen Tag recht faul in und um unsere Unterkunft.

Sooo viele Blumenvasen.

Sooo viele Blumenvasen.

Das war Chinas Norden. Peking, Pingyao und Xi'an liegen alle samt im fruchtbaren gemäßigten Klima im gelben Löss. Jetzt geht es weiter in den subtropischen Süden. Die Temperaturen steigen!

© Janis Dinter, 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine (halbe) Weltreise! Sechs bis sieben Monate überwiegend mit Bus und Bahn von Deutschland aus in Richtung Osten, dann Süden, dann wieder Osten. Unsere Reise führt uns durch Skandinavien, das Riesenreich Russland, die Mongolei und China, nach Südostasien und zuletzt nach Neuseeland. Ein halbes Jahr haben wir dafür grob eingeplant - ob es noch mehr wird, wer weiß?
Details:
Aufbruch: 04.09.2019
Dauer: 7 Monate
Heimkehr: 22.03.2020
Reiseziele: Deutschland
Dänemark
Schweden
Finnland
Russland / Russische Föderation
Mongolei
China
Hongkong
Vietnam
Kambodscha
Laos
Live-Reisebericht:
Janis schreibt diesen Reisebericht live von unterwegs - reise mit!
Der Autor
 
Janis Dinter berichtet seit 23 Monaten auf umdiewelt.
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