Al Sur

Reisezeit: Oktober 2009 - Oktober 2010  |  von Dirk Weisenstein

Ab in den kleinen Norden: Potosi

Das Hauptziel in Potosi sind natuerlich die Silbermienen. Im Cerro Rico. Vom Hotel aus buchte ich einen Ausflug in eine Cooperative Miene. Der Guide, Mienenname "Chasqui" hatte selber einige Jahre dort gearbeitet. Jetzt fuehrt er Touristen durch die Gaenge.

Zuerst einmal wir man Mienenmaessig zurecht gemacht, und dann geht es zum Mercado de Mineros. Geschenke kaufen fuer die Mienenarbeiter.
Da gibt es dann so nuetzliche Sachen wie Coka Blaetter oder Zigaretten zu kaufen.

Viel spannender ist da schon das Dynamit. Aber es ist ja gar kein Dynamit (welches aus Nitoglycerin hergestellt wird, und deswegen ziemlich gefaehrlich ist) sondern TNT. Schade. Dazu gibt es eine Sprengkapsel, und eine 4 minuten Zuendschnur. Alles fuer den Schnaeppchenpreis von 20 Bolivar. Also etwas ueber 2 Euro. Genau das richtige fuer den kleinen Hobbypyromanen.

Sehe ich nicht ziemlich gluecklich aus in diesen Moment?

Sehe ich nicht ziemlich gluecklich aus in diesen Moment?

Wie ein Kind im Suessigkeitenladen! Oben die Zuendschnuere, darunter Zigaretten und TNT Stangen, darunter Ammoniumnitrat, um die Explosieon noch spektakulaerer zu gestalten.

Wie ein Kind im Suessigkeitenladen! Oben die Zuendschnuere, darunter Zigaretten und TNT Stangen, darunter Ammoniumnitrat, um die Explosieon noch spektakulaerer zu gestalten.

So, dann ging es aber zu der Miene am Fusse des Cerro Rico.

Und dann hinein. Die Gaenge waren teilweise ziemlich niedrig, und Pressluftschlaeuche, Stromkabel, oder Tragbalken hingen im wege herum. Wie gut das ich einen helm aufhatte. Sonst haette ich wahrscheinlich heute noch Kopfschmerzen.
Als erstes kamen wir zu den Maskotchen der Mienenarbeiter. Diesen kleinen gehoernten wesen bringen sie Opfer da. Zigaretten, 96% igen Alkohol, Coka Blaetter.

Dafuer erbitten sie sich dann Schutz vor unfaellen, und vor allen Dingen ein reichhaltiges Erz. Denn dieses steigert ihren Gewinn. Auch fuer mehr Fruchtbarkeit opfern sie einen Teil ihrer Rationen. Man beachte den riesigen Penis der Figur. Sie arbeiten in kleinen Gruppen zusammen. Keine Frauen. Da sind sie ziemlich Macho. Meine Frau ist zu Hause und kuemmert sich um die Kinder. Wenn hier Frauen arbeiten wuerden, dann haette ich ja zwei Frauen. Eine hier, und eine zu Hause. Und ausserdem moechte ich meine Frau nicht teilen. Das war die uebereinstimmende meinung von allen Leuten die wir dort getroffen hatten. Und gleichberechtigung hin oder her, dass ist kein Job den ich einer Frau zumuten moechte. Die Arbeit ist hart. Und sehr anstrengend. Kinder und Jugendliche beginnen mit den anspruchslosesten Arbeiten. Im laufe der Zeit steigert sich ihr Wissen, und ihre Erfahrung, und sie arbeiten dann an den wichtigen Stellen. Zum Beispiel den Wagen aus dem Schacht fahren, oder die Loecher fuer die Sprengungen bohren. Bis zu 20 Stueck, und 50 bis 100 cm tief. Da sind die heutigen Pressluftmaschienen schon eine gewaltige Hilfe. 2-3 Loecher in einer Viertelstunde. Waehrend es von Hand schon fuer 20 cm eine viertelstunde dauert. Alt werden hier die wenigsten. Maximal 20 Jahre. Dann sind sie fertig. Der Staub, die Hitze, die harte koerperliche Arbeit. Aber sie verdienen gut. 200 bis 800 Bolivianos die Woche. Je nachdem wie wertvoll das Erz ist. Das sind 22 bis 78 Euro die woche! Eine menge Geld hier. Aber die Mienenarbeiter leben heute. Sie sparen nicht fuer das lange Leben, sondern wenn sie Geld haben, dann geben sie es auch aus. Teure Schuhe, Fernseher, Alkohol. Und doch haben alle eine Familie und wenigstens 4 Kinder. Sie sind ja noch Jung. Mitte 20 die meisten die wir sahen. 6 Tage die Woche kommen sioe hier her. Ziehen sich in einer kleinen Huette um, und kauen dort Koka. Um die Kraft und Konzentration zu steigern, und das hungergefuehl zu betaeuben. Morgens essen sie zwei drei Portionen zum Fruehstueck. Und dann erst Abends wieder etwas. Da braucht es die Koka, und Zigaretten, um ueber den Tag zu kommen.

Etwa 70 bis 80 meter gingen wir teilweise sehr gebueckt in den Schacht hinein. Es ist sehr hilfreich, dass der Durchschnittsbolivianer deutlich kleiner ist als ich mit meinen 180 cm. Chasqui flitzte voran. Er war wesentlich kleiner als ich, aber auch er musste sich ein paar mal Buecken. Und ich beugte mich weit vor, und liess meinen Helm die haertesten Stoesse abfedern. Und vor allen Dingen bewegte ich mich langsam. Wir sind schliesslich auf ueber 4000mtr. Potosi ist die am hoechsten Gelegene Stadt der wetl. Lnapp ueber 4000mtr und ueber 240.000 Einwohner.
Und die Hoehe fordert einen ganz schoen was ab. Wenn ich mich zu hastig bewegte, dann hatte ich das Gefuehl nicht genug Luft in meine Lungen zu bekommen. Obwohl ich schon tiefer und haeufiger Atmete als normal.
Aber dann begann der Spass erst so richtig. Denn ueber Leitern und ziemlich gewagte Konstruktionen kletterten und rutschten wir zwei Etagen nach unten. Dort wo gearbeitet wurde. Einer nach dem anderen hangelte sich die schraeg stehenden Leitern hinunter, hielt sich an den Steinen fest, und rutschte mit den Knien durch den Staub.

Die Lunge brannte. Ich hatte mir, wie die meisten anderen ein Halstuch vor dem Mund gebunden, um wenigstens die giftigsten Staeube heraus zu filtern, aber damit bekam ich viel zu wenig Luft. Ausserdem war es ziemlich heiss hier drinnen, und die Regenanzuege, die wir als Schutz unserer Klamotten vor dem Dreck anhatten waren innen klatschnass von unseren Schweiss. Irgendwann war es mir, und den meisten anderen voellig egal. An den Waenden des Schachtes glitzerten die Kristalle des erzes. Lieber nicht nachfragen, was hier so alles herumfliegt. Asbest, Arsen, Silber, um nur einige zu nennen.
Unten sprachen wir dann mit einigen Minenarbeitern. Sie waren recht umgaenglich. Schon Touristen gewoehnt, die ihnen Geschenke bringen. Ein netter zuverdienst. Sie waren sehr auskunftsfreudig. Da viele aus unserer Gruppe kein Spanisch sprachen musste Chasqui uebersetzen.

Dieser nette junge Mann namens Manuel ist 26 Jahre alt, hat 4 Kunder und arbeitet seit 6 Jahren Untertage. Deshalb ist er auch fuer das Bohren der Sprengloecher verantwortlich. Zu seiner Gruppe Kondoirri gehoeren noch weitere 9 Leute. Es giebt noch einen Mann mir mehr Erfahrung als ihn, das ist dann der Leiter der Gruppe, der sagt wo es lang geht.

Dann ging es den ganzen weg wieder zurueck. Die Lunge brannte, der Ruecken schmerzte, und ich schlug mit meinen Helm andauernd gegen die Hoehenbegrenzungen des Schachtes. Danke fuer den Helm. Die Luft in den Lungen wurde knapp, bei den Kletteruebungen, und ich musste oft verschnaufen. Ich glaube ich war auch der aelteste in den Hoehlen heute. Ansonsten nur junge Abenteuerlustige Mittzwanziger. Topfit und Dynamisch. Aber egal. Ich ging in meinen Tempo, und lies mich nicht zur eile draengen. Und dann endlich wieder an der frischen Luft. Aufrechter Gang. Ja.
Dann folgte noch der Interessanteste Teil des Tages, naehmlich eine kleine Sprengvorfuehrung ausserhalb der Mine.

© Dirk Weisenstein, 2009
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Die Reise
 
Worum geht's?:
1 Jahr Südamerika. Mein Moped und ich!
Details:
Aufbruch: 08.10.2009
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: 07.10.2010
Reiseziele: Chile
Argentinien
Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln
Großbritannien
Brasilien
Der Autor
 
Dirk Weisenstein berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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