Rundreise durch Guatemala

Reisezeit: Oktober / November 2018  |  von Beatrice Feldbauer

Friedhof

Nach dem Frühstück machen wir uns auf, Chichi zu entdecken. Für mich ist es heute ein ungewöhnliches Chichicastenango. Eigentlich ist der Ort bekannt für den grössten Markt in Zentralamerika, aber heute ist kein Markttag und es sind keine Touristen hier. Der Gemüse- und Früchtemarkt wird trotzdem abgehalten, nur die vielen Souvenirs und Handarbeiten fehlen.

Wir kommen zur Kirche „Bitte keine Fotos und Videos in der Kirche“ weist uns René an, denn hier finden manchmal Zeremonien statt und die Menschen möchten keine Störungen wenn sie ihre Anliegen Gott oder den Göttern vortragen. Chichi war schon immer ein Maya-Kultort. Die Spanier glaubten, dass sie mit dem Bau der Kirche diese Stätte vernichten und dem katholischen Glauben mehr Gewicht geben könnten.

Das hat zwar zum Teil funktioniert, aber die alten Riten haben sich bis heute gehalten. Heute allerdings ist die Kirche leer. Es ist kein Markttag und auch viele Pilger bleiben aus. Die Steinplatten auf dem Boden bleiben leer. Man kann nur die Spuren der Kerzen erkennen, die an anderen Tagen hier angezündet werden.

Die Kerzen kann man vor der Kirche in allen Farben kaufen. Heute ist auch der Seiteneingang geschlossen, der normalerweise für die Touristen geöffnet wird, damit diese nicht die Treppe benutzen, die als heilig gilt. Heute ist alles anders, heute ist auch die Treppe fast leer.

Der Kirche gegenüber steht die kleine Kapelle Calvario. Hier hat eine Frau ein Feuer entfacht und passt auf, dass es nicht verlöscht. In der einen Hand hat sie einen Holzstock, mit dem sie immer wieder in der Glut stochert, in der anderen eine riesige dicke Zigarre, von der sie manchmal einen Zug nimmt. Dazu spricht sie dauernd.

René hat erzählt, dass die Kommunikation mit den Göttern nicht nur eine demütige Haltung bedingt. Im Gegenteil, man erzählt, man referiert, man argumentiert. Und man fordert. Uns ist so eine Art von Beten bereits schon in der Kirche von Zunil aufgefallen, wo eine Frau mit gestikulierenden Händen vor zwei verschiedenen Altären, zwischen einem Heiligen und der Virgin Maria hin und her gegangen ist. Auch sie muss eine intensive Bitte vorgebracht haben.

Die Frau schüttet immer wieder etwas Flüssigkeit in die Glut. Ich vermute, dass es Alkohol ist, denn das Feuer schwelt weiter. Wir verlassen die Szene und kommen zwei Blocks weiter zum Eingang des farbigen Friedhofs. Vor dem Tor wird gerade ein Markt aufgebaut. Es gibt alle Arten von Imbissständen, Blumenverkäuferinnen, Glücksspiele.

Auf dem Friedhof herrscht reges Treiben. Die Gräber sind auch hier frisch gestrichen. Viele weiss, andere Türkis oder in verschieden hellen Grüntönen. Und sie sind mit vielen Blumen geschmückt. Mit sorgfältig gesteckten Bouquets, mit gebundenen Kränzen, mit gemischten Blumensträussen.

Die Menschen sitzen bei den Gräbern und schwatzten. Oder sie sitzen nur da, mit ernsten Mienen. Eisverkäufer flanieren auf den Wegen, ein Zuckerwatteverkäufer bietet sein farbiges Angebot in Plastiksäcken an einem langen Stecken an und irgendwo sitzt eine Getränkeverkäuferin mit eisgekühlten Erfrischungen.

Dort steht eine Band mit Blasmusikanten um ein Grab und spielt eine lüpfige Melodie. Nach dem letzten Ton packen sie ihre Instrumente und ziehen weiter. Ich folge ihnen über den breiten Weg bis eine Frau kommt und einen von ihnen am Ärmel zupft. Da hinten, zeigt sie.

Die jungen Männer folgen der Frau und stellen sich bald darauf um ein Grab auf, spielen eine neue Melodie. „Darf ich filmen?“, frage ich den Mann mit dem Weihrauchgefäss. Er lächelt. „Selbstverständlich“. Er macht mir sogar Platz, damit ich gute Sicht habe. Während die Band spielt, schwenkt er seinen Weihrauchkessel und wenn der Rauch nachlässt, gibt ein älterer Mann wieder eine Handvoll gelber Krümel auf die schwelenden Kohlen.

Ewas weiter unten spielt eine grössere Kapelle mit einem Sousaphon. Die Männer sind in Uniformen. Als auf einem Nebengrab eine kleinere Band auftaucht, spielen einen kurzen Moment lang alle miteinander. Aber es scheint nicht ganz die gleiche Melodie zu sein, jedenfalls werden nicht alle zur gleichen Zeit fertig.

Während auf dem Friedhof ein geschäftiges Treiben herrscht, sind die kleinen Buben hoch hinauf auf die höchsten Familiengräber gestiegen. Hier versuchen sie ihre Drachen in den Wind zu halten. Hoch fliegen sie und werden nur mit kleinen Bewegungen gesteuert. Ich frage eine Frau nach dem Sinn der Drachen. "Oh, das ist nur zum Vergnügen der Kinder", erklärt sie.

Wieder einmal stecke ich in einer unglaublichen Situation. Zwar bin ich hier völlig fremd, fühle mich aber trotzdem angenommen, oder wenigstens akzeptiert. Einmal will jemand wissen, woher ich komme. "Suiza" "Oh… Wieviele Stunden sind das mit dem Flugzeug?" Da scheint jemand zu wissen, dass Suiza sehr weit weg ist.

Auf dem Rückweg zum Hotel versuche ich noch ein paar Gesichter auf der Strasse mit der Kamera zu erhaschen, aber eigentlich habe ich heute schon wieder sehr viele Eindrücke aufgenommen.

Im Hotel sind unterdessen die Papageien auf ihren Stangen. Sie sind die Attraktion des Innenhofes. Das ganze Hotel mitsamt den Zimmern und dem Speisesaal scheint ein Museum zu sein. Die Papageien und die schönen Blumen im Hof geben ihm etwas Leben.

Von hier sind es nur knapp zwei Stunden bis zum Lago Atitlan, unserem nächsten Ziel. Noch einmal fahren wir über holperige Strassen in diesem Land, das kaum eine Ebene kennt und immer hinauf und hinunter führt.

In Panajachel führt uns René zum See. "Ab hier findet ihr allein zurück zum Bus". Shopping ist freigegeben. Jetzt sind wir so richtig im Element, denn das Angebot ist riesig. Alles ist farbig. Textilien, Schmuck, Kleider, Schuhe. Ich setze mich mit Margrit und Peter in ein Restaurant im Hafen, sende eine Nachricht an David und geniesse mein Mittagessen mit Scampi.

"Bin noch mit Touristen unterwegs", schreibt mir David umgehend, "aber in einer halben Stunde bin ich frei, ich komme zum Restaurant".

David ist ein junger Mann, den ich vor Jahren hier getroffen habe, und dem ich seinen erfolgreichen Schulabschuss ermöglicht habe. Meine Ausgaben waren nicht so hoch, aber was er mit der Möglichkeit gemacht hat, ist imponierend. Nach der offiziellen Schule finanzierte ich ihm noch eine kaufmännische Ausbildung.

Heute lebt David noch immer vom Verkauf seiner Kugelschreiber, die er mit farbigem Garn mit dem Namen des Käufers versieht. Ausserdem begleitet er Touristen auf Touren zu den Dörfern am See oder auf einen der Vulkane. Und er vermittelt Bootsfahrten, wenn Leute allein etwas unternehmen wollen. Mit diesen drei Standbeinen hat er sich einen guten Lebensstandard erschaffen. Er ist inzwischen 27 und hat eine Frau und zwei Kinder. Diesen Sommer hatte ich ihn in die Schweiz eingeladen. Dort hat er sich innert kürzester Zeit mit seiner offenen und positiven Art viele Freunde gemacht. Sie haben bei ihm Bestellungen für Kugelschreiber aufgegeben und diese übergibt er mir jetzt.

Ich habe ihm auch aufgetragen, für jeden der Gruppe einen persönlichen Kugelschreiber mitzubringen und diese verteilt er, als wir zurück beim Treffpunt sind und auf den Bus warten. Mit „wie heisst du?" und „es freu mich, dich zu sehen", verblüfft er regelmässig die Leute, die niemals auf eine deutsche Anrede gefasst sind.

Für den Moment heisst es Abschied nehmen, denn wir fahren weiter zum Hotel. David wird uns aber morgen den ganzen Tag begleiten.

Weit ist es nicht mehr bis zu unserem Hotel in Santa Catarina. Nachdem wir uns frisch gemacht, und zum Apero die kleine Bar blockiet haben, geniessen wir ein feines Nachtessen im offenen Restaurant. Eigentlich ist es ein ruhiger Ort mit einer schönen Parkanlage, aber irgendwo wird in diesem Land immer eine Party gefeiert. Trotzdem schlafe ich sehr schnell ein, denn der Tag war wieder voll von den verschiedensten Eindrücken.

Stimmung bei Sonnenuntergang

Stimmung bei Sonnenuntergang

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es ist Zeit, wieder einmal nach Guatemala zu reisen. Alte Pfade aufnehmen, Freunde treffen. Das Land neu entdecken. Diesen Bericht schreibe ich vor allem für Freunde und Bekannte meiner Reiseteilneher. Für mich ist diese umdiewelt-Seite seit Jahren das beste Medium, um meine Reiseerlebnisse mit anderen zu teilen. Wie gewohnt werde ich versuchen, den Blogg täglich aktuell zu halten.
Details:
Aufbruch: 22.10.2018
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 09.11.2018
Reiseziele: Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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