Rundreise durch Guatemala

Reisezeit: Oktober / November 2018  |  von Beatrice Feldbauer

Atitlan

Nachdem der Tag seine schönsten Kulissen mit See und Vulkanen herausgerollt hat, und wir uns beim Frühstück mit frischen Früchten, Yoghurt und Omeletten verwöhnen liessen, holt uns das Partyschiff im Hafen von Santa Catarina ab. Dass es ein Partyschiff ist, wissen wir zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, das zeigt sich erst später.

David erwartet mich vor dem Hotel, er wird uns heute begleiten. Schon bald hat er es geschafft, mit allen Kontakt aufzunehmen und als das Schiff losfährt will jeder wissen, wie er das mit den Kugelschreibern genau macht. Wie schreibt er die Namen in das Garn? Stickt er? Wie lange braucht er für einen Kugelschreiber? Natürlich zeigt er gern, wie er es macht, aber eigentlich sieht es niemand ganz genau, denn er umwickelt sie so schnell, dass er einfach alle nur verblüfft. Er hat eine lange Erfahrung damit. Seit er sieben Jahre alt ist, bestreitet er mit Kugelschreibern seinen Lebensunterhalt.

Inzwischen arbeitet er manchmal auch als Guia auf den Vulkan, oder vermittelt Ausflüge auf dem See. Seine Haupteinnahmequelle sind aber die Kugelschreiber geblieben. Und auch der Verkauf von Handarbeiten aus winzigen Perlen, die seine Mutter und Schwestern herstellen. Genau diese packt er jetzt auch auf dem Schiff aus und sofort ist er von allen Frauen umringt. Kolibris sind es, die er in aus dem Rucksack holt und dann kommen noch kleine Leguane, Schlüsselanhänger und aufwändige Bracelets dazu. Alle sind völlig fasziniert und vor lauter Shopping vergessen wir fast, die Aussicht zu geniessen.

Wir fahren quer über den See. Christa meint, dass auf das Schiff Musik gehört und bietet auch gleich den richtigen Sound an, der schon bald von ihrem Handy aus dem Lautsprecher ertönt.

Nach einer Stunde erreichen wir San Juan, auf der anderen Seeseite. David packt seine Schätze zusammen und René erklärt, dass vor uns ein kleiner Anstieg liegt, denn das Dorf liegt am Hang. Sepp hat sofort die Chance erkannt und hält eines der TukTuk an, die hier auf Kundschaft warten. Und schon fahren wir beide den anderen elegant hinterher und davon. Oben angekommen müssen wir eine ganze Weile warten, bis die anderen den steilen Aufstieg geschafft haben.

René hat inzwischen die spezielle Maltechnik erklärt, die hier am Atitlan gepflegt wird. Bilder aus der Vogelperspektive. Vor allem Marktszenen sind es, aber auch Bilder aus dem Alltag, die so gemalt werden. San Juan ist bekannt für seine Bilderkunst und für seine Textilarbeiten.

René führt uns zu einer Cooperative, wo uns Theresa, die die Cooperativa der Frauen gegründet hat, ihre Techniken erklärt. "Gemeinsam erreichen wir mehr", erklärt sie. Die Frauen arbeiten alle zu Hause, aber man verkauft hier im Laden die Arbeiten von allen Frauen, so dass sich diese nicht damit befassen müssen. Man arbeitet und profitiert damit zusammen.

Verarbeitet wird Baumwolle. Es gibt nebst der weissen, bekannten Baumwolle noch zwei andere Farben, es sind zwei erdfarbene Braun-Ocker-Nuancen, die naturbelassen bleiben. Die Baumwolle wird nach der Ernte sorgfältig von den Fruchtschalen befreit und zu kleinen Fliessen zusammengestellt. Diese müssen mit Stecken 20 Minuten geschlagen werden, damit sie schön weich werden. Dann werden sie zusammengerollt und direkt vom Klüngel auf eine einfache Spindel zu einem dünnen Faden versponnen. Das geht ganz einfach und braucht ausser der Spindel und den Händen kein Werkzeug. Therese lädt uns ein, es selber zu versuchen.

Das Garn wird auf Knäuel gewickelt und dann zu Strangen aufgespult. Diese werden mit natürlichen Farben gefärbt. Theresa zeigt eine riesige Palette von Farben und Pflanzen, mit denen jede gewünschte Farbe hergestellt werden kann. Die gefärbten Garne werden dann für das Weben aufgespannt und am Körperwebstuhl befestigt. Das ist eine Vorrichtung, die so breit ist, wie die Hüfte der Frauen und auf denen Schals oder Tischläufer gewoben werden.

Theresa kniet sich auf den Boden und zeigt wie sie sich den Webrahmen umbindet und wie ein Schal entsteht. „Wie lange dauert es, bis ein Schal fertig ist?“ „Zwei Wochen“, ist die Antwort. Die Frauen arbeiten zu Hause, können also nebst ihrer Arbeit auch den Haushalt versorgen, für Mann und Kinder sorgen, Putzen, Kochen, Waschen. Jetzt ist die Neugierde geweckt und wir stöbern durch den Laden wo sehr viele schöne Arbeiten angeboten werden. Jedes Teil ist genau deklariert mit den verwendeten Farben und dem Namen der Herstellerin.

Nach dem Besuch in der Cooperativa und einem kurzen Besuch in der schönen Kirche, fährt uns unser Boot zum Hotel-Restaurant Bambu in der Nähe von Santiago Atitlan.

Bereits jetzt zeigt sich, wie sich unser Ausflugsboot zum Partyschiff wandelt, jemand hat eine Runde Bier besorgt, die Stimmung könnte nicht besser sein.

Im Bambu gibt es Mittagessen. Bis das serviert wird, stöbern die einen mit der gezückten Kamera durch den Garten, während andere auf der Terrasse mit Ausblick zum See den zweiten Apero geniessen.

Nach dem Essen erwartet uns ein Pickup. Wer darauf nicht Platz hat, folgt mit einem der TukTuk, die hier immer kursieren. Wir fahren zur Kaffeeplantage hinter dem Vulkan. Es ist eine Musterplantage, in der den kleinen Kaffeebauern die verschiedenen Kaffeesorten erklärt und der richtige Anbau unterrichtet wird.

"Das ist unser Schulzimmer", erklärt Abraham, der uns durch die Anlage führt. Hier unter diesem Baum können wir den Leuten erklären, was sie tun müssen, um eine möglichst gute Qualität zu erhalten. Wir brauchen keine Wandtafel, keine geschriebenen Worte, denn viele der Bauern können weder lesen noch schreiben. Aber wir können hier anhand des grossen Musterplantage alles ganz genau erklären.

Die Kaffeepflanzen gedeihen im Schatten von grossen Bäumen, da Arabica-Kaffee eine Schattenpflanze ist. Hier werden Avocado, Zitronen Bananen und Mangobäume gepflanzt. Die gewährleistet neben dem Kaffee auch noch ein anderes Einkommen.

Er erklärt, wie Kaffee geerntet wird. Hier ist alles Handarbeit. Weil die Kaffeebeeren nicht alle zur gleichen Zeit reif sind, und nur die reifen eine gute Qualität versprechen, muss während der Ernte mehr als einmal durch die Plantage gegangen werden, um alle Beeren zu ernten. Die Haupternte beginnt im Januar und kann bis April dauern.

Nach der Ernte werden die Bohnen sie getrocknet, geschält und gewaschen.

Abraham führt uns bis hinunter zum See, der durch einen breiten Schilfgürtel geschützt ist. Das Schilf ist wie ein Filter, das zurück hält, was nicht in den See gehört. Weil das Wasser manchmal steigt, wird Kaffee nicht bis zum Ufer gepflanzt. Hier wächst Mais. Der ist allerdings bereits abgeerntet und an den umgeknickten Stangen wachsen die Bohnen. Auch Kohl gehört dazu.

langsam bricht die Sonne durch die Wolken und zaubert eine spezielle Stimmung auf dem See.

langsam bricht die Sonne durch die Wolken und zaubert eine spezielle Stimmung auf dem See.

Abraham lädt uns noch zur Finca ein, wo bereits geerntete Kaffeebohnen zum Trocknen ausgelegt sind. Die geschälten und getrockneten Bohnen 'Cafe d'Oro' - Goldkaffee wird im Gebäude daneben frisch geröstet. Genau 16 Minuten lang, damit er nicht verbrennt. Guatemala-Kaffee ist nicht der ideale Kaffee für Espresso, dieser müsste länger geröstet werden und gilt hier bereits als verbrannt. Lydia, eine junge Frau wiegt das Kaffeepulver ab und giesst ganz langsam heisses Wasser in einen Filter. So macht man den idealen feinen Kaffee, bei dem man die Frucht und die Fülle noch schmeckt. Wir bekommen alle eine kleine Tasse zum Degustieren und können danach Kaffeebohnen einkaufen.

Für den Rücktransport nach Santiago Atitlan stellt uns die Finca ein ganz spezielles Gefährt zur Verfügung: ein Picup, auf dem wir alle Platz finden. Genau mit solchen Fahrzeugen werden die Kaffeearbeiter zur Ernte auf die Plantagen gefahren. Allerdings sind die Fahrzeuge dann komplett voll und wer nicht darauf stehen kann, hängt sich am Geländer fest.

Sepp kann sich fast nicht mehr erholen, für ihn ist das ein Viehtransporter und er fordert uns auf, Muh, muh zu rufen, damit das Geräusch authentisch ist.

alles da - losfahren.

alles da - losfahren.

Als Kaffeeabschluss lade ich die ganze Gruppe in die Cafeteria Rafa ein. In Santiago Atitlan hat sich in den letzten Jahren ein besseres Bewusstsein für den Verkauf von Kaffee entwickelt und einer der ersten war Rafa.

Der junge Barrista kommt zwar etwas ins Schwitzen, aber er lässt sich nichts anmerken, macht sorgfältig 16 Cappuccinos und jeder ist anders. Da lohnt sich das Warten. David mutiert derweil zum Kellner, denn der Barista ist mit Kaffee kreieren voll beschäftigt.

Inzwischen ist es spät geworden, wir kehren zurück zum Schiff. Die Sonne, die sich heute nicht sehr oft gezeigt hat, sendet zum Abschied einen ganz besonderen Zauber über Vulkan und See, während das Schiff mit Christa-Sound, Cuba Libre, den jemand organisiert hat und tanzenden Girls endgültig zum Party-Schiff mutiert.

Eine Stunde dauert die Überfahrt nach Santa Catarina, keine Minute zu lang.

Beim Nachtessen sind sich alle einig: es war wieder ein voller Tag, voller Emotionen, Informationen, voller guter Laune und einfach nur fantastisch.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Es ist Zeit, wieder einmal nach Guatemala zu reisen. Alte Pfade aufnehmen, Freunde treffen. Das Land neu entdecken. Diesen Bericht schreibe ich vor allem für Freunde und Bekannte meiner Reiseteilneher. Für mich ist diese umdiewelt-Seite seit Jahren das beste Medium, um meine Reiseerlebnisse mit anderen zu teilen. Wie gewohnt werde ich versuchen, den Blogg täglich aktuell zu halten.
Details:
Aufbruch: 22.10.2018
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 09.11.2018
Reiseziele: Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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