Reise um die Welt

Russland-Reisebericht  |  Reisezeit: September 2018 - September 2019  |  von Sabine C

Von Nischni-Novgorod nach St. Petersburg

Urlaub von der Weltreise

Die nächsten drei Wochen erlebe ich wie einen Urlaub. Am 1.8. fliegt Stephan von St. Petersburg zurück. So haben wir drei Wochen Zeit die 1200 km dorthin zurückzulegen. Theoretisch einfach: 400 km die Woche, 70 km am Tag mit einem Pausentag in der Woche. Die Realität sieht anders aus.
Erstmal freue ich mich, Begleitung zu haben. Ich habe schon gemerkt, dass Russland unberechenbar sein kann. Und mir war die Vorstellung nicht ganz geheuer, alleine über einsame Straßen zu fahren. Aber so einsam sind sie meist gar nicht! Auch auf Nebenstraßen gibt es viele befahrene Abschnitte.

Unser erster gemeinsame Radtag endet schon nach 50 km nach einer Wasserschlacht. Sturzregen lässt uns in Bushaltestellen flüchten und dann das nächstgelegene Hotel aufsuchen. Weiter geht es am Gorkisee entlang. Am nächsten Abend passiert es mal wieder, dass an der gebuchten Unterkunft niemand ist. Diesmal wird es meine erste Nacht im Zelt in Russland. Wir zelten malerisch neben einer Kirche mit Blick auf den Gorkisee. Angler schenken uns geräucherten Fisch. Immer weiter geht es auf wenig befahrener Straße den Gorkisee entlang bis zum Zufluss der Wolga. Die Straße mal mehr, mal weniger gut. Von Flickenteppich bis frisch asphaltiert. Wir bleiben in einer naturnahen Unterkunft direkt am Ufer des Gorkisees. Dann passieren wir einen trostlosen Ort mit vaterländisch inszeniertem Fest zur Stadtgründung, sind abends begeistert von Kischema, einem schönen Ort an der Wolga. Das Städtchen wirkt wohlhabend mit schön renovierter Altstadt. Hier ist nicht die Kirche, sondern die Stadt in gutem Zustand.

Es geht durch Kostroma, Jaroslavl und Rybinsk. Während wir uns vor dem Regen in eine Bushaltestelle flüchten, erzählt uns jemand, dass Oblast Jaroslavl und Hessen Partnerregionen sind. Tatsächlich sind Hanau und Kassel jeweils Partnerstädte von Jaroslavl und Idstein ist mit Uglitsch an der Wolga verpartnert. Samstagabends im Restaurant in Rybinsk gibt es Disco zu russischer Schlagermusik. Wir werden mitgezogen in den Tanz und haben einen lustigen Abend.
Drei Nächte bleiben wir in einem kleinen Paradies an einem Zufluss zum Rybinsker Stausee, um dann in einer über 100 km langen verregneten Tagesetappe Tscherepowez am nördlichen Kopf des Rybinsker Stausees zu erreichen.

Tscherepowez ist eine Industriestadt, die durch den Konzern Северсталь - Nordstahl beherrscht wird. Frachthäfen am Ufer des Flusses. Über viele Quadratkilometer breiter sich das Werk nordwestlich der Stadt aus. Es gibt kaum Arbeitslosigkeit in der Stadt. Северсталь ist der größte Steuerzahler der Stadt, die den höchsten Zufriedenheitsindex in Russland vorweisen kann. Eine blühende Stadt habe ich mir vorgestellt und bin enttäuscht vom trostlosen Zustand der Gebäude in der Innenstadt. Die sowjetischen Charme verbreitenden heruntergekommenen Plattenbauten tragen ihren Teil dazu bei. Holzhaussiedlungen verfallen. Wahrscheinlich nur der Blick des vorbeifahrenden Touristen, der vom Leben in der Stadt nichts mitbekommt. Am anderen Ufer der Stadt entstehen große Neubauten.
Neben dem Park am Flussufer, der in Renovierung scheint, ein Open Air Museum mit Kriegsgerät aus dem zweiten Weltkrieg. Raketen, Panzer, Fahrzeuge. Mir sagt das nichts, aber Stephan kennt sich aus.

Bei der Ausfahrt führt uns mein Navigationsgerät direkt ins Werk. Am Werkstor müssen wir umkehren und einen 15 km langen Umweg über Fernstraßen nehmen, bevor wir auf Nebenstraßen abbiegen können. Die Abgase des Werkes sehen ziemlich giftig aus und ziehen übelriechend in Nase und Lunge.
Diesmal werden uns die Nebenstraßen zum Verhängnis. Zwei Tage haben wir bis Babajevo geplant und optimistisch Zugfahrkarten nach St.Petersburg gekauft und ein Hotel reserviert. Schon der erste Tag hält 20 km Sandstraße für uns bereit. Am Abend hat die Betreiberin des Hotels am Ort kein Zimmer für uns. Ausgebucht oder Unlust kann nicht ganz geklärt werden. Ein Polizist, den ich um Rat frage, fährt mit uns durchs Dorf, fragt erfolglos in einem Studentenwohnheim nach einem leeren Zimmer im Ort und bringt uns dann ans Flussufer. Dort können wir unser Zelt aufbauen. Am sommerlichen Freitagabend ist das Ufer des Flusses Treffpunkt für Jugendliche und Angler. Wir bekommen noch eine Telefonnummer für den Notfall und die Ermahnung, morgens anzurufen und Bescheid zu geben, dass alles ok ist. Neben unserem Zelt eine Frau mit ihrem Enkel. Sie hat in Kadoi ihre Datsche und arbeitet in Tscherepowez. Dort gäbe es Arbeit. Für mehr Konversation reicht mein Russisch nicht aus. Ich hätte gerne mal gewusst, ob die vielen hübschen Holzhäuser an unserem Weg auch im Winter bewohnt sind oder ob es sich um Datschen handelt.
Nach dreißig Kilometern beginnt am nächsten Tag die Sandstraße. Sie wird schon wieder enden, denken wir. Da haben wir uns leider geirrt. Mehrmals frage ich, bis ich verstanden habe, dass die Sandstraße bis Babajevo so weitergeht. Es ist heiß. Der Sand ist weich. Die Bremsen fressen uns auf. Es gibt mehr Stellen, an denen ich schieben muss, als dass der Weg für mich befahrbar ist. Stephan hat mehr Kraft. Er kommt besser voran. Ich weiß, dass ich das an einem Tag nicht schaffen kann. Aber nachts fährt der Zug. Außerdem haben wir zu wenig Wasser. Also versuche ich ein Auto anzuhalten, das uns mitnehmen kann. Nicht so einfach. Hier gibt es keine SUVs mit offener Ladefläche. Kleine PKWs kommen vorbei. Ein Auto mit Anhänger, ein Kleinlaster. Keiner hat Platz für zwei Fahrräder und uns. Ein alter, sehr russisch aussehender Kleintransporter hält an. Drei Insassen. Ich muss ein bisschen verhandeln. Erst wollen sie nicht und dann hat der Fahrer ein Erbarmen. Unsere Räder haben noch auf der Ladefläche Platz und wir zwängen uns mit ins Führerhaus. Die holperige Sandstraße durch den Wald am Fluss entlang erscheint endlos. Ich habe nicht verstanden, wie weit wir mitfahren können. Freue mich über jeden Kilometer mehr. Am Ende sind es fast 30 km. Sie bringen uns an die asphaltierte Straße. Stephan gibt dem Fahrer 1000 Rubel und ich bin unendlich dankbar.

Los geht's!

Los geht's!

In der Bushaltestelle suchen wir Schutz vor dem Starkregen

In der Bushaltestelle suchen wir Schutz vor dem Starkregen

...und vor dem Spritzwasser der Autos

...und vor dem Spritzwasser der Autos

Zelten vor der Kirche

Zelten vor der Kirche

Angler schenken uns geräucherten Fisch

Angler schenken uns geräucherten Fisch

Gorki Stausee

Gorki Stausee

Gasleitung

Gasleitung

Zum Glück gibt es an jeder Milchkanne eine Bushaltestelle. Auch der keinste Ort ist ans öffentliche Verkehrswesen angeschlossen und hat einen Lebensmittelladen

Zum Glück gibt es an jeder Milchkanne eine Bushaltestelle. Auch der keinste Ort ist ans öffentliche Verkehrswesen angeschlossen und hat einen Lebensmittelladen

Mit der Fähre über die Wolga

Mit der Fähre über die Wolga

Die Autos müssen rückwärts auf die Fähre fahren

Die Autos müssen rückwärts auf die Fähre fahren

Auf dem Markt in Kostroma  - selbst gesammelte Pilze werden verkauft. Pilze sammeln - eine Leidenschaft in Russland

Auf dem Markt in Kostroma - selbst gesammelte Pilze werden verkauft. Pilze sammeln - eine Leidenschaft in Russland

Kloster in Kostroma

Kloster in Kostroma

In den Dörfern stehen vor vielen Häusern die Brunnen

In den Dörfern stehen vor vielen Häusern die Brunnen

Hotelschiff in Kischema an der Wolga

Hotelschiff in Kischema an der Wolga

Samstagabend in Rybinsk

Samstagabend in Rybinsk

Rybinsk bei Nacht...

Rybinsk bei Nacht...

.....und bei Tag

.....und bei Tag

Auszeit in der Nähe des Rybinsker Stausees

Auszeit in der Nähe des Rybinsker Stausees

Diese Wolke verfolgt uns den ganzen Tag bevor sie uns am Abend einholt

Diese Wolke verfolgt uns den ganzen Tag bevor sie uns am Abend einholt

Tscherepowez

Tscherepowez

In jeder Stadt wird an den zweiten Weltkrieg erinnert. In Tscherepowez  gibt es ein Freilandmuseum mit Kriegsgeräten aus dem zweiten Weltkrieg

In jeder Stadt wird an den zweiten Weltkrieg erinnert. In Tscherepowez gibt es ein Freilandmuseum mit Kriegsgeräten aus dem zweiten Weltkrieg

und in jeder Stadt steht ein Lenindenkmal

und in jeder Stadt steht ein Lenindenkmal

Endlich in Babajevo.....

Endlich in Babajevo.....

....und im Zug nach St.Petersburg

....und im Zug nach St.Petersburg

© Sabine C, 2018
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Die Verkehrsmittel werden Fahrrad, Schiff, Zug und Bus sein. Es ist ein langgehegter Traum von mir, die Welt zu umrunden und dabei kein Flugzeug zu benutzen.
Details:
Aufbruch: 30.09.2018
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: September 2019
Reiseziele: Deutschland
Frankreich
Spanien
Marokko
Brasilien
Argentinien
Uruguay
Chile
Peru
Ecuador
Mexiko
Japan
Südkorea
Russland / Russische Föderation
Estland
Lettland
Schweden
Polen
Der Autor
 
Sabine C berichtet seit 13 Monaten auf umdiewelt.
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