Togo und Benin

Reisezeit: Dezember 2015 - Januar 2016  |  von Beate Böttner

31.12.2015 - Alltagsleben und Feuertänze

Die Nacht und der Morgen

Mitten in der Nacht erwachte ich. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es 04:00 Uhr war. Da hatte ich schon eine Weile wach gelegen, wegen unerklärlich lauter Stimmen, die nach Radio oder Fernseher klangen. Zunächst dachte ich noch, das müsse ja irgendwann aufhören. Tat es aber nicht. Dann dämmerte mir, dass in der neben meinem Zimmer gelegenen Rezeption der Fernseher an war. Richtig - und das bedeutete, es gab wieder Strom. Nach weiteren 20 Minuten war es mir zu arg und ich wollte den Fernseher ausschalten gehen. Doch ich kam nicht sogleich aus meiner Tür heraus, denn ganz dicht an der Klinke saß eine Schabe, die etwa 6 cm maß. Ist das eklig!!! Sie machte sich dann auf meiner sich lösenden Wandverkleidung auf den Weg, ehe sie dahinter verschwand. Mich schauderte noch immer. Also schloss ich zunächst alle Reißverschlüsse an diversen Taschen und Rucksack. Dann ging ich in die hellerleuchtete Rezeption und knipste den Fernseher aus. Danach schlief ich unmittelbar wieder ein -tief und fest. Da auch heute galt, jeden Tag ein wenig früher, klingelte mein Wecker bereits um 6:30 Uhr, denn um 7:30 Uhr war Frühstück, um 08:00 Uhr Abfahrt angesagt. Wie gut, dass ich am Abend zuvor François gebeten hatte, mich zu wecken, falls ich um 07:00 Uhr nicht aufgetaucht sein sollte. Das tat er dann auch. Schnell waschen und die Sachen zum Bus bringen, einen Kaffee trinken und das Frühstücksbaguette für unterwegs schmieren.

Hirsebier wird gekocht, mit Palmwedel als Rührstab

Hirsebier wird gekocht, mit Palmwedel als Rührstab

Abschied von Kpalimé

In Kpaliméq fuhren wir an eine Tankstelle. Wir stiegen aus und nutzten die Zeit für letzte Blicke in das Leben die Stadt. Voll beladene Autos, Frauen, die ihre Ware feilboten, Männer im Gespräch, einer sogar mit einer Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf. Dann lief uns das ernste Mädchen mit ihrem Gebäck von gestern wieder über den Weg. Wieder nahmen wir ihr etwas ab. Ein Lächeln trat jedoch erst auf ihre Lippen, als wir sie fragten, ob wir von ihr ein Foto machen dürften. Sie strahlte, als wir ihr die Aufnahmen zeigten. Dann fuhren wir los in Richtung Sokodé, unserem heutigen Tagesziel.

Markt von Kpalimé

Markt von Kpalimé

Unterwegs in Dörfern

Nach einigen Kilometern bogen wir ab und vor uns lang die Piste. Es dauerte nicht lange, da trafen wir an einem wahnsinnig hohen Termitenhügel, dem zur Seite ein Papayabaum stand, auf ein paar Menschen. Wir kamen schnell mit ihnen ins Gespräch. Das heißt, eigentlich eher mit dem Mann, denn die Frauen sprachen kein Französisch. Sie gehörten zum Stamm der Fulma. Als nächstes hielten wir in einem Dorf, durch das die Straße führte. Aussteigen und ausschwärmen. An einem großen Baum war eine Gruppe Kinder. Die Jungen schossen mit einer Steinschleuder in den Baum hinein, um die Flughunde, die in ihm schliefen, herunter zu holen. Doch die meisten der Tiere wurden nur aus dem Schlaf gerissen und flogen schnell in einen anderen Baum. Dann blickten wir in eine Hütte, in der Maniokmehl mit einer benzinbetriebenen Mühle gemahlen wurde. Dennoch wurde zunächst vor dem Eingang gestampft.
Auf der anderen Straßenseite waren Frauen an ihren Kochstellen dabei, allerlei für das große Fest zuzubereiten. Eine Frau füllte Maniokbrei in Tüten. Eine von Deckel und Boden befreite kleine Blechbüchse diente ihr dabei als Tüten-offen-Halter und als Trichter.
Als nächstes bewunderten wir eine Weile, wie Afrikanerinnen sich beim Friseur kunstvoll frisieren ließen. Schon vielfach hatte ich gehört und gelesen, dass nach der Prozedur des Zöpfe Flechtens tagelang Kopfschmerzen zu ertragen waren. Als ich sah, wie sehr an den kurzen krausen Haaren gezogen wurde, dass es fast schien, die Kopfhaut würde sich lösen, konnte ich mir die Schmerzen lebhaft vorstellen. Ein Blick in das schmerzverzerrte Gesicht einer der Kundinnen tat sein Übriges. Nach einem Befühlen meines Haars fragte mich die Friseurchefin, ob diese Haare echt und meine seien. Ich bejahte und sie fand das sehr beeindruckend. Wenn man Afrikanerinnen mit anderem, als kurzem oder halblangem krausen Haar begegnet, sind das immer künstliche uns eingeflochtene Haare oder gar Perücken, selbst bei den kleinen Mädchen, die lockige Töpfchen haben. Es folgte ein Schwatz an einer Art Versammlungsplatz mit den dort sitzenden Dorfbewohnern. Wir bekamen wieder Hirsebier gereicht, von dem ich einen Schluck nahm. Wenn es nicht so lauwarm gewesen wäre, kann ich es mir recht wohlschmeckend vorstellen. Ein Stückchen weiter die Straße entlang saßen Männer, die sich äußerlich deutlich von den anderen unterschieden. Wir erfuhren, dass es sich um Fulani handelt, ein Nomaden- und Hirtenvolk, heute jedoch meist sesshaft. Gern wollte ich ein Foto von ihnen machen, doch François meinte, die Fulani seien sehr speziell, aber man könne ja mal fragen. Das tat ich und mein Wunsch wurde mir erfüllt.

Termitenhügel mit Papayabaum, links daneben

Termitenhügel mit Papayabaum, links daneben

Dann fuhren wir weiter. Im nächsten Dorf, das wir passierten, war Markt. Also doch wieder aussteigen und mal ein wenig schlendern. Es war kein Markt, wie wir ihn bisher gesehen hatten. Nein, es saßen Frauen auf Decken unter Bäumen und boten Ware an. Bohnen, Hirse, Reis..... Auch wuchtige Yams wurden verkauft. Unter einem Baum wurden zwei Ziegen die Beine zusammengebunden, alsdann einem jungen Mann auf sein Motorrad gepackt, auf dem sich bereits ein Huhn befand. Später fuhr er an uns vorbei und hatte neben dem ganzen Getier noch zwei weitere Mitfahrer auf seiner Maschine.

Drei Menschen, zwei Ziegen und ein Huhn

Drei Menschen, zwei Ziegen und ein Huhn

Atakpamé

Nun ging es noch ein ganzes Stück weiter auf der Piste, ehe wir wieder Asphalt unter den Rädern hatten und in Atakpamé, der viertwichtigsten Stadt Togos, landeten. Sie diente den Deutschen während der Kolonialzeit als Zentrum der Region des Plateaux. Auch hier war heute Markttag, nun wieder sehr viel größer. Wir erstanden ganz leckeres frittiertes Bohnenmus, 4 Stück mit einem Durchmesser von etwa 6-7 cm für 0,15 €. Ein guter Snack oder sogar vollwertige Mahlzeit. So ließen wir auch ein richtiges Mittagessen ausfallen, suchten stattdessen eine Gelegenheit, wo wir nur etwas zu trinken bekamen, trotzdem an Tischen sitzen und unser Mitgebrachtes verzehren konnten. An uns zog das Straßenleben vorbei. Es kam ein Minibus, voll mit Menschen, sicher mehr, als eigentlich darin Platz haben. Das Dach war ebenfalls vollgepackt mit Dingen aller Art, einschließlich einer Ziege. Das sahen wir übrigens schon häufiger. Als der Bus hielt, waren sofort etliche Marktfrauen da und boten Bananen, getrockneten und geräucherten Fisch und was weiß ich noch alles an. Gerda und ich wollten eine frische Ananas kaufen. Man bot uns 3 Stück für 1.000 CFA an (1,52 €). Aber was sollten wir mit drei Ananas? Eine bitte! Erstaunte Blicke. So wenig kauft hier sonst wohl niemand. Gut, eine kostet 500 CFA. Wir nahmen letztlich doch drei. Bei einem Jungen, der, wie viele andere auch, Yams verkaufte, blieben wir eine Weile und unterhielten uns, fragten ihn nach Schule, Klasse usw.

Maniokfelder

Maniokfelder

Voll ausgelasteter Minibus -drinnen wie draussen

Voll ausgelasteter Minibus -drinnen wie draussen

Ankunft in Sokodé

Danach lag nur noch ein kurzes Stück vor uns und wir hatten unser Hotel Sokodé in der région centrale erreicht. Wir durften alle eine Unterkunft beziehen, die im Stile traditioneller Rundhäuser erbaut worden war. Ich hatte eine ganze Rundhütte für mich. Welch ein tolles Gefühl. Nach der Ankunft hatten wir zwei Stunden Zeit, ehe wir zu den Feuertänzen der Tem in Kparataou aufbrechen wollten. Ich nahm eine erfrischende Dusche und wusch mir auch den Kopf, der in der warmen Luft auch schnell ohne Fön trocknete. Dann ging ich an die Bar und bestellte mir einen Kaffee, nahm Platz und schrieb die Reiseberichte bis zur ausgemachten Zeit um 19:45 Uhr .
Letztlich sind wir erst kurz nach 20:00 Uhr aufgebrochen, weil wir noch auf eine andere Reisegruppe warteten, die mit ihrem Abendessen noch nicht fertig war. Für uns war das Silvesterdinner auf Einladung unseres Reiseveranstalters erst nach dem Kulturprogramm vorgesehen. Die andere Reisegruppe war einen Tag eher in Togo angekommen als wir. An einigen Stationen begegnen wir uns. Ihre Tour hat deutlich mehr Wanderanteile, sogar ein dreitägiges Trecking mit Übernachtung in Zelten. Allerdings erfuhren wir, dass es unter ihnen bereits vier Kranke gab - Magen-Darm, teilweise mit hohem Fieber.

Mein Quartier im Hotel Central in Sokodé

Mein Quartier im Hotel Central in Sokodé

Feuertänze der Tem

Wir fuhren also los und nach etwa nach 20 Minuten hatten wir Kparataou erreicht. Das Feuer wurde gerade entfacht. Es kommen auch viele Leute aus der Umgebung, um diesem Spektakel beizuwohnen. Keinen blassen Schimmer, wie die Feuerkünstler das alles machen. An der nackten Haut werden brennende Hölzer entlang gezogen, ohne dass sie sich verbrennen oder auch nur eine Miene verziehen. Von glühenden Holzscheiten wird abgebissen, Funken sprühen aus dem Mund. Lodernde Hölzer werden in den Mund geführt, wie man es von Feuerschluckern kennt. Sicher - im Theater gibt es Möglichkeiten, alles wie Feuer aussehen zu lassen, ohne dass es sich tatsächlich um Solches handelt. Doch hier kann es gar keinen Trick geben. Das Feuer wurde vor unseren Augen entfacht und aus eben diesem Haufen wurden die Scheite für die jeweilige Vorführung genommen. Die Feuerkünstler wurden durch Trommler enorm "angefeuert". Versetzt sie dieses Trommeln in eine Art Trance, so dass sie nichts spüren? Auch die übrigen Gäste aus der Umgebung sahen fasziniert zu. Zum Schluss kamen junge Frauen oder Mädchen und tanzten. Gerda ging nach entsprechend auffordernder Bitte ebenfalls zu den Tänzerinnen und hat sich wacker geschlagen.

Auch aus der Umgebung kommen die Leute, um den Feuertänzen beizuwohnen

Auch aus der Umgebung kommen die Leute, um den Feuertänzen beizuwohnen

Vom brennenden Holz abbeißen...

Vom brennenden Holz abbeißen...

... und Funken sprühen

... und Funken sprühen

Silvester

Um 21:45 Uhr nahmen wir im Restaurant Platz. Wir wählten uns eine Flasche Rotwein aus und stießen alle miteinander, einschließlich François, der eigentlich keinen Alkohol trinkt, an. Unser extra für uns bereitetes Silvestermenü bestand aus einer Gemüsesuppe und Reis mit Gemüse und Fisch oder Kaninchen. Zum Dessert gab es ein Stück Kuchen mit ziemlich viel Creme drin. Dann holte François noch ein Geschenk seiner Agentur -eine Flasche Sekt für den Silvesterabend. Emma und Ulrich meinten, sie seien zu müde, um bis Mitternacht auszuhalten. Da beschlossen wir, bereits um 23:00 Uhr anzustoßen, denn da würde ja zu Hause bereits Mitternacht sein und wir begrüßen das neue Jahr auf diese Weise wie unsere Familien, Freunde und Bekannten. Gesagt, getan. Emma und Ulrich zogen sich daraufhin zurück, François ebenfalls. Mit Gerda und Siggi ging ich noch rüber an die Bar, wo wir auf einige Leute aus der anderen Reisegruppe trafen. Um Mitternacht schenkten uns die anwesenden Einheimischen ein Glas Sekt ein, stellten uns Knabbereien hin und wir stießen miteinander an und wünschten uns "Bonne année". Sogar ein paar Raketen zündeten sie.
Um 01:00 Uhr lösten wir unsere Runde auf und gingen zu Bett.

Die Trommler feuern ordentlich an

Die Trommler feuern ordentlich an

Der muslimische Norden und andere Glaubensrichtungen

Je weiter wir übrigens nach Norden kamen, desto muslimischer war das Landschaftsbild geprägt. Unzählige Moscheen waren zu sehen, nur noch selten eine Kirche. Der Islam kam im 17. Jahrhundert nach Togo und entwickelte sich durch die Ankunft zahlreicher Händler aus dem Sudan. Den Menschen sieht man hingegen nicht unbedingt an, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Es ist kein Vergleich zu den strengen Regeln in anderen muslimischen Staaten. In einer Familie, mit der wir in einem Dorf ins Gespräch kamen, erzählte uns der Vater, er sei Animist (also Vodunanhänger), sein einer Sohn Moslem, ein anderer Sohn Christ. Das kann jeder wählen, wie er möchte. Die Animisten können auch Christen und Muslime sein. Jede Ethnie hat ihre eigenen Götter, ihren Glauben, ihre Rituale und Tabus. Der Glaube an Reinkarnation ist jedoch bei allen vorhanden. Noch heute gibt es Initiationsrituale und andere Ausdrucksformen des Glaubens. Diese Initiation markiert den Übertritt von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Diese Periode ist zumeist mit langem Rückzug zu einem Voodoo verbunden. In dieser Zeit werden die Tänze, religiöse Riten, Verbote und die Sprache des Clans erlernt. Sie dient auch der Steigerung der körperlichen und moralischen Stärke. Insgesamt gibt es drei Hauptglaubensrichtungen in Togo. Etwa 30 % sind Christen, 12% Muslime und 58 % pflegen traditionellen Glauben.

Moscheen überall im Norden des Landes

Moscheen überall im Norden des Landes

© Beate Böttner, 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Modernes Westafrika voller Traditionen, Wanderungen von Dorf zu Dorf, durch Sahel-Vegetation und Tropenwälder, Feuer- und Maskentänze, die Magie des Vodun, nachhaltigen Projekten begegnen, Einblick in traditionellen Nomaden-Alltag
Details:
Aufbruch: 28.12.2015
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 16.01.2016
Reiseziele: Togo
Benin
Der Autor
 
Beate Böttner berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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