Auf nach Indien!

Reisezeit: November 2008 - Februar 2009  |  von Michaela und Thomas Günther

Anreise Mayapur 4.12.

Das Treiben am Bahnhof von Kolkata war der Wahnsinn. Ueberall sind Gepaecktraeger im Laufschritt mit zum Teil drei Koffern auf dem Kopf und je einer Tasche in den Haenden unterwegs. Steht man im Weg, ertoenen mahnende Rufe. Menschen laufen wie Wiesel zu den Bahnsteigen. Wir ergatterten ein Ticket fuer einen lokalen Zug nach Krishnanagar. Auf welchem Gleis der Zug ankommen wuerde, erschien erst kurz vorher auf der Infotafel. Das war wohl auch der Grund, weshalb alle so schnell unterwegs waren. Da wir unter den ersten waren, die den Zug erreichten, erwischten wir einen Sitzplatz. Der Zug bestand ausschliesslich aus Holzklasse, aber fuer zweieinhalb Stunden dachten wir, es wuerde schon irgendwie gehen. Die erste Stunde war noch recht gesittet, dann aber fuellte sich der Zug so sehr, das selbst bei voller Fahrt, offenen Fenstern und nicht vorhandenen Tueren kaum ein Luftzug zu spueren war. Die Menschenmassen standen so dicht gedraengt, dass es nicht einmal moeglich war auch nur einen Fuss zu bewegen. Ein kleiner, dicklicher Junge quetschte sich in unsere Richtung und nahm zielstrebig auf Thomas Schoss platz!
Das Schlimmste stand uns noch bevor. Das Aussteigen aus dem Zug erwies sich nahezu als "Mission imposible". Als die Tueren an der Endstation geoeffnet wurden, drueckten zwei Pole gegeneinander wie Magneten. Die einen wollten aussteigen, die anderen einsteigen. Nur wer am lautesten schrie und am heftigsten draengelte, hatte eine reale Chance die Fronten zu wechseln. Irgendwie hatten wir Beide es geschafft dem Zug zu entkommen ohne etwas zurueckzulassen, wir waren jedoch voellig erschoepft.

Ein kleiner Snack am Bahnhof und wir schwangen unser geplagtes Hinterteil fuer eine Stunde auf eine Rikscha um zum Ghat von Mayapur zu gelangen. Die Schlagloecher schienen von Minute zu Minute groesser und die Federung schlechter zu werden.
Die Umgebung war malerisch. Seit Kolkata hatten wir keine weissen Touristen gesehen. Die Strassen wurden hauptsaechlich von Fussgaengern und Fahrradrikschas bevoelkert. Die Strecke war umgeben von bestechend schoenen Raps- und Reisfeldern, kleinen Doerfern aus Strohhaeusern und roten Sandwegen. Dennoch freuten wir uns das Ghat nach Mayapur erreicht zu haben. Vollbesetzte Boote fahren im Minutentakt fuer einen Rupie pro Person ans andere Ufer. Eine weiter Riksha brachte uns in fuenf Minuten nach ISCON, dem Pilgerort der Hare Krishna Bewegung schlechthin.
Bereits als wir durch das Tor gingen, welches von Wachmaennern gesaeumt war, traf uns der Schlag. Die Umgebung war wunderschoen, eine Parkanlage mit grossen Gruenflaechen, vielen Baeumen und praechtigen Bauten. Nur die Menschen boten einen durchweg ungewohntes Bild, um es vorsichtig auszudruecken. Die Maenner und Jungs waren in weissen oder in orangenen Kutten gekleidet, ihre Koepfe waren bis auf eine kleine Straehne am Hinterkopf geschoren. Die Frauen und Maedchen trugen traditionelle indische Kleidung, meistens Saris. Unter den Glaeubigen waren viele Weisse, was uns noch mehr verwirrte. Wir wurden zwar sehr freundlich von jedem mit den Worten "Hare Krishna" gebruesst, jedoch hatten wir das Gefuehl in einer Sekte gelandet zu sein. Wahrscheinlich sprach die Verwirrtheit aus unserem Gesicht, denn wir wurden immer wieder gefragt, ob man uns helfen koenne. Auf dem gesamten Gelaende waren "No Smoking" Schilder verteilt. Als wir eincheckten erhielten wir einen Zettel mit weiteren Massregelungen: Kein Alkohol, kein Sex, keine Gluecksspiele, kein Fleischverzehr...

Wir befanden uns mitten in einem Aschram.
Getresst verliessen wir das Zimmer, welches vorsorglich nicht mit einem Doppelbett ausgestattet war. Das zweite Bett mussten wir unter dem anderen hervorziehen, wodurch sich ein deutlicher Hoehenunterschied ergab...
Das Gelaende erschien uns noch immer wie eine Scheinwelt. Wir schrieben unserem Bekannten Sebastian aus Varanasi per Mail, das wir in Mayapur angekommen waren und teilten ihm unser Hotel und unsere Zimmernummer mit. Aber eigentlich ueberlegten wir wie wir schnellstmoeglich wieder von hier wegkommen koennten. Ein wenig kamen wir uns wie Ausserirdische zwischen all den Gleichgesinnten vor. Zunaechst versuchten wir uns ausserhalb des Gelaendes ein Abendmal zu organisieren. Es gab aber nichts so recht nach unserem Geschmack und so kehrten wir in die Hoehle des Loewen, oder eher gesagt Krishnas, zurueck. Das Restaurant bot eine Vielfalt an vegetarischen Gerichten. Als wir auf das Essen warteten, verzog Thomas sich noch mal vor den Eingang, um seine Sucht zu befriedigen. Waehrenddessen gesellten sich ein Mann und zwei junge Maedchen an unseren Tisch. Wir unterhielten uns ein wenig und genossen unser schmackhaftes Abendessen. Irgendwann verschwand unser Tischnachbar und kehrte kurz darauf mit einem Eis fuer jeden zurueck! Verdutzt ueber diese ueberaus freundliche Geste, bedankten wir uns. Noch ehe wir das Eis aufgegessen hatten, kamen zwei Frauen vom Nachbartisch zu uns rueber und schenkten uns mit den Worten "Hare Kirshna" zwei Apfelsienen. Die extreme Gastfreundschaft beschwichtigte uns schon etwas in unserer ablehnenden Haltung.
Als wir wieder in unser Zimmer kamen, waren wir ziemlich durcheinander. Ploetzlich klopfte es, ich oeffnete und ein strahlender Sebastian stand mir gegenueber. Er erzaehlte uns, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass wir ihn hier wirklich einen Besuch abstatten und freute sich wie ein kleines Kind.
Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile in unserem kleinen Zimmer. Wir teilten unsere ersten schockierenden Eindruecke von Mayapur mit ihm. Amuesiert folgte er unseren Erzaehlungen und erklaerte uns, man solle die Massregeln eher als Richtlinien betrachten, nicht als Gesetze. Hauptsaechlich seien sie dazu gedacht, die Jugendlichen, Gurukulis genannt, in die richtige Bahn zu lenken. Er sagte, wir sollen uns als Gaeste fuehlen und uns ein eigenes Bild von Krishna machen.

Du bist hier : Startseite Asien Indien Anreise Mayapur 4.12.
Die Reise
 
Worum geht's?:
Dieses Mal sind wir für drei Monate in Indien und machen nur Urlaub! Wir werden ab und zu hier unsere Erlebnisse berichten. Geplant ist eine Rundreise quer durch Indien.
Details:
Aufbruch: 10.11.2008
Dauer: 13 Wochen
Heimkehr: 08.02.2009
Reiseziele: Indien
Der Autor