Chile - mit dem Fahrrad von Santiago nach Feuerland

Reisezeit: Dezember 2008 - Februar 2009  |  von Jörn Tietje

Nationalpark Torres del Paine

Nachdem ich der argentinischen Pampa also den Ruecken gekehrt hatte, bin ich bei Villa Cerro Castillo an einem verschlafenen Grenzposten wieder nach Chile eingereist - problemlos - auch meine Lebensmittel, die sonst nicht mitgenommen werden duerfen, passierten die Zollkontrolle ohne Beanstandung.
Landschaftlich ist der Unterschied hier nicht so krass, wie bei meinem ersten Wechsel der Staaten. Die Vegetation ist gleich und die Landschaft huegelig. Dass durch dieses Nest fast alle Touristen kommen, macht sich am Preisniveau deutlich bemerkbar. Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: das Preisniveau erreicht hier vielleicht deutsches Niveau, aber nicht das, aehnlicher Touristenmagneten bei uns. Leider gibt es hier keinen richtigen Supermarkt, und da ich nach der Tour durch die Pampa schon ziemlich abgebrannt bin, geht meine vordere linke Packtasche, in der immer die Lebensmittel sind, ziemlich schwindsuechtig auf die Fahrt in den Park. Ich umrunde den Lago del Toro suedlich, um mich dem Nationalpark dann vom Westen her zu naehern. Mit heftigem Gegenwind erreiche ich den angepeilten Campingplatz und da der Wind auch in der Nacht und am naechsten Morgen noch nicht nachlassen, lege ich hier auf dem ruhigen, etwas abegelegenen Platz spontan einen richtig faulen Ruhetag ein. Am kommenden Tag starte ich bei leichtem Regen, der mich auch fast den ganzen Tag begleiten soll. Sicht gleich Null - schlechte Aussichten fuer den Nationalpark Torres del Paine, der der beruehmteste und meistbesuchte in Chile ist. Und das wegen seiner Berge, die sich in den Wolken verbergen.
Im Park angekommen ueberfalle ich erst einmal das erste kleine Restaurant und esse mich satt - wer weiss, wann diese Gelegenheit wieder kommt. Danach hat der Regen auch aufgehoert, und es klart ein bisschen auf. Mein erstes Ziel im Park ist der Lago Grey, wo ich mit einem Ausflugsboot zum Gray-Gletscher fahren will. Auch dieser Ausflug leidet unter dem Grau des bewoelkten Himmel, aber immerhin bleibt es trocken. Viele Wanderer lassen sich vom Schiff am Gletscher absetzen, um von hier eine mehrtaegige Wanderung, das beruehmte "W" zu starten. Mit Sicherheit ein Erlebnis, da man die gewaltigen Bergspitzen aus ganz anderen Perspektiven erleben kann, als von den Strassen durch den Park.

Allerdings bin ich da mal wieder Opfer der beschraenkten Kapazitaeten eines Fahrrades (keine Wanderausruestung) und ausserdem fehlt mir als Kurzurlauber schlicht die Zeit. Ja, liebe Kollegen, Kurzurlauber! Ich habe unterwegs und insbesondere hier und in El Calafate viele Radfahrer getroffen, aber keinen einzigen, der nur sechs Wochen hier unterwegs ist. Standardantworten lauten z. B.: "ein halbes Jahr", "ein Jahr", "mal sehen, wie lange das Geld reicht" und ich treffe auch einige (ueberwiegend US-Amerikaner), die 2007 am Eismeer in Alaska gestartet sind und jetzt kurz vor dem Ende ihrer Tour in Ushuaia stehen. Ich dagegen habe staendig das Gefuehl, unter Zeitdruck zu stehen und vieles auslassen zu muessen, was ich gern gesehen haette. Uebrigens eine fuer mich total ueberraschende, aber von allen die dort waren bestaetigte Aussage zu den Laendern in Sued- und Mittelamerika: Das Land, das alle Radfahrer wegen der Freundlichkeit der Menschen und des problemlosen Reises am meisten begeisterte, war Kolumbien, ein Land, das ich fuer mich als voellig ausgeschlossen fuer eine Reise betrachtet hatte.
Torres del Paine, das sind in erster Linie die Berge und die Gletscher. Immerhin hatte ich im Laufe der drei Tage im Park gute Sicht auf die schroffen Bergspitzen, allerdings wegen der meistens geschlossenen Wolkendecke kein gutes Licht zum Fotografieren. So musste ich es denn nehmen wie es war:

Torres del Paine: Seen, Berge, Gletscher...

Torres del Paine: Seen, Berge, Gletscher...

Einer der seltenen Momente mit Sonnenschein auf die Torres auf meinem Rueckweg vom Lago Grey

Einer der seltenen Momente mit Sonnenschein auf die Torres auf meinem Rueckweg vom Lago Grey

Der Reisefuehrer spricht von Guanakos, auf die man ueberall im Park trifft. Ausser einem Warnschild hatte ich an den ersten beiden Tagen im Nationalpark nicht ein einziges gesehen. Ich habe den Eindruck, diese Schilder werden nur fuer die Touristen aufgestellt, damit sie die Tiere, deretwegen sie ja auch kommen, zumindest auf diese Art zu Gesicht bekommen. Dann allerdings auf dem Weg aus dem Park ein einzelnes Guanako, noch dazu perfekt vor der Kulisse der Berge. Eine ganze Reihe von Bildern kann ich aus naechster Naehe machen. Und ueber der Szene kreisen vier Kondore - Andenpanorama vom allerfeinsten.

Guanako vor den Torres del Paine

Guanako vor den Torres del Paine

Nachdem dieses arme Tier nun Opfer meiner Nachstellungen durch die Dornen geworden war und ich es in allen moeglichen Lagen abgelichtet hatte, kamen sie dann, als wollten sie mich verhoehnen, in Massen. Es waren Hunderte, die auf und links und rechts neben der Strasse lagen, grasten, ihre Jungen saeugten und ohne auch nur das Fahrrad zu verlassen waren Portraitaufnahmen moeglich - den Bildhintergrund lieferte allerdings nur das erste von mir gesichtete Guanako.

Zahlreiche grosse Guanakoherden saeumten die Strasse aus dem Nationalpark Torres del Paine

Zahlreiche grosse Guanakoherden saeumten die Strasse aus dem Nationalpark Torres del Paine

Auf meinem Rueckweg kam ich wieder durch Villa Cerro Castillo und jetzt wurde mir auch klar, warum dieser kleine staubige Ort eine derart ueberdimensionierte Pferdestatue am Ortseingang hat. Es war Sonnabend und der Ort war im Ausnahmezustand. An diesem Wochenende fand ein grosses Rodeo statt und auf jedem freien Platz standen Zelte. Gauchos, zu erkennen an den Lederstiefeln, den Pluderhosen und der uebergrssen Baskenmuetze, und ihre Anhaenger hatten Villa Cerro Castillo in ihren Besitz genommen. Ich hatte keine grosse Lust, mein Zelt dazwischen aufzubauen, zumal Sanitaereinrichtungen voellig fehlten und so war ich froh, in der einzigen Hosteria im Ort noch ein Zimmer zu bekommen und habe dort in sehr gepflegter Atmosphaere ein gegessen und geschlafen. Dass diese Entscheidung richtig war, zeigte sich am naechsten Morgen, als ich gegen 09.30 Uhr startete und die Betrunkenen noch immer auf den Strassen feierten - ich haette wohl keine Minute Schlaf bekommen.

Eine Begegnung am Rande dieses Rodeos muss ich aber noch kurz erzaehlen. Auf der Faehre nach Chaitèn an der Carreterra Austral vor ungefaehr drei Wochen waren auch zwei Chilenen, die mit Rucksaecken auf Tramptour nach Sueden waren. Ein ziemlich ungleiches Paar. Der eine klein und uebergewichtig, der andere gross und schlank mit langen zotteligen Haaren, dem der rechte Arm fehlte. Mindestens zehn Mal haben wir uns seitdem wiedergetroffen, obwohl wir voellig unterschiedliche Wege und Verkehrsmittel benutzten. Wir konnten uns mit keinem Wort verstaendigen, aber das Hallo war jedesmal gross und die Begruessung herzlich, wenn sich unsere Wege wieder einmal kreuzten. Als ich jetzt am Rodeoplatz stand, kamen sie wieder freudestrahlend auf mich zu. Sie waren bereits in Punta Arenas, meinem letzten Ziel, und bereits wieder auf dem Weg in Richtung Norden. Es wird wohl das letzte Treffen gewesen sein.

Jedesmal eine herzliche Begruessung: chilenische Weggefaehrten, hier an der Faehre in Puerto Ing. Ibañez

Jedesmal eine herzliche Begruessung: chilenische Weggefaehrten, hier an der Faehre in Puerto Ing. Ibañez

Abschliessend noch ein Wort zum Wetter. Zum Wind habe ich ja schon genug gesagt. Ansonsten denke ich, bisher wirklich viel Glueck mit dem Wetter gehabt zu haben. Obwohl ich in den regenreichsten Gebieten des Landes unterwegs war, brauchte ich das Regenzeug nur sehr selten. Nur zum Vergleich: in Kanada habe ich trotz der Ueberschuhe oft nasse Fuesse gehabt, hier habe ich die Stulpen nie gebraucht und hatte immer trockene Fuesse. Die Temperaturen hier im Sueden liegen meistens so zwischen 10 und 20 Grad, wenn die Sonne scheint, auch schon einmal mehr. Nachts sinken sie auf Werte um 5 Grad. Das sagt allerdings nicht viel. Der Wind - und damit bin ich wieder einmal beim Hauptthema der Radfahrer - kann eisig sein. Ich habe mir bei 14 Grad schon mal Handschuhe und Muetze angezogen, weil es nicht auszuhalten war. Der Wind ist zudem staubtrocken. Er nimmt jede Feuchtigkeit mit. Vergleichbar vielleicht mit winterlichen Ostwindlagen bei uns in Schleswig-Holstein. Dazu eine Sonnenscheinintensitaet, wie man sie sich kaum vorstellen kann, vermutlich Folge des Ozonlochs. Sie versengt einem gnadenlos die Haut, wenn man nicht aufpasst. Und das alles auf einem Breitengrad, der etwa Norddeutschland entspricht. Punta Arenas liegt wie Hamburg auf dem 53. Breitengrad - eben nur auf der anderen Seite der Erde.
Genug des Schreibens, jetzt setze ich mich wieder auf das Rad und kurbele mich langsam nach Punta Arenas - Rueckenwindstrecke, alles halb so wild. Dort warten noch ca. 130.000 Pinguine auf mich, die wollen alle besucht und fotografiert werden. Ihr werdet sehen...

© Jörn Tietje, 2008
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Zwei Wochen Spanischkurs an der VHS in Hamburg liegen hinter mir, noch vier Wochen Arbeit vor mir, dann geht es endlich wieder auf Tour. Auf der Flucht vor dem norddeutschen Winter liegt das Ziel südlich des Äquators: Chile. Am 29.12.08 lade ich mein Fahrrad und Zelt ins Flugzeug und mache mich auf den Weg nach Santiago de Chile. Sechs Wochen habe ich dann Zeit, um Punta Arenas zu erreichen. Anspannung, Neugier und Vorfreunde steigen - wieder unterwegs sein!
Details:
Aufbruch: 29.12.2008
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 10.02.2009
Reiseziele: Chile
Argentinien
Der Autor
 
Jörn Tietje berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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