Chile - mit dem Fahrrad von Santiago nach Feuerland

Reisezeit: Dezember 2008 - Februar 2009  |  von Jörn Tietje

Von Lonquimay nach Villarrica

Aus der Erfahrung mit den chilenischen Strassenverhaeltnissen und der Qualitaet des Kartenmaterials vorsichtiger geworden, verlasse ich nach dem etwas aufregenden, anstrengenden, am Ende aber doch gluecklichen Tag Lonquimay, um weiter ins Seengebiet vorzudringen. Es gibt zwei Moeglichkeiten: Ueber eine schwere Piste am Vulkan Lonquimay vorbei durch die Berge oder die leichtere Variante ueber die durchgehend gut asphaltierte R 89 - eine der Routen, die nach Argentinien fuehrt. Die Wahl treffen die Einheimischen, die mich bei meiner Frage nach dem Weg auf die Hauptstrasse weisen. Eine gute Wahl, ist es doch einmal ganz angenehm, auf ebenem Untergrund flott voran zu kommen. Dann kommt allerdings der Tunel las Raices, mit gut 4,5 km der laengste Tunnel Suedamerikas und urspruenglich als Eisenbahntunnel gebaut, d. h. einspurig und - was zu befuerchten war - fuer Radfahrer gesperrt. Kein Problem, der naechste Wagen ist ein Pickup und in weniger als einer Minute sitze ich samt Ausruestung auf der Ladeflaeche. Rasend geht es durch den Tunnel und dabei macht der Wagen nicht unbedingt einen sicheren Eindruck...

Die westliche Zufahrt zum Tunel las Raices

Die westliche Zufahrt zum Tunel las Raices

Ich fahre jetzt wieder bei strahlend blauem Himmel und fast durchgehend mit Blick auf Vulkane, die wie aus dem Bilderbuch aussehen. Wenn Vulkane, dann muessen sie so aussehen: rechts der Vulkan Lonquimay, links der Vulkan Llaima.
In Curacautin beginnt die Ruta Interlagos, eine landschaftlich sehr reizvolle Strecke, die mir meine beiden Helfer empfohlen hatten. Kurz vorher treffe ich noch ein Schweizer Paar auf Fahrraedern, die schon eine Weile in Chile und Argentinien unterwegs sind. Sie kennen auch die Route durch den Nationalpark Conguillio, die wesentlich schoener sein soll, allerdings ueber lange Strecken mit dem Fahrrad nicht fahrbar, weil der Weg aus weichem Sand oder Vulkanasche besteht, also schieben angesagt waere. Also bleibe ich auf der Ruta Interlagos, die ausgeschildert ist, wie eine bundesdeutsche Autobahn. Kann ja nicht so schlimm werden. Wieder ein Irrtum! Fuer die ersten 20 km am naechsten Morgen gebrauche ich 4,5 Stunden, wobei die ersten zehn flott in einer Stunde geradelt sind. Aber dann beginnt das Schwitzen, Schieben und Zerren, bis ich endlich den Bergruecken auf losem, grobem Geroell erreicht habe. Die andere Seite ist wesentlich flacher und ich werde mit einer zwar langsamen aber ca. 20 km scheinbar unendlichen Abfahrt belohnt.

Araukarien, Vulkane - sie sieht's hier aus

Araukarien, Vulkane - sie sieht's hier aus

Und dann war da noch die Begegnung mit einem franzoesischen Paar. Dieses hatte ich schon auf dem Busbahnhof in Santiago getroffen und kurz gesprochen. Sie hatten sich durch einen Fahrradmantel als Radfahrer ausgewiesen und mir beim Tragen meines Sperrgepaecks geholfen. Sie hatten wohl erwaehnt, dass sie mit einem Tandem unterwegs sind. Aber als ich sie jetzt hier, hunderte Kilometer weiter suedlich irgendwo zwischen nichts und nirgends wiedertreffe, traue ich meinen Augen kaum. Wer glaubt, in Sachen Fahrrad bereits alles gesehen zu haben, fuer den hier dann doch einmal was Neues:

Ein Liegetandem - Ruecken an Ruecken! Eine Einzelanfertigung, von der es in Europa 2 - 3 Stueck geben soll

Ein Liegetandem - Ruecken an Ruecken! Eine Einzelanfertigung, von der es in Europa 2 - 3 Stueck geben soll

Mit einem Liegerad zu reisen - Geschmackssache. Mit einem Tandem zu Fahren - immerhin schweisst es zusammen. Ein Liegetandem fuer sich genommen waere ja schon besonders genug. Aber dieses nun, bei dem die beiden (vielleicht 60jaehrigen) Ruecken an Ruecken seit mehreren Jahren durch Mittel- und Suedamerika fahren, hat's dann doch in sich. Reine Vertrauenssache, wenn man hinten sitzt. Allerdings behaupte ich ja immer, eigentlich muesste man die meisten Strecken in beide Richtungen fahren, um die schoenen Ausblicke auch in der Gegenrichtung zu entdecken - das erspart man sich hierbei!
Die Ruta Interlagos raubt weiterhin viel Kraft - meistens schlechter, loser Schotter und Wellblechprofil (Hochlandrouten in Island sind teilweise besser, andere Schotterpisten in Island Traumstrassen). Hinzu kommt eine aus Deutschland eingeschleppte Erkaeltung. Also mache ich etwas langsamer und nehme mir Zeit: Ist ja Urlaub und keine Flucht. Immerhin war es die letzten beiden Tage nicht mehr so heiss. Temperaturen um 20 Grad machen das Radfahren angenehm, allerdings ist der Himmel jetzt bewoelkt und die grandiosen Ausblicke auf die Vulkane sind versperrt.

Vulkan Lonquimay - nur ein Kameraschwenk nach rechts von dieser Stelle erhebt sich genauso eindrucksvoll der Vulkan Llaima.

Vulkan Lonquimay - nur ein Kameraschwenk nach rechts von dieser Stelle erhebt sich genauso eindrucksvoll der Vulkan Llaima.

So habe ich inzwischen Villarrica am gleichnamigen See, ueberragt vom ebenfalls gelichnamigen Vulkan - dieser allerdings in Wolken gehuellt -, erreicht. Ich denke, ich werde mich ab morgen man so langsam Richtung Kueste vorarbeiten, um dann Puerto Montt anzupeilen - mal ein bisschen Suedpazifikluft schnuppern.
Bleibt mir wohl gesonnen - ich werde weiter berichten.

© Jörn Tietje, 2008
Du bist hier : Startseite Die Amerikas Chile Von Lonquimay nach Villarrica
Die Reise
 
Worum geht's?:
Zwei Wochen Spanischkurs an der VHS in Hamburg liegen hinter mir, noch vier Wochen Arbeit vor mir, dann geht es endlich wieder auf Tour. Auf der Flucht vor dem norddeutschen Winter liegt das Ziel südlich des Äquators: Chile. Am 29.12.08 lade ich mein Fahrrad und Zelt ins Flugzeug und mache mich auf den Weg nach Santiago de Chile. Sechs Wochen habe ich dann Zeit, um Punta Arenas zu erreichen. Anspannung, Neugier und Vorfreunde steigen - wieder unterwegs sein!
Details:
Aufbruch: 29.12.2008
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 10.02.2009
Reiseziele: Chile
Argentinien
Der Autor
 
Jörn Tietje berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors