Kaninchen, Krätze, Kartoffeln: Kroatiens Landleben

Reisezeit: Juli 2013  |  von Kathrin Hentzschel

Der Spinnenweg

Wir fahren Rad. Ja, auch Urban. Er nimmt Michiels gepflegtes Herrenrad mit den vielen Gängen, ich sitze auf Sanjas gemütlichem Dreigänger (mit Körbchen), das leider ein gutes Stück zu klein für mich ist. So haben wir annähernd gleiche Bedingungen ... Wir holpern über einen steinigen Weg, der sich vom Dorfende ab durch Olivenhaine, Weinberge und Zucchinifelder windet. Brombeeren und Wildrosen zerren an der Garderobe; Schachbrettchen, Kaisermantel und Schwalbenschwänze umschweben uns, begleitet vom Schlagen der Nachtigall und dem Flöten des Pirols. Urban bleibt urplötzlich stehen und weigert sich, weiterhin vorne zu fahren. Seine Arme und die Brust sind verklebt von Spinnennetzen, die Achtbeiner klettern ungeniert auf ihm und dem Fahrrad herum. Also mache ich den Spinnensammler. Es ist nicht weit bis Baderna, aber das nächste Mal werden wir die alte Autostraße nehmen ... Gleich was gelernt. In Baderna geht es steil hinauf in den Ortskern, wo es ein Lädchen mit Kaltgetränken gibt. Wir machen uns spontan nach Bacva ("Fass") auf. Diesen Ort hat uns Sanja seines schönen Ausblicks wegen empfohlen. Leider macht das Gasthaus erst am Nachmittag auf, und wir konsultieren mit hängender Zunge unsere Wanderkarte. Nach Visnjan soll's gehen, das man von Weitem sehen kann.

Schwalbenschwänze kannte ich bisher nur aus Büchern.

Schwalbenschwänze kannte ich bisher nur aus Büchern.

Die Kirche in Bacva.

Die Kirche in Bacva.

Offenes Land wechselt sich mit Akazien- und Eichenwäldchen ab; wir fahren z. T. die bestens ausgebauten Autostraßen, auf denen nicht viel Verkehr herrscht, oder kleine, asphaltierte Wege. Visnjan gefällt uns. Der Ortsplatz ist umsäumt von zwei Cafés, der Post, der Metzgerei, einem kleinen Kaufladen und der Gemeindeverwaltung. Dort hängen in trauter Eintracht die kroatische, italienische, europäische und die istrische Flagge mit dem Steinbock. Wir lassen uns unter einer riesigen Rosskastanie nieder, beobachten die Fleischanlieferung aus Pazin, den technischen Dienst der Telekom aus Zagreb, den Publikumsverkehr in Post und Rathaus (alles sehr unaufgeregt), und ich stelle fest, dass Ozujsko bitter orange ein hervorragendes Erfrischungsgetränk ist.

Der Herrenreiter und das Rindvieh.

Der Herrenreiter und das Rindvieh.

Zuhause lernen wir Toni, Ljubas Mann kennen. Er ist 20 Jahre älter als sie und somit 92. Ljuba bugsiert mich in den Weinkeller, wo ich ein Gläschen Malvazija, den typischen istrischen Weißwein, probieren muss, und weil ich dessen Vorzüglichkeit preise, füllt sie mir eine 1,5-Liter-Plastikflasche aus einem Edelstahltank ab. Ich fühle mich selber schon leicht abgefüllt nach dieser zwar nicht langen, aber auch nicht anspruchslosen Tour. Ljuba zeigt mir ihren Gemüsegarten, um den sie sich neben Haushalt, Wein und die Tiere kümmert, und gibt mir Kartoffeln und Zwiebeln mit.

Abends zeigen uns Ljuba und Toni ihr Haus. In der Küche sehe ich die bleichen Schenkel eines frisch gerupften Hühnchens aus einer Schüssel ragen, und sie erzählen stolz von ihren beiden Töchtern und der knapp 17-jährigen Enkelin Erika. Sie ist gerade bei den Großeltern auf Besuch und verzieht sich schüchtern vor den Fernseher, der uns zu Ehren eingeschaltet wird. Und weil so ein Flachbildschirm unweigerlich die Blicke auf sich zieht und ich auch den Wetterbericht sehen will, fällt mir die Konzentration auf die Sprache bzw. das Übersetzen sehr schwer. Zumal Ljuba und Toni alles andere als kroatisch sprechen; der Mischmasch aus Italienisch, Slovenisch mit der besonderen istrischen Aussprachevariante ist für mich höchst gewöhnungsbedürftig ...

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht nur Sonne und Meer, sondern Einblicke in das dörfliche Leben bot uns unser Urlaub in Istrien. Es ist diesmal eine unblutige, aber eine Schmuggelgeschichte ...
Details:
Aufbruch: 01.07.2013
Dauer: 17 Tage
Heimkehr: 17.07.2013
Reiseziele: Kroatien
Deutschland
Der Autor
 
Kathrin Hentzschel berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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