Kaninchen, Krätze, Kartoffeln: Kroatiens Landleben

Reisezeit: Juli 2013  |  von Kathrin Hentzschel

Der schönste Ort der Welt

Große Istrien-Rundfahrt mit Ljuba und Toni. Pünktlich um zehn erwarten sie uns im Sonntagsstaat, und Ljuba hat sogar auf die Kirche verzichtet. Nach einer halben Stunde der erste Kontrollanruf von Ljubas Tochter Gordana.

Wir besuchen das Geburtshaus von Toni. Sie haben es im letzten Jahr renovieren lassen - die Außenmauern strahlen, und das Dach ist neu. Innen ist es eine Ruine. Sie würden es gern verkaufen, und ich könnte mir auch gut eine agrotouristische Nutzung vorstellen. Das ist angesagt und die Lage reizvoll. Wenn nur der Nachbar nicht wäre. Ein grober Mensch, der seinen Stier tritt, weil er sich in den Dreck legt. Ich schlage ihm vor, die Mistgabel in die Hand zu nehmen, aber auf diesem Ohr ist er taub. Er findet es auch in Ordnung, dass seine Kühe kurz angekettet sind. Eine Katze ist in erbarmungswürdigem Zustand, ein Hund hinkt stark. Ljuba mag ihn auch nicht - er lüge, und sie seien schmutzig. Sie erkundigt sich, ob der Weg nach Kotli hinunter gut wäre und bekreuzigt sich vor dem Einsteigen. Urban meistert diese ursteile Abfahrt mit Bravour, hochfahren würde er es allerdings nicht wollen ... Zweiter Kontrollanruf von Gordana. Ich finde es rührend, dass sie so besorgt ist. Aber gerechtfertigt. Ljuba hat Bluthochdruck und Zucker.

Zwei istrische Löwen, irgendwo bei Kotli.

Zwei istrische Löwen, irgendwo bei Kotli.

Die kesselförmigen Vertiefungen im Stein gaben Kotli seinen Namen.

Die kesselförmigen Vertiefungen im Stein gaben Kotli seinen Namen.

Die alte Mühle in Kotli.

Die alte Mühle in Kotli.

Kotli ("Kessel") hat seinen Namen von den Vertiefungen, die die Mirna im Laufe der Zeit in den Kalkstein geschwemmt hat. Man sieht noch die Überreste der alten Mühle, wo in Tonis Jugend das ganze Dorf zum Mahlen gekommen war. Heute erinnert nicht mal mehr ein Stein an die ehemalige Besiedlung. Ein paar Häuser indessen wurden erhalten, in einem davon verkauft Marko, ein Bekannter von Ljuba und Toni, verschiedene Liköre, u. a. aus Misteln und Honig. Lecker. Einen ganzen Gebäudekomplex hat ein Geschäftsmann aus Zagreb aufgekauft und geschmackvolle Appartements eingerichtet. Da Markos Frau gerade dort putzt, dürfen wir einen Blick hineinwerfen. Wirklich vom Feinsten, aber wir wollten nicht tauschen. Sanjas Haus passt einfach besser zu uns! Als wir den Ort verlassen, fragt uns eine polnische Familie nach dem Weg zu den Appartements. Sie freuen sich, dass ich was auf Polnisch zusammenfasele. Mach ich doch gern.

Nächste Station ist Hum, die selbsternannte kleinste Stadt der Welt. Es ist entzückend. Dort treffen wir eine Familie aus Annweiler. Der Sohn trägt ein Ramones-T-Shirt, deren Musik eher den Eltern gefällt, und wir erfreuen uns am Südpfälzer Dialekt. Die Pfalz ist eben überall. Istrien durchziehen allein drei Weinstraßen, und Weißwein gibt es an jeder Ecke ... Ljuba plauscht derweilen mit Gordana am Handy.

Eines der unaufdringlichen, aber schönen Details in Buzet.

Eines der unaufdringlichen, aber schönen Details in Buzet.

Ein bisschen müde sind wir schon, aber Buzet geht noch. Dort hat Toni einige Jahre lang gearbeitet, und dort ist auch Istriens beste Brauerei - Favorit. Unten Hochhäuser, Fabriken, der Sportplatz, oben eine sonntäglich stille, aufgeräumte und unaufgeregte Altstadt. In vielen Winkeln und kleinen freien Flächen haben die Bewohner Gärten angelegt, jedes Fleckchen wird genutzt. Es gefällt mir gut; Buzet wirkt ehrlich und unprätentiös. Die Kirche des heiligen Georg, leider verschlossen, beherbergt "handgeschnitzelte" Bänke, wie das Hinweisschild auf Deutsch verrät. Wir finden ein kleines Café an der Festungsmauer. Auf Tonis Anraten trinke ich ein Favorit und bereue es nicht. Es ist sehr herb und erfrischend. Aus dem inneren des Cafés wehen die Klänge der Uraltballaden von Prljavo Kazaliste, und mir erwärmt's das Herz. Als ob mir nicht schon warm genug wäre ... Den letzten Anruf von Gordana kann Ljuba nicht mehr entgegennehmen - der Akku ist alle.
Als wir zurück sind, sagt Ljuba, dass wir wieder am schönsten Ort der Welt seien. Wie wunderbar, wenn man das von seinem Zuhause sagen kann!

Wir sehen noch den abendlichen "Almabtrieb" der Nachbarsziegen. Der Besitzer hat erstmals seit unserer Ankunft sein grünes gegen ein blaues Hemd getauscht. Die blaue Woche beginnt. An meinen Händen und Füßen mehren sich die Milbenbisse.

Abendlicher Ziegenheimtrieb in Katun.

Abendlicher Ziegenheimtrieb in Katun.

So geht's also auch: Hühner und Kaninchen in trauter Eintracht.

So geht's also auch: Hühner und Kaninchen in trauter Eintracht.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht nur Sonne und Meer, sondern Einblicke in das dörfliche Leben bot uns unser Urlaub in Istrien. Es ist diesmal eine unblutige, aber eine Schmuggelgeschichte ...
Details:
Aufbruch: 01.07.2013
Dauer: 17 Tage
Heimkehr: 17.07.2013
Reiseziele: Kroatien
Deutschland
Der Autor
 
Kathrin Hentzschel berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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