"Shanghai'd in Shanghai" oder "In China wasch´ ich Waschmaschinen"

Reisezeit: September 2011 - März 2012  |  von Fanny Schmidt

11.12.2011 Vom Risiko, anderen zu helfen

Kings of medicine

They're picking up pieces of me
While they're picking up pieces of you.
In a bag you will be before the day is over...

Erst kürzlich gab es wieder einen Bericht über die Lage der Moral in China. Das war in der FAZ. Eine Zweijährige wird von zwei Lastwagen überrollt, alle gehen gaffend vorbei, niemand half. Nur eine alte Müllsammlerin. Gestorben ist die Lütte dann trotzdem. Weil es einfach zu lange gedauert hat, bis sich ´mal jemand rührte.

Von diesen Geschichten gibt es unzählige Beispiele für die in China herrschende, öffentliche Ignoranz und Abgestumpftheit - Über ihr Entstehen gibt es wohl verschiedene Theorien.

Von "oben" wird Alltagsmoral eingeklagt und zugleich das Wegschauen nahe gelegt. Schön für den, der da noch weiß was zu tun ist. Die Kandidaten im folgenden Text wußten gar nichts.

Someone call the ambulance

Es ist Sonntag, gegen 14.00 Uhr. Mein Fahrer klingelt durch - er wäre schon da. Bin ganz aufgeregt, wir wollen zum airport. Die beiden Freundinnen aus Deutschland kommen doch zu Besuch. Gaby und Tina.

Mario sagt, er käme gleich mit ´runter. Er will im "Hof" bzw. Park ein bisschen mit seinem Monstertruck herumdaddeln. Der Leser muss wissen, dass wir in einem "compound" wohnen, d.h. in einem Zusammenschluss von Appartementblöcken. Hochhäuser. 26 Etagen jeweils. Tiefgaragen, bewachter Eingang, Pförtner.
Keine Ahnung, wie viele Menschen hier wohnen. Hunderte. Viele "laowais" - Ausländer wie wir aber eben auch Einheimische. Finanziell gut situierte Chinesen wohlgemerkt.

Ich gehe Richtung Parkausgang und höre am Nachbarhaus zwei Männer miteinander streiten. Laut wie immer. Ein dritter liegt "besoffen" im Beet und stöhnt. Vorbei an der Bande, bloß weiter denke ich noch und komme ins Grübeln. War da nicht noch eine Frau bei dem Liegenden zu sehen? Zurück. Durch die vermanschte Erde über kleine Büsche. "May I help you?"
Die Frau spricht keinen Ton Englisch, jammert vor sich hin. Der Mann auf dem sie sitzt blutet und ist ganz verdreht. Meine Güte haben die den vermöbelt kommt es mir in den Sinn. Und dann sehe ich ein Gitter das noch halb auf seinen Beinen liegt. Mein Hirn setzt kurz aus, ich kriege kaum Luft. Das Gitter kenne ich. Und schaue hoch. Fange an zu zählen und sehe, dass es in der 10. Etage vor der außen angebrachten Klimaanlage fehlt. Ich schmeiße meine Tasche hin, laufe schreiend Richtung Mario..."Komm her komm her, hier ist einer vom Balkon gestürzt". Mario kommt angerannt, spurtet sofort weiter Richtung Ausgang.

"Sag denen da vorne, die sollen den Notarzt rufen, die hier verstehen meine Frage nicht, ob sie das schon gemacht haben".
Zurück. Er lebt und stöhnt. Ich räume das Gitter zur Seite. Sage der Frau sie soll von dem Mann runterkommen. Macht sie aber nicht. Sie versucht ihm die Hose zu öffnen oder auszuziehen oder was weiß ich. Sitz mit dem kompletten Gewicht auf ihm. Die anderen beiden Idioten stehen 6 Meter weiter und streiten immer noch. Keiner kümmert sich um irgendwas. Ein weiterer Mensch kommt vorbei, stellt sich neben uns und holt sein Handy heraus. Ich bin erleichtert, er wird einen Arzt rufen. Wird er gar nicht, er wird ein Foto machen. Um sich danach in das Schreigespräch der anderen beiden Penner einzumischen.
"Shut up stopp shouting. Get a blanket or something else". Niemand versteht ein einziges Wort. Die Frau ist auch nicht von dem Mann wegzubekommen.
In der Zwischenzeit hat sich eine ordentliche Gafferansammlung formiert. Schön auf Abstand. Mario läuft immer noch hin und her fragt nach, ob der Rettungsdienst nun kommt, es vergehen Minuten um Minuten. Rennt wieder nach vorne. Immer 200 Meter -Hin und her, es passiert nichts.

Bin panisch, schwitze. Ein Franzose kommt hinzu. Wir entscheiden, keine stabile Seitenlage und auch nichts anderes zu unternehmen. Wir haben Schiss ihn zu berühren. Der Mann blutet mittlerweile wie Sau. Er ist komplett am Körper verdreht, wir haben Angst, noch mehr Schaden anzurichten. Endlich kommt jemand mit ner Jacke zum Zudecken. Es ist bitterkalt. Das ist jetzt nicht wahr. Der Typ zieht sie sich selbst an, stellt sich zu den anderen Affen. Ich werde gleich wahnsinnig. Wir sind so hilflos. Trete alle Büsche nieder, damit es der Arzt leichter hat bei der Versorgung. Das Dumme ist nur: Es kommt keiner. Es sind 25 Minuten vergangen. Ich spreche eine junge Chinesin an, die ein ganz kleines bisschen Englisch versteht. "Bitte rufen sie doch einen Notdienst". Alle stehen herum, gucken und machen Bilder. Mario sagt später, sie hätten sogar Videos gedreht mit ihren verdammten Mobiltelefonen.

Weiß nicht was ich machen soll. Rufe Wendy an, schreie ins Handy worum es geht, gebe den Hörer weiter an diese junge Chinesen und Wendy sagt ihr, sie soll den Rettungswagen anrufen. Sie tut es. Endlich. Und voller Angst.

Es trifft die Polizei ein. Vier oder fünf Personen. (Die Wache ist eine Straße weiter, ca. eine halbe Minute Fahrzeit) Sie scheuchen ein paar Gaffer ein wenig zur Seite und stellen sich selbst dumm hin. Ersthelferausbildung? Trugschluss.

Nach weiteren zehn Minuten trifft die Feuerwehr ein. Die sehen aus als wenn sie jemanden aus einem Berg retten wollen. Umgehängte Seile, Axt in der Hand. Hilfe? Keine Spur. Sie ...genau...stellen sich ebenfalls nur hin und gucken blöd.

Ich hocke in den Büschen, neben mir immer noch der Franzose. Über eine halbe Stunde ist rum. Wir können nur beruhigend auf die Frau einreden und auf den Arzt warten. Der Mann stöhnt bereits leiser. Mario rennt immer noch hin und her. Stellt sich an die Straße um dem Rettungswagen der nicht kommt den Weg zu weisen. Unsere Pförtner bleiben in ihrem Pförtnerhäuschen sitzen und Pförtnern. Die Sekunden werden zu Minuten, zu Stunden.

Ich muss doch los. Zum Flughafen. Die Jungs bleiben vor Ort - Sie sollen sofort anrufen wenn der Krankenwagen endlich da ist. Laufe vor. Zum Fahrer. Der fährt los. Gibt mir ´ne Zigarette. Ich kann erst gar nicht sprechen, kaum die Kippe halten. Brülle ihn an, ob das normal hier ist in diesem Land. Warum die alle Bilder machen und dastehen. Wie abgebrühte Arschlöcher. Da verreckt einer und keinen kümmert´s. "Ja Fanny, vielleicht stehen die Bilder heute Abend sogar schon im Internet. Die Menschen haben Angst. Viele kommen nicht aus Shanghai, wollen keinen Kontakt mit der Polizei. Das Gesetz, der Staat...".

Das Erlebnis und die Ansage vom Fahrer (er scheint auch nicht sehr berührt zu sein, fängt an mir von seiner neuen Business-Idee zu erzählen) bestätigen wohl den FAZ-Text und all die Diskussionen im Internet. Es ist besser, sich aus allem herauszuhalten sonst käme man nur in Schwierigkeiten. Letzten Endes würden einem noch die Kosten für den Arzt berechnet.

Der Zeitungsartikel zitiert einen Mann namens Yang Dahao der davon spricht, dass das chinesische Volk von einer Elite wie Vieh gehalten wird. Wenn sie eines Tages die Lust verlieren, dann fangen sie einen von denen und töten ihn und sagen so wäre das Gesetz.
Gut formuliert. Die Menschen scheinen tatsächlich ratlos zu sein, was zu tun ist in Fällen wie diesem. Eingeschüchtert und dumm gehalten von den Bonzen? Zu Herzlosen und Ignoranten herangezüchtet? Dabeistehen und zugucken. Ohne Mitleid, ohne Trauer. Ohne Selbst? Oder einfach nur total blöde?

Ankunft am Flughafen. Abschalten. Die Mädels verdienen einen fröhlichen Empfang. Mein Telefon klingelt. Es ist Mario, der mir sagt dass fünf Minuten nach mir der Notarzt kam.

"Hat er sich noch bewegt oder gestöhnt. Konntest du etwas hören?"

Schweigen.

No one cares when you're out on the street
Picking up the pieces to make ends meet
No one cares when you're down in the gutter
Got no friends, got no lover - For what it's worth?

PS: Hab kein Foto. Kann aber die Tage mal einen von meinen schüchternen Nachbarn fragen.

Nachtrag

Nachtrag

© Fanny Schmidt, 2011
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Denn das Leben ist wie eine große Autobahn, Lass uns nicht lange überlegen, sondern los fahr'n. Wohin is egal und wo lang werd'n wir sehn, es wird immer weiter gehn...(Ohrbooten) Dieses Mal: Experiment China - Ein halbes Jahr Shanghai
Details:
Aufbruch: September 2011
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: März 2012
Reiseziele: China
Der Autor
 
Fanny Schmidt berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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