In 300 Tagen um die Welt - Ein kleines Reisetagebuch

Reisezeit: April 2005 - Februar 2006  |  von Sonja Liptai

Indien: PJ-Alltag

Seit sechs Wochen gehen wir (mehr oder weniger regelmaessig) nun brav unserer neuen Hauptbeschaeftigung nach: der Arbeit im Krankenhaus. Wir: Angie und Lisa, die bisher in Koeln studiert haben und zum Anfang des PJs nach Muenchen gewechselt sind, Karsten und Jane aus Heidelberg und Volki und ich. Bereits vor uns angefangen haben Matthias, Gareth, Julian, Margret, Christine und Krishna, aus allen moeglichen Laendern. Wir wohnen alle zusammen im Annex-Bau, dem Wohnheim direkt neben dem Krankenhaus.
Netterweise duerfen wir, obwohl wir eigentlich alle unser chirurgisches Tertial hier machen, auch auf andere Departments schauen, was dazu gefuehrt hat, dass in der Zwischenzeit nur noch ich auf Chirurgie bin. Ein normaler Tag beginnt damit, dass wir uns alle verschlafen um halb neun (!) in der Kantine treffen, um uns darueber zu aergern, dass der Kaffee nicht kommt oder das Idli vor dem Poori da ist oder irgendwie sowas. Dann geht jeder auf sein Department: Die Chirurgie hat drei Units, die sich die Aufgaben Out-Patients-Department (also die Ambulanz), Operation Theater (also OPs) und Ward Rounds (grosse Visiten mit Chefarzt) abwechselnd und an drei aufeinanderfolgenden Tagen teilen. Das Out-Patients-Department ist sehr interessant, da man dort ausser ueber verschiedene klassische Krankheitsbilder wie Analfisteln, diabetische Fuesse und Gallensteine ganz schoen viel ueber die indische Kultur und Lebensweise lernt. Manchmal ist es etwas eng, wenn man gemuetlich mit einem Arzt und einem Patienten im 3m*3m-Untersuchungszimmer sitzt und ploetzlich sieben bis acht (nicht uebertrieben!) indische Studenten den Raum stuermen und untereinander gelangweilt hochwertvolle Gespraeche fuehren (das unterstelle ich ihnen mal, ich habe meist eher versucht, was vom Patienten mitzubekommen). Manchmal kommt es einem auch nicht zum Glauben, dass der Arzt tatsaechlich gerade gleichzeitig einem etwas erklaert, dabei telefoniert, waehrend dessen mit dem Patienten spricht, ein Formular unterschreibt und ausserdem dem vorherigen Patienten, der in der geoeffneten Tuer steht und etwas wissen will, Instruktionen gibt. Verwirrt? Ich auch! Aber das hoert sich alles sehr negativ an, im Grunde genommen ist es aber nur eine Beschreibung der unglaublichen multi-tasking-Faehigkeit der indischen Aerzte. Denn am Ende des Tages kann man nur bewundernd das Haupt neigen: In all dem Stress schaffen sie es immer, die Ruhe zu bewahren, freundlich zu allen zu sein (und damit meine ich nicht nur den direkten Vorgesetzten, sondern auch die Studenten - und damit mich -, die Schwestern, die Putzfrauen und - ganz wichtig! - die Patienten) und dabei noch so kompetent auf verschiedenen Fachgebieten zu sein, dass ich grundsaetzlich mit dem Vorsatz ins Wohnheim gehe, mich sofort an die Buecher zu setzen.

Dieses Wissen und Koennen setzt sich natuerlich auch im OP fort, wo die general surgents alles operieren, was ihnen unter die Finger kommt: Hernien, Daerme und Gallenblasen, aber auch Brueste, Nierentransplantationen und Skingrafts. Urologische, gynaekologische, dermatologische oder andere fachspezifische Operationen werden alle von unseren Unit-Aerzten gemacht, im uebrigen drei an der Zahl. Und wieder so ruhig, dass ich ehrlich gesagt ganz schoen Angst habe, jemals wieder in Deutschland am Tisch stehen zu muessen. Choleriker habe ich hier noch nicht gesehen, viel eher wird der Schwester freundlich gesagt, dass sie ihre Technik noch einmal ueberarbeiten solle... von den Schwestern wird man als Student gluecklich angestrahlt, man sitzt ja bekanntlich im gleichen Boot! Auch nett ist, wenn man bei lokaler Anaesthesie anfaengt, mit dem Patienten ueber Lieblingsrestaurants und die deutsche Politik zu sprechen (die Inder wissen naemlich, dass wir eine neue Bundeskanzlerin haben, ich dagegen kenne noch immer nicht den Namen des indischen prime minister bzw. kann ihn mir nicht merken)... Oder der operierende Arzt anfaengt, vergnuegt ein indisches Lied mitzusingen, alles ist ja so entspannt! Ich darf manchmal (leider seltener als ich gerne wuerde) assistieren und habe auch schon genaeht, geknotet und getackert. Kleinigkeiten, aber dafuer, dass ich noch immer keine Ahnung von Chirurgie habe und wahrscheinlich weiterhin eine echte Null bleiben werde, finde ich das eigentlich schon ganz gut!
Ja, jetzt habe ich aber genug aus dem Naehkaestchen geplaudert, ist ja alles nicht wirklich interessant fuer diejenigen, die nicht auch mal nach Bangalore zum PJ wollen (diejenigen koennen mich aber natuerlich gern wegen eloquenterer Informationen anschreiben!), aber dafuer wisst ihr jetzt wenigstens, was mich hier beeindruckt, mal abgesehen von den voellig abartigen Erkrankungen, die man hier in ihrer vollen Ausfuehrung sieht. Mehr davon demnaechst!
Dicker Kuss,
die Sonni***

© Sonja Liptai, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Von Deutschland brechen wir über die USA, West Samoa, Neuseeland, Australien und Südostasien nach Indien und Südafrika auf, um dort im Krankenhaus einen Teil unseres Praktischen Jahres zu machen. Für mentale, passive oder philosophische Begleitung sind wir jederzeit dankbar!
Details:
Aufbruch: 20.04.2005
Dauer: 10 Monate
Heimkehr: 13.02.2006
Reiseziele: Vereinigte Staaten
Samoa
Australien
Singapur
Indien
Der Autor
 
Sonja Liptai berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.