Guatemala

Reisezeit: Mai 2005  |  von Beatrice Feldbauer

Mittwoch. Dschungelfluss

Nach einer guten Erholung im kühlen Zimmer und einem feinen Frühstück im klimatisierten Restaurant, fällt es uns schwer, das Paradies zu verlassen. Leider gibt es an der Reception noch etwas Schwierigkeiten, weil wir die Badetücher beim Pool gestern nicht richtig abgegeben haben und ausserdem in unserem Zimmer ein Frottetuch fehlt. Es hatte von Anfang an gefehlt, aber das ist jetzt schwierig zu beweisen. Dass wahrscheinlich die einheimischen Angestellten die Sache ausbaden müssen, macht mich hässig und ich gebe extra ein grösseres Trinkgeld.

Tomas steht schon vor dem Hotel mit dem Bus und holt uns ab. Heute steht der Höhepunkt unserer Reise auf dem Programm. Wir fahren mit einem Motorboot auf dem breiten trägen Dschungelfluss Rio Dulce an die Karibik-Küste.

Wie schon die vorherigen Male ist wieder Jorge unser Schiffsführer. Es ist brütend heiss. Zum Glück hat das Boot ein Schattendach. Bevor wir auf den Fluss fahren, steuern wir erst mal auf den Lago Izabal, wo wir an der Flussmündung das Fort San Felipe besuchen. Es ist die einzige Festung im ganzen Land und wurde von den Spaniern erbaut. Es diente als Militärbastion, Schutz gegen Piraten und später als Gefängnis. Vor einiger Zeit wurde es restauriert und ist mit den schönen Parkanlagen und Bademöglichkeiten ein beliebter Touristenort.

Der Führer erzählt interessant von Latrinen und Kanonen, aber für uns sind vor allem die kleinen Räume amüsant. Da wir uns grössere Burgen und Schlösser gewohnt sind, ist es eigenartig zu sehen, wie ernsthaft hier von den Wehrgängen und dicken Mauern geschwärmt wird. Obwohl die Anlage auf der kleinen Halbinsel sehr schön ist, gehen wir bald zurück zur Anlegestelle, wo uns Jorge im Boot erwartet.

Wir fahren unter der hohen Brücke, die die beiden Ortsteile vom Ort Rio Dulce miteinander verbindet, in die Mündung des gleichnamigen Flusses. Rechts gleitet unser Hotel vorbei. Sehnsüchtig denken wir an den kühlen Pool zurück, doch dann ziehen Vögel unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Wir umfahren eine kleine Flussinsel, die nur von Vögeln bewohnt wird. Es ist ein fürchterlicher Lärm, der von diesen ausgeht. Es ist ein Gekreische und Gezank, jeder kämpft um den besten Platz auf den schwankenden Zweigen. Speziell interessant ist es, den schwerfälligen Pelikanen beim Fischen zuzusehen. Im Tiefflug streichen sie über das Wasser und füllen ihre Schnäbel mit Wasser und vielleicht auch mit Fischen. Bei den Reihern ist der Erfolg besser sichtbar. Von weit oben stossen sie plötzlich hinunter auf das Wasser und wenn sie wieder aufsteigen, zappelt meistens ein Fisch in ihrem Schnabel.

Am Flussufer stehen ein paar einfache Hütten. Häuser von Einheimischen. Der Fluss ist hier noch sehr breit. Jorge weiss einen Ort, wo es Seerosen gibt und steuert unser Boot durch ganze Seerosenwiesen. Fasziniert gleiten wir über die blühende Pracht.

Später kommen wir zum Aguas calientes. Hier am Ufer des Flusses sprudelt aus einer unterirdischen Quelle heisses Wasser in den Fluss. Bereits tummeln sich ein paar Leute im Wasser. Meine Mutter ist nicht sehr erpicht darauf, ins Wasser zu steigen, vor allem weil sie nicht sicher ist, ob sie es wieder zurück ins Boot schaffen würde und ich lasse es für einmal auch beim zusehen. Fast alle Touristenboote legen hier eine kurze Rast ein und daher nähert sich auch schon das nächste Schiff mit einer Ladung fröhlicher junger Leute. Dass wir nur zu dritt im Boot unterwegs sind, ist purer Luxus.

Weiter geht die Fahrt. Der Fluss wird schmaler, es gibt keine Hütten mehr, nur noch Urwald und steile Felsen, die bis zum Wasser reichen. Es ist brütend heiss und aus dem Urwald hört man Vögel pfeifen.

Nach einiger Zeit gleiten wir in einen schmalen Nebenarm des Flusses. Es ist der Rio Tatin, auf dem wir dahinfahren. Hier gibt es ein paar ganz einfache Hotels. Es sind mehr Hütten auf Stelzen, die fast in den Fluss hinein gebaut wurden. Muss interessant sein, hier eine Nacht zu verbringen. Bald legen wir an einem Bootssteg an und verlassen das Schiff. Es gibt hier ein paar Häuser.

Es ist ein Projekt, das den Menschen, die hier im Dschungel leben, die Möglichkeit geben soll, ihre Produkte zu verkaufen. In einem grossen Rundhaus werden sehr schöne Handarbeiten verkauft. Strom gibt es keinen, wegen dem grossen Dach ist es ziemlich düster im Haus. Nach einiger Zeit gewöhnen wir uns an das Dunkel und natürlich wechseln wieder einmal ein paar Quetzales den Besitzer. Danach machen wir einen kleinen Spaziergang in den Dschungel. Riesige Bäume stehen dicht an dicht. Blätter mit einem Durchmesser von einem halben Meter verdecken die Sicht hinauf zum Himmel. Es ist feucht und heiss und es riecht eigenartig nach Moder und süssen Aromen. Irgendwo kreischen Vögel, knackt ein Ast, huscht ein Tier durchs Unterholz, fallen Tropfen schwer auf den satten Boden. Zwar sehen wir keine Tiere, ausser den paar Riesenameisen und einer Katze, die sicher zu den Häusern gehört, aber man spürt das Leben, die Energie.

Irgendwo entdecken wir einen Mann, der am Schnitzen ist. Er stellt aus harten Nüssen Gegenstände her. Schildkröten, Nasenbär, kleine Schmuckstücke. Ich möchte wissen, was für eine Nuss das ist. Kann er mir den Namen vielleicht aufschreiben? Sein kleiner Sohn holt aus einer Kiste ein Stück zerknülltes Packpapier und schreibt den Namen auf. Doch das bringt nun meine Mutter auf den Plan. Nicht einmal richtiges Papier haben die hier. Sie schenkt dem verdutzten Mann ein kleines Notizbüchlein, das sie in der Handtasche hatte und erhält dafür eine unbehandelte Nuss als Geschenk. Natürlich kaufen wir noch ein paar Figuren, bevor wir zurück zum Bootssteg schlendern.

Wir kehren zurück zum Hauptfluss wo wir gemächlich weiter fahren. Wir lassen die spezielle Atmosphäre auf uns wirken. Der normale Alltag ist weit weg. Nur noch wir, der träge grüne Fluss, gesäumt von dichtem Dschungel und über uns eine glühende Sonne am wolkenlosen Himmel. Der Motor tuckert leise. Jorge sitzt ganz hinten, lässt uns Zeit, die Umgebung aufzunehmen.

Doch dann wird der Fluss wieder breiter. Es sind mehr Schiffe unterwegs und weit draussen sieht man das Meer. Wir sind in Livingston angekommen. Hier leben vor allem die Nachfahren von schwarzen Sklaven. Das ist nicht mehr das indigene Guatemala, das wir kennen. Die Häuser sind farbig gestrichen, überall erklingt Musik aus den Häusern. Die Menschen sind allerdings genauso arm, wie andernorts, aber irgendwie eben doch ganz anders. Wir schlendern durch die Hauptstrasse. Falls hier irgendwann einmal zementiert war, sieht man heute nichts mehr. Den wenigen Autos, die hier verkehren, sieht man die Strapazen an. Bei uns würden diese Autos bestimmt nicht mehr fahren, aber hier sind wohl auch die Maschinen anders, nicht nur die Menschen und die Gesetze.

Wir setzen uns ins Restaurant Happy Fish. Hier war ich schon früher. Jorge und ich bestellen die typische Fischsuppe, während Mutter mit ihrem Hühnchen auf der sicheren Seite bleibt. Fast hätte ihr Paulina Zöpfchen in die Haare geflochten. Doch Mutter wehrt ab und Paulina freut sich stattdessen über das Foto, das ich ihr vom letzten Mal mitbringe und die Cola, die wir spendieren.

Eigentlich könnten wir nun einen kleinen Spaziergang durch den Ort machen, aber wir ziehen es vor, unter dem Schattendach auf unser Mittagessen zu warten. Ausserdem gibt es im Restaurant ein paar Computer mit Internet-Anschluss. Es ist sengend heiss. Wann hier wohl das letzte Mal Regen gefallen ist?

Während dem Essen beobachtet uns ein Rastaman und als ich den Rest der wirklich exzellenten Fischsuppe von mir schiebe, fragt er, ob er den Teller leeren dürfe. Auch an Mutters Pouletknochen findet er noch etwas zum abknabbern und den letzten Schluck Cola findet er speziell lecker. Er ist ein Weisser. Von wo mag er hier angeschwemmt worden sein. Wie lange er schon hier dahinvegetiert? Ob er je wieder eine Chance im Leben bekommen wird?

Der Rückweg über den Rio Dulce ist schneller, denn Jorge legt ziemlich Tempo zu. Es gibt keine Zwischenhalte mehr, einzig wenn er bemerkt, dass ich etwas fotografieren möchte, nimmt er das Gas ein wenig zurück. Tomas erwartet uns schon. Er konnte sich heute ausruhen, aber er hat noch die lange Rückfahrt nach Antigua vor sich.

Auf dem Heimweg kaufen wir noch einmal Früchte bei Ständen, die am Strassenrand aufgestellt sind. Für ein paar Dollars erstehen wir Ananas, Melonen, Mangos, Limetten und Papayas. Veronika wird sie uns in den nächsten Tagen servieren. Frisch aufgeschnitten zum Frühstück oder als erfrischende Drinks zum Mittag- oder Nachtessen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Immer wieder zieht es mich in das Land in Zentralamerika. Nachdem ich mit meinem Partner, mit meinem 13-jährigen Göttibuben und letztes Jahr mit einer Freundin da war, hat mich dieses Jahr meine 75-jährige Mutter begleitet.
Details:
Aufbruch: 13.05.2005
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 31.05.2005
Reiseziele: Guatemala
Honduras
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 17 Jahren auf umdiewelt.
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