Von Antalya auf die Hochebene Zentralanatoliens

Reisezeit: Oktober 2005  |  von Herbert S.

Kappadokien

Für die meisten ist Kappadokien heute ein Begriff für eine außergewöhnliche, märchenhafte Tuffsteinlandschaft mit Hunderten von Höhlenkirchen und Klöstern im Bergland westlich von Kayseri. Die Vielfalt der Farben und Formen dieser bizarren Landschaft bezaubert Besucher. Tiefe Hangrinnen und scharf gezeichnete Kammlinien erzeugen zu jeder Tageszeit ein Stimmungsbild von Licht und Schatten.

Die Entstehung der Landschaft
Das Plateau von Kappadokien wurde in erdgeschichtlicher Vorzeit durch Vulkanausbrüche mit einer dicken Schicht von Lava, Tuffstein und Asche überdeckt. Normale und von Menschenhand verursachte Erosion ließen die heutige Landschaft entstehen. Die bedeckende Schicht vulkanischer Gesteine unterschiedlicher Festigkeit wurde so zu bizarren Formen ausgewaschen. Da es sich bei der Bedeckung außerdem um mehrere Schichten handelte, erfolgte die Erosion in unterschiedlichem Ausprägungsgrad. Dadurch blieben häufig sogenannte Hüte der oberen - härteren - Schicht stehen und es entstanden die heute bewunderten Kegel. Die drei wesentlich zu Entwässerung des Plateaus beitragenden Flüsse haben tiefe Täler (Soganli, Ihlara, Göreme) eingeschnitten, die sich heute als regelrechte Schluchten präsentieren.

Zur Geschichte Kappadokiens

Im 2.Jtd. v.Chr. gehörte Kappadokien, das schon in prähistorischer Zeit besiedelt war, zum Kernland des Hethiterreiches.
Nach wechselvollen Jahrhunderten unter Persern, Griechen und Römern geriet die Landschaft 69 v. Chr. endgültig unter die Herrschaft Roms.
Nach den Partherkriegen und Goteneinfällen (2. u 3.Jh.) stabilisierte Diokletian (284 - 305) die Lage in Anatolien. In seine Zeit fielen Verwaltungsreformen, aber auch die schärfsten Verfolgungen der Christen, deren erste Gemeinden auch in Kappadokien bereits entstanden waren. Es folgten wiederum 300 Jahre der Unruhe mit Überfällen der persischen Sassaniden und den Arabereinfällen.
In dieser Zeit bewährte sich das kappadokische Bergland als Rückzugsgebiet, in dem unterirdische Städte wie Derinkuyu und Kaymakli zu perfekten Fluchtsiedlungen ausgebaut wurden.
Aber auch in der Neuzeit herrschte der Wechsel vor. Nach dem türkischen Freiheitskrieg wurde 1923 die damals überwiegend griechische Bevölkerung systematisch durch türkische Familien ausgetauscht.

Land und Leute
Während auf den Plateaus eine Steppenvegetation mit vereinzeltem Baumbewuchs vorherrscht, gedeiht in den Tuffsteintälern vor allem der Weinstock hervorragend. An den Hängen wurden für den Wein- und Obstanbau Terrassen angelegt, die durch ein System von ebenfalls aus dem Tuff herausgearbeiteten Wasserkanälen bewässert werden konnten. Bis vor wenigen Jahren hat sich die Form dieser Landwirtschaft erhalten können. Der heute florierende Gemüseanbau, vor allem von Kartoffeln, war erst durch die Bewässerung aus Tiefbohrungen möglich.
Die in den 70er Jahren einsetzende Landflucht machte den Beginn einer verheerenden Entwicklung mit brachliegenden Obstplantagen, verwildernden Weinbergen und verlassenen Ortschaften.
Heute leben nur noch wenige Kappadokier in den aus dem Tuffstein gehauenen Wohnungen. Einige solcher Höhlenwohnungen sind jedoch inzwischen erweitert und als Hotel umgebaut und umfunktioniert worden. So lebt heutzutage bereits ein guter Teil der verbliebenen Bewohner vom Tourismus.
Die moderne Landwirtschaft basiert auf Wasser aus Tiefbrunnen, so dass alte Kanäle verfallen und der Grundwasserspiegel sinkt.

Sehenswertes
Höhlenkirchen
Von den einst mehr als 1000 Kirchen sind noch etwa 100 mit Dekorationen aus den verschiedenen byzantinischen Perioden erhalten. Älteste Motive (5. - 9. Jh.) sind das Kreuz, Lebenswasser und Fische, Wein als Symbol Christi und Szenen aus der Kindheit und dem Leben Christi.
Die meisten Kirchen mit Fresken sind in das 9./10. Jh. zu datieren, die besten Fresken stammen erst aus dem 10./11. Jh.. In diese Zeit sind auch die Kreuzkuppelkirchen mit vier Säulen einzuordnen.
Von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, wurde das Göreme-Tal als Open-Air-Museum geschaffen, wo eine stattliche Anzahl dieser Kirchen restauriert und konserviert wurde und zu besichtigen ist.
Weitere zahlreiche Kirchen können im Soganli-Tal, der Ihlara-Schlucht und dem Zelve-Tal besichtigt werden.

Unterirdische Städte

Die unterirdischen Stätten Kappadokiens sind bereits 400 n. Chr. als Speicher für Wein, Getreide, Obst und Gemüse bekannt. Zu mehrgeschossigen Städten wurden sie erst in byzantinischer Zeit ausgebaut, als die Kappadokier sich vor Sassaniden und Arabern verbergen mußten.
Als erste große unterirdische Anlagen wurden 1963 Derinkuyu und Kaymakli entdeckt und zugänglich gemacht. Inzwischen sind mehr als 100 Höhlensiedlungen bekannt, die teilweise bis zu zehn Stockwerken tief sind und sich über viele Kilometer ausbreiten. Sie sind z.T. zu besichtigen, wobei das Labyrinth der Räume, Gänge, Treppen und Schächte immer wieder verwirrt und erstaunt. Der Tuffstein war in jeder Hinsicht zum Aushöhlen geeignet, da er zunächst weich ist, an der Luft aber aushärtet. In Gefahrenzeiten konnten diese unterirdischen Anlagen in idealer Weise als Rückzugswohnungen benutzt werden. Gänge und Tunnel konnten mit Rollsteinen in Mühlsteinform versperrt werden, die, am Ort aus dem Fels herausgearbeitet, in den Gang hinein- und wieder zurückgerollt werden konnten. Die Siedlungen waren mit Luftschächten, Wasserzu- und ableitungen versehen und, da sie außerdem Vorratskammern für Lebensmittel und Wein hatten, konnten sie für längere Zeit auch verschlossen als autark gelten.

Ausgrabungsstätten des Hethiterreiches
Ebenfalls unter dem besonderen Schutz der Unesco stehen die drei Ausgrabungsstätten Hattuscha, Yizilikaya und Alaca Höyük als Weltkulturerbe.

Hethiter-Kultstätte Yizilikaya

Hethiter-Kultstätte Yizilikaya

Die alte Seidenstraße als bedeutende Handelsstraße von Konya über Kayseri und Sivas nach Persien kreuzt Kappadokien bei Avanos und man kann wenige km östlich eine der in Tagesetapppen voneinander entfernt liegenden seldschukische Karawanseren besichtigen: Sari han ist als solche Raststätte alter Zeiten restauriert und gibt ein gutes Beispiel der typischen Architektur.
Die Tuffstein-Landschaft selbst ist am besten aus der Luft (ballooning) und durch Erwandern zu erleben.

Infrastruktur
In den Orten Ürgüp; Göreme, Nevsehir eignen sich zahlreiche Hotels (...) als Standortquartiere für Ausflüge in die Tuffsteinlandschaft, eine halbe Tagesetappe nördlicher empfiehlt sich die Stadt Yozgat als Quartier für die Hethiter-Exkursionen.

Doch zu den einzelnen Zielen führen die nächsten Kapitel.

© Herbert S., 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Für die meisten ist Kappadokien heute ein Begriff für eine außergewöhnliche, märchenhafte Tuffsteinlandschaft mit Hunderten von Höhlenkirchen und Klöstern im Bergland westlich von Kayseri. Die Vielfalt der Farben und Formen dieser bizarren Landschaft bezaubert Besucher. Es gibt aber auch noch eine Hochkultur zu erkunden: das Reich der Hethiter. Und ein Stück Seidenstraße befahren wir auch noch.
Details:
Aufbruch: 01.10.2005
Dauer: 16 Tage
Heimkehr: 16.10.2005
Reiseziele: Türkei
Sagalassos
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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