Durch den Monsun - Südindien 2014

Reisezeit: Juli / August 2014  |  von Julia S

Madurai: Tamil Nadus Seele

Madurai, 13. - 14.7.2014
"Chennai may be the capital of Tamil Nadu, but Madurai is its soul!" - so oder so ähnlich hört man es von jedem stolzen Tamilen. Madurai gilt neben Varanasi al seine der ältesten Städte Indiens, es gibt Dokumente, die belegen, dass die Madurai bereits im 3. Jahrhundert v. Christus existierte. Lange bevor es Chennai als Hauptstadt gab, war Madurai DIE Metropole des südlichen Indiens, die florierenden Handel, vor allem mit Gewürzen, mit dem antiken Rom trieb.
Die Stadt ist vor allem von der riesigen (6 ha) Anlage des Meenakshi-Tempels geprägt, die als der Gipfel der südindischen Tempelarchitektur gilt. Der Tempel wurde im 17. Jahrhundert unter der Herrschaft von Tirumalai Nayak - dessen Palast auch unbedingt zu besichtigen ist, wenn man nach Madurai kommt - gebaut, die Ursprünge der Anlage reichen aber bis zu der Zeit zurück, als Madurai Hauptstadt der Pandya war, ergo ca. 2000 Jahre zuvor. Insgesamt gibt es zwölf "gopurams" (das sind die Tempeltürme) auf der Anlage, die vier größten markieren gleichzeitig auch die vier Eingänge zum Tempel (Nord, Ost, Süd, West). Die gopurams sind - typisch südindisch (karnatisch) - ausgesprochen farbenfroh gestaltet und mit ziemlich vielen der zahlreichen Hindu-Gottheiten, Dämonen und Helden geschmückt. Alleine auf dem Süd-Turm sollen 1511 verschiedene zu erkennen sein, nachgezählt habe ich nicht, das hätte mir vermutlich die Kontaktlinsen gesprengt, war ich doch schon froh, einzelne mir bekannte Götter (z. B. Ganesh, Hanuman, Krishna, Shiva, Nandi und Kali) zu identifizieren.
Meenakshi (= die Fischäugige = Ausdruck für die perfekten Augen in der klassischen tamilischen Dichtung) ist eine Version Parvatis, hinduistische Götter existieren ja immer in verschiedenen Inkarnationen. Der Legende nach war Meenakshi eine wunderschöne Frau mit drei Brüsten, der es allerdings verheißen war, dass ihre dritte Brust schmelze, sobald sie ihren Ehemann fände. Dies geschah so, als sie Shiva traf und seine Frau wurde. Jeden Abend gibt um 21 Uhr eine große Zeremonie im Tempel, bei der Shiva ins Bett zu seiner Frau Meenakshi gebracht wird - ein Riesentratra, leider mit absolut striktem Fotografierverbot.

Die den Tempel umgebenden Straßen sind Fußgängerzonen mit vielen Geschäften und kleinen Bazaaren, die sich nahtlos in die Ausläufer der Tempelanlage eingefügt haben. Gegenüber dem östlichen gopuram befindet sich die 100m lange Säulenhalle, in der man wunderbare Steinmetzarbeiten bewundern kann (so auch Meenakshi, die Hochzeit von Shiva und Meenakshi, einen riesengroßen Stier, also Nandi, Shivas Reittier). In dieser Säulenhalle befinden sich vier Bazaar-Straßen, davon eine, in der nur Schulbücher verkauft werden, eine mit Messing-, Kupfer- und Metallwaren und zwei, in denen unzählige Stoffhändler mit ihren Schneidern sitzen. Ich empfehle unbedingt Stand 123. Der Besitzer bietet schöne Stoffe, nimmt genau Maß, erfüllt sämtliche Wünsche, näht gründlich und macht präzise Angaben, wann man die Bestellung anbholen kann. Die Preise sind mehr als fair, für drei Oberteile aus einem Baumwoll-Seiden-Gemisch inkl. Borte und zwei Hosen bezahle ich 1600 Rupees (20 Euro). Ich kann mich kaum sattsehen an den tollen Farben, an dem wuseligen Treiben im Bazaar, an den Schneidern, denen man wunderbar bei der Arbeit zusehen kann ... einfach toll!
Noch ein Tipp für alle Madurai-Reisenden: Auf den Stichstraßen, die zu den Fußgängerzonen rund um den Tempel führen, wird man hundertfach von Schneidern angesprochen, die ungefähr doppelt so teuer sind, wie die im Bazaar. Diese Werber verfolgen einen (zwar nicht böse, aber nervig) und bringen einen zu den Kashmiri-Emporiums, die tolle Dachterrassen mit Blick auf den Tempel haben ... natürlich, wie sollte es anders sein, mutiert die "Wanna have a free look from my rooftop"-Sache zur Verkaufsveranstaltung. Ich komme recht günstig mit einem hübschen Armband davon, muss mich aber schwer gegen den etwas schmierigen Kashmiri, der mir soooo gerne noch sooo viele teure Dinge andrehen möchte und phantastische special-prices raushaut (Beispiel: tolle Kette, wirklich wunderschön 200 Euro, nach meiner entschiedenen Ablehnung gehen seine Angebote bis 80 Euro runter, ohne dass ich in irgendeiner Form gehandelt habe. Der Typ fällt, wie viele andere Nordinder hier im Süden vor allem dadurch auf, dass er abfällig über die Südinder spricht! Tja, keine Chance bei mir - trotzdem meide ich die Nordstraße für den Rest meines Aufenthaltes, weil ich auf den Verkaufsquark keine Lust habe. Also: keep your eyes open!

Abends lasse ich mich zum Tirumalai-Nayak-Mahal kutschieren, im Königspalast gibt es nämlich für 50 Rs. eine Sound & Light-Show (steht NICHT im Lonely Planet), die einem die Geschichte der Königsfamilie recht bombastisch nahebringt. Die Anlage ist architektonisch gigantisch schön! Hinter mir nimmt eine dänische Familie Platz, wir kommen ins Gespräch. Nach unserer Verabschiedung bedaure ich schnell, dass ich nicht gefragt habe, ob wir zusammen zu Abend essen sollen. Etwas frustriert nehme ich ein TukTuk zum Surya-Restaurant, das laut Lonely Planet einen tollen Tempelblick vom Rooftop des Surpreme Hotels bietet. Als ich die Dachterrasse betrete, winkt mir Familie Andersen schon zu und lädt mich zum Abendessen ein - auch sie hatten im Auto bedauert, dass sie mich nicht auf ein gemeinsames Abendessen angesprochen hatten. Wir verbringen einen sehr schönen Abend zusammen, bestellen viele unterschiedliche Gerichte (der Kellner berät uns bezüglich typischer Madurai Gerichte) und so kann jeder von allem ein wenig probieren. Super! Ganz abgesehen davon ist die Unterhaltung unkompliziert, herzlich und anregend.

Gruppenbild mit Dänen (Mads, Sofie, Emma, Mikael, Marie, Julia)

Gruppenbild mit Dänen (Mads, Sofie, Emma, Mikael, Marie, Julia)

Den nächsten Tag verbringe ich zum Teil im Tempel, der von strengen Wächtern bewacht wird - größere Taschen / Rucksäcke, elektronische Geräte, Kameras, Essen, Getränke etc. dürfen nicht mit hineingenommen werden. Die Angst vor Zerstörung durch Anschläge oder durch Verschmutzung etc. ist riesig. Im Tempel herrscht eine ruhige, meditative Grundstimmung, es ist angenehm kühl, geheimnisvoll - hier kann man zur Ruhe kommen und etwas geistige (wer will auch geistliche) Einkehr halten. Ich streife mit großem Gefallen durch die umliegende Altstadt, gabel eine Engländerin auf und lunche mit ihr an einem Food & Tea-Stall (Samosas für 5 Rs / piece, Chai, Water). Die Dänen, die Engländerin und ich sind wohl die einzigen westlichen Touristen in der Stadt ... ich habe sonst keine Weißen gesehen. Überhaupt scheint Madurai noch nicht so touristisch versaut zu sein - ich messe das mal an den TukTuk-Preisen, die mir recht indisch erscheinen! Schön!
Leider hatte ich zu spät gesehen, dass das Gandhi-Museum, das wohl ganz gut sein soll, montags geschlossen hat - hole ich beim nächsten Mal nach. Da Gandhi in Madurai begonnen hat, den Dhoti zu tragen, symbolisch für die traditionelle indische Kleidung, hängt hier das Gewand, in dem er erschossen worden ist (mit Blutflecken und allem Drum und Dran).
Fazit: Unbedingt hinfahren, tamilische Kultur erleben und sich an Farben etc. sattsehen.

Herzliche Grüße nach Deutschland und dorthin, wo noch mitgelesen wird. Ich freue mich über Eure zahlreichen Gästebucheinträge und Mailkommentare zu meinem Bericht! Eure Jule/ia

© Julia S, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Wieder fliege ich nach Indien - diesmal wird allerdings der Süden erkundet. Mal sehen, wie der Monsun dieses Jahr so ausfällt ...
Details:
Aufbruch: 06.07.2014
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 06.08.2014
Reiseziele: Indien
Der Autor
 
Julia S berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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