OUT OF THE OFFICE - ON TOUR IN SOUTH AMERICA

Reisezeit: Oktober 2006 - April 2007  |  von Michael S.

Quer durch die Pampa nach Cordoba

Freitag, 19. Januar 2007 Cordoba 11:37

Cordoba - WM 1978 Deutschland gegen Österreich 2:3... "Die Schmach von Cordoba!"
Was treibt uns in eine Stadt, die dem deutschen Fußball eine seiner dunkelsten Stunden bereitet hat? Was machen wir hier, während in unserer Heimat Kyrill tobt, Meister Ede(er) und das ehemals größte Fußballtalent seit Franz Beckenbauer zurücktreten?
Nun ja, auf unseren Weg zurück vom Ende der Welt in Richtung der Wasserfälle von Iguazu muss man nun mal die Pampa durchqueren und dort liegt die zweitgrößte Stadt des Landes, die mit 1,3 Millionen Einwohnern so groß ist wie München. Wenn hier nicht gerade Semesterferien wären und nicht fast die komplette Jugend in Bariloche feiern würde, dann wäre in der Universitätsstadt Cordoba wohl auch die Hölle los. Aber auch so gibt es hier einiges zu erleben.

Allein schon die Nachtbusfahrt von Santa Rosa (der "zentralste" Ort Argentiniens) hier her war ein Erlebnis. Konnte ich doch so schön gemütlich in meinem Liegesitz schlafen, weckte mich Nicole so gegen 03:00 Uhr früh auf, bat mich zum Busfahrer zu gehen um ihm zu sagen, er soll doch die Klimaanlage von Gefrierfach-Temperatur auf Plusgrade anheben.
Als ich die Treppe zum Führerhäuschen (der Bus war ein "Doppeldecker") hinunterging, musste ich jedoch gehörig meine Augen reiben. Der Co-Pilot saß splitternackt auf dem Beifahrersitz! Hallo? Zwar trennte uns ein zu kurzer Vorhang und ich konnte den Freak nur von hinten sehen, aber er war eindeutig unbekleidet! Scheinbar hörte er mich, worauf er mit einer Art Post-Karton seinen Schoß bedeckte...
Verwirrt ging ich zu Nicole zurück. Hatte ich bloß geträumt? Ich verließ einige Minuten verstreichen und gab meiner Neugierde schließlich nach. Auch bei meinem zweiten Gang zur Treppe war der Typ immer noch nackt, der Karton auf seinem Schoß und mit einer Schere schnippelte er an einem Klebeband herum.

Warum verpackt ein nackter Busfahrer mitten in der Nacht Postpakete im Führerhäuschen?

Theorie Nummer 1: Ähnlich wie in einer Studentenverbindung musste er sich als Neuling bei einer Aufnahmeprüfung lächerlich machen. Er war eindeutig zu alt für einen Neuling.
Theorie Nummer 2: Auf den Straßen durch die Pampa, auf denen nachts quasi nur Busse unterwegs sind, gibt es einen geheimen "Begegnungs-Kodex". Sobald sich zwei Busse entgegenkommen, salutiert der Co-Pilot und presst sich dabei nackt gegen die Windschutzscheibe.
Theorie Nummer 3: Damit der eigentliche Busfahrer nicht während dem Fahren einschläft, spielt sein Kollege mit ihm "ich verpacke was, was Du nicht siehst"

Zwar zeigt er sich unser FKK Busfahrer wieder von hinten, aber wenigstens angezogen

Zwar zeigt er sich unser FKK Busfahrer wieder von hinten, aber wenigstens angezogen

Egal was da getrieben wurde, wir sind schließlich gut in Cordoba angekommen. Schon im Vorfeld hatten wir dort über das Internet eine Unterkunft reserviert um nicht wie in Bariloche Hotel nach Hotel abklappern zu müssen. Gelandet sind wir im "Peperino Hostal".

Ein Bett und sonst nichts. Immerhin konnten wir noch unsere Rucksaecke abstellen...

Ein Bett und sonst nichts. Immerhin konnten wir noch unsere Rucksaecke abstellen...

Es war wirklich das Gegenteil von Bariloche und unserem "Hotel Edelweiß". Anders als im Internet angegeben hatten die Zimmer kein eigenes Bad sondern nur 1 (!) Gemeinschaftsbad für ca. 30 Betten... Mal wieder fluchtartig zogen wir am nächsten Tag um. Unsere Sprachschule hatte uns eine "Gastmama" vermittelt. In einer großen Wohnung im Norden des Zentrums haben wir nun ein schönes Zimmer, eine Küche und wieder ein Gemeinschaftsbad. Diesmal aber nur für uns 2 und René (das ist hier übrigens ein Frauenname). Vermutlich finanzieren wir ihr mit unserer Untermiete das tägliche Leben. Denn René, um die 50 Jahre alt, scheint nicht zu arbeiten, sondern den ganzen lieben langen Tag eine Art Dauer-Siesta vor dem Fernseher zu verbringen. Alleine sind wir also ziemlich selten, aber genauso wie sich unsere nette Señora daran nicht stört und sich in Ihrer Wohnung so bewegt als wäre niemand da, so tun wir ihr es gleich - Leben und Leben lassen...

Cordoba an einem Sonntag Nachmittag

Cordoba an einem Sonntag Nachmittag

Im Gegensatz zu ihr sind wir ja auch fast den ganzen Tag unterwegs, zum Beispiel in der Sprachschule. Ja, ich musste es mir wieder mal antun. Hilft ja nichts, denn für längere, flüssige Konversationen mit Einheimischen langt es noch nicht. Bei kurzen Statements fällt es zwar noch nicht auf, aber spätestens wenn man versucht einen ganzen Satz zu formulieren, wird der Gesprächspartner misstrauisch. "Ah, no eres un argentino"... Warum dann aber die meisten Leute glauben, wir würden aus Frankreich kommen, bleibt mir immer noch ein Rätsel. Naja, manchmal sind wir auch Italiener oder Portugiesen. Anders als daheim wurde ich hier aber immerhin erst ein Mal für einen "Turko" (spanische Version) gehalten... Und zwar von meinem Sprachlehrer Gustavo Gross, nach eigenen Angaben selbst eine Multikontinentale Mischung aus ungarischen, rumänischen und indischen Vorfahren. In Argentinien hat die menschliche Globalisierung schon längst stattgefunden. Nicoles Sprachlehrer José stammt von Syrern ab. Anders als in Cusco und Mendoza haben wir uns diesmal für getrennte Gruppen entschieden. Ist eindeutig sinnvoller - ich bin einfach zu gut für sie
Allerdings vermute ich dass sich nach dieser Woche unser Niveauunterschied noch weiter ausgeweitet hat. Schweifen wir doch in meiner Gruppe immer wieder zu "wie-redet-man-auf-der-Straße-Übungen" ab. Interessiert sich doch mein brasilianischer Kollege Helder mehr für Vokabeln, die den weiblichen Körper beschreiben und der Holländer Maikel für sämtliche Begriffe, die ihn ins Delirium befördern können... Jedenfalls, weiß ich jetzt wie man hier in Discotheken ganz "billig" Frauen anreden oder sich Joints kaufen kann

Gustavo bringt einem alles bei was man will. Es scheint ihm auch mehr Spaß zu machen als Spanisch zu unterrichten. Bestens aufgeklärt bin ich jetzt über das "argentinische System", dass noch korrupter ist als man es eh schon vermutet hat, oder über die Zubereitung des Mate-Tees , die hier von fast jedem zelebriert wird. Interessant war auch sein Tipp mal das In-Getränk Cordobas zu probieren. Fernet Branca und Cola.

Nur kurz zum Schluss: Lasst die Finger von dem Zeug

Wo sind die Menschen? Hier ist so was von tote Hose... Nicht mal "Window-Shopping" ist moeglich

Wo sind die Menschen? Hier ist so was von tote Hose... Nicht mal "Window-Shopping" ist moeglich

© Michael S., 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
In weniger als 9 Stunden sitzen Nicole und ich im Flieger in Richtung Bonaire. Bonaire? Kannte ich bis August auch noch nicht. Aber KLM hält auf dem Flug nach Lima zufällig auf den Niederländischen Antillen... Eine Woche Erholung, bevor es nach Peru über Chile in Richtung Argentinien geht :-) Der Plan: 6 Monate Südamerika entdecken, Spanisch lernen und Freiheit erleben! Wie heißt es so schön - Zahme Voegel traeumen von Freiheit. Wilde Voegel fliegen...
Details:
Aufbruch: 11.10.2006
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: 08.04.2007
Reiseziele: Niederländische Antillen
Peru
Chile
Argentinien
Paraguay
Brasilien
Uruguay
Der Autor
 
Michael S. berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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