OUT OF THE OFFICE - ON TOUR IN SOUTH AMERICA

Reisezeit: Oktober 2006 - April 2007  |  von Michael S.

Deutsche Vergangenheit und ein hiesiger Held

Freitag, 26. Januar 2007 Cordoba 12:03

An dieser Stelle muss ich mal die argentinische Disziplin beim "Schlange stehen" loben. Niemand ist derart faehig zu warten...

An dieser Stelle muss ich mal die argentinische Disziplin beim "Schlange stehen" loben. Niemand ist derart faehig zu warten...

Langsam aber sicher neigt sich die zweite Woche in Cordoba dem Ende entgegen. Ehrlich gesagt - das ist auch gut so. Nicht das es hier nicht schön wäre und man die Zeit nicht genießen könnte, aber als "Reisender" muss man mit so etwas wie einem "Alltag" erst mal klar kommen

und zu warten...

und zu warten...

Gut, die Quälerei in der Sprachschule tut ihr übriges. Hätte ich gewusst wie anspruchsvoll diese Sprache im Vergleich zur Englischen ist, dann hätte ich das Projekt "Spanischlernen" wohl gar nicht erst begonnen. Besser das ich es nicht wusste... Immerhin habe ich bald alle grammatikalischen Regeln durch und vielleicht verstehe ich dann auch mal die Leute
Aber warum strenge ich mich eigentlich so an? Man muss ja nur ein bisschen aus Cordoba herausfahren, schon fühlt man sich wie zu Hause und kann seinem teutonisch, germanischen Sprachdrang voll ausleben.

solange bis der Bus kommt... Und das Beste: Hier draengelt wirklich niemand. Die Argentinier sind es gewoehnt. Denn nachdem es hier kein Internet- oder Telefonbanking gibt, steht man hier jeden Morgen vor seiner Bank Schlange..

solange bis der Bus kommt... Und das Beste: Hier draengelt wirklich niemand. Die Argentinier sind es gewoehnt. Denn nachdem es hier kein Internet- oder Telefonbanking gibt, steht man hier jeden Morgen vor seiner Bank Schlange..

90 Kilometer südlich von hier, in der idyllischen Sierra Cordobas, liegt die Gemeinde Villa General Belgrano. Schon am Ortseingang fällt einem auf, dass hier alles ein bisschen anders ist. Ein großes Bierfass ziert sich mit dem Ortsnamen und dem verschnörkelten Schriftzug "Oktoberfest" Nur wenige Meter weiter liegt linkerhand das Restaurant "Viejo Munich" in dem sogar Bier selbst gebraut wird. Die Frontseite schaut aus wie ein Bierzelt im Miniformat, auf der Speisekarte stehen so leckere Sachen wie Spätzle, Gulasch, Würstel mit Sauerkraut und so weiter! Im Ortskern angekommen, fragt man sich, "bin ich hier wirklich in Argentinien"?
Ein Souvenirshop jagt den Nächsten. Doch anders als sonst gibt es keine Mate-Tassen oder Gaucho-Lederwaren. Hier kann man Bierkrüge mit blauweißem Rautenmuster kaufen, T-Shirts mit Deutschlandflagge oder jegliche Art von Fanartikeln des deutschen Panzerschiffes "General Spee"!

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1939 versenkte sich unweit des Rio del Plata eines von 3 deutschen Vorzeige-Kriegsschiffen. Bücher oder Bilder in den Shops verraten mir, welche Erfolge die Spee vor ihrem Untergang verzeichnen konnte. Zwischen Afrika und Südamerika mussten so einige Handelsschiffe dran glauben. Da die deutsche Marine innerhalb kurzer Zeit scheinbar sehr gefürchtet war, nahmen sich 3 englische Kriegsschiffe der Spee an. Der Jäger wurde zum Gejagten... Bei dem Zusammenstoß auf hoher See konnte jedoch keine Partei einen durchschlagenden Erfolg verzeichnen und so "rettete" sich die angeschlagene Spee vor die Küste Argentiniens, verfolgt nur noch von dem Größten der englischen Schiffe. Das "neutrale" Hafengebiet ermöglichte der Spee für eine gewisse Zeit eine Verschnaufpause. Doch der Kapitän wusste von dem englischen Gegner, der auf offenem Meer nur auf sie wartete. So lief die Spee nach wenigen Tagen wieder aus, doch zur Verwunderung der Schaulustigen Argentinier versenkte sich das Panzerschiff unweit des Hafens selbst. Die Besatzung war schon zuvor an Land geblieben und ein paar wenige Matrosen sowie der Kapitän kamen mit einem Rettungsboot zurück an Land. Zwei Tage später nahm er sich das Leben während sich die nun heimatlosen Deutschen ein neues Zuhause suchten. Sie landeten in Villa General Belgrano.

"Viejo Munich"

"Viejo Munich"

Warum sich die Spee wirklich versenkt hat bleibt nicht restlos geklärt. Eine Theorie besagt, die sei derart angeschlagen gewesen, dass eine Reparatur mehr Zeit in Anspruch genommen hätte, als sie in der "neutralen" Zone hätte ankern dürfen. Die Engländer wären wohl übermächtig gewesen, zumal man nicht wusste, ob schon Verstärkung von der Insel auf dem Weg war.

Wie auch immer - so spricht man nun auf jeden Fall im Touristenbüro deutsch und die Argentinier haben einen germanischen Ferienort und ihr eigenes Oktoberfest. Schade eigentlich, dass Nicole und ich nicht in Dirndl und Lederhosen dort waren

"Im Himmel gibt's kein Bier, drum trinken wir es hier"! War der Slogan dieser Boazn

"Im Himmel gibt's kein Bier, drum trinken wir es hier"! War der Slogan dieser Boazn

Es wäre aber auch unpassend gewesen. Schließlich waren wir vorher noch in Alta Gracia, dem Ort, in dem ein gewisser Ernesto G. seine Kindheit verbrachte. Der kleine Ernesto verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre in Buenos Aires, hatte dort jedoch stark mit Asthma zu kämpfen. So zog er mit seinen Eltern und Geschwistern in den Ort in der Nähe von Cordoba, der auch so etwas wie ein Luft-Erholungsgebiet war. Die Familie aus der Mittelschicht mietete sich dort ein recht nettes Häuschen und Ernesto konnte weitgehend verschont von Atemnot wohl behütet aufwachsen bevor er später als junger Erwachsener zurück nach Buenos Aires ging und dort anfing Medizin zu studieren. 1951 zog er dann mit einem Freund auf dem Motorrad quer durch Südamerika und bekam erstmals die Armut seines Kontinents zu Gesicht. Noch einmal kam er kurz in die argentinische Hauptstadt zurück, beendete sein Studium und zog abermals von dannen. In Mexiko sollte er dann eine Begegnung erleben, die ihn für den Rest seines Lebens prägte.

Der Mensch den er dort traf und um dessen Gesundheit sich im Augenblick viele Menschen auf einer altbekannten Insel sorgen machen, war scheinbar erst letztes Jahr in dem Haus in Alta Gracia zu Besuch.

Zusammen mit dem politisch gleich gesinntem Venezueler Hugo Chavez besuchte Fidel Castro den Ort, an dem sein 1967 verstorbener Mitstreiter der kubanischen Revolution aufwuchs. Das heutige "Che Ernesto Guevara - Museum".

Nicole und ich stellten zwar keinen ganz so hochtrabenden Staatsbesuch dar, was für uns aber kein Grund war, nicht mal kurz in der Kinderstube Che´s vorbeizuschauen. Das Museum an sich ist eigentlich nichts besonders. Interessant sind ein paar Schriftstücke die er an seine Kinder schrieb, während er erfolglos versucht in Argentinien, Kongo und Bolivien eine Revolution anzuzetteln. Aus Ihnen ging hervor, dass obwohl er aus einer nicht armen Familie kam, ein Mann war der für seine Ideale kämpfte und versuchte die herrschende soziale Ungerechtigkeit zu verändern.
Vielleicht weil es sie auch heute noch überall gibt, verehren ihn immer noch unzählige Menschen rund um den Globus. Für die Argentinier ist er gar ein Held und mindestens genauso wichtig wie Diego Maradonna!

Genug erzählt. Nicole ist schon auf dem Weg in die Sprachschule und ich muss nun noch ein paar Hausaufgaben machen... Lernen sollte ich auch noch ein bisschen, denn heute Nachmittag gilt es einen Abschlusstest zu bestehen! Laut meinem Sprachlehrer wird er zeigen ob ich noch in Level 3 oder doch schon in 4 bin. Nicole ist eh schon in Nummer 5 von insgesamt 6. Dafür will ich sie hier mal ganz ausdrücklich sehr loben!!!

Morgen treffen wir dann in Santa Fé meine Kumpels, den Schwaben-Marc und den linkesten Linksverteidiger des SV Haspelmoor Roland. Mit Ihnen zusammen hab ich in den letzten Jahren schon Thailand und Venezuela bereist. Diesmal wird es zu den Wasserfällen Iguazu gehen und über Strände in Brasilien und Uruguay nach Buenos Aires. Für Nicole und mich bedeutet das mal wieder ziemlich viele Busfahrten

Pero, estamos acostumbrado, wie man hier sagen würde... Wir sind´s ja gewöhnt

Unrasiert und ungewaschen, fast wie Che Guevara. Nur den Blick muss ich nochmal ueben

Unrasiert und ungewaschen, fast wie Che Guevara. Nur den Blick muss ich nochmal ueben

© Michael S., 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
In weniger als 9 Stunden sitzen Nicole und ich im Flieger in Richtung Bonaire. Bonaire? Kannte ich bis August auch noch nicht. Aber KLM hält auf dem Flug nach Lima zufällig auf den Niederländischen Antillen... Eine Woche Erholung, bevor es nach Peru über Chile in Richtung Argentinien geht :-) Der Plan: 6 Monate Südamerika entdecken, Spanisch lernen und Freiheit erleben! Wie heißt es so schön - Zahme Voegel traeumen von Freiheit. Wilde Voegel fliegen...
Details:
Aufbruch: 11.10.2006
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: 08.04.2007
Reiseziele: Niederländische Antillen
Peru
Chile
Argentinien
Paraguay
Brasilien
Uruguay
Der Autor
 
Michael S. berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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