Leinen los und los!

Reisezeit: April - Oktober 2007  |  von Doris Sutter

Von Gouda über Dordrecht in den Biesbosch

Die großen Flüsse! Vor ihnen haben die holländischen Wassersportler einen Heiden Respekt.
Als wir uns endlich von der Käsestadt Gouda losreißen können und in den Gouwekanaal einbiegen, erfahren wir schnell warum.
Hier herrscht Berufsschifffahrt, und das nicht zu knapp. Bereits an der Julianasluis werden wir auf unseren Platz verwiesen -- hinter die Berufsschifffahrt.
Es dauert endlos bis die Schleuse endlich runter fährt und im Schneckentempo ihre Fracht entlässt.
Zwei Frachter warten schon und mit uns noch ein Sportboot.
Es wird eng für uns neben dem Frachter, doch die Holländer sind ja bekannt dafür, dass sie ihre Schleusen ordentlich voll stopfen.
Durch den Lautsprecher bittet der Schleusenmeister die Berufsschiffe doch ihren Motor abzustellen um die Yachten nicht zu gefährden. Und dieser Wunsch wird ohne Widerworte, stillschweigend erfüllt. Der Schleusenvorgang ist genauso human und wir dürfen sogar vor dem Berufsschiff ausfahren.
Wassersportler haben in Holland eine gute Lobby!

Warten mit der Berufsschifffahrt

Warten mit der Berufsschifffahrt

Die Hollandse Ijssel empfängt uns mit Niedrigwasser. Es hat Ebbe. Es ist beträchtlich wie weit die Tide ins Hinterland drückt. Es fehlt mindesten ein dreiviertel Meter Wasser.
Wer eine beschauliche Flussfahrt erwartet, der irrt. Der Berufsverkehr ist erstaunlich und jedes Schiff hat es eilig. Sehr eilig.
Da ist es kein Wunder, dass die Anrainer ihre Boote in halber Höhe an der Kaimauer hängen haben oder auf Schwimmstege liften. Wellen und Tide, das ist kein Liegeplatz von dem der Wassersportler träumt.
Auch wir bewegen uns ein bisschen torkelig vorwärts.
Der Verkehr wird immer schlimmer. Wir erreichen das Einzugsgebiet von Rotterdam.
Der Europoort von Rotterdam ist der größte Hafen der Welt und fünf Rotterdamer Ölraffinerien verfügen über die größte Rohölverarbeitungskapazität der Erde.
Wer glaubt auf dem Rhein herrsche viel Verkehr, war noch nie hier.

hier gehts nach Rotterdam

hier gehts nach Rotterdam

selbst Bürohäuser sehen hier aus wie Schiffe

selbst Bürohäuser sehen hier aus wie Schiffe

es hat unheimlich viel Verkehr

es hat unheimlich viel Verkehr

Wir biegen ab in die Noord, haben kräftige Strömung und natürlich eine steife Brise gegen uns. Jetzt fahren wir nur noch durch Industrie. Das Getümmel auf dem Wasser ist ungeheuer.
Wie Perlen an einer Schnur reihen sich Berufsschiffe aneinander, überholen sich gegenseitig und laufen von hinten mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf. Dazwischen düsen im Sauseschritt die Schnellfähren kreuz und quer über den Fluss. Sportboote sind so gut wie keine zu sehen. Kein Wunder, die Holländer meiden mit ihren untermotorisierten Booten die großen Flüsse als hätten die ansteckenden Aussatz.

Es wird auch nicht besser als wir in die Oude Maas einbiegen. Im Gegenteil, um Dordrecht ist der Teufel los.
Hier vereinigen sich Oude Maas, Noord und Merwede zum meinst befahrenen Flussknotenpunkt Europas. 150.000 Berufsschiffe kommen jährlich hier vorbei.
Dazu kommen Motorboote, Segler, Ausflugsboote und die öffentlichen Verkehrsmittel.

Uferfront Dordrecht

Uferfront Dordrecht

Selbst im Nieuwe Haven, in dem wir einen guten Platz finden schaukelt das Boot unaufhörlich vom Schwell der vorbeifahrenden Frachter und Fähren.

Nieuwe Haven

Nieuwe Haven

Dordrecht hat einiges zu bieten.
Mit der Union von Dordrecht 1575 in der das Grundgesetz festgelegt wurde, schlossen sich die 12 Städte Hollands zusammen. Man kann also durchaus behaupten, dass hier der Beginn des unabhängigen niederländischen Staates war.
Zugleich wurde hier erstmals die Bibel ins holländische übersetzt. Diese Übersetzung wurde die Grundlage der Sprache, die noch heute in den Niederlanden gesprochen und geschrieben wird.
Lange Zeit war Dordrecht eine reiche Stadt mit bedeutenden See- und Flusshäfen, bevor sie dieses Privileg an Rotterdam abtreten musste. Viele der alten Patrizierhäuser sind erhalten geblieben.
Unbedingt anschauen muss man die Groote Kerk mit ihrem unvollendeten schiefen Turm. Ich habe selten eine so freundliche, helle Kirche gesehen, mit der für mich gerade richtigen Mischung von Prunkt und Schlichtheit.
Genau so sehenswert ist das Haus des Bankiers Simon van Gijn direkt am Hafen.
Die Einrichtung ist original und die Spielzeugsammlung unter dem Dach ist einfach zauberhaft.
Die Fußgängerzone konnte mich nicht so recht begeistern. Um halb sechs sind die Läden zu und irgendwie hat man das Gefühl als würden auch die Bürgersteige hochgeklappt.

Eine Naturkatastrophe ungeheuren Ausmaßes überlebte Dordrecht nur knapp.
1421 zerstörte die St.-Elisabeth-Flut 17 Dörfer in der Umgebung. 50.000 ha Land wurden überschwemmt. Dordrecht überlebte wie auf einer Insel. Doch im Umfeld, dort, wo früher Menschen lebten, war jetzt ein riesiger Binnensee.
Die Sturmflut verwüstete und schuf sogleich, nämlich dieses weitläufige Gebiet aus Flüssen, Kanälen, Tümpeln, das heute wieder zu 80 % trockengelegt ist. Der verbliebene Rest wurde zum Nationalpark Biesbosch.
Es ist eine einzigartige Wasserlandschaft, ursprünglich, fast unberührt. Endlose Schilffelder, sumpfige Seen, große Spaarbekken, die als Trinkwasserreservoir dienen, Grasinseln, kleine Pappel- und Erlenwälder.
Verwirrend die Anzahl der Inseln und sehr ungenau die Karten.
Sandstrände an den Inseln, wunderbares Wasser, das sich auch recht schnell aufheizt und zum Baden einlädt. Es wurden viele kleine Plätzchen geschaffen zum anlegen, aber auch Ankern ist erlaubt.

Mantaj

Mantaj

hier gehts in de Biesbosch

hier gehts in de Biesbosch

Ein Garten Eden für Wassersportler und Ruhesuchende.
Doch...
Obwohl der Biesbosch heute keinen direkten Zugang zum Meer mehr hat, ist der Wasserspiegel nicht gleich bleibend. Er schwankt bis zu einem dreiviertel Meter mit der Tide der ihn umgebenden Flüsse.
Und weil dieses Gebiet immer noch in ständiger Bewegung ist, gibt es auch in der Fahrrinne Untiefen. Der Untergrund ist weich, es ist nicht schlimm, wenn man mal auf dem Schitt sitzt, doch man muss unbedingt die Wassertiefe am Liegeplatz beachten, denn auch da sitzt man ruckzuck auf dem Trockenen.
Versorgung findet man natürlich keine und Jachthäfen gibt es auch nicht, dafür aber immer mal wieder eine Mülltonne.
Wer Erholung in ursprünglicher Natur sucht, der ist hier genau richtig.
Nur Mut! Fahrt mal hin! Es lohnt sich!

in einem Natrschutzgebiet sollte sich eigentlich jeder an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, sonst heißt es bald: Eintritt verboten

in einem Natrschutzgebiet sollte sich eigentlich jeder an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, sonst heißt es bald: Eintritt verboten

De Biesbosch

De Biesbosch

wechselnde Wasserstände

wechselnde Wasserstände

© Doris Sutter, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Begleitet Beluga und ihre Crew auf ihrer Bootsreise durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich. Man kann 100.000 km mit einem Jet zurücklegen, ohne Mitteilungswertes zu erfahren, aber man kann in einer Stunde gemütlicher Fluss- oder Kanalfahrt auf dem altmodischsten aller Fortbewegungsmittel, dem Boot, sensationelle Erlebnisse haben.
Details:
Aufbruch: April 2007
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: Oktober 2007
Reiseziele: Deutschland
Niederlande
Frankreich
Luxemburg
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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