Leinen los und los!

Reisezeit: April - Oktober 2007  |  von Doris Sutter

Der Vogesenkanal

Canal de l'Est branche sud, Ostkanal südlicher Abschnitt, so hieß dieser Kanal weit über 100 Jahre lang.

122 Kanalkilometer und 93 Schleusen verbinden die Mosel mit der Saône.
Diese beiden Flüsse miteinander zu verbinden, machte wirklich Sinn.
Das hatten bereits die Römer erkannt. Lucius Vetus, der römische Feldherr, machte erste zaghafte Versuche, doch wie sollte er das bewerkstelligen? Leonardo da Vinci hatte ja die Kammerschleusen noch nicht erfunden.
Stanislaus Leszczynski , polnischer Ex-König, Schwiegervater von Louis XV. und Herzog von Lothringen, hätte sich so eine Verbindung schon vorstellen können, denn es gab einige Kanäle in Frankreich, die sehr lukrativ arbeiteten, doch war er viel zu sehr mit der Verschönerung Nancys beschäftigt.

Erst die Annektierung Lothringens durch die Preußen machte einen Wasserweg notwendig um feindliches Gebiet zu umgehen. Die branche sud wurde 1882 fertig gestellt.

der Anleger in Richardmenil

der Anleger in Richardmenil

tja...

tja...

Der Kanal hat es verdient einen eigenen Namen zu bekommen. Was wäre treffender als Vogesenkanal?
Mit 47 Schleusen erklimmen wir die Scheitelhaltung, kraxeln die Vogesen rauf wie die Bergziegen, immer begleitet von der Mosel, die wild mäandernd neben uns hergluckert. Sie ist hier oben ein breiter, völlig natürlicher Fluss mit Inseln, Sandbänken und kleinen Wehren. An einigen Stellen verbreitert sie sich seenartig.

der Kanal überquert die Mosel

der Kanal überquert die Mosel

Hundert Jahre alte Baumriesen säumen die Kanalufer. Werfen schwarze Schatten auf das Wasser. Wind säuselt in den Baumwipfeln über uns, mit einem Ton, so zart wie das Seufzen der Feenkinder.

In der Hauptsaison ist jede der manuell betriebenen Schleusen besetzt. Freundliches Schleusenpersonal nimmt die Taue an und hängt sie ein. Die Schleusen sind meist schon geöffnet für uns.

Hinter Schleuse 36 ist eine Ausbuchtung und der Kanal grenzt unmittelbar an die Mosel. Ein wunderbarer Platz zum Übernachten und evtl. sogar in der Mosel zu baden.
Im Bereich der Schleusen 34 und 33 sind einige Baggerseen, deren Nutzung nicht verboten ist. Ein Paradies für Angler.

Straße und Eisenbahn versuchen stellenweise die Idylle zu stören, doch meist sind sie hinter Bäumen und Büschen gut getarnt.

Fast könnte man den Anleger von Charmes einen richtigen Jachthafen nennen. Immerhin gibt es Strom, Wasser und Duschen. Doch leider wird der Ort selbst seinem Namen nicht gerecht.
Noch etwas muss man einkalkulieren, wenn man im August unterwegs ist: die Ferien der Franzosen. Da haben von 3 Bäckern, wenn man Glück hat, nur zwei geschlossen und der eine ist völlig überrannt und ständig ausverkauft. Es kann einem aber leicht passieren, dass alle Bäcker genauso in Ferien sind wie die Metzger. Gut bevorraten ist in einer so einsamen Gegend von Vorteil.

Anleger Charmes

Anleger Charmes

es kratzt und beim Aufstoppen ist es schon passiert

es kratzt und beim Aufstoppen ist es schon passiert

Vorsicht vor der Eisenbahnbrücke vor Schleuse 29. Sie ist sehr, sehr knapp. Wenn es viel Wasser im Kanal hat, ist die Durchfahrtshöhe keine 3,50 m.

Das gleiche gilt für die Brücken über die Schleusen 24 bis 21. An Schleuse 23 haben wir am 16.August 2007 eine Durchfahrtshöhe von 3,30 m gemessen.
Schöner Schreck in der Morgenstund, wenn es irgendwo kratzt und alles muss abgebaut werden.

hier haben wir  2007 3,30 m gemessen

hier haben wir 2007 3,30 m gemessen

Hinter Schleuse 20 ist eine Kaimauer, damit die Bootskinder sich am gegenüberliegenden Spielplatz austoben können, während einer im Ort Thaon-les-Vosges beim Lidl die Bordvorräte auffrischt.

so sehen moderne Penichen aus

so sehen moderne Penichen aus

Ab Nr. 21 sind die Schleusen bis zur Scheitelhaltung automatisiert und man bekommt einen Drücker.

Dann ist erst mal Schluss mit Romantik. Nach einem lebhaften Gewebegebiet erreicht man nach Schleuse 16 den Abzweig nach Epinal. Wer die Stadt nicht kennt, muss diesen Abstecher machen, nicht nur weil es die letzte Gelegenheit ist, sich von der Mosel zu verabschieden.

Die Schleusen 15 bis 1 sind auf einer Strecke von 2,8 km mit kurzen, breiten Stauhaltungen zu einer Schleusenkette zusammengefasst.
Hat man Glück und schleust alleine und ohne Gegenverkehr, kann man die Treppe in 2 Stunden bewältigen.
Die Schleusentore öffnen und schließen sehr, sehr langsam.
Das Wasser säuselt still und verhalten in die Schleuse, wenn sich der erste Schütz öffnet. Das ändert sich schlagartig beim Öffnen des zweiten Wassereinlasses. Jetzt darf sich die Vorschiffleinenhalterin kräftig ins Zeug legen um das Boot an der Mauer zu halten.
Apropos Mauern! In den meisten Schleusen sind sie stark reparaturbedürftig.

ob das noch lange gut geht????

ob das noch lange gut geht????

Schleuse 1 entlässt uns in eine wunderschön bewaldete Scheitelhaltung. Leider ist hier, wegen der vielen Kurven, anlegen nicht so günstig.
Die Spundwände sind stark beschädigt, die meisten im Bereich der Wasserlinie vollständig weggerostet.
Das letzte sehr schmale Kanalstück ist von hohen Mauern eingegrenzt. Überhängendes Gestrüpp und Äste engen das Fahrwasser zusätzlich ein. Man kann nur hoffen, dass kein Gegenverkehr kommt. Zwei große Boote oder gar ein Penich hätten echte Probleme bei der Begegnung. Aber sehr romantisch!
Der Speichersee Reservoir de Bouzey versorgt die Scheitelhaltung mit Wasser.
Da die Haltung aber auf beiden Seiten Wasser verliert, muss man bei starkem Verkehr mit sinkenden Wasserständen kämpfen.
Beluga schleppte sich an einigen Stellen mit dem Heck durch den Schlamm.

auch hier wäre Handlungsbedarf

auch hier wäre Handlungsbedarf

die Scheitelhaltung des Vogesenkanals

die Scheitelhaltung des Vogesenkanals

Von nun an geht's bergab!

In der Stauhaltung der Automatik-Schleusen 1 und 2 ist ein Liegeplatz und direkt an Schleuse 2 ein Supermarkt. Danach werden die Schleusen von Hand betätigt.

Liegeplatz hinter Schleuse 1 abwärts

Liegeplatz hinter Schleuse 1 abwärts

Der Kanal führt auf seinem weiteren Weg durch ein wunderbares Waldgebiet.
Die Üppigkeit der Natur wirkt beinahe dekadent, so, als müsste sie fast bersten vor so viel Überfluss.
Ein Ur-Wald im besten Sinne des Wortes urwüchsig. Dichtes Unterholz, kleine Lichtungen, die Ränder des Kanals dicht bewachsen mit Farnkraut.

Völlige Stille, Ruhe, nichts außer der Stimme eines Eichelhähers, der den Wald vor uns Eindringlingen warnt.

Diese wohlgeordnete Sanftheit der Natur macht ruhig. Einfach nur dasitzen, das Grün der Umgebung in den vielen verschiedenen Tönen der Farbpalette auf die Seele wirken lassen.

Die Bäume des Kanals breiten ihre Baldachine in gelassener Unparteilichkeit über uns aus.

Ab Nr. 9 sind die Schleusen wieder automatisiert. Sie arbeiten gemütlich aber zuverlässig. Geruhsam seilt man sich ab. Deshalb hat man viel Zeit die herrliche Umgebung zu genießen.

Die Luft ist frisch und üppig. Sie schmeckt nach Gras und Kräutern, nach Erika und Wald. Der kleine Bach Coney plätschert neben uns her und manchmal stürzt ein Quellchen wie ein kleiner Wasserfall in den Kanal.
Einige Schleusenhäuser sind bewohnt und wunderschön hergerichtet, andere Ruinen.

Picknick-Platz hinter Schleuse 8

Picknick-Platz hinter Schleuse 8

am 18.8.2007

am 18.8.2007

Im Gebiet zwischen Schleuse 24 und 25 ist eine Wasserscheide. Die Gewässer fließen von hier auf einer Seite in die Nordsee, auf der anderen ins Mittelmeer. Man könnte von hier einen Fahrradausflug zur Quelle der Saône in Vioménil machen.

Der Leinpfad hat Asphalt und auch sonst macht sich ein stetiger Ordnungssinn bemerkbar.
Die vielen kleinen Anlegeplätze sind liebevoll hergerichtet und laden zum Verweilen und einem Spaziergang im Wald ein.

Viele Angaben in den Karten, auch in dem uns vom VNF kostenlos überlassenen Reiseführer sind nicht mehr aktuell. Viele Geschäfte, Cafes, Restaurant oder Wasserhähne sind verschwunden. Man muss sich immer dort üppig versorgen wo man eine Möglichkeit findet.

Port Le Bains, ein Wiesenplatz mit Spielplatz vor Ecluse 29 hat immer noch eine Wasserzapfstelle. Allerdings ohne Hahn, dafür mit einem Drücker. Wir überlisten die Ouvrage regelmäßig in dem wir einen Gürtel fest darum binden. Dann läufts, ohne dass ständig einer dabei stehen und auf den Knopf drücken muss.
Bains-les-Bains, das Mini-Baden-Baden der Franzosen, ist ca. 3 km im Hinterland. An den 11 Thermalquellen zwischen 33° und 51°C hatten bereits die Römer ihre Freude. Stanislaus, Herzog von Lothringen ließ das erste richtige Thermalbad bauen. 1864 wurden die Thermen zur Heilquelle für Herz- und Kreislauferkrankungen erklärt.

Die nächsten recht ordentlichen Liegeplätze findet man in dem uralten Ort Fontenoy-le-Chateau. Hier ist der Kanal mit hohen Mauern eingefasst und führt unmittelbar durch den Ort.

Fontenoy-le-Chateau  -- Charterstation

Fontenoy-le-Chateau -- Charterstation

Fontenoy-le-Chateau -- Ortsdurchfahrt

Fontenoy-le-Chateau -- Ortsdurchfahrt

Auch die folgende Landschaft ist sehr eindrucksvoll. Die wehrreiche Coney verliert sich oft in großen Mühlenteichen, dazwischen das eindrucksvolle Chateau de Freland hinter einem riesigen, nicht weniger eindrucksvollen Zaun.

Die Fahrt durch den teilweise tunnelartig überwucherten Kanal ist sehr romantisch.

Chateau de Freland

Chateau de Freland

Hat man Demangeville mit seinen zum Teil leer stehenden, kasernenartigen Fabrikarbeiterhäusern hinter sich gebracht, erscheint hinter Ecluse 45 der graue Kirchturm von Corre.
Hier endet dieser wunderschöne Kanal.

Schleuse 46 befindet sich direkt oberhalb des Zusammenflusses von Coney und Saône.

Die Fahrt wird jedem Naturliebhaber unvergessen bleiben

direkt hinter dem Hafen Corre ist ein Supermarkt

direkt hinter dem Hafen Corre ist ein Supermarkt

Infos Vogesenkanal für Wassersportler

Zusätzliche Liegemöglichkeiten mit Pollern, die nicht in den offiziellen Karten verzeichnet sind:

Von der Mosel, Schleuse 47 bis Schleuse 1 auf der Scheitelhaltung

Schleusen
46 Unterwasser Badesee mit Spielplatz (Erdnägel)
Oberwasser Anleger mit Strom und Wasser
43 viel Wald
40
38
34 sehr schön
25 Kai mit Pollern und Picknick-Tischen
20 Mauer, Spielplatz daneben

Von der Scheitelhaltung Schleuse 1 bis Schleuse 46 Corre

Schleusen
1 Stauhaltung zu 2, Wiese mit Pollern, neben Ecl. 2 Supermarkt
8 herrlich hergerichteter Platz mit Blumenbeeten
18 Becken mit Wiesenplatz, Wassertiefe ok
21 Ponton mit Grillplatz
23 Mauer, nicht sehr schön, aber Spielplatz direkt daneben
25 wunderschön mitten im Wald, Picknick-Tische und Grillstelle
39 Grill, Picknick-Tische, Wasserzapfstelle mit Schraubverschluss
41-42 dazwischen, direkt hinter der Drehbrücke, kurze Stege neben einem Restaurant
43 Grillplatz

Für den ganzen Kanal gilt: überall wo man kann, darf man auch anlegen. Ordentliche, lange Erdnägel nicht vergessen. Dann klappt's.

© Doris Sutter, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Begleitet Beluga und ihre Crew auf ihrer Bootsreise durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich. Man kann 100.000 km mit einem Jet zurücklegen, ohne Mitteilungswertes zu erfahren, aber man kann in einer Stunde gemütlicher Fluss- oder Kanalfahrt auf dem altmodischsten aller Fortbewegungsmittel, dem Boot, sensationelle Erlebnisse haben.
Details:
Aufbruch: April 2007
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: Oktober 2007
Reiseziele: Deutschland
Niederlande
Frankreich
Luxemburg
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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