30.000km - 4 Monate - 1 Paar Schuhe

Reisezeit: November 2012 - März 2013  |  von Marcus W.

Everest Region

Seit Freitag (1. Februar) sind Jens und ich zurueck aus dem Himalaya - nicht tiefgefroren in zwei schwarzen Plastiksaecken, sondern lebendig und wohlauf. Es war ziemlich kalt dort oben. So kalt, dass das Wasser, was wir in unsere Trinkflaschen gefuellt haben, wenige Stunden spaeter gefroren war. So kalt, dass unsere Ausatemluft auf den Schlafsaecken zu Eiskristallen wurde. So kalt, dass wir uns morgens in unseren Schlafsaecken anzogen, weil es im Zimmer -12 °C waren. Und letztendlich war es so kalt, dass wir zwei Wochen nicht geduscht haben. Die Wasserleitungen in den Huetten waren nur wenige Stunden am Tag nicht gefroren. Wollte man sich waschen, hat man einen Eimer Wasser bestellt. Dieses Wasser kam aus einer Tonne, deren oberste Eisschicht erst aufgebrochen werden musste. Mit einem Kelch hat man sich dieses eiskalte Wasser bei Umgebungstemperaturen um den Gefrierpunkt ueber die rote, dampfende Haut gegossen. Die ganze Prozedur war ziemlich unangenehm, also haben wir es nach dreimal waschen sein lassen.

Das Everest Gebiet erreicht man ueber den Flughafen von Lukla. Laut BBC der gefaehrlichste Flughafen der Welt. Schlechte Wetterbedingungen auf 2840m ueber dem Meeresspiegel und eine Mauer am Ende einer viel zu kurzen Landebahn, haben schon einigen Besatzungen das Leben gekostet. Unser Pilot aber, ein cooler Typ mit Sonnenbrille und Lederjacke, hat die Dornier 228 so schnell und sicher runtergebracht, dass ich die Mauer immer noch auf mich zukommen sah, waehrend wir schon auf der Parkflaeche standen. Von Lukla aus sind wir dann Richtung Kala Patthar aufgebrochen, ein 5545m hoher Berg, von dem sich ein herrlicher Blick auf den nahen Mount Everest bietet.

Die 10 Tage, die wir bis dort hin unterwegs waren, verliefen sehr routiniert. Um 6:30 Uhr klingelt die Armbanduhr, um 7:00 Uhr wird das bestellte Fruehstueck gegessen und um 7:45 Uhr wurde die Huette verlassen. Wir kamen recht gut voran. Wenn der Huettenwart sagte, der naechste Ort sei in fuenf bis sechs Stunden zu erreichen, dann brauchten wir oft nur vier Stunden. Und das, obwohl wir unser Gepaeck - Jens 15kg, ich 13kg - selber trugen. Die meisten anderen auslaendischen Trekker liessen ihre Rucksaecke auf den Ruecken von Sherpas transportieren. Wir beide buckelten unser Gepaeck schwitzend den Berg hinauf, waehrend uns amerikanische Hobbyalpinisten entgegenkamen, die nur das Gewicht ihrer Trekkingstoecke zu tragen hatten; gefolgt von ihren Sherpas, die bis zu 40kg Ausruestung fuer sie mitfuehrten.

Auf einen ortskundigen Guide haben wir auch verzichtet. Stattdessen hatten wir Wanderkarte und Kompass bei uns. Alles verlief einwandfrei, bis wir leider einen Fehler gemacht haben. Entgegen allen Ratschlaegen haben wir unseren zweiten Ruhetag, den man zur Akklimatisierung benoetigt, nicht in Dengboche (4410m) sondern im hoehergelegenen Lobuche (4930m) eingelegt (zum Vergleich, der hoechste Gipfel der Alpen, der Mont Blanc, ist schlappe 4810m hoch). Dort wollten wir uns in zwei Tagen an die Hoehe gewoehnen und dann weiter aufsteigen. Als wir in Lobuche ankamen, hatten wir in zwei Tagen ueber 1000 Hoehenmeter zurueckgelegt - zuviel fuer den Koerper. Die Hoehenanpassung erfolgte auch nach dem dritten Tag noch nicht. Stattdessen plagten uns zwei Naechte lang Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Uebelkeit - alles Symptome der Hoehenkrankheit. Also beschlossen wir, auch aus Angst vor Oedemen in Kopf oder Lunge, um 300m abzusteigen und dort eine Nacht zu schlafen.

Am naechsten Tag ging es uns taetsaechlich wieder besser. Wir wollten unsere Tour fortsetzen und sind aufgestiegen; wieder in Richtung Lobuche. Nach den ersten 200m Anstieg, wurde uns erneut vor Augen gefuehrt, dass wir uns hier in extremen, nicht ungefaehrlichen, Regionen befinden. Jens begann ploetzlich wirres Zeug zu reden, dazu war seine Zunge taub und sein Unterkiefer gelaehmt. Wir sind zu schnell aufgestiegen und er hatte die letzten Tage zu wenig getrunken. Nun hatte sein Gehirn zu wenig Sauerstoff, und er dafuer einen LSD aehnlichen Rausch. Das beste waere wohl gewesen wieder abzusteigen, aber ich entschied mich mit ihm zur naechsten Huette zu gehen, denn dort wartete ein erfahrener Guide, der uns helfen konnte. Auf dem Weg dorthin haben sich uns zwei weitere Hoehengeschaedigte angeschlossen; James aus den USA, mit Wasser in der Lunge und Burk aus Taiwan, mit geplatzten Adern im Augapfel. Als wir nach einer Stunde an der Huette ankamen ging es Jens schon wieder besser. Er konnte auf einer geraden Linie gehen, wusste seine eigene Handynummer und konnte von 10 abwaerts zaehlen (sogar auf englisch).

Am naechsten Tag sind wir dann zum Kala Patthar. Der zweistuendige finale Aufstieg von 4930m auf 5545m hat einem nochmal den letzten Atem geraubt. Man sah das Ziel, den Gipfel, schon vor sich, musste aber trotzdem nach ein paar Schritten halt machen, um nach Sauerstoff zu ringen. Als wir dann endlich oben standen, uns der Wind mit 160 km/h um die Ohren blies und sich die Wolkendecke ueber dem Mount Everest allmaehlich aufloeste, war es wahrhaftig ein atemberaubender Moment.

Die Fotos sind alle von Jens, daher bin ich diesmal oefters zu sehen als ueblich.

vom 03.02.2013

Landebahn in Lukla

Landebahn in Lukla

ueber eine Haengebruecke

ueber eine Haengebruecke

ein Yak

ein Yak

nachts im Schlafsack

nachts im Schlafsack

vor einer Gompa

vor einer Gompa

Taweche (6542m) unterm Sternenhimmel

Taweche (6542m) unterm Sternenhimmel

von links nach rechts: Ich (1,84m), Mount Everest (8848m) und der Nuptse (7745m)

von links nach rechts: Ich (1,84m), Mount Everest (8848m) und der Nuptse (7745m)

...und nochmal der Everest

...und nochmal der Everest

© Marcus W., 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Vier Monate lang werde ich den asiatischen Kontinent bereisen. Am 14. November starte ich mit dem Zug von Berlin aus Richtung Osteuropa. Die genaue Route lasse ich mir offen, fest steht nur, dass ich spätestens Mitte März wieder hier ankommen möchte. Dazwischen liegen Russland, China, Südostasien, Indien und Nepal, die ich bereisen werde. Zurück gehts über den Iran, wenn die politische Lage es zulässt. Insgesamt liegen geschätzte 30.000 km vor mir.
Details:
Aufbruch: 14.11.2012
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: März 2013
Reiseziele: Russland / Russische Föderation
China
Singapur
Indonesien
Nepal
Indien
Vereinigte Arabische Emirate
Iran
Deutschland
Der Autor
 
Marcus W. berichtet seit 10 Jahren auf umdiewelt.